Tzveta Sofronieva

 

 

 

(Bulgarien-Deutschland)

 

 

Frau T.

 

Der Himmel an diesem strahlendhellen Wintermorgen war irritierend blau und die Kälte sanftbeißend, ein seltsames Wetter für diese Stadt, die gewöhnlich am Ende des Winters mit nichts anderem prahlen kann als einem bedeckten Himmel und grauen Straßen, bedeckten Gesichtern und grauen Mänteln, und um nichts in der Welt wie eine der großen und eleganten Metropolen aussehen will, die sie eigentlich ist. An diesem Tag jedoch  blieb die Stadt ihrem Wesen treu, wofür vielleicht das kalte sonnige Wetter verantwortlich war; einer jener Tage, die – wenn das Licht nicht nur auf heruntergekommene Plätze und Bilder fällt – die Schönheit großer Städte enthüllen. An einem späten Morgen eines solchen Tages und in einer solchen großen, sich selbst noch nicht kennenden Metropole, konnte ich es mir erlauben, an Frau T. zu denken.

An irgendeinem südlichen kleineren Ort wären meine Gedanken sicher ziellos umhergewandert und hätten die Vertiefung von Frau T. in ihre Arbeit, ihre reservierte Herzlichkeit, ihre Zartheit und Anmut nicht verfolgen können. In der Mitte irgendeiner selbstsicheren und vorhersehbaren City wären sie zu übereilt, geschäftig und routiniert gewesen, um die weiche Eleganz und die unaufdringliche Intelligenz einer nicht parfümierten Dame, ihr offenes Gesicht und ihre leuchtenden Mädchenaugen zu erfassen. Diese Stadt, nicht sehr nördlich und nicht sehr im Süden, nicht sehr reich aber auch nicht provinziell, genau diese jetzt werdende, sich im Moment verwirklichende Stadt und genau dieser wintersonnige Tag waren eine hervorragende Kulisse für das Erscheinen von Frau T. Nicht etwa, dass sie in dieser Stadt zu diesem Tag gewesen wäre, aber in einer solchen Situation und unter solchen Umständen konnte ich an sie denken, etwas, das mir seit langem nicht geglückt war.

 

Ich denke gern an sie, an ihre lebhaften Bewegungen, die selbst in ihrer Munterkeit etwas verzögert wirken, ihre mittellangen Haare mit häufig wechselnden Farben und Tönungen, ihre bedachten Handlungen, optimiert, zielgerichtet, ihre fast  sterile Wohnung und ihre einfache Kost, überraschend bescheiden angesichts ihrer begeisterten Kochexperimente, ihre eigentümliche Gewohnheit, Kunst erst nach dem Besuch eines vegetarischen Restaurants oder eines Schwimmbads mit Sauna zu genießen. Anfangs erschien mir alles, was sie tat, kühl, emotionslos; dabei war mir klar, dass ich mich täusche. Ihre Augen verrieten Leidenschaft und Neugier, und wenn sie lachte, umarmte sie die Welt mit dem zärtlichsten Blick einer Frau, so dass ich nicht aufhörte, nach dem zu suchen, was sich hinter dem Sichtbaren bei Frau T. verbarg. Erst nach Jahren begriff ich, dass ihre Lebensweise nur dazu diente sich zu schützen, und dass sie umfassende Kenntnisse darüber besaß, wie sie dies tun sollte. Sie war ein verletzbares empfindsames Wesen, das das Leben zu sehr liebte, als dass es sich leicht aufgegeben hätte. Heute, nachdem ich in meinen Gesprächen mit ihr viel über die Selbstliebe und den Egoismus der Gene, der Viren und ähnlicher Tierchen gelernt habe und nicht weniger sensibel für körperliche Beschwerden und Sorgen bin, ertappe ich mich, dass auch ich immer steriler und berechnender lebe.

 

Die Fähigkeit von Frau T., das Leben zu genießen, ohne sich den allgemein üblichen Vergnügungen hinzugeben, hat mich immer fasziniert. Sie rauchte nicht, lebte  – in den Jahren, in denen ich sie kannte und oft sah – in einer monogamen Beziehung, sie schlief lange und stand weder sehr früh auf, noch ging sie sehr spät zu Bett. Sie arbeitete viel, widmete sich den Kranken und den Studenten, schrieb und las und setzte ihre Experimente an sonnigen Nachmittagen an. An den dunklen malte sie ihre Gefühle auf große Leinwände, ihren Zustand konzentriert am Rande des Nichts bewahrend.

