Veronica Balaj

 

 

 

Gleichnis mit einem Prinzen

 

Der Prinz ging fort / dithyrambischer Anlauf

                            (auch andere Prinzen gingen fort)

in die Polarexpedition —

eine Einszeit folgte;

ich zögerte,

das zwischen den Blicken aufgeschichtete

Hin und Zurück

durch Grönländer

mit ihm zu teilen

oder irgendeine Rast

für den Wechsel der

an den Schlitten mit Geschirr

und winterlichem Gebell

bereit stehenden Hunden.

 „Hier wäre Platz für etwas Besseres“

flüsterte der Prinz

(wie ein über den Sommer losgelassener Frost);

und den Geschmack der gezuckerten, wahren

Worte ablehnend, rief er den Wind,

damit es nur Einbildung

und verlorenes Glück noch gibt;

durch die unter den Lidern

festgemachte Luft

treiben sich Schärfen

Erinnerungen

eine Art Flechten zum Nachtmahl

mit Glut;

und die knurrenden Hunde an der Biegung

mit der Gefahr

oder mit dem Mond

werden viel mehr,

jenseits von allem                                

überheblich machen

den mit allem ähnlichen Prinz

(sei es mit einer langweiligen, täuschenden

spanischen Wand)

ich habe ihm angedeutet,

an die rechte Seite

habe ich dir

ein paar Wünsche

mit verspätetem Effekt gelegt

und links, neben dem Heldenmut

hast du notfalls den Angstanteil,

der mangels Eukalyptusblättern

gut zum Kauen ist.

 

 

An der Grenze des Frosts

 

Der grüne Koffer

des verschwenderischen Bruders

ist übertragbar;

lange habe ich ihn

mitgetragen

der in ihm eingeschlossene Mut

wurde schimmelig

die Leidenschaften quollen heraus

im Einklang

mit dem Versuch 

der Selbstverleugnung

noch gut, dass

der Flügel des jungen Engels

dich gezeichnet hat, Mutter,

während ich immerfort

aufgelöste Seidengewebe auffädelte

und mein zerknittertes

Tuch-Gesicht

bloßlegte,

hässlich und alt

watschele ich wie die Ente

(bei weitem keine wilde),

bin dick und nahe daran,

mich bloßzustellen

indem ich auswendig gelernte Sophismen

wiederhole,

noch gut, dass du,

vom Engel aufgesucht,

jung geblieben bist

dein Weggang unter seinem Flügel

versetzt meinen Himmel in Aufruhr

und andere Engelpulver begannen

sich zu setzen über meinen Blick

durch ihr Weiß

habe ich Weg geschaufelt

für die Weisen

wie sehr ich auf ihr Kommen hoffte

mein bisschen Geduld

krümmte sich

angesichts der

wieder vergilbten Weinblätter

an der Grenze des Frosts

und ich blieb weiterhin

ein spitzes Dreieck,

das in ungleichen Graden

den Stand der Tage misst;

noch gut, dass du

jung geblieben bist!

 

 

Das Glätten der Sünden,

eine saisonale Beschäftigung

 

Die in die Gefühle gepflanzten

Steineichen (7 x 7)

(geheimnisvolle, über meine Schulter

gestreckte Lebewesen)

trugen Blitze,

Früchte- und Blütentage

die Schatten

umrissen Festungen

aus dem alten Ägypten

beispielsweise

als das Wiehern irgendeines

für einen Pappenstiel

auf den Markt getragenen Tages

mich ertaubte,

ich pflanzte noch einen Schattenbaum

gut zum Glätten der Sünden;

ich kostete sie,

würzig-aufreizend

schmeckten sie unerhört gut

(wusste man es?)

die Lebewesen

taten sich inzestuös gut

mit den an den Wurzeln

herausspringenden

Traurigkeiten;

die dritte Frucht

verwirklichte sich (als dürre

und ausgestopfte Puppen),

ahmte Beschimpfungen nach

die vernichten werden

Äste und Geschehnisse

ihre Berührung

ist Gestank,

Vergeudung, Aufwallen

über…

 

 

TRAUMDEUTUNG

 

Ein Zeichen zieht mich

dorthin,

das

vielleicht

Ezechiel hinterlassen hat

der, bekleidet

mit einem leinenem Hemd

meiner nach Canton

für ihren (nicht beendeten,

zu schmalen) Honigmond

gekommener Mutter

die Beichte abgenommen hat;

gewiss hat er

die Lampe brennen lassen;

es bedurfte und es bedarf

wenigstens der Spuren

der vor Lust

stampfenden Pferden

oder

der für eine neue Arche

ausgesuchten Bäume;

ich überquere noch den Schnee

des kalten, vom Getier

verwüsteten Weißes;

Dunst windet sich um mich

es ringelt sich verlockend:

„Komm zurück!

