Volker Kaminski

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Auszug aus  „Gesicht eines Mörders“

 

Unterwegs nach Ebringen regnete es stark, die Scheibenwischer des Mietwagens zerteilten ächzend spritzende Wassermassen. Links war ein Hügel mit Weinstöcken zu sehen. Serpentinen schlängelten sich hindurch, wie er sie als Jugendlicher auf dem Land gekannt hatte. Die Entfernung von Freiburg nach Ebringen betrug nur etwas mehr als 10 km, vermutlich lag das Dorf gleich hinter dem nächsten Hügel. Es war gerade erst kurz nach acht. Sicher würde er Brunn noch zu Hause antreffen.

Steiner hatte in der Nacht erstaunlich gut geschlafen. Noch im Bett liegend, hatte er in sich hinein gehorcht und gemerkt, dass seine Verachtung für Brunn unverändert war. Eine Aversion, die ihn zu entschlossenen Schritten trieb. Die diese Schritte zumindest nicht hemmte.

Er hatte sich keinen konkreten Plan zurechtgelegt. Das Beste ist wohl, du lässt die Dinge auf dich zukommen, dachte er, wartest auf eine günstige Gelegenheit. Das kann heute sein oder morgen oder übermorgen. Brunns Privathaus war in jedem Fall sicherer als der Weinladen, wo jederzeit Kundschaft aufkreuzen konnte. Steiner besaß ein Fläschchen mit Schlaftropfen, die noch aus Beirut stammten. Abdul hatte sie ihm gegeben, damit er seine Schlaflosigkeit bekämpfen konnte. Es waren starken Tropfen und sie hatten ihm manchmal gute Dienste getan.

Steiner bog von der Landstraße ab und folgte dem gelben Schild nach Ebringen. Bahngleise. Zwei, drei Gewerbehöfe und schon war er auf der schmalen Dorfstraße. Er drosselte das Tempo, bis er nur noch zwanzig fuhr. Strömender Regen. An den niedrigen, grauen Häusern, die die Hauptstraße säumten, sah er ganze Bäche herabstürzen. Gut so, dachte er, keiner ist auf der Straße, keiner erkennt dein Nummernschild. Trotzdem wollte er den Wagen außerhalb des Dorfkerns abstellen.

Die Straße führte streng geradeaus, und er sah in einigen Metern Entfernung die Dorfkirche, die erhöht mitten auf der Straße zu stehen schien. Vor der Kirche gabelte sich die Straße und Steiner fuhr nach rechts. Die linke Seite stieg in Richtung Berg an. Dort oben konnte sich der Leo-Fortunato-Steig befinden, wo Brunn wohnte. Es schien der neuere Teil des Ortes zu sein.

Steiner folgte der alten Dorfstraße, auf der sich ein paar kleinere Geschäfte anschlossen. Kurz hinter dem Ortsausgang bog er in einen Forstweg ein und parkte sein Auto am Rande eines kleinen Wäldchens. Durch die herunter gekurbelte Fensterscheibe strömte kühle würzige Luft ins Innere des Wagens. Mit Blick auf triefende Nadelbäume rauchte er eine Zigarette; er wollte ein wenig warten, bis der heftige Regen nachließ.

„Leo-Fortunato-Steig“. Der Name war ihm schon beim Lesen der Visitenkarte aufgefallen. Er klang ungewöhnlich für diese ländliche Gegend und ließ einen weniger an einen Arzt oder verdienstvollen Bürgermeister denken als vielmehr einen Zirkusdirektor oder Laute spielenden Vagabunden im Narrenkostüm. Wie passend für Brunn, dachte Steiner, genau in dieser Straße zu wohnen, die so hieß, wie Brunn sich gerne präsentierte – als großer Weltreisender und Italiennarr. Der stärkste Ausdruck von Freiheit in Ebringen: Leo-Fortunato-Steig! Brunn hatte sich dort ein Haus hingestellt, und da hinein gehörte seine Prinzessin, die Künstlerin Doreen. Sie sollte sich als süße Tänzerin auf seiner Spieluhr drehen.

Im nachlassenden Regen machte sich Steiner auf den Weg. Er zog die Schultern hoch, steckte die Hände in die Jackentaschen und ging eilig an der Kirche vorbei in Richtung Weinberg. Nach wenigen Schritten auf der steil ansteigenden Straße war er schon so hoch, dass er auf das Dorf hinunterblicken konnte. Der neue Teer auf der Fahrbahn glänzte schwarz vor Nässe. Rabenschwarz wie seine Empfindungen. Schwarz und bitter. Er ließ die Hände die ganze Zeit tief in den Taschen. Auf den Straßen begegnete ihm niemand, das schlechte Wetter war ein Glücksfall für ihn. Nach dem Steig hätte er sowieso keinen fragen können. Als er an einer Ecke das Straßenschild Leo-Fortunato-Steig entdeckte, wich sein kurzes Triumphgefühl einer plötzlichen Übelkeit in der Magengegend.

