Veronica Balaj et Alina Baciu

 

Zum Literaturnobelpreis 2009 und zur Multikulturalität

in der Region Banat

 

 

Geschpräch zwischen Veronica Balaj, Journalistin bei Radio West, und Alina Baciu, Leiterin deutsches Kulturzentrum Temeswar

(Rumänien)

 

 

 

 

VB:  Das Deutsche Kulturzentrum in Timisoara, der auch als Temeswar oder Temeschburg bekannten Hauptstadt des Banat, bemüht sich um die Pflege der sprachlichen und kulturellen Vielfalt, von der Rumänien seit jeher geprägt ist. Es ist  eine gute Adresse und spielt eine wichtige Rolle in dieser Region.  Es ist für die Menschen da, für die Bürger, die diese wunderbare  Mischung von Multikulturalität und Mehrsprachigkeit, die wir im Banat haben, tagtäglich leben. Hier in  diesem Interview wollen wir uns ganz auf den Banat konzentrieren, der einen kleinen, aber durchaus wichtigen Teil Mitteleuropas darstellt, auf  das dort existierende Mosaik unterschiedlicher Kulturen. Ich möchte gern über die Beziehung der Banater Schwaben zur rumänischen Kultur an sich reden, vor allem jedoch darüber, wie der Banat die kulturelle Vielfalt des geeinten Europa gleichsam vorwegnimmt. Hier, wo einst wie heute Römer, Schwaben, Ungarn, Serben, Bulgaren, Zigeuner, Juden, Slowaken und andere Nationalitäten mit einander lebten und leben. Wenden wir uns also diesen Phänomenen zu.

 

AB:  Nicht zufällig befindet sich das Deutsche Kulturzentrum Temeswar ausgerechnet in dieser von so vielen verschiedenen Ethnien bewohnten Region. Angesichts der ohnehin bestehenden Multikulturalität sowie der nach wie vor starken Präsenz der deutschen Volksgruppe in dieser Region, aber auch angesichts der Tatsache,  dass die Menschen hier im Banat schon immer harmonisch zusammengelebt haben, lag es nahe, gerade hier ein solches Zentrum zu errichten, das die Kultur der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe hervorhebt, ohne dabei jedoch die übrigen Kulturen zu vernachlässigen.

 

VB:  Wenn wir von Interkulturalität reden, von jener ganz besonderen Durchmischung nicht nur der Sprachen, sondern auch der hier lebenden Menschen und von ihrer Beziehung zum Rest Europas, dann kommen wir nicht umhin, über Herta Müller zu reden, die 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt , einer Schriftstellerin, die hier im Banat, in der kleinen Gemeinde Nitzkydorf, Ihre Wurzeln hat und die nach Deutschland ging, um in der großen Welt. anzukommen. Lassen Sie uns also über dieses große Ereignis sprechen, über dieses Paradebeispiel für die wechselseitige Überlagerung verschiedener Kulturen.

 

AB: Wir haben uns natürlich sehr gefreut, als wir hörten, dass Herta Müller mit dem Nobelpreises ausgezeichnet wird. Und als Banaterin macht mich das natürlich auch stolz, und ich erlaube mir zu bezweifeln, dass Herta Müller den Preis auch dann bekommen  hätte, wenn sie nicht aus  dieser bewegten Region käme, in der – im Guten wie im Schlechten – eine dermaßen große Vielfalt herrscht. Das Banat hat eine Menge sehr gute Schriftsteller hervorgebracht, die in deutscher Sprache schreiben, darunter einige weltberühmte. Mit unserer Arbeit versuchen wir, sie allesamt einem breiten Publikum bekannt zu machen und näher zu bringen.

 

VB: Das Deutsche Kulturzentrum in Temeswar hat ganz gewiss ein schönes Programm und ein interessantes, breit gefächertes Angebot; es trägt aber auch, und zwar mit Freuden, der Verpflichtung Rechnung, die vielfältigen kulturellen Ausdrucksformen der Vergangenheit und der Gegenwart lebendig zu halten und zu pflegen. Lassen Sie uns über ein paar der Orientierungen und Aufgabenbereiche reden, die sich aus dem Konzept einer rumänisch-deutschen Interkulturalität ergeben.