In Canton gibt es jetzt

nur noch die

vom Förster Axinte geschnitzten

hölzernen Pferdchen,

der Wolfsbrut

zum Spiel;

dort streift die hässliche

nackte Frau

zwischen Weiß und Nacht herum

Komm!“

 

 

PIROUETTE AUF STELZEN

 

Mal am Tag, mal im Traum

bewegen sich auf Stelzen

zwei ungleiche

Zeiger

wegen einer Anomalie,

der zusammen mit einer

verfehlten Pirouette

in mir geborenen Zeit —

die Bewegung auf Stelzen

nach vorne, nach oben, herumstreichend

mal hierhin, mal dorthin

wird hörbar;

im Trommelfell der Zeit

und der Mitmenschen

bin ich jemand

„noch ein bisschen und du erreichst den Himmel“

schreien mir einige der Schöntuerei

Verfallene (oder aus Angst) zu;

eines meiner Beine ist auf dem

alten Augenblick festgemacht

das andere auf die Mitte des

künftigen Augenblicks

zwischen Kopf und Beine

unter den unterbrochenen Schritten

entfaltet sich die ergreifende Aufführung

der Geburt in vitro

eine säuerliche Luft,

Zellhorn-Bizarrerien…

ich schaue zu…

breche in Lachen aus und beschädige

meinen fortdauernden Geh-Zustand

in irgendeiner Höhe

über dem Herzen des Tages

und die Kleinigkeit meines Ehrgeizes

graues Kopftuch zu tragen

oder mich fest anzulehnen

an den Punkt wo

der bestimmte Rhythmus

(Feldwebel in der Ausübung seiner Funktion)

sich mit dem aberranten Spiel

des Wartens trifft

 

 

BABYLON — INNERES KLISCHEE

 

Ein episodenhaftes Babylon

kehrt mit

dem Grauen und dem Zittern

des Chors der Danaïden zurück

steigt hinab zu Vergessen umhüllte

Turmuhren

von Babylon;

ein kleiner, unbedeutender Bahnhof…

Irreführung

der Huf der Hypochondrie rührt an mich

ich trete als Statistin

in einem oft wiederholten

Theaterstück auf;

ich suche die alten Hängegärten

phantastische Bäume

sogar den Turm —

wo mag sich befinden der Turm?

ich wünschte, man schleudere

goldene Pokale in mich

und möchte die Bezichtigung hören:

„Böse Hasardeurin, du

lässt alle beschwörenden Verkündungen

für das große Geschehen abstumpfen!“

………………………………………

wenn ich wenigstens einen der Tunnel fände

die nach Eden führen

wenn es Spuren rasender Pferde

und Wagen gäbe!

Freibrief ist mein Gedanke

die Sonne geht immerfort hinunter

und gleitet allmählich

zu den Wurzeln

(wie vieler Generationen!) der Gräser herab

das in mir verstaubte Babylon

rasselt die Himmelsräder…

„wir waren due in uno“

schrecklich verwirrte

Hände und Lippen

zetteln eine Rettung an

aus der Falle

der beschädigten Uhren

in Babylon

 

 

ALTES DOKUMENT

 

Das vorzugsweise immer gelbe

Passepartout (da Vincis Stil)

passt zur lehmigen Paste

der endgültig vergangenen

Geschehnisse

des Kapitels

trügerisch — wahr — verwendbar;

und damit es keine Zweifel gibt:

ich hatte nie einen Rolls Royce

aber es gab einen Versuch, ja,

eine entfernte Insel

in Besitz zu nehmen,

schließlich hatte ich

nicht einmal einen weißen Adler

den ich hätte entsenden können / dressiert

mit brennenden Nachrichten

oder ihn um einen Rat bitten

insgeheim

habe ich verhandelt

zum Startpreis

von einer Million und fünf Dollars

um einen Hektar rosafarbenen Sand

irgendwo an einem Meer;

und wurde erklärt, leider, zur ersten

Abgewiesenen.