Die Häuser waren nicht besonders gut gesichert. Niedrige Gartentore, gläserne Hauseingänge, daneben die Garagen, alles offen zugänglich. Aus der Nummer zwei sah Steiner jetzt eine Frau kommen, die auf ihre Garageneinfahrt zuging. Sie hatte ihn gesehen, drehte sich aber gleich um, ohne weiter auf ihn zu achten. Steiner hatte gerade die Höhe ihres Grundstücks erreicht, als die Frau mit ihrem dunkelblauen Audi auf die Straße einbog und in Richtung Kirche davonfuhr. Danach war alles wieder ruhig. Steiner fragte sich, woran die Frau sich später erinnern würde. Ein schlanker Mann in beigefarbenem Jackett und braunem Hut. Das Gesicht kaum erkennbar unter der breiten Krempe. Alter? Schwer zu sagen, höchstens dreißig. Älter hatte ihn noch nie jemand geschätzt.

Plötzlich stand er vor der Nummer vier.

Brunns Haus war weiß und würfelförmig wie die anderen und ebenso neu, aber das Grundstück wirkte eine Spur unordentlicher. Gartengerät lag verstreut, ein blauer Müllsack mit Abfällen lehnte an der Hauswand. Im Vorgarten waren braune Tonscherben um ein Beet herum gesteckt. Der Weg zwischen Haus und Gartentor war von Terracottakübeln in unterschiedlicher Größe und Bepflanzung gesäumt. Das Garagentor stand offen. Brunn musste zu Hause sein.

Steiner zwang sich, seine Aufregung niederzukämpfen. Er versuchte sich vorzustellen, er sei gekommen, um die Großeltern wieder einmal zu besuchen. Nichts war geplant, nichts war gewiss. Vielleicht würde gar nichts geschehen. Der Zufall, das Schicksal sollte entscheiden. Steiner brauchte nur abzuwarten. Aber wenn der Moment kam, würde er mit aller Entschlossenheit handeln. Gegen diese Entschlossenheit würde der schwerfällige Mann nicht ankommen. Er war viel zu lasch und so matt wie ein fünf Tage alter Luftballon. Notfalls konnte Steiner auch die Schlaftropfen zum Einsatz bringen. Dann hatte er noch leichteres Spiel.

Steiner drückte den Klingelknopf. Im Inneren des Hauses ertönte ein warmer Dreiklang. Das melodiöse Läuten war imstande sein kaltes Herz zu erwärmen, so gutmütig hieß es ihn willkommen. Steiner räusperte sich und blickte auf seine Schuhe. Er hörte, wie sich jemand näherte, und wich ein Stück zurück. Schwungvoll wurde die Tür aufgerissen. Vor ihm stand eine rothaarige Frau mit großen grünen Augen und rotem Mund.

„Ja, bitte?“

Das Gefühl einer riesigen Enttäuschung hinunterschluckend, sagte Steiner „Guten Tag“. Sie nickte bloß, lächelte, ließ aber die Hand auf der Türklinke.

„Ich wollte zu Herrn Brunn.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ist in Geschäft. Kommt erst Abend wieder.“

Sie sprach mit Akzent, einem italienischen, wie Steiner vermutete. Wie eine Hausangestellte sah die Frau eigentlich nicht aus. Sie trug ein orangefarbenes glänzendes Oberteil und Jeans mit hellbraunem Ledergürtel. Die Füße steckten in roten Flip-Flops, die Zehennägel waren rot lackiert.

„Na, dann entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich werde noch mal wiederkommen.“

„Kann ich Brunn ausrichten etwas?“

„Nein, danke, ich melde mich wieder.“

Als sich Steiner zum Gehen wandte, knallte die Tür hinter ihm zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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VOLKER KAMINSKI, geboren 1958 in Karlsruhe, studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg und Berlin, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Er veröffentlichte mehrere Romane (z. B. „Spurwechsel“, DVA 2001) und zahlreiche Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien sowie im Hörfunk. Daneben schreibt er Essays, Glossen und Rezensionen für die Berliner Zeitung, Kulturaustausch und die Deutsche Welle. Er erhielt mehrere Stipendien, wie z.B. das Alfred Döblin-Stipendium, das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und das Stipendium Künstlerhaus Edenkoben.

 
Website: www.kaminski.formativ.net
Litport: www.literaturport.de/Volker.Kaminski/

 

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