Ulrike Draesner

 

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

          Die Locken unter einem Hut verborgen, ein Tuch gegen den kalten Wind um den Nacken, ritt er, obwohl er wusste, dass der Weg nicht ungefährlich war, Tag um Tag mit Brot und Wein durch den Wald, um arme Menschen auf der anderen Seite der Stadt zu besuchen. Bei den Beschenkten hieß er „das Rotkäppchen“, weil man seinen zinnoberroten Hut von weitem sah, und „das“, da er neutral war wie ein Engel. Männer und Frauen verstand er, Alte und Kinder. Rotkäppchen kam immer durch.

          Eines Morgens freilich sah die alte Frau, die Käppchen auf seiner Runde als Letzte versorgte, anders aus als sonst. Sie lag im Bett, machte Augen so groß, als habe sie Tollkirschen gegessen, und groß waren auch ihre Zähne, als sie lachte. Vielleicht hatte sie noch nie gelacht für ihn, jetzt tat sie es, sprang mit einem Satz aus dem Bett und wollte ihn fressen. Er erschrak, ließ den wie immer von seiner Gattin gerichteten Korb mit den Speisen und dem wertvollen Geschirr fallen. Rotkäppchen zuckte sehr und schnappte nach Luft, und plötzlich hatte jemand ein Einsehen und die Geschichte ging anders weiter als zu erwarten war.

          Ja, es ist der Wolf. Er sieht zum Lachen und Erbarmen aus in seiner Verkleidung als Mütterchen, nimmt sein weißes Käppchen ab und sagt brav seinen Namen. Er ist stark und eifrig, aber seine Haare zittern, und die Augenbrauen sind wirbelig-blond. Es ist ein geschmeidiger Wolf, der jetzt ordentlich auf allen vieren geht, kleiner als Rotkäppchen, es erreicht und sich anschmiegt, obwohl er verdammt nach Wolf riecht.

          Und Käppchen?

          Hat für einen Augenblick seinen Verstand beisammen, anders als in den Geschichten, die Mutter und Vater erzählen, nein, für dieses eine Mal hat es Körper und Herz auf dem rechten Fleck – es setzt sich zu der Wölfin auf den Boden und umarmt sie.

          Oh weiches Wolfsfell. Oh sanfte Wolfszunge. Unendlicher Wolfsblick. Da sitzt Rotkäppchen, seine feine Kleidung ist ihm egal, und Wolf beginnt, langsam, Pfote um Pfote, Rotkäppchen auf den Schoß zu klettern. Nun zittern beide, denn das ist in der Geschichte zwischen Mensch und Tier noch nie geschehen, und die feste schwere Wölfin, eine ausgewachsene Wölfin, die sehr wohl weiß, was sie riskiert, setzt sich auf Käppchens Schoß, obwohl sie dort kaum Platz hat, und lehnt ihren langen Rücken an seine Brust. Die zwielichtigen, schwarzgrauen Augen blitzen wie nur Tieraugen blitzen können, die Augen eines Raubtieres, das flach atmet und einsaugt, was geschieht. Mit vollkommener Klarheit sieht sie den Wald, die winzigen Blütenstände der Moosflecken, die weit geöffneten Schuppen der Zapfen, die grünblauen, grauen und braunen, glatten und borkigen Stämme der Bäume. Ihre dunkel glänzende Nase, deren Nüstern geschnitten sind wie ein feines S, zuckt ohne Unterlass. Und welcher Mensch wüsste, was sie riecht.

Rotkäppchens Lider sind geschlossen. Wie es ihm geht? Es sitzt ganz still und ist kein Käppchen und kein Knäbchen mehr, sondern bei sich, ohne Gedanken, ohne Verwirrung, ohne Aber und Wenn.

          Den Jäger gibt es nichtsdestotrotz.

          Nichts-desto-trotz.

          Er wird durch den Wald streifen, auf die Moose treten, Rotkäppchens Wallach stehen sehen; vielleicht riecht er den Braten auch. Büchse und Schere, die sanftere und die andere Methode, hat er dabei.

 

          Rotkäppchen kam wohlbehalten zurück, saß abends bei Frau und Kindern, aß, trank, lachte, die Monate vergingen. Nachts schlief es neben seiner Frau im weichen Bett und wachte es auf, hatte es von der Wölfin geträumt. Immer, wenn Rotkäppchen aus dem Schlaf fuhr, streifte sie durch die Straßen seiner Stadt. Auch ihr war es gelungen, die Begegnung erfolgreich zu verstecken, ja, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Ihre Jungen von diesem Jahr waren groß, sie hatte Zeit. Das Märchen Rotkäppchen kannte sie selbstverständlich, es wurde seit langem auch unter Wölfen erzählt. Sein Ende war immer lächerlich.

          Sie streicht an seinem Haus vorbei. Sie wartet auf ihn. Hofft, dass er ihre Zitzen sieht, denkt an Rom, aber er ist kein Säugling mehr. Da sitzt sie an die Außenwand seines Schlafzimmers gedrückt, versteckt vor dem Schein der Laternen, und fragt sich, wie der Augenblick ist. Komisch? Leer und voll, übervoll. Sie hält ihn kaum aus. Was aus ihresgleichen geworden ist, weiß sie sehr wohl: wer es vor Tausenden von Jahren mit einem Menschen versuchte, rennt nun als Hund herum. Ihren Körper spürt sie überall: dicker an Hals und Kopf als bei einem Hund, breiter, schneller. Sie ist wach, ihre Ohren spielen von selbst, man könnte sie für Regungen des Windes halten, sie folgen ihm und seinen Richtungen. Es gibt verschiedene Jäger, Kutschenjäger, Polizistenjäger, Gewehrjäger. Am Stadtbach bricht eine Großmutter in Gezeter aus, nur weil sie die Wölfin sieht. Die Gefahr ist nicht jetzt, sondern später. Sie spürt, wie der Mond an ihrem Blut zieht und heult. Der Laut bricht ihr aus der Kehle, so dass Rotkäppchen in seinem Bett halb in Ohnmacht fällt oder wenigstens sein Gedächtnis tilgt.

          Die Lösung fand sie ein paar Wochen später, vielleicht gab der Menschengeruch selbst sie ihr ein. Auch ihre Jungen streunten inzwischen durch das Städtchen. Man musste schnell sein, doch ein Schlossgarten und Hinterhöfe voller Nahrung im Überfluss entschädigten für die Gefahr. Sie, grau, schwarz und klein, eine zierliche Wölfin, duckte sich nun auch bereits abends, ja, sogar am späten Nachmittag gegen Rotkäppchens Hauswand, und hörte, wie er seinen Kindern von Rotkäppchen erzählte. Sie verstand, dass er sich in der Erzählung versteckte, deswegen hatte er aus ihr einen Rüden in Großmutters Bett gemacht, aus ihrem Heulen einen Gewehrschuss, aus der Liebe das Schlitzen des Bauches. Seit sie das Märchen kannte, wunderte sie sich, dass es nicht davon berichtete, wie der Wolf umkam, dass er nur wie ein Geist verschwand – er war die Lücke, aus der nun sie spazierte. Im Märchen aßen schlussendlich nur Menschen, Kuchen und Wein stopften sie in sich hinein, fern vom Wolf. So waren sie friedlich, so gingen sie auf geraden Wegen. Und doch sah man, wenn Rotkäppchen den Blick hob – und Rotkäppchen hob immer den Blick zum Fenster, wenn es seine Frau, nachdem das Märchen zu Ende war, wieder mit den Kinderkäppchen über die braven Wege sprechen ließ -, ja, dann sah man die bernsteinfunkelnden Sprengsel in Rotkäppchens träumenden Augen.

          Ihr Geschenk. Wölfisch blitzte sie ihm aus dem Gesicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ulrike Draesner, geboren 1962, studierte in Deutschland und England. Sie lebt als freie Autorin in Berlin. Ihr Werk umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Zuletzt erschienen: « Vorliebe », Roman (2010), „Schöne Frauen lesen“, Essays (2007) und der Gedichtband „berührte orte“ (2008). Im März 2011 veröffentlichte Draesner den Erzählband „Richtig liegen. Geschichten in Paaren.“ Draesner hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Drostepreis und den Literaturpreis Solothurn (2010).

 

Mehr unter: www.draesner.de

 

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