Zhao Si

 

 

(China)

 

 

 

Silber

 

Einfach nur nicht umgeworfen

Einfach nur nicht umgefallen

Einfach nur ein geknickter Schilfhalm

Vielleicht pflückt ihn jemand

Ein flackernder Docht, der nicht absichtlich gelöscht wird

Ein Mensch vor dem dröhnenden Vorhang der Monate und Jahre

Neigt sich der Musik entgegen aus langsam

herabgleitenden Regentropfen

Jeder lange Faden glitzert, traurig, metallisch

platzt, zerspringt in Stücke, es sind

Tränen, die nicht zurückfließen können

Inmitten der Räder, Fußgänger, Verkehrssignale, der riesigen Reklametafeln,

Stahl, Lichter, eine Symphonie aus Tönen als Modell

einer Stadt aus Hochhäusern, auf deren gläserne Wände

sie zufällige silberne Welten malen

 

 

© Übersetzt von Susanne Becker Gonnella

 

 

 

Fliegende Statue

Gepräch mit Salamun und dem Himmel

 

Ich fliege nicht, ich erkunde nur, wie Du fliegst

Und dann, eines Tages, fliege ich plötzlich hoch empor in die Leere

In eine rosige Dämmerung, Staub und Sand des Tages sind vorbeigeweht

Der Schatten der turmhohen Kiefern tanzt gegenüber auf der Mauer zwischen den Lichtern

Jemand beobachtet in einem Zimmer im sechszehnten Stock eines Gebäudes die Dämmerung

Unter sich auf der Straße den Strom der Fahrzeuge wie ein sich windender Drache, die Hochhäuser Schulter an Schulter

Im südwestlichen Himmel scheint kalt ein einsamer Stern

Plötzliche Erkenntnis, wenn man sie mit Augen aus Fleisch und Blut betrachtet

Dann steht sie da an einem Punkt des Anbeginns der Leere

hängend, in Gedanken, geht auf und ab, liebevoll und vage zugleich

tritt sie auf die Tragödie in der Luft und schafft ein schönes Gedicht in der Leere:

gibt es nur noch das wilde Meer und kein festes Land mehr

gibt es nur noch die einfarbige Welt aus Meer und Land und keine göttliche Liebe

gibt es nur noch die rosenfingrige Eos in den Wolken, die in Nichts weist

gibt es nur unendliche Grenzenlosigkeit und nichts, auf das man sich stützen kann?

Kannst du noch an den Kindergedanken an Zukunft und den schönen Reiseerinnerungen festhalten?

Kannst du noch auf jede Einzelheit der Schönheiten einer Welt achten, in der es nichts gibt, das es nicht wert wäre, beachtet zu werden?

Kannst du noch darauf bestehen, den Willen übermäßig anzuspannen und singend verkünden

Dass schnell fliegen weniger Kraft kostet als langsam zu fliegen?

Dass hoch fliegen weniger Kraft kostet als niedrig zu fliegen?

Kannst du noch wild das traurige Meer mit einem wütenden Wind überziehen

Und dabei laut rufen, dein immer noch ungestillter Hunger wird nie gestillt sein?!

 

 

© Übersetzt von Susanne Becker Gonnella

 

 

 

Kontaktaufnahme

 

… I pluck’d a hollow reed,

… I made a rural pen

William Blake: Introduction of Songs of Innocence

 

An deinen Hörnern

hängen Lieder als wären sie ein Teil von dir

 

Eine Blumengirlande, welk schon und gelb

bedeckt Ringe loser Falten deines vertrockneten Körpers

 

mein armer, alter, verrückt gewordener Hirtengott

ich sah dich ein hohles Schilfrohr pflücken

es schwankte, zitterte ein wenig

eben wolltest du meinen Namen Syrinx aus der Erinnerung in den Mund nehmen

da wurde ich zum Schreibrohr in deiner Hand

 

deine alten, trüb gewordenen Augen trügen dich nicht

das Feld liegt öde, unfruchtbar

wo du grad herkommst

da stechen Stoppeln dürrer Gräser schmerzhaft den Fuß

 

in der Ferne pflanzt Halm um Halm Gedankenschilf

asexuell sich fort, gebiert eine Welt Gedrucktes

 

der Wind hat die Lieder von deinen Hörnern weggeblasen

du hörst das Klirren ihrer trock‘nen Blütenblätter im Wind

all das hast du schon mal erlebt

du wirst verrückt, springst plötzlich auf, jagst ihnen hinterher

verfolgst sie weit und kommst auch nicht mehr wieder

 

unzählige Generationen später

umgeben vom Lärm der Druckmaschinen

mein Verstand schläft

 

Traum lässt seine rosenroten Finger baumeln, nach Osten einen, nach Westen

Einer zeigt auf den Meister der Vorzeit

Da falle ich plötzlich über deinen letzten, wilden, stolpernden Gesang

 

 

© Übersetzt von Susanne Becker Gonnella

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Zhao Si (geb. 1972), chinesische Dichterin, Essayistin, Poetik-Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Redakteurin. Sie ist Autorin und Übersetzerin von zahlreichen Werken, ihre Gedichte sind zum Teil in 15 Sprachen übersetzt und weltweit veröffentlicht worden. Sie ist die Autorin von White Crow (Gedichte, 2005), Gold-in-Sand Picker (Prosa, 2005), Disappearing, Recalling: Neue Ausgewählte Gedichte 2009-2014 (2016), die China Writers Association 2014 als „Major Support Project“ unterstützte, Übersetzerin von Ausgewählte Gedichte von Tomaž Šalamun: Light-Blue-Pillow Tower (2014), The Enormous Boiling Mouths of the Sun (2016), und Co-Übersetzerin von Edmond Jabès: Das Komplette Gedichte (zu erscheinen 2017) sowie Herausgeberin von Edmond Jabès: Das Gesamtwerk in fünf Bänden. Außerdem hat sie auch die ausgewählten Werke von Hart Crane (US), Ted Hughes (UK), Vladimir Holan (Tschechien), et al. übersetzt und veröffentlicht. Dr. Zhao Si ist ein häufiger Ehrengast bei verschiedenen Poesie-Festivals in Asien und Europa. Sie arbeitet für Poetry Periodical und ist die Chefredakteurin der angesehenen Poesie-Übersetzungsreihe Contemporary International Poetry. Sie wurde im Jahr 2012 mit dem polnischen Marii Konopnickiej Poetry Prize ausgezeichnet. Sie lebt in Peking.

 

 

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