Werner Fritsch

 

 

 

(Deutschland)

 

 

FAUST SONNENGESANG (Teil II)

Filmgedicht

 

Eine andere Art des Sehens

 

 

Wie entkommen wir den Bildern der Tragödie, die uns seit Jahrtausenden beherrschen?

Was passiert, wenn ein anderes Sehen andere Bilder in den Köpfen der Zuschauer

hervorruft? Wenn ein polymediales Archiv entsteht für Augenblicke, zu deren jedem man

sagen will: Verweile doch, du bist so schön…

Dieses Filmgedicht hat das Ziel, den Faust-Stoff, unseren deutschen Mythos schlechthin, im Zeichen der Aufklärung, deren Symbol ja die Sonne ist, zu öffnen. Bildlich gesprochen und wörtlich genommen gleicht dieses Filmgedicht einer Faust, die sich öffnet: jeder Finger entspricht einem Kontinent, jeder Finger nimmt Kontakt zu einem Kontinent auf.

Faust Sonnengesang ist der Versuch, noch einmal – wider die herrschende Vernunft – so etwas wie eine humane Vision – zuwenigst geglückter Augenblicke – zu behaupten. Diese Vision geht von der deutschen Kultur aus, offenen Auges die Welt zu sehen.

Wenn man so will ist Faust Sonnengesang ein Gegenentwurf zur Globalisierung: statt fremde

Kulturen mit den eigenen Bildern zu überschreiben, ruft das Filmgedicht in fremden

Kulturen und ihrer Natur ureigene Bilder herauf, die im Kopf des Zuschauers durch ihr

Zusammentreffen auf dialogische=gleichberechtigte Weise ein vom Bisherigen abweichendes Bild der Welt kreieren. NOCH können wir kommunizieren durch Bilder und Gedanken, die ganz anders sind. Vielleicht müssen wir den Mut haben, diese Frage groß zu machen: Was passiert, wenn ein Film Konzentration und Zusichkommen ermöglicht statt des medientypischen Cocktails aus Zerstreuung oder aber Katastrophen. Faust Sonnengesang ist der Anfang eines Aufbruchs.

 

Zurück zu dem Punkt, wo es falsch gelaufen ist

Der erste und jetzt auf DVD vorliegende Teil von Faust Sonnengesang ist der Versuch, den

jüngsten Film bewusst zu gestalten. Der jüngste Film ist der Film, der abläuft, wenn wir die

Augen für immer schließen.
Das Ich dieses Films, stellvertretend für jeden, der diesen Film sieht, sieht naturgemäß Bilder des eigenen Lebens, Bilder der eigenen Träume und Alpträume. Das Faustische an diesem Film ist die Gnade, diesen jüngsten Film selbst gestalten zu dürfen, also diejenigen Augenblicke und Träume verewigen zu dürfen, zu denen man sagen will:

Verweile doch, du bist so schön.

Ausgelöst durch einen Unfall, läuft der Traum unseres Lebens vor unseren geschlossenen

Augen ab.

Was will man sehen? Was fürchtet man zu sehen? Was träumt man zu sehen?
Faust=Jeder geht durchs Labyrinth seines Lebens: geht durch eine Höhle, die sein Kopf ist – oder sein Herz, Stein geworden. Stein, der immer wieder zu Magma wird.

 Mephisto oder Mephista tauchen auf, nicht genuin böse, sondern wie immer Faust ihn oder sie imaginiert, und realisieren seine Träume. Oftmals führen sie Faust auf Reisen.

 

Die folgenden Teile:

Dem Lauf der Sonne entsprechen die 24 Stunden der Gesamtfilmdauer. Die Stationen des Filmgedichts Faust Sonnengesang gleichen den Stationen der Sonnenbarke auf ihrem Weg durch die Nacht. Wie die untergegangene Sonne im Ägyptischen Totenbuch, jener wohl ältesten Topographie des Traums und des Jenseits, die Regionen der Nacht Stunde für Stunde erleuchtet, so wandert die Sonne auch in Faust Sonnengesang – als Bild all der glücklichen Augenblicke unseres Lebens, die sich zur Goldenen Kette des Jetzt schließen – durch die kaum vom Licht der Aufklärung, geschweige vom fließenden Licht der Gottheit erfüllte Gegenwart. Aus dem geglückten individuellen Augenblick heraus, versucht das Filmgedicht das kulturelle Gedächtnis nach Wissen zu durchleuchten, welches vom Kairos geprägt ist, eben vom glücklichen Augenblick. 