 

Ich saß in einem Café an einer der Haupteinkaufsstraßen und hatte das Gefühl, dass die Luft nicht gut war und die schlecht funktionierende Klimaanlage mir bald den Atem nehmen würde. Doch als mir der Cappuccino gebracht wurde, leicht mit Kakao bestäubt und heiß, fand ich mich mit der Luft ab und suchte mit dem Blick durch die Glaswand nach einer Frau, die ihr ähnlich sah. Dieses Unterfangen war nicht leicht, aber nach einigem Üben konnte ich an den Passanten – meist Mütter mit in ihren Wagen versunkenen Kindern, kleine Ähnlichkeiten mit Frau T. entdecken, sie an einem Ort sammeln und ihr wieder alle meine Gedanken widmen. Ich weiß nicht, ob sie Kinder hatte. Ich besuchte sie stets am späten Vormittag im Labor, im Atelier oder zu Hause im Wohnzimmer ihrer Altbauwohnung. In diesen Räumen und um diese Zeit gab es keine Anzeichen, die für die Anwesenheit eines Kindes oder das Fehlen eines solchen gesprochen hätten. Es kam auch nicht dazu, dass wir darüber sprachen, nicht weil Frau T. persönliche Gespräche gemieden hätte, sondern eher weil sie nicht die Angewohnheit hatte, andere mit sich zu beschäftigen oder unpassendeabweichende Themen in den Gang eines Gesprächs einzubringen. Wenn sie kein Kind gehabt hat, wird das weder wegen irgendeiner Emanzipation gewesen sein, von der Frau T. ihre eigene Meinung hatte, noch wegen Befürchtungen über das Ende der Welt oder aus dem Wunsch nach Bequemlichkeit. Das war mit Sicherheit die Frucht des reinen Zufalls, der Umstände, unter denen ihre Tage dahingegangen waren. Wenn sie aber Kinder hatte, so wird sie das für das natürlichste und selbstverständlichste gehalten und daher nicht kommentiert haben. Ich weiß auch nicht, ob ihr Name von ihrem Vater kam, von den Vorfahren ihrer Mutter oder aus der Familie eines Ehemannes, und ob die ihn tragende Familie etwas mit dem Herrn auf dem berühmten Bild Rembrandts gemein hat. Vielleicht war der Name auch ein von ihr gewähltes Pseudonym, Ausdruck einer empfundenen Verwandtschaft. Es ist eigentlich ein unpassender Name für sie, zu kurz und auch, wenn man an die Assoziationen denkt, die er weckt, zu illustrativ für die Konzentration und Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ideen verfolgte. Sie gab nie auf. Ich könnte keine andere Eigenschaft von Frau T. nennen, die so bezeichnend für sie wäre.

 

