Volker Demuth

(Deutschland)

Geboren 1961 in Süddeutschland, ist Lyriker, Essayist und Medienwissenschaftler. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte an den Universitäten Oxford und Tübingen, wo er über J. M. R. Lenz promovierte. Von 1993 an lebte er als freier Schriftsteller. Neben seiner Tätigkeit beim Rundfunk (SWR), bei der eine Reihe von Hörspielen entstand, hatte Demuth von 2000 an eine Professur für Medientheorie inne, die er 2004 aufgab, um sich dem literarischen Schreiben zu widmen. Seit Ende der 90er Jahre entwickelte er mit dem „RaumPoem“ eine neue, räumliche Form der Lyrik, bei der verschiedene Medien in einer installativen Sprachform verwendet werden. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und publiziert in unterschiedlichen Zeitschriften und Zeitungen (u. a. Lettre International, Neue Rundschau, Die Welt). Seine Gedichte wurden ins Französische, Englische und Russische übersetzt. Für seine Werke erhielt er mehrere Auszeichnungen. Er lebt als freier Schriftsteller in Zwiefaltendorf (Donau) und Berlin.
Neue Bücher:
Das angekreidete Jahr. Erzählungen, Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2007.
Lapidarium. Gedichte, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist / Köln 2010.
Zyklomoderne. Ein Essay, Passagen Verlag, Wien 2010.

 

RD:-  Volker Demuth, sie haben Philosophie studiert und unterrichtet. Philosoph zu sein, heißt das, ein in der « Wüste der materiellen Welt isolierter » Mensch zu sein?

 

V.D.: Philosoph zu sein, das war schon immer eine etwas merkwürdige Selbstbeschreibung und zu philosophieren eine einigermaßen skurrile Beschäftigung. Beides hat stets Fragen anderer provoziert. Ein derart fragliches Dasein und die Selbstgefährdung, der man sich mit dem Philosophieren ausliefert, sind durch eine Reihe von Beispielen, beginnend mit Sokrates, bekannt. Ebenso weiß man um die Bedrohung, die mit Regelmäßigkeit entstand, wenn man in den Augen der Gesellschaft der unrichtigen Weltanschauung das Wort redete, oder, schlimmer noch, falls man sich weigerte, überhaupt eine Weltanschauung zu vertreten. Der Skeptizismus, der am Anfang der Philosophie stand, dürfte seit je die größten Anfeindungen auf sich gezogen haben. Insofern gingen Leidenschaftsphilosophen immer ein erhebliches Isolationsrisiko ein. Allerdings vielleicht nicht so sehr gegenüber der materiellen Welt. Dazu ist das „Materielle“ – der Körper, die Medien, die Gesellschaft usw. – heute ein viel zu wichtiger Teil der Philosophie geworden, abgesehen davon, dass die Materie selbst ein wunderbares Rätsel darstellt. Nein, die Wüste des Philosophen beginnt anderswo. Was mich selbst angeht, so lebe ich nicht ungern in einer gewissen Weltdifferenz, etwas, was einem ja nicht zuletzt gerade von der Materie nahegelegt wird. Das physische Erlebnis dafür ist der Schmerz.

 

RD: –  Dichter zu sein, die Erfahrung des Dichtens zu haben, ist das vor allem ein völlig subjektives Streben, das sich in uns einnistet und uns nie mehr verlässt?

 

V.D.: Da ich die Literatur, wie sich mir gezeigt hat, nicht einfach sein lassen kann, da ich nicht einmal versuchen kann, das Schreiben bleiben zu lassen, muss es wahrscheinlich irgendetwas in mir geben, etwas Subjektives, das mich dazu antreibt, etwa ein Gedicht zu schreiben, auch gegen jede noch so cheap nba jerseys vordringliche lebenspraktische Vernunft. Wie soll ich mir das erklären? Ich kenne die Bemühungen um eine Rationalisierung dieses sonderbaren impulsiven Etwas, das in einem schreiben will. Aber in der Regel befriedigen mich Erklärungen wie Sublimierung oder Weltaneignung nicht besonders. Wenn das, diese schwer begreifliche Notwendigkeit, dieses psychophysische Arkanum, mit dem Begriff „subjektiv“ gemeint ist, dann Yves würde ich der Frage zustimmen. Im übrigen jedoch kann ich mit einer Innerlichkeitsinterpretation des Wortes nicht viel anfangen. Man hat sogar, was meine Lyrik angeht, von einer Ferne vom Ich gesprochen. Oder, wie es etwa Ulrike Draesner einmal gesagt hat, Texte einer Nicht-Person. Ich habe allerdings Zweifel, ob das so richtig ist. Gewiss stellt für mich ein emphatisches Ich, eine vorgezeigte, sozusagen demonstrative Subjektivität eher einen Hinderungsgrund für das Gelingen eines Gedichts dar. Was das Ich angeht, gehe ich wohl eher von einem agnostischen Moment aus, wenn ich schreibe. Dennoch bedeutet das Ich für mich wesentlich mehr als eine Textfunktion. Ich erfahre es mehr als einen offenen Übergang, ein Transitorium. Selbst wenn es sich nicht ausdrücklich benennt, sollte das Ich das Überschreiten einer Grenze ermöglichen. So, dass nun auch das Andere, das Äußere mich sieht, das Wort auch mich hört, cheap mlb jerseys der Fluss auch mich berührt. Dieses Ich ist eine Begegnung auf einer anderen Seite.