Beleuchtet werden diejenigen Bereiche der Geistesgeschichte, die im Sinne der Natalität Hannah Arendts oder des Utopiebegriffes von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung oder im Sinne der Kulturphilosophie Ursprung und Gegenwart des großen Jean Gebser die lebendigen und zukunftzeugenden Gedanken der Überlieferung mit dem jeweiligen Jetzt des Schöpferischen, verewigt durch Kunstwerke oder als Natur-Jetzt, Bild und Wort geworden, ins Bewußtsein heben.

 

Augen Blick: Verweile doch, du bist so schön

In dem Maß, wie der Faust-Sonnengesang-Gedanke – statt ein Messer des Trennenden, also des dualistischen, analytischen Denkens zu sein – ein Netz für das Verbindende zwischen Menschen und Kulturen ist und somit ein Gegen-Entwurf zur Globalisierung als Überschreibung fremder Kulturen, ist das Filmgedicht visuell ein Gegen-Entwurf zu der Spannungs-Dramaturgie Hollywoods und der ihr vielfach inhärenten Bilder aus dem Arsenal von Tod, Tragödie, Gewalt, Krieg, Katastrophen und es ist ein Gegen-Entwurf zum Keulenschlag tödlicher Nachrichten, der uns Tag und Nacht erreicht.

Ein Großteil der Filme gehorcht der alten aristotelischen Forderung nach Konflikt als Motor der Handlung. Der Konflikt dieses Filmgedichtes besteht zwischen Bildern, die zeigen, wie die Apokalypse sich in unser Jetzt frißt, sich immer fataler in unserer Gegenwart ausbreitet – ein mehrfach überlagertes Amalgam aus den Katastrophenbildern, die uns umgeben – als kurzer Kontrapunkt UND Bildern aus Augenblicken, zu denen man sagt: Verweile doch, du bist so schön.

Bildern, die wir mit offenen Augen sehen bzw. sehen müssen in Kino und TV, werden Bilder, die wir mit geschlossenen Augen sehen, gegenübergestellt. Bildern des dogmatischen Denkens, das seit Jahrtausenden Konfliktherde zeitigt, Bildern also, die im Film untergehen in den Fluten des Lethe, setzt Faust Sonnengesang Bilder eines synthetischen Denkens des – just durchs jeweilige Ich hindurch – Verbindenden zwischen den Menschen entgegen: Bilder, die aus dem Fluß Mnemosyne auftauchen. So besteht der Haupt-Konflikt in Faust Sonnengesang aus Bildern, die im Feuerstrom des Vergessens untergehen, und Bildern, die aus dem Fluß der Erinnerung hervorquellen.

 

Faust-Keil-Technik

Ein Weg, der Eineindeutigkeit und Eindimensionalität der in den Medien abgebildeten Welt zu entkommen, ist der eigens für diesen Faust-Film kreierte visuelle Haupt-Faktor: die Faust- Keil-Technik: 
Auf diese Weise entstehen Bilder, die weder statisch die Welt abbilden noch Bilder, die nur abstrakt, also computergeneriert, sind, sondern es entstehen Bilder, die bereits in der Kamera durch die Faust-Keil-Bewegungen die „reale Welt“ in neuer Gestalt erscheinen lassen: das Sehen wird körperlich, die Gegenstände werden aus vielen Perspektiven gezeigt, der Fluß der Atome wird visualisiert. Durch den Faust-Keil-Gestus werden Kulturen, Zeiten und ihre Zeichen, älteste Bilder der Menschheit in Kollision, in poetische Synthese mit Bildern der Gegenwart gebracht. So nähert sich dieses Filmgedicht einer meditativen Sichtweise, die der asiatischen verwandt ist: Durch die Kamerachoreographie der Faust-Keil-Schrift wird die gesehene Natur zur Kalligraphie. Kommt noch das Wort hinzu, Verdichtungen, Neuübersetzungen der großen Texte, so gehen die Synapsen im Kopf des Zuschauers neue Verbindungen ein und beide Hirnhälften werden kurzgeschlossen – genauso wie die kulturellen Codes über Kontinente und ihre Kulturen hinweg, kurzgeschlossen werden. Wort und Bild sind in diesem Filmgedicht neu in Alchemie: durch ihr Sich-Verbinden und Sich-Durchdringen und ihr gegenseitiges Sich-Erzeugen rufen sie im Kopf des Zuschauers dritte Bilder hervor: eigene!