Die kontinuierliche Suche ihres Bildes in meinem Gedächtnis hat sie sicherlich aus dem Nichts geschaffen, denn als ich den Kopf aus meinen Gedanken und aus meinem  Cappuccino hob, sah ich sie zwei Tische weiter Zeitung lesen. Wahrscheinlich war sie gerade gekommen – vor ihr stand nichts Bestelltes, eine der an einem Zeitungsspanner befestigten, im Café angebotenen Zeitungen war erst am Anfang aufgeschlagen, und ihre Wangen trugen noch das frische Rot der sonnigen Kälte von draußen. Nicht nur, dass ich es nicht erwartet hatte, Frau T. in diesem Café zu dieser Zeit zu sehen, ich hatte überhaupt nicht erwartet, dass sie in dieser Stadt an diesem Tag war, und mein Erstaunen war groß, größer sogar als die Neugier, und  so blieb ich noch eine gewisse Zeit an meinem Tisch vor meiner leeren Cappuccinotasse mit Spuren von Milchschaum und Kakao sitzen.  Überzeugt, dass ich mich getäuscht hatte, konnte ich weder den Kellner rufen, um zu zahlen und zu gehen, noch konnte ich Frau T. ansprechen, zu ihrem Tisch gehen oder ihr zunicken, wenn sie den Kopf beim Durchblättern der Zeitung hob. Mein Erstaunen begann gerade nachzulassen, um anderen Gefühlen und eventuell Taten Raum zu geben, als der Kellner, wahrscheinlich auf die Bestellung hin, die die Frau aufgegeben hatte, bevor ich sie gesehen hatte, ein Halbliterglas mit Kristallweizen vor sie hinstellte. Dass Frau T. ein solches Getränk in dieser Menge  vor dem Mittagessen trank, war so ungewöhnlich, dass ich in meiner vorherigen Haltung noch eine Weile wie erstarrt da saß. Auch der Kellner war wahrscheinlich überrascht von dem Widerspruch zwischen der Frau , dem gewählten Getränk, der Jahreszeit und auch dem für einen derartigen Einfall gewählten Café. Er versuchte, der Frau zu erklären, dass wenn dieses Bier ihr für diesen kalten Tag zu erfrischend schiene, zu schwer im Geschmack und so weiter, könnte er ihr auch ein Pils bringen. Zumal Weizenbier weder für diese Gegend noch für diese Stadt  und noch weniger für dieses Café typisch sei. Einfacher wäre es, ihr gleich ein anderes Getränk zu bringen. Frau T. dankte ihm für die Informationen und löschte ihren Durst mit mit einem tiefen Zug aus dem Glas, womit sie ihn endgültig wegschickte.

 

Voller Zweifel, ob das überhaupt Frau T. war, versuchte ich mich wieder in meine Gedanken zu versenken und sie mit der Erinnerung zu vergleichen. Es gelang mir kaum. Ich fragte mich, ob sie zu einer Konferenz gekommen war, ob sie Freunde besuchte, sich einfach zurückgezogen hatte, ob sie eine Ausstellung machte, oder vielleicht in diese Stadt gezogen war. Dann – weil nichts passierte, traute ich mich nicht, von meinem Platz aufzustehen, um das Café zu verlassen oder zu ihr zu gehen und sie zu begrüßen – schaffte ich es, meine Gedanken auf einen Morgen bei Frau T. vor langer Zeit zu lenken. Mein Kommen unterbrach damals eine solche Zeitungslektüre. Frau T. lud mich zu einer Tasse nicht allzu starken schwarzen Tees ein und zeigte mir die verstreuten Seiten. Sie sprach lange zu mir, wobei sie mir immer wieder schwachen schwarzen Tee aus einer rosafarbenen Teekanne in Form eines Schweins nachschenkte, die wohl eher gute Laune als Glück bringen sollte, und sich selbst etwas Orangensaft in die Tasse goss. Geklonte Lebewesen, Beziehungen zwischen Doppelgängern, Zwillinge aus tiefgefrorenen Embryos, geboren mit so und soviel Jahren Unterschied, das Ozonloch, Kühlschränke, Chemie-Firmen, meteorologische Prognosen, kosmetische Cremes, das Schmelzen der Polkappen, der Astigmatismus der Künstler, die immunologischen Labors, das Strafverfahren gegen experimentierende Ärzte, den Verteidigern des Lebens, Forschungsbudgets irgendeiner Universität, Lungenentzündungen, Aids, Kindergärten, politische Wahlen und Regimes, die Moral des Präsidenten, der Krieg, die anderen Kriege, der Geldtransfer und weitere Revolutionen und Liebesaffären beschäftigten sie. Sie nannte oft irgendwelche exotisch und unzusammenhängend klingende Namen von Wissenschaftlern aus allen Kontinenten, die sich daran gemacht hatten, in die Netze dieser Welt einzudringen. (Latour, einer der Namen, war für mich nur die Bezeichnung eines französischen Chateaus und seines Weines). Sie erinnerte mich an eine leicht berauschte Abiturientin auf ihrem Abschluss-Ball. Als sie noch einmal ihren nicht allzu starken schwarzen Tee machte, kam aus ihrer Zeitung eine kleine Spinne und lief über den Marmortisch. Wahrscheinlich von einem Blumentopf in einen anderen.

 

Frau T. hatte viele Blumen, genauer Pflanzen mit breiten tiefgrünen Blättern, die sie mit einer Kupfergießkanne mit langem Schnabel begoss. Ihre Blumentöpfe waