Vera Schindler-Wunderlich

 

Foto: Sébastien Agnetti

 

(Schweiz)

 

 

 

„Wörter und Kriegserklärungen. Der nicht vermeldete Tod der Sprache“

 

Glückauf

 

Ich sagte nicht: schuld, alle schuld,

ihr, es ist aus. Ich sagte nicht, ich

hielte mich fern, scherte mich nicht

um Alter, Mutter, Kummer,

Rost, um Finster, Tasten, Taubheit.

Beifall, das sagte ich, sage ich

nie, nicht: Mutter aus, Vater, Jahre.

 

Beifall, Beifall, ich rief: Voran,

ich glücke, rück endlich voran, bin

frei wie ein Stern, und Erde: endlich

abgeschafft. Mutter aus, Vater aus,

Butterbrot aus? Das sagte ich

nicht, mehr sag ich nicht, aus.

 

 

 

Drunter und drüber

 

Wir sind im Anstandszimmer,

rumoren in der Mühle der Tage,

Stunden werden geputzt, geschält,

zerkocht und zersprochen;

versteh ich nicht, wir sagen,

das versteh ich nicht, sprich einfach

Subtext, doch Subtext: Versteh ich

nicht, ich folge nicht.

Dann sprich Subtext im Sinne

von Hunger, Sammeln, Kummer,

von Anlass zum Rasen, zur Keiferei,

von Anstand und Abstand, geh unter,

sprich Untertext. Doch Untertext liegt

über Untertext und drunter mittelt

Gott uns seinen Subtext,

den vernehm ich nicht.

Also ins Abstandszimmer;

am Anfang steht der Abstand,

folgt der Subtext, Text, darauf

das Ohr. Wir hören, was der

Text rät: „Dann nimmst du diese

Sprache und folgst ihr.“

 

 

Aus: „Dies ist ein Abstandszimmer im Freien“, Erstfeld 2012, © edition pudelundpinscher

 

 

 

Gestohlene Vokabeln

 

Jemand jagt, jemand fackelt,

schmettert Bomben auf uns,

o wir Glücklichen: sind doch nur,

sind doch Bomben, die nicht

brennen, die kein Bein zerreißen,

die nur schreien: „Ihr immer schon

Otterngezücht, ihr lang schon

Schlangenbrut“, worauf wir fragen:

„Spricht da wohl ein Gott?“

 

Wir öffnen dem Bomber die

Türen (wir kennen ihn schon),

kochen roten Tee und reden von

der alten Welt: von Sandkästen

und Klaräpfeln, von zischenden

Schlitten, schwatzenden Katzen

und vom Verzeihen, das uns

bisweilen heimlich wie ein

Regen überspült, so dass wir

gerne unsere Kleider wechseln.

 

„Brut! Brut!“, weint der Bomber

(er erinnert sich auch), reißt

an seiner Wunde, brüllt

„Gezücht!“ und schmettert,

trifft uns in den Mund, noch

haben wir zwei Beine.

 

 

 

Kann sein

 

Der Angriff auf den

Buchstaben d und auf

die Dicken, Gedichte,

den Wald, die Kinder

und auf die Denker ab

fünfzig mit zu hohem Lohn:

Ist es das d in Eden?

Das d in Hunde, Händel,
Feldherr oder Stundenlohn?

 

Wenn Daten redselig werden

und Schlachten züchten,

wenn Geld wie Knäckebrot

bricht und Ordner

gebieten, dann ruft es:

Alles kann Krieg sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Foto: Sébastien Agnetti

 

Vera Schindler-Wunderlich, geboren 1961 in Solingen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik in Köln, Aberdeen und Freiburg i. Brsg. Lebt heute bei Basel. Tätig als Redaktorin und Protokollführerin bei den schweizerischen Parlamentsdiensten in Bern.

 

Veröffentlichungen von Gedichten und Rezensionen in Zeitschriften und Anthologien. Ihr Lyrikdebüt „Dies ist ein Abstandszimmer im Freien“ (2012) wurde mit einem der Schweizerischen Literaturpreise 2014 ausgezeichnet. Vera Schindler-Wunderlich ist Mitglied im Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS.

 

Edition pudelundpinscher

http://www.swissartsselection.ch/de/1147-vera-schindler-wunderlich

 

http://www.literaturpreise.ch/de/schweizer-literaturpreise2014/

Schweizer Literaturpreis

 

http://www.literatur.ch/Lesungen-der-36-

Gesprächslesung Solothurner Literaturtage
(30. Mai 2014)

 

http://www.fixpoetry.com/autoren/feuilleton/vera-schindler-wunderlich

Poetologischer Essay auf Fixpoetry.com

 

St. Galler Tagblatt, Michael Guggenheimer: Dichter ganz nah dran

Wochengedicht #40: Vera Schindler-Wunderlich

 

 

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