 

RD:-  Wie vereinbaren Sie die Tätigkeit des Dichters mit Ihrer Arbeit als Philosophielehrer?

 

V.D.: Bedauerlicherweise habe ich die Erfahrung machen müssen, dass es besser ist, mein literarisches Schreiben und meine Hochschultätigkeit als Medienphilosoph getrennt zu halten. Es wird sehr wenig Wert darauf gelegt, einen institutionellen Rahmen zu schaffen, in dem sich beides produktiv ergänzen und gegenseitig befruchten könnte, obwohl ich in meinen Veranstaltungen natürlich ausgiebig orale Sprachkulturen oder Schrift- und Schreibsysteme zum Thema gemacht habe. Und obwohl ich beispielsweise mit dem, was ich RaumPoem nenne, vermutlich zum ersten Mal seit Mallarmé von der Sprache her eine topische Form der Lyrik, also eine neuartige Medialität von Gedichten entwickelt habe, die sich im Raum, mit mehreren Zeichenformen, in einer offenen Zeit und durch unterschiedliche, simultane ästhetische Kanäle verwirklicht. Dennoch und anders als zum Beispiel in der angelsächsischen Tradition herrscht in der deutschen akademischen Welt trotz des Geredes von Interdisziplinarität nach wie vor ausgesprochene Trennschärfe. Schriftsteller an Universitäten zu holen, das ist noch immer ein ungeliebtes Unterfangen. Deswegen empfand ich mein Dasein als Autor, zumal als Lyriker, und meine Professur als einen kaum zu lösenden Konflikt. Hinzu kommt, der bíos theoretikós, das nachdenkliche Leben im konsumentlasteten, sprachlichen Modus, ist ja selbst an Hochschulen nicht mehr gegeben. Gerade in der Gegenwart geht es dort um eine anwendungsnahe Mischung aus Erlebnispädagogik und Funktionswissensdarreichung, der man sich kaum entziehen kann. Als besonders schockierend erlebte ich allerdings nicht so sehr die durchschnittlich große Bildungslosigkeit, vor allem was Literatur anbelangt. Weitaus bedrückender ist die Fragenlosigkeit, mit der heute ein Studium absolviert wird. Die Leute haben Probleme, aber keine Fragen. All das hat mir das eigene Schreiben mehr und mehr erschwert und mich schließlich dazu bewogen, die Professur nach einigen Jahren aufzugeben, auch auf die Gefahr hin, ein Dasein am Existenzminimum zu führen. Ich habe die Erfahrung gemacht, Lyrik verlangt ein genaues Leben, oder man verliert die Sprache. Und das verhindert eine Kompromissbereitschaft, mit der man in einem anderen Fall gut durchkäme.

 

RD: –  Kann die Philosophie uns in diesen ideologisch verwirrten Zeiten eine Hilfe sein?

 

V.D.: Ja, davon bin ich überzeugt. Aber selbstverständlich nicht in irgendeinem unmittelbaren Sinn von Lebenshilfe. Theorie als geistesgegenwärtige, vom Fragen und der geistigen Bewegungsfreiheit infizierte Lebensform, wie das griechische Wort ja ursprünglich gemeint war, heißt in meinen Augen schon, inmitten der spätmodernen Müdigkeiten und Erschöpfungen ein besonderes Wachsein zu behaupten. Als Philosoph praktiziert man eine methodisierte Schlaflosigkeit. Noch in der tiefsten Dämmerung wird man am geistigen Wegsacken gehindert von dem, was Hegel sehr schön die „Unruhe des Begriffs“ genannt hat. Einer meiner philosophischen Lehrer hat gern die Wendung vom Ventilieren einer Frage benutzt. Das finde ich sehr zutreffend. Es meint nicht nur das genaue Erwägen, sondern auch die Bewegung des Lüftens, den atmosphärischen Wechsel, den man im Denken herbeizuführen hat. In diesem Sinn bedeutet Philosophie für mich Luftveränderung. Ich denke, das ist noch immer zu empfehlen.

 

RD: – Und die Dichtung?