 

Eigene Bilder

Faust Sonnengesang will, durch die inneren Bilder Fausts hindurch, den Zuschauer zu sich

bringen: Durch die vieldeutigen Bilder im Gestus des Faust-Keils oder der Bild-Ton-Wort- Alchemie der Mehrfachüberlagerungen ergibt sich Assoziations-Zeit, eigene Bilder zu evozieren, die Synapsen neu zu vernetzen. Faust Sonnengesang ist der Versuch ein Jetzt herzustellen, das den Zuschauer durch Stille in Bann – und somit zu sich – zieht: den Augenblick des Zuschauen-/r-s mit dem im Film aufscheinenden Augenblick verschmilzt.

 

Das Sonnengesang Archiv

Im dokumentarischen Teil des SONNENGESANG ARCHIVs wird versucht, unserem kulturellen Gedächtnis – im Sinne meines polymedialen Projektes FAUST SONNENGESANG – für Leben und Überleben wichtiges, vom Vergessen bedrohtes Wissen zu sichern.

Im Rahmen dieses Projektes sollen Persönlichkeiten, deren Bewusstsein ihrerseits ein Archiv ist, aus allen fünf Kontinenten exemplarisch interviewt werden. Und zwar sollen es einerseits möglichst einfache, archaische, authentische und  möglichst komplexe und kultivierte Menschen sein.

Im Gegensatz zu bisherigen Archiven, die eher dem Chronos, der Zeitgeschichte, verpflichtet sind, ist das SONNENGESANG ARCHIV auf den Kairos ausgerichtet, auf den glücklichen Augenblick. Aus dem Kairos heraus, dem man Ewigkeit wünscht, ist das SONNENGESANG ARCHIV der Versuch, mittels eines Fragebogens, ein entschieden anderes Denken heraufzubeschwören. Bereits in der Zeit zwischen Empfang der Fragen und dem Interview hoffe ich, die Befragten dadurch zu erfreuen und zu verjüngen, dass sich die Erinnerung an schöne Augenblicke einstellt. Nota bene: Nicht alle Fragen müssen beantwortet werden, sondern je nach Stimmung. Auch können spontane Fragen oder Gespräche durchaus aufgenommen werden, sowie Teile des eigenen Werkes gezeigt werden können.

 

Erste Frage:

Zu welchem Augenblick, zu welchen Augenblicken Ihres Lebens würden Sie sagen wollen: „Verweile doch, du bist so schön.“

Zweite Frage:

Gab oder gibt es in Ihrem Leben, in Ihrem Beruf Augenblicke, die Ihnen eine Ahnung des Ganz

Anderen gegeben haben?

Dritte Frage:.

Wenn Sie einen Baum oder einen Stein sehen, ist das für Sie ein Ding oder ein Lebewesen?

Vierte Frage:

Was ist die Essenz dessen, was Sie gelebt, geschaffen oder erforscht haben – und welche Wirkung könnte es für die Zukunft entfalten?

Fünfte  Frage:

Gibt es ein Gedicht oder Lied, das Sie lieben und auswendig können?

Sechste Frage: 

Welche Werke (über das eigene Werk hinaus) sollten im Gedächtnis der Menschen bleiben?

Siebte Frage:

Welche Toten hatten die lebendigsten Gedanken? Wenn Sie aus dem Totenreich jemanden treffen könnten, mit wem würden Sie sprechen wollen?

Achte Frage:

Wenn Sie in der Zeit reisen könnten, in welche Epoche würden Sie gerne reisen?

Neunte Frage:

Gibt es eine Paradieses-Vorstellung – egal welcher Kultur – die Sie fasziniert oder haben Sie eine eigene?

Zehnte Frage:

Welche guten Wünsche wollen Sie der Welt mitteilen –  um diese als eine menschenwürdige zu erhalten?

Elfte Frage:

Was denken Sie, wenn Sie den Sternenhimmel sehen?

Zwölfte Frage:

Was wollen Sie sehen, wenn Sie die Augen für immer schließen?

 

Zugesagt haben bisher:

EUROPA: Alexander Kluge (deutscher Autor und Filmemacher), Sokola (Auschwitz-Überlebende). Giorgio Agamben (Philosoph, der viel über Auschwitz geschrieben hat) Cees Nooteboom, Jochen Kirchhoff, Peter Sloterdijk, George Steiner…

AMERIKA: Jonas Mekas (Poet und Filmemacher, der in seinen Filmen Zeit- und Bewußtseins-

Geschichte der amerikanischen Nachkriegskunst festgehalten hat und in New York das größte

Archiv des unabhängigen Films erstellt hat). Um hingegen das jahrtausendealte, indigene Wissen Amerikas festzuhalten, soll die indianische Autorin Leslie Silko, deren Roman Almanach der Toten auch ein Archiv indianischer Traditionen ist, befragt werden.

ASIEN: Der chinesische Nobelpreisträger Gao Xingjan hat in seinem Roman Berg der Seele

verschiedene Kulturen und Gebräuche festgehalten, die es in der u.a. in den jetzt unter den Fluten des Staudamms liegenden Gegenden am Yangtse gab: Werner Fritsch hat die Yangtse-Durchbrüche 2001, also bevor der Staudamm errichtet wurde, gefilmt. Bauer am Yangtse.

AFRIKA: Griot (Erzähler) eines Dorfes in Ghana; Wole Soyinka (Autor)

AUSTRALIEN:  alte Aborigine-Frau; Peter Falkenberg (Regisseur NZ)

Die Menschen sollen in ihrer Umgebung gefragt werden: Zugleich sieht man die ältesten Zeichen

(Felszeichnungen) und die Zeichen der Gegenwart des jeweiligen Landes/Kontinents…

 

Der Hauptteil des Filmgedichts: Europa (Teil II)

Umgesetzt werden soll nun der II. Teil des Großprojekts.

Der Hauptteil des Filmgedichts Faust Sonnengesang soll das – durch all die verbindenden

Kontakte zu den anderen Kontinenten bereicherte – Europa in den Mittelpunkt stellen.

Die zwei Hauptbewegungen des Films, das Finden ältester Zeichen sowie das Aufspüren von Zeichen der Gegenwart, die in Synthese miteinander gebracht werden, finden in europäischen Städten mit ihren vielen Zeitschichten wie Köln, wie Rom oder Paris reiche Quellen vor.

 

Überblick über das Großprojekt

Wiewohl jeder Teil mit allen sieben anderen Teilen aufs engste zusammenhängt, soll auch

jeder Teil für sich stehen können, zumal in jedem Teil durch die mannigfachen Querbezüge alles in nuce zugegen ist… Der II. Teil, der Hauptteil des Filmgedichts Faust Sonnengesang, soll das – durch all die verbindenden Kontakte zu den anderen Kontinenten bereicherte – Europa in den Mittelpunkt stellen. Als einer der Orte, zu dem Europa sich ausstreckt, wird hier bereits der nahe und ferne Orient eine große Rolle spielen. Der III. Teil hat zum Schwerpunkt Amerika, der IV. Teil schließlich wird das SONNENGESANG-ARCHIV im Zentrum haben, also dieses Filmgedicht und die Faust-Figur um Träume und Sehnsüchte anderer Menschen erweitern, der V. Teil hat zum Schwerpunkt Australien, der VI. Teil Asien, der VII. Teil Afrika. Der VIII. Teil wird ein Finale sein, das die Fäden der Ouvertüre aufnimmt und das Film- gleichsam Weltgedicht werden läßt:

in Gestalt einer Arche glücklicher Augenblicke, die sich zur Ewigkeits-Schleife schließen…

Articles similaires

Tags

Partager