Ich bin trotzdem ein wertvoller Architekt

der täglich ordentlich geführten

Defizite (die Präzision ist sehr wichtig),

wie ich auch die Qualität habe,

im geerbten enormen Sammellager

die Ordnung zu überwachen,

wo ich Tanten, Onkel,

Bootsbruchstücke, eine Lampe Diogenes’,

ein Album aus der tänzerischen Jugend

meiner  Großmutter bewahre

und das Kleid mit federn

die ich alle inventarisiere

wie folgt…

 

 

VERSPÄTETE SPHINGEN

 

Wie dem auch immer

ich kann die an unseren Türen

niedergelassenen Sphynxjungen

mit verheerenden Augen

nicht töten;

die zügellose Bekümmertheit

hat verspätete Sphingen

geworfen

weder Glaube

noch Mythos,

vom Anbeginn an mangelte

es ihnen am Wunsch,

geliebt zu werden

ihnen wurde das Hüten

des hinterlistigen Risikos

der erstarrten Ferne befohlen,

die uns in einer Biegung

beinahe berührte.

Ich müsste

eine Angst entwerfen

und Arpeggien,

die sie in die Flucht jagten,

aber,

gedämpft und absurd,

willige ich ein,

eine fast perfekte Zeichnung

des Schweigens

zu bilden

(jeder von uns bekehrt

zum eigenen Anteil

an Einsamkeit)

ich, verstohlen, stachele noch

die Allegorie des Anbeginns

und den Zoll des Verrats auf.

 

 

HOMO LUDENS

 

Einer nach dem anderen

werden komisch

und allmählich tragisch

die Bewohner der Stadt

abends wird die Vorführung wiederholt

in unvollständigen Akten

Ad-hoc-Zeremonien

dionysischen Zeitraum

eine fleischfressende Pflanze

in einer Auslage

begehrt

die Hand des alten Bridgespielers,

der sich schief

an das Mondlicht lehnt;

der Stadtnarr

(gekränkt wer weiß warum)

ahmt den ehemaligen Trommler

aus der Festung nach

und verkündet

eine abgenutzte Reklame:

„Powder de Venus, greift zu,

30 neue Kreuzer die Schachtel!“

applaudiert

mit Heuchelei, homo ludens

ersinnt noch eine Posse,

wobei er einen Fuß nachzieht,

mischt sich unter

Bierverkoster

und prekäre Fröhlichkeit,

wirft den spärlich bekleideten

Mädchen

variable Beschuldigungen zu…

Manch dramatisches Entsetzen

verliert sich in den Fluren,

die von Männern

und miauenden Katzen

benutzt sind

 

 

RHETORISCHER IMPAKT

 

Bitterer Mandelgeruch

unter dem Pflaster

der Sarkophag der Schritte

der Kaiserin / hier

bei einem ehemaligen Spaziergang;

Metapher aus der Rede

der Untertanen

glänzend versteinert

in der Historie;

die Sirene einer Ambulanz,

die den Leib des Schweigens

augenblicklich erdrückt;

… verregnete Empfindungen

schwelend

eine sich jäh verrückt drehende

Windmühle

ein gewöhnliches Lachen

eine von den Opfern des Erfolgs

eines überflüssigen

und sofort vergessenen Festspiels

verlassene Freilichtbühne;

die Braut des Tages

hat ihre Rolle beendet

„lass mich, Geliebte

Dir meinen Stern schenken!“

(verzerrtes Flüstern)

eine von Aphrodites Insel

geliehene Leere;

die Holzhändler warten

auf den günstigen Augenblick

um aus der Bühne

ein illegales Geschäft zu drehen

die Dichter der Stadt

streiten sich

über die künftigen Schweigen

und bildhaften Redewendungen

die verkauft werden

als Pandoras Büchse

 

 

Der Teebaum

(oder vom „Beinahe“)

 

Ich kam gemächlich

warum hätte ich mich auch beeilen sollen

bei der Rückkehr

von Neuseeland?

Ich habe mir Teepakete

(und einen Teestrauch)

aus der Familie der Myrtazeen

mitgebracht

ein langes Baum-Leben (und als Tee noch länger)

kleine Blätter, Nadeln

grün bereift

es heißt, der Teebaum wird erblühen

zur Lebenszeit dessen, der ihn

unter den Regen bringen wird,

über den jäh mit Verwunderung

gesprochen wird;

ich werde einen Ruf aussprechen

mit bereiften Wörtern, und sie,

die weiß-rosa-bordauxfarbenen Blüten

trotz jeder Dürre

(ob von langer oder kurzer Dauer:

Perlmutt des Solitärblicks)

werden zu vom Ast gelöstem Obst

es heißt, nur von einer hohen

(auch körperlichen) Temperatur

(mir ist unbekannt, wie viele Körper

dazu benötigt werden)

aber sieh da, ich muss mich beeilen,

der Baum hat abenteuerliche,

in meine Handteller eingehakte Wurzeln

ich habe den Atemzug

eines neuen Kontinents

in mir schwankt

die Verwandlung unentschlossener Küsten

und spekulativer Meere

meine Finger sind

trächtig, fast…

 

 

Weiden mit Waldkauzaugen

 

Nichts Schlechtes

weder der Weg noch

der einem Schuh

entschlüpfte Tritt

mitten auf dem fruchtbaren Feld

dann, der mondsüchtige Lauf auf einem Fuß

Storch durch das Grün des Grases,

das die vom Regen

durchlöcherte Sohle durchsticht

der Schritt – Grenze

zwischen hier und dort;

sie setzte / setzt

ihren Lauf relativ

vorwärts, rückwärts

relativ am Wegrand fort.

die mit Waldkauzaugen

geschmückten Weiden,

die Berufung künden

und Bürde der Träne

beschatten die Dauer

des unbeendeten Schrittes.

Die Silhouette der frostgezehrten

Bäume

verwandelt sich

in Asketen,

die setzen den Lauf zusammen

mit dem aus dem Schuh

geschlüpften Tritt

rückwärts

den Anfängen zu fort.

 

 

Totum evanuit

 

Die letzte Fahrt in der Nacht;

der einstige, an Alzheimer erkrankte

Professor bricht auf;

Totum evanuit

die Straßenbahn steigt auf

abgenutzten Gleisen unter der Last der

von Haltestelle zur Haltestelle

beförderten Leidenschaften

in die Wolken hinauf;

wenn sie abwärts gleitet,

sieht sich die Stadt umgekehrt.

Voilà!

der unbekannte Schifffahrer

erscheint gerade jetzt

zur Stunde der abendlichen

Spaziergänge auf dem Corso!

verkleidet als eine bizarre, zerlumpte

und perlengeschmückte Frau

stellt er irre Fragen

bittet, von gleich wem

in eine erfundene Richtung

gebracht zu werden und belohnt den

nicht darauf Gefassten

hinter ihm ein erstickendes

Gelächter mit Regen und Sand.

Der Schifffahrer wähnt

von der Peitsche des Glücks

berührt zu sein,

er durchwandert die Abenteuer der Welt

dall’capo all’fine

totum evanuit

das Spiel setzt sich

perpetuum mobile fort.

 

 

Freies Herumstreifen

 

Der Bim-Bam

des freien Tages

schlug an die Glocke der Kathedrale

immer wieder erneut,

dann hat es geschneit

und ich schlitterte auf dem Eis

im bunten Durcheinander

der Mitglieder einer Sekte

die den Suff,

den Betrug

und die nach Leidenschaft

anmutenden Freuden verachtet;

nicht einmal die Schellen der Jahrestage

stoppen ihren Slalom,

eine Art Heilmittel

gegen das bekundete idyllische

nach außen gekehrte Leben.