 

V.D.: Für essayistische Texte gilt das gleichermaßen. Wenn Sie mit Dichtung auf mich bezogen allerdings Lyrik meinen, fällt es mir schwerer, die Frage zu bejahen. Ein Gedicht hat nämlich nichts Pragmatisches – obwohl es zeitgeschichtlich engagierte Gedichte gibt, aber das halte ich für unwichtig. Ein Gedicht ist oder es ist nicht. Es entfaltet seine Sprache in dem, der es liest, oder eben nicht. Darum können wir uns von Gedichten noch nach Jahrhunderten zutiefst angesprochen fühlen. Diese Absolutheit, dieses ungeheure Textrisiko, das sich auf keinen Zweck, keine Absicht, keine Auswirkungen verlässt, gibt es vermutlich allein beim Gedicht. Was sich so nah am Scheitern, und zwar am vollständigen Scheitern bewegt, kann unmöglich durchschnitts- und massenfähig sein. Auch dann nicht, wenn ein Gedicht auf geradezu wundersame Weise gelingt. Wer die Hilfe erwartet, wie sie Sinnangebote gewähren oder Zeitdiagnosen, wird von Lyrik enttäuscht sein.

 

RD:-  Was finden Sie in ihren Wörtern?

 

V.D.: Ich möchte Ihre Frage für mich gern so umformulieren, was ich in den Wörtern suche? MEHLER Ich glaube nämlich, Wörter sind in Gedichten vor allem Suchbegriffe, lyrische Texte Suchmaschinen im Netz einer globalisierten Dieter Gewöhnlichkeit, in der menschlichen Farce psychischer Dauerpräsenz. Das Vollprogramm, zu dem sich das Leben in den westlichen Gesellschaften entwickelt hat, ist insgesamt kaum dazu geeignet, gute Voraussetzungen für eine Kultur des Fragens und des Suchens bereitzustellen. Ich habe bereits angedeutet, wie sich diese Mentalität der Fraglosigkeit, die neoliberale Vulgarisierung des Bewusstseins mittlerweile auf die nachfolgenden Generationen auswirkt. Um so mehr kommt dem lyrischen Wort die Bedeutung zu, Tastsinn ins Unklare, ins Ausgeschlossene und Klandestine hinein zu sein. Das kann Erinnerung, Gegenwart oder Zukunft gleichermaßen betreffen. Als Lyriker schicke ich ein Wort wie eine Raumsonde in ein dunkles All, einen unkenntlichen Weltraum. Was ich in etwa steuern kann, ist seine Flugbahn, doch die Bilder und Informationen, die ich zurückgefunkt bekomme, sind kaum vorhersehbar. Aus diesem gewissermaßen kosmonautischen Grund haftet an jedem Gedicht unweigerlich etwas ebenso Rätselhaftes wie Überraschendes. Aussage und Botschaft halte ich, was Gedichte angeht, jedenfalls für eine intellektuelle und literarische – und am Ende auch für eine existenzielle Bequemlichkeit.

 

R.D.: – Womit ließe sich die Dauer eines Wortes in einem Gedicht vergleichen?

 

V.D.: Das ist eine sehr interessante Frage. Die Dauer von Worten in einem Gedicht ist nämlich ausgesprochen unterschiedlich. Und das hat eigentlich nichts mit deren verschiedener Länge zu tun, übrigens auch nichts mit ihrer Bedeutungsschwere, die ihnen möglicherweise durch die Bewusstseinsgeschichte verliehen wurde. Ich selbst bemühe mich, solche bedeutungsschweren Wörter zu vermeiden, da sie das Sprachmaterial in einem Gedicht zu sehr hierarchisieren und ins Ungleichgewicht bringen. Sie scheinen zu dauerhaft im Verhältnis zu anderen Wörtern. Worauf es mir hingegen ankommt, ist eine spezielle Zeitform bei jedem Wort, eine Zeitform, mit der es den anderen Wörtern eines Gedichts die Waage halten kann. Beispielsweise ein „der“ oder ein „die“ vor einem Substantiv. Ein kurzes Wort wie ein genauer Schlag auf einen Stein. Man kommt sich, wenn man es hinschreibt, wie ein prähistorischer Mensch vor, der aus einem Silexklumpen ein scharfes Werkzeug für sein Leben und Überleben herstellt, mit lauter kleinen, präzisen Schlägen. Die Dauer dieses Moments einer plötzlichen Bestimmtheit und Präzision mag sehr begrenzt sein, aber seine Intensität ist hoch und unersetzbar im Gesamtvorgang. Oder das der Kiesproduktion entstammende Wort „Waschschlamm“, mit dem eines meiner Gedichte beginnt. Besitzt es eine größere Dauer als etwa ein „der“, weil seine interne Widersprüchlichkeit hier einen Prozess auslöst, der im gesamten Gedicht weiterwirkt? Vermutlich ja, und dennoch darf es die Waage nicht auf seine Seite ziehen. Ein letztes Beispiel: Nehmen Sie ein Wort wie „Atemmaske“. Das hat seinen Anwendungsbereich im beruflichen, medizinischen Leben. Doch im Gedicht wird unversehens etwas völlig anderes darin hörbar: Der ganze demiurgisch-mythische Kontext des göttlichen Beatmens, der schöpferischen Pneumatik taucht plötzlich auf, und mit Maske vernimmt man zugleich etwas aus der Sphäre kultischer Verwandlung, zudem aus jener späteren Welt des Theaters, und sogar etwas vom individualethischen Konzept der Persona. Die Dauer dieses Wortes umfasst nicht nur eine Arbeitsstunde auf einer Intensivstation, sie zieht Jahrtausende in sich zusammen. Und aus dieser unterschiedlichen Dauer der Wörter entsteht schließlich eine innere semantische Bewegung, eine Rhythmik der Bedeutung, die – neben anderen Bewegungsweisen eines Gedichts – für mich von ganz entscheidender Wichtigkeit ist. Es ist eine Bewegung im Inneren der Wörter, im Inneren der Zeit und Kultur.

 

RD: –  Sie scheinen sehr früh in die Gedichtbücher gefallen zu sein. Was war der Auslöser dafür?

 

V.D.: Nein, im Gegenteil. Bücher waren für mich sehr lange nichts als Phantome. Es gab in meinem Leben kein frühes, prägendes Lektüreerlebnis, keine geheime Initiation in die Welt der Bücher, wie man sie in Schriftstellerbiografien häufig antrifft. Bücher stellten absolute Fremdkörper dar in der Welt, der ich entstamme. Vermutlich lag meine anhaltende Literaturfremdheit auch an meiner frühen Erfahrung, mich innerhalb starrer Sprachgrenzen halten zu müssen. In der Umgebung eines Arbeiterelternhauses unterlag man noch in den sechziger Jahren einer hart gespurten Sprache. Und „spuren“ besaß die Bedeutung von „gehorchen“. Meine grundlegende Vorstellung von Sprache bestand darum in etwas Einschließendem, ob Schutzhülle oder Gefängnis war mir natürlich nicht bewusst. Ich kann mich nicht entsinnen, darin je ein die Verhältnisse sprengendes Wort vernommen zu haben. Diese Sprache war eine Art Sicherungsverwahrung, ein Exil im historisch rasch Vergehenden, inmitten moderner Unsicherheiten. Und ich musste wahrscheinlich erst an den Rand der eigenen Sprachverrottung und psychischen Lebensunfähigkeit kommen, um das Lager jener Daseinsangst und Lebensverengung erkennen zu können, in dem ich drinsteckte. Da half auch die ganze damalige Jugendkultur nichts. Bücher, Literatur – das war das vollkommen Andere, Unmögliche, Unwirkliche. Der Augenblick, in welchem ich das erkannte und in dem ich damit begann, Literatur zu lesen und mir Bücher zu kaufen, fällt darum zusammen. Ich kann beinahe das genaue Datum angeben. Deshalb bedeutete Literatur für mich von Anfang an – ein später Anfang, denn ich stand fast am Ende der Schulzeit – einen Ausbruch, einen Aufbruch aus einem erstickenden Raum. Also erneut: Luftveränderung, Ventilierung.

 

RD:-  Welche Bücher haben Sie als erste gefesselt?

 

V.D.: Gefesselt… das passt nicht so ganz zu dem Befreiungsgefühl, welches ich dabei verspürt habe. Nachdem ich die Literatur für mich entdeckt hatte, war es eine Art phylogenetischen Lesens, das ich über Jahre hinweg betrieb. Soweit ich mich entsinne, habe ich das keineswegs mit einem planmäßigen Vorsatz gemacht, eher stand ich unter einem eigentümlichen Zwang. Jedenfalls begann ich, so wie ein Embryo in seiner Individualentwicklung die evolutionäre Entwicklung durchmacht, die Entwicklungsphasen der Literatur selbst nachzuvollziehen und zu durchleben. Ich fing im achtzehnten Jahrhundert an, ich machte Schreibversuche durch die Epochenstile hindurch, es waren ständige Häutungen und Transformationen. Kann sein, dass darin ein Grund für meine Vorliebe für Übergänge liegt. Es war gewissermaßen eine lange zweite Geburt, eine Autopoiese durch Literatur, was ich durchmachte. Was mich dabei anfangs faszinierte, ist in diesem Prozess der Verwandlungen von gleicher Wichtigkeit gewesen wie das, was später kam. Trotz meines besessenen Lesens erreichte ich die Gegenwartsliteratur erst nach einigen Jahren.