 

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Auftritt von shortfilmlivemusic während der Woche der Kaffeehauskultur – (C) shortfilmlivemusic

 

AB: Das Kulturzentrum in Temeswar stand einerseits vor der schwierigen Aufgabe, in dieser Region mit ihrer sehr diversifizierten Bevölkerungsstruktur und ihrer großen kulturellen Vielfalt überhaupt erst einmal Fuß zu fassen, und andererseits gab es noch vor der Errichtung dieses Zentrums bereits ein Publikum, das den Wunsch nach einer Institution hatte, die spartenübergreifend das Bild der aktuellen deutschsprachigen Kultur präsentiert. So konnte 2002 mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes das Deutsche Kulturzentrum Temeswar errichtet werden und sich, nicht zuletzt mit Hilfe verschiedener Partner im In- und Ausland, zu einem festen Bestandteil des Kulturlebens von Temeswar entwickeln. Seit seiner Gründung verfolgt das Kulturzentrum das Ziel, zum einen junge, talentierte Künstler zu fördern und zum anderen einem möglichst breiten Publikum die deutsche Kultur, wie sie derzeit in Deutschland  entsteht und diskutiert wird, zu präsentieren. Es ist natürlich sehr schwierig, hier Umfassendes zu leisten, aber man kann es Schritt für Schritt versuchen und dabei nie die Hoffnung aufgeben, dass es irgendwann einmal möglich sein wird, etwas wirklich Großes und Repräsentatives zu veranstalten. Ich weiß schon, ich bin eine Idealistin, aber für diesen Job muss man da, glaube ich,  auch sein.

 

VB:  Natürlich arbeiten Sie eng mit den diplomatischen Institutionen  beider Länder zusammen. Da Rumänien nicht in der Lage ist, die vielen internationalen Projekte hier bei uns ausreichend finanziell zu unterstützen, würde ich gern von Ihnen wissen, wie die logistische und finanzielle Unterstützung  Deutschlands für das Deutsche Kulturzentrum in unserer Region aussieht?

 

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Runder Tisch „Das Geschriebene als (Kunst)gegenstand” zum Projekt „Tajo Verlag”

 

AB: Wir sind, wie schon gesagt, wir mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes gegründet worden, verdanken unsere Errichtung aber natürlich auch der Tatsache, dass bei den einheimischen Behörden der Wunsch nach einer Institution wie der unseren bestand. Einzelne Projekte können wir mit finanzieller Unterstützung durch die deutsche Bundesregierung realisieren, teilweise unterstützt uns auch das Goethe-Institut logistisch und finanziell, und im Rahmen ihrer Möglichkeiten fördert auch die Stadt Temeswar das eine oder andere unserer Projekte. Uns liegt vor allem daran, die bilateralen kulturellen Beziehungen auf regionaler Ebene voranzubringen, und das tun wir auch, sooft es geht.

 

VB: Gestatten Sie noch eine letzte Frage: Interessieren sich die jungen Leute,  die das Deutsche Kulturzentrum besuchen, eigentlich noch für die kulturgeschichtlichen Wurzeln dieser wunderbaren Wechselbeziehungen? Was für „Taktiken“ wenden Sie an, um bei der jungen Generation hier im Banat ein Interesse an deutscher Kultur zu wecken, an neuen Formen des Zusammenwirkens zwischen den verschiedenen Volksgruppen?

 

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Hommage Aglaja Veteranyi

 

AB: Die junge Generation zählt zu unserem  Stammpublikum. Wir ziehen sie an, indem wir einerseits versuchen, kulturell Schritt mit ihnen zu halten und sie andererseits mit ihren eigenen „Waffen” heranzuziehen. Wir sind mit unserem Publikum elektronisch vernetzt, haben eine Facebook-Seite, geben uns Mühe, immer auf dem neusten Stand zu sein, was bei der heutigen Entwicklung der Wissenschaft ziemlich schwierig ist. Wichtig ist aber, dass wir nie den Kontakt zu ihnen verlieren und stets nicht bloß ein offenes Ohr, sondern auch ein Herz für  ihre Ideen und Vorschläge haben. Oft kommen diese „Taktiken “, wie Sie es nennen, sogar direkt von ihnen selbst.

 

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In Timisoara/Temeswar, Cluj/Klausenburg, Sibiu/Hermannstadt, Brasov/Kronstadt und Iasi gibt es Kulturgesellschaften, die in jeder dieser Städte jeweils ein deutsches Kulturzentrum haben.


Die deutschen Kulturzentren arbeiten eng mit dem Goethe-Institut Bukarest zusammen. Sie führen in Kooperation sowohl mit einheimischen als auch mit deutschen Partnern Kulturveranstaltungen durch, bieten Sprachkurse und Prüfungen an und vermitteln Kenntnisse über das heutige Deutschland. Diese Kulturzentren werden in ihrer Arbeit auch von den deutschen Konsulaten unterstützt.

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Kontakt:

 

Deutsches Kulturzentrum Temeswar
Centrul Cultural German Timişoara
Str. Augustin Pacha Str. 2 (Haupteingang Bocsa Str. 2)
RO 300055 Timişoara
Tel.: +40 256 407058
Fax: +40 256 407059
http://www.goethe.de/mmo/pub/16158-STANDARD.gifinfo@kulturzentrum-temeswar.ro
http://www.goethe.de/mmo/pub/13547-STANDARD.gif
www.kulturzentrum-temeswar.ro
Leiterin: Alina Baciu
Bibliothekarin: Krisztina Molnár

 

Übersetzung: Rodica Draghincescu und Christa Schuenke

 

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