Das mit Grünspan überzogene,

synkopische Glockengeläut

berührte mein unmäßig

verlängertes Bein,

ich trat den Rückzug

seitlich an,

heuchelte Gleichgültigkeit,

rückte verbindlich hinkend, zögernd vor;

ein Laut der weißlichen Transzendenz

oberhalb der überaus guten

und schlechten Welt

erblich mich in der Rolle

des Spielers mit dem

glühenden Schwert

 

 

Posse mit Schweigen

 

Die Schuppen jeden

sinkenden Tages

bekleiden meine Taille,

meine Hüften,

meinen Gang;

da bin ich:

Sirene,

die durch die Siesta

des rauchenden Mannes gleitet

gebändigte,

aufreizende Sirene, ich,

hochmütige Circe

breche das bekannte Lied,

werfe es weg:

ich nach mir aus

im Strudel der Langeweile;

mit lasterhaften Bewegungen,

das Schweigen des Mannes

entkleidet sich sacht

zwischen den bräunlichen,

gelb-illusorischen

Spaletten zwei und drei;

ich klammere mich

an den Flaschenzug,

an den der Mann

seine nackt taxierten Sünden

aufgereiht hat;

im Spiel berühre ich

mit der Spitze des Schwertes

das Hohe Lied.

Abwärts

und weiter herab

rinnt mühevoll das,

was noch

werden wird.

 

 

Falsches Paradies privé

 

Irgendwo, das Paradies, und

sonst die Hysterie und

der ekelhafte Schluckauf,

die Relativität des Gedankens,

schlafsüchtig,

und die Weigerung der Kinder

ihren Eltern noch zu gehorchen,

die Zen-Philosophie

und der Hl. Franziskus von Assisi

und über jeglichem Sinn

des Maßes und der Verneinung

weit hinaus,

umgetauscht in den Dreieck

des knirschenden Schweigens, Ich.

Schließlich fordert mich

der Bettler ein bisschen witzig,

ein bisschen theatralisch auf,

seine Rede abzunehmen,

ein Gedicht,

choreographisches Adagio

zu dem in gebundener Form

Wiederholten, herrlich, dramatisch

vor und nach dem

geheimen Salto

aus dem einen

ins nächste Schweigen.

Verformtes Paradies.

Ich, ein Ich nachahmend,

ein sakramentales Ich hinzufügend

für ein privates Paradies.

 

 

750 Zärtlichkeiten

 

Perfekte Masken

bis über die Zähne

(vielleicht trügerische,

vielleicht artige):

ich mit ihr im violetten Waggon

ich mit mir und wieder ich

und wieder sie

im violetten Waggon

eines Zuges

in Richtung Barcelona plus.

Rot und hoch ein Kirchlein

im gotischen Stil

mit den an den Gleisen

klebenden Türen folgt uns

(wo konnten wohl hineingelangt sein

die Gemeindemitglieder,

der Gottesdienst,

die Vergebung der Sünde,

von keiner Lust auf Sehnsucht

gepackt zu sein?)

Der Fahrdienstleiter lenkt uns

in eine andere Betrachtung,

jemand wirft ihm

durchs Fenster eine Rose zu

er bekreuzigt sich, allez! allez!

Die Japanerin (sie!)

bewahrt in ihrem Augenlicht

Knotenpunkte der Eisenbahn

für den Fall, dass der Mann,

dem Pfauenfedern wachsen

aus den Ohren und den Wimpern

eine geringe Änderung

der Fahrtrichtung

in schrägem Sinn

gewünscht hätte.

Tänzerin, nun ohne Beifall,

entschied sie sich fürs Schälen

einer Orange,

die „er“ sich

blau-rötlich-grünlich wünscht;

und überlegt, ob

seine Geliebte

von den 750 Zärtlichkeiten

wohl keine vergessen hat.

Im Schatten des Zuges,

von hinten her,

will uns einholen

abgewiesenes Geschrei

zu großen Gefühls

und erniedrigende Wörter

wegen der Schmetterlinge der Erde;

eine Wolke von falscher Ewigkeit

gaffte

hingelümmelt dämmerhaft.

 

 

Lang wiederholte Terzinen

 

Fische, erblindet

von zu viel Nacht

und verfangen in den am Ufer

angehäuften Netzen;

die Fischer

von Hongkong

auf der anderen Seite

des Meeres

werden am Morgen losfahren

um zu erobern

einen neuen Wasserweg.

Das Licht muss seinen Lauf entlang

der Chinesischen Mauer

beginnen,

anderswo wimmeln

die Augenblicke

im Bodensatz

täglicher Verrichtungen;

neue veranschlagte

Sekunden

blähen den Orkan Fifi auf

und unbändige Würmer,

die Minuten (Gemeinschaftsbesitz)

nagen an der Ozonschicht;

der Apfelbaum trocknet aus

schuldig, jemals

Früchte getragen zu haben

für Evas Neugier –

ein vom Homo sapiens

und Homo ludens

lang wiederholter Trick

um sich an ihre nahe Abwesenheit

zu gewöhnen:

aus Angst gemästete Schlange

vollgestopft

zwischen Tag und Nacht

 

                            (Aus dem Gedichtband Intre alb şi noapte)

 

 

Geburtstag und Glücksvereitelung

 

Der Jongleur,

der die Hauptrolle innehat,

kommt an —

ich feiere alle meine Geburtstage

 auf einmal

 und stehe

 eingerahmt

 von den Flammen,

 die seinen Händen

 entsprungen sind

 Gartendarbietung

 mit Glücksvereitelung

 und dem Geschmack,

 der in einer Quitte

 und einem Apfel gereiften Wörter

 mit Samen, die aus dem Eden

 just in mein Viereck

 gefallen sind

 existenziell gefärbt,

 flattert der Angstanteil,

 der in der Einsamkeit

 gut zu kauen ist

 die Gäste,

 Glut in den Gebärden

 und mit tänzelnden Schuhen

 drängen sich, singen,

 ahmen

 ein geglücktes Bild

 in Bewegung nach,

 das Jaulen einiger Kater

 auf der Suche nach Nahrung

 kratzt das Fleisch der Nacht auf,

 die Sekunden kommen, ausschweifend,

 aus mehreren Richtungen,

 sie sind vergnügt

 was für eine Nacht! was für ein

 glühendes Leben!

 

 

Bewegte Geschichte

 

Zusammen

mit einigen Engeln,

die hager

wie meine Seele sind,

sitze ich auf

dem Schornstein des Hauses

von guten Nachrichten

und dem Schatten

der vom Mondschein

niedergemähten Pflanzen

geschützt;

das Feuer erlosch

als wir phlegmatisch

unseren

vor Langeweile zu Essig

gewordenen Schmerz

den Flammen

in die Augen spuckten

selten schluchzen wir noch

über den Abgrund

und fragen uns

wieso wir

den ins Traumland

führenden Weg

nicht finden

denn die Horizonte

haben sich nicht fortbewegt

und haben trotzdem

ordentlich gepflegte Dimensionen

unschlüssig,

mit Augen

der umzingelten,

knochigen Wölfe

weinen wir lebenslang

und besinnen uns

des Kniefalls

 

 

Eingehüllt in Wasserlianen

 

Verwelkte Lianen,

die Wunder der Nacht

schwimmen im Wasser

des Morgens

der einstige Herr Mǎrgeanu,

davongegangen in den Himmel

und abgestiegen für einen Augenblick

ermuntert mich, nicht auf den

Versuch, das Gleichgewicht

zu halten

zwischen der Wasser- und Feuerlinie,

auch nicht auf die Probe

des Stangenhochsprungs

durchs Leben

zu verzichten;

ich gehorche ihm

und jedes Mal finde ich mich

auf den Boden gestreckt,

unsittliche Wörter und Blicke

brechen wie Ratten

über mich herein,

lachen mich hinterlistig an,

kitzeln mich, zieren sich

in meinem flüchtigen Lächeln,

hoppeln mir nach Hasenart

über Mund und Augen;

eine absurde Possenreißerei

überfällt mich,

irritiert, breche ich die Linie

zwischen Wasser und Feuer,

lehne Freunde ab,

verleugne an die drei Seelsorger,

trenne mich von Liebschaften,

hülle mich ein

in Wasserlianen

und gehe herausfordernd

an allem und jedem

auf hohen

und sehr spitzen

Absätzen vorbei

 

 

Illusorischer Schild

 

Der Gedanke an Mutter

illusorischer Schild

Verteidiger der Akazienblüten

ihr Weiß ist jenseits von allem

ist eine echte Last

riecht nach Eden

über der Welt

auch ich wünsche mir

eine Ration davon,

sauge an meinem

Daumen in einer idiotischen Geste

schluchzend entgehen mir

Wörter mit dem Gewicht

einer künftigen Entlohnung

der Tag, eine leidenschaftliche Muschel,

lebendig schließt mich

in ihr Gehäuse ein

Staunen bin ich

vom Kopf bis zum Fuß

zwischen zwei steilen Wänden

 

 

Der Weggang, eine Art, die Zeit zu verletzen

 

Am Morgen des 13. Dezember

gegen 5 Uhr

rollten sich mir die Augenblicke

kopfüber

durch die Venen

der Traum des Weggangs

über den Ozean

wurde zur Wirklichkeit

du warst weit weg

von der plötzlich

mit Statuen bevölkerten

Stadt, die

dein Gesicht

und deinen Atem trugen;

siehe den Ulysses, krank,

schrien manche

und wiesen mit dem Finger

auf mich, Verzweifelte

ein Vogel mit Flügeln aus Zweigen

flatterte in den Krallen

die Symphonie der hier

erlebten, mit Bedeutungen

voll gestopften Geschehnisse;

meine Gedanken,

entzündete Fackel

hingen an den Armen

der magisch auf dem

Morgenweg

aufgetauchten, in Angstschweiß

und der Aufregung

des Weggangs

gebadeten Statuen

 

 

Melancholische Geometrie

 

Die Glut zweier Kontinente

schlägt Funken in mir

und in den Eingeweiden der Erde

ich träume, dass mich

gekreuzigte Flammen

auf den Schultern erlösen

von Sehnsucht und Entfernung

Irrtum

die Geschichte ist von der

Wirklichkeit gemartert,

die verletzte Sehnsucht

ist ein tollwütiger Affenmensch,

andermal

ein umherirrender Wurm

mit behaartem Kopf

er trotzt allen räumlichen

oder zeitlichen Gesetzen

klemmt mich, ausgedehnt

bis zum Ozean, spiralförmig ein

das Wasser weist ihn

angeekelt ab,

schlecht wie er schmeckt,

verdauen ihn

sogar die Fische nicht

sie würden melancholisch werden

und würden ihre Schuppen verlieren

vor so viel Traurigkeit

 

 

Versprochenes Abenteuer

 

Im Mai,

mitten in der Nacht

(einer anderen als die gemeinte)

stöhnte der große Platz

der Stadt

vor dem Getrampel

hitziger Pferde,

die bereit waren loszurasen

für jeden, der sich

ein großes Abenteuer wünschte

vor Staunen

wurden die Hausdächer

immer spitzer,

von Bewanderten

bediente Flammen

drehten sich aufreizend

in den Gefühlen

der gaffenden Schatten

es wird gemunkelt,

die Nacht

der Traumdeutungen

sei gekommen,

schrie der Postbote

des Westens,

alles wird schön

und die Ferne wird nah,

ihr könnt aufsitzen!

lässt die Peitsche schwingen!

die Zügel könnt ihr wenden

wie ihr wollt.

die Entfernungen,

soweit einzufangen

mit den Augen,

sind kleiner geworden,

die Wege sind wie im Traum

zögert nicht! reitet los!

die Rückkehr ist

eine Chimäre

in sich.

 

 

Lied zum Kommen und zum Gehen

 

Vor Nässe triefend,

verschimmeln

die in mir gekeimten Reiche

am Ufer des Ozeans,

ich warte auf den Vogel

mit enormen, vielleicht

blauen, vielleicht rostfarben

schimmernden,

oder farblosen Flügeln

nur der Vogel zählt

die Frauen um mich herum

lassen ihr Gesicht

in den wechselnden Wellen

tanzen

sie rufen einander

mit dem Namen,

lachen ohne Sinn

quasi weil sie sich nicht fürchten

vor dem Abenteuer des Gehens

jenseits des großen Wassers

mit nächtlichem Gestöhn;

dicker geworden dort,

wird der Vogel den Walzer

des Wiederfindens

mit jenen singen,

die uns erwarten

gefangen in einem

gebrochenen Kreis

ich gelobe

mich nicht zu vergeuden

verschimmelnd

in der ersehnten Umarmung.

 

 

Aus den Lyrikbänden

Intre alb şi noapte

und

Poeme în civil / Timeless Hallucinations

Aus dem Rumänischen

von Julia Schiff

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Ecrivain et journaliste, Veronica Balaj est diplômée de la faculté de philologie de l’Université de Timisoara (Roumanie).

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