 

RD.-  Welcher Philosoph hat nach Ihrer Meinung unsere derzeitige Gesellschaft am besten verstanden, ist also am ehesten unser Zeitgenosse? Und welcher Dichter?

 

V.D.: Ich könnte jetzt einige Namen herzählen, sowohl für Philosophen wie für Autoren. Aber ohne eine etwas ausführlichere Beschreibung ihrer jeweiligen Überlegungen oder Schreibhaltungen, dessen, was mich an ihnen begeistert, bliebe das weitgehend sinnlos, bloßes namedropping. Darum an dieser Stelle vielleicht nur soviel: Mir scheint eine Philosophie und eine Literatur, die Sprache als eine eingeschränkte Vorrichtung der „Realität“ begreift, einen großen Erkenntnisvorteil zu besitzen. Neben dieser Vorrichtung, einer überaus wichtigen, existieren andere, die man zusammenfassend Medien nennen kann. Das detaillierte Bewusstsein davon, kann einen davon abhalten, weiterhin ontologisch, seinsmäßig oder substantialistisch zu denken und zu dichten. Die zerbrochene Illusion, als Philosoph oder Schriftsteller im Haus des Seins zu gastieren, macht den Blick frei nicht nur auf ideengeschichtliche Trümmer. Es ermöglicht auch offene Erkenntnis- und Schreibverfahren, die beileibe nicht beliebig sind. Die essayistische Grundhaltung, das ernsthafte Modell des Versuchs – in dem Wort findet sich wieder das Suchen -, die ihrer offenen, schwellenartigen, metamorphotischen Voraussetzungen eingedenk sind, dies scheint mir in der Gegenwart dem angemessensten Denken und Dichten zugrunde zu liegen. Einige Denkrichtungen haben sich in den vergangenen Jahren in diese Richtung bewegt. Von manchen wurde das als weiterer Schritt in eine beängstigende Haltlosigkeit empfunden. Aber das ist nun einmal der Tribut der menschlichen Hirnwütigkeit.

 

RD: –  Aus welchen Quellen schöpfen Sie? Wem und wann schreiben Sie?

 

V.D.: Wie ich sagte, kam ich zur eigenen Sprache erst nach dem evolutionären Durchgang durch verschiedene Literaturstadien. Und all das, das Vergangene, schreibt selbstverständlich mit, es steckt sozusagen in jedem geschriebenen oder nichtgeschriebenen Wort. Oftmals erkenne ich diese Echos oder dieses hintergründige Gespräch durch die Zeit erst lange nach dem Schreiben, aus einer Distanz zum Text. Ich verspüre etwa den Impuls eines Wortes nach größerem Freiraum – und sehe später die futuristische Schwingung dabei, die parole in liberta. Oder bei einem bestimmten Stadtgedicht taucht mit einemmal die berichterstatterhafte Sachlichkeitsstimme Liliencrons auf. Es gibt Momente einer Poundschen Verwirbelung von Sprachen und Benennungspartikeln. Undsoweiter. Ich empfinde das im übrigen als eine große Befriedigung, als unverzichtbaren Reichtum. Besonders wichtig war für mich die Tradition der sogenannten Naturlyrik. Die Bezeichnung Naturlyrik ruft noch immer erlebnislyrische Missverständnisse hervor, obschon Natur längst nur noch historisch oder politisch gesehen werden kann. Jedes zerfahrene Tier stellt ein Politikum dar, jede dem Verschwinden nahegebrachte Art müsste ein animalistisches Manifest, jede Schlachtfabrik eine Revolutionsschrift hervorrufen. Wer Naturlyrik schreibt, sollte vielleicht als Nachbild unablässig jenen im naturgeschichtlichen Museum von Berlin in einem zerkratzten Film vorgeführten, letzten Tasmanischen Wolf im Auge haben – jenes furchtbar verstörte Tier, in seinem manischen Auf und Ab an Gitterstäben, am definitiven Schlusspunkt der Geschichte seiner Art. Als ich Ende der achtziger Jahre an meinem ersten, sehr schmalen Gedichtband „Bewirtschaftung der Kälte“ schrieb, war ich unter den jüngeren Lyrikern, glaube ich, so ziemlich der einzige, der noch Naturlyrik machte. An wen ich mich mit meinen seither entstandenen Gedichten wende, an wen sie gerichtet sind? Ehrlich gesagt, ich weiß es jetzt so wenig wie ganz zu Anfang. Wenn man einen Essay oder auch einen Roman verfasst, wendet man sich einer bestimmten Zeitlage zu, man bezieht sich auf ein Themenfeld oder hat unter Umständen einen Zeitgeist oder ein Zielpublikum vor Augen. Dagegen bin ich als Lyriker in einer solitären Situation. Das lässt sich nicht ändern. Für wen, für was ich schreibe – ich weiß es nicht, und selbst cheap mlb jerseys wenn ich es wüsste, würde es keinen Grund dafür liefern, warum ich schreibe. Lyrik entsteht auf Möglichkeiten hin, und ich betrachte es als ein ungemeines Entgegenkommen, wenn jemand meine Gedichte liest. Und als ein unwahrscheinliches Glück, wenn ein anderer etwas für sich darin findet, wenn das Gedicht in eine Gegenbewegung mündet.

 

RD:-  Sind Sie auf der Ebene des Wirklichen oder des Unwirklichen tätig?

 

V.D.: Ihnen ist sicher klar, dass Sie mich mit dieser Frage überfordern. Wirklichkeit halte ich für einen Begriff, um unsere Existenz in Sicherungsverwahrung zu nehmen. Darauf reagiere ich seit meiner Jugend einigermaßen abwehrend. In bestimmter Weise halte ich auch den literarischen Realismus, etwa der zeitgenössischen Amerikaner, für ein konservatives, restriktives Konzept. Ich möchte damit nicht unbedingt einer postmodernen Meinung das Wort reden, Wirklichkeit als bunte und plurale Kollektion von gleichwertigen Realitäten aufzufassen. Aber „das Wirkliche“ stellt nun einmal ein Großschema dar, das mit seiner Betonung auf Einheit oder Ganzheitlichkeit die Funktion der Störungsvermeidung ausübt. So gesehen, kann ich meinen Gedichten keinerlei Realitätssinn zusprechen. Nein, ich bin der Ansicht, sie sollten, gerade auch im Blick auf „die Wirklichkeit“, keinesfalls eine entstörte Sprache sprechen. Gedichte sind a für mich Störsender der sogenannten Realität. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil sie nur so der Tatsache gerecht zu werden vermögen, dass in jeder Wirklichkeit wenigstens gleich viel Unwirklichkeit haust. Was jetzt als Realität gilt, schon in der nächsten Sekunde ist es nicht mehr wirklich. Was mir real vorkommt, sieht ein anderer für Illusion an. Was im Augenblick unvorstellbar scheint, bestimmt in der nächsten Sekunde unser Leben. Nicht nur die Gegenwart, unsere gesamte Vergangenheit und auch die Zukunft, sind eine unwirkliche Wirklichkeit, oder eine wirkliche Unwirklichkeit. Ja, vielleicht entsteht Lyrik nicht allein auf Möglichkeiten des menschliche Entgegenkommens hin, sondern vor allem in der Bewegung auf diese unwirkliche Wirklichkeit zu.

 

RD: – Schreibt die Dichtung Sie ebensoviel, wie sie von Ihnen geschrieben wird?

 

V.D.: In einem bestimmten Sinn ist es sicher nicht falsch zu sagen, man würde vom Gedicht geschrieben. Das wirft einerseits wiederum ein Licht auf den Umstand, dass das Ich dem Text nicht vorausgeht, sondern mit ihm erst auftaucht, dass das Gedicht so etwas wie seinen Brutkasten ausmacht. Zum anderen aber weist es auch auf eine gewisse einzigartige Energie lyrischer Sprache hin. Wer Lyrik schreibt, macht im Unterschied zur Prosa nämlich die Erfahrung einer eigenwilligen Verführung durchs sprachliche Material. Wenn ich ein Gedicht schreibe, habe ich eigentlich keinen Stoff und auch nicht unbedingt sehr viel Raum für Wörter. In dieser strengen Begrenzung entscheidet von einem gewissen Punkt an das einzelne Wort selbst im Gedicht. Von da an ist es beständig und eigensinnig genug, für sich selbst zu stehen. Aber oft braucht es lange, bis man mit einem Text dahin kommt.

 

RD: – Wer und was gefährdet heutzutage die Dichtung? Ich denke zum Beispiel an die kleinen Auflagen.

 

V.D.: Wenn man als Autor über Gefährdungen nachdenkt, denen die eigene Arbeit täglich ausgesetzt ist und die sie zum Erliegen oder völligen Scheitern bringen können, dann müsste Schreiben ganz gewiss zu den Tätigkeiten mit besonderer Gefahrenzulage gehören. Aber das Hauptproblem scheint mir nicht in geringen Auflagen zu liegen. Für das, was ich unter Lyrik verstehe, haben nie hohe Absatzzahlen gewinkt. Die wirkliche und ungeheure Bedrohung, die in steigendem Maße Wirkung zeigt, besteht darin, dass die Märkte für Wörter inzwischen bis zum Bersten überfüllt sind. Unter den gegebenen Umständen fortwährender horrender Wortüberproduktion wird jeder weitere Text automatisch durch böseste Wortinflation heruntergemacht bis auf das Niveau von Müll, vollkommen unabhängig von seiner literarischen Qualität. Jeder Text verelendet sofort. Wer in dieser Situation vom Schreiben leben will, wird von jedem Satz, den er schreibt, gnadenlos heruntergemacht. Jeder von mir geschriebene Satz nimmt mich ins Visier der zahllosen anderen Sätze, die seine Wertlosigkeit hervorrufen. Auf diese Weise wird Schreiben zu einem fortwährenden Heruntergemacht­werden. Es stellt sich als immer härtere Aufgabe dar, im Schreiben der Entwertungsfurie standzuhalten, dem Gesamtmilieu der Abfälligkeit. Und ich frage mich, ob diese Situation so viel anders ist als jene, der sich Schriftsteller unter totalitären, literaturverachtenden Bedingungen ausgeliefert sahen? Diese entwertete, entsicherte, for zeitwidrige Existenz?

 

RD:-  Der Dichter Volker Demuth hat geschrieben: « wenn / später der lachhafte Milchzahn einer kalten Stunde ins Steppengras der Hundeinseln beißt / die unter Luftschächten entfallenen Gesichter / dort / an den Übergängen in Fleisch und Flecken / und andere Linien knöchelhoch mit Platten versiegelt » (Stalinallee, nach und nach). Sie vertrauen auf die Kraft des dichterischen Blicks. Sind Sie ein positiver Materialist wie Francis Ponge, Kurt Drawert, oder Eugène Guillevic ?

 

V.D.: Ich möchte mich lieber nicht unter einem bestimmten Label einreihen. Ich halte nicht viel von solchen Ordnungen. Was dieses Gedicht betrifft, aus dem Sie zitieren, so ist es im Blick auf jenen für Berlin sonderbaren und für Deutschland unvergleichlichen Straßenzug entstanden, der früher einmal Stalinallee hieß und in dessen unmittelbarer Umgebung ich in den neunziger Jahren eine Wohnung gemietet hatte. Einstmals zu Stalins Ehren gebaut, fand die Straße in den Augen des Diktators wenig Gefallen. Vermutlich kam sie weniger als eine jener großspurigen Paradierachsen heraus, die er so liebte, als mehr wie ein Ausdruck bourgeoisen Großstadtlebens, als Boulevard. Für eine Weile war die Stalinallee daher eine erstaunliche gesellschaftliche Möglichkeit eines bourgeoisen Sozialismus. Doch mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953, der gerade hier einen seiner Hauptschauplätze hatte, wurde diese großartige Möglichkeit zum real existierenden Sozialismus zerschlagen. Und so ist es, auch nach den neuerlichen Veränderung, eine ganz besondere deutsche Straße. Ein Ort, vollgesogen mit schmerzhafter historischer Wirklichkeit und noch bitterer Unwirklichkeit.

 

RD: –  Welche Bedeutung hat für Sie die Form des Gedichts?

 

V.D.: Auffälligerweise wird die Frage nach der Form von Gedichten seit vielen Jahren umgangen. Selbst Lyriker stellen sie kaum. cheap nba jerseys Um so mehr freut es mich, dass Sie es jetzt tun. Ich habe vor einiger Zeit einen poetologischen Aufsatz mit dem Titel „Die Form des Gedichts“ veröffentlicht. Darin habe ich versucht, ein für mich nach wie vor erstaunliches Primärereignis zu beschreiben, etwas, das sich bei jedem Wort eines Gedichts vollzieht. Eine Art magischer Gravur, eine Furchung in haltloser Glätte, eine Aufriss, eine Spaltung. Jeder lyrische Text operiert mit einem exakten Schnittstellensystem, herausgeschnitten aus dem Diffusen, Konturlosen, dem Obskuren jeder Gegenwart. Diese Formkraft des Zeichens, die ich als ebenso selten wie für Lyrik grundlegend erachte, ist in gewisser Weise das, was wir vorhin als Dauer des Worts zu beschrieben versucht haben. Und sie hat noch gar nichts mit den beliebten traditionellen Gedichtformen und Verskonventionen zu tun. Worum es mir bei der Frage der Form geht, ist jener schwer beschreibbare Moment, in welchem sich etwas scharf und indivduell abzeichnet: jäh, überraschend, anders, aus der Stille, der Sprachlosigkeit, dem Chaos. Form in diesem Sinn ist ein weltgewinnender Separatismus der Sprache. Darin besteht die wesentliche Arbeit der Form, ihre erhebliche Faszination. Und darin liegt auch ihre unersetzbare Welterfahrung. Insofern bedeutet Form immer auch einen Schritt auf eine Grenze. Mich haben die Bilder von bewohnten Brücken seit jeher fasziniert. Sie erlauben das überwölbende Bewohnen einer natürlichen Trennung, sie sind – ich erwähnte bereits meine Vorliebe für Übergänge – auf einer Grenze, wie Hölderlins lyrisches „Aber…“.

 

RD: – Sind Sie für die lyrische Einfachheit? Lehnen Sie das dichterische Ausschmücken ab, die Poesie der Poesie?

 

V.D.: Darf ich in diesem Zusammenhang an einen Satz von Wallace Stevens erinnern? Er hat einmal gesagt: „Es gibt zwei Gegensätze: rhetorische Dichtung und Erfahrungsdichtung.“ In der Lyrik der Gegenwart gibt es tatsächlich einen großen Anteil rhetorischer und erzählerischer Schreibhaltungen. Man arbeitet da mit biografischen Stoffen, mit abendländischer Bildungsgeschichte oder Zeitthemen und setzt das rhetorische Instrumentarium dafür ein, wie es sich seit der römischen Dichtung entwickelt hat – die römische Lyrik hatte ja nicht mehr das kultische Lied, den enthusiastischen Sound als prägenden Kulturhintergrund. Das tendiert in der Tat zum Ornament, zum nachhallenden Impetus des prächtigen Virtuosentums. Das ist mir fremd. Manchmal beginne ich meine Lesungen damit, dass ich physikalische Formeln vortrage oder minutenlang litaneiartig aktuelle Börsendaten herbete. Beides sind – in Spezialsprachen – einfache, schmucklose Darstellungen ausgesprochen komplexer Zusammenhänge von, wenn man so will, Wirklichkeit. Obwohl die Zuhörer in der Regel zunächst davon irritiert oder sogar provoziert sind, finde ich ein derartiges Intro nicht unpassend. In einer Kurzformel habe ich es für mich einmal so ausgedrückt: Lyrik ist Reduktion von Einfachheit. Wenn das gelingt, liegt darin der Beginn einer unverhofften Erfahrung.

 

RD:-  Liefern Sie sich gerne blind der Dichtung aus, der Inspiration?

 

V.D.: Nein, überhaupt nicht. Zumal ja die Vorstellung von Inspiration als Grundlage von Dichtung nur unter mündlichen Kommunikationsverhältnissen funktioniert. Heute sind wir davon so weit entfernt wie nie. Und in unseren elektronischen Kommunikationsverhältnissen operieren nicht selten Befehle. In dieser täglichen Kommandostruktur unserer Kommunikation nähme sich die Vorstellung cheap nba jerseys von Inspiration ziemlich putzig aus. Sie eignet sich nicht einmal zum Gegenmodell.

 

RD: –  Sehen Sie sich als einer Schule zugehörig an, haben Sie Vorbilder?

 

V.D.: Dichterschulen, Kreise, Gruppen – ich habe nie einer angehört. Und was Vorbilder angeht, habe ich meinen langen Weg zum Schreiben ja umrissen und im Verlauf unsres Gesprächs ein paar Namen auch genannt. Es gibt natürlich noch viele mehr, die auf die eine oder andere Art für mich wichtig geworden sind. Es wäre geradezu unverantwortlich, jetzt jemanden hervorzuheben. Ich würde sicher manche vergessen, ohne die ich nicht auskommen möchte.

 

RD:-  Glauben Sie an eine gesellschaftliche Funktion des Dichters?

 

V.D.: Ja, aber leider kenne ich sie nicht.

 

RD: – Gibt es Rezepte für den literarischen Erfolg?

 

V.D.: Die gibt es natürlich. Und die Ergebnisse der Creative-Writing-Kurse und Literaturinstitute zeigen das ja auch. Bücher sind da ein Markt wie viele andere. Was allerdings an Texten dabei entsteht, erschöpft sich zum überwiegenden Teil in Feuilletonik und Belletristik. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber eben nicht Literatur. Und selbst im engeren Bereich der Literatur gibt es Autoren, Lyriker, deren Schreiben den Grad der Lyrikproduktion erreicht hat, wofür sich das rhetorisch formierte Gedicht als günstig erweist. Die harte zweiwertige Logik der Marktpräsenz – neue Publikation oder Nichtdasein – und die Textmengen der Kommunikationsgesellschaft schlagen in solchen Fällen auf die Gedichte durch. Ich glaube jedoch, auch noch heute – und gerade heute – erfordert die genaue Existenz, der man sich Vendel als Lyriker unterwirft, eine Menge an Schweigen. Doch Schweigen ist niemals erfolgsverdächtig. Man bekommt dafür nichts. Außer vielleicht ein nächstes Gedicht. Irgendwann.

 

 

 

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Volker Demuth (Homepage): www.volkerdemuth.de

Rodica Draghincescu (Homepage): www.draghincescu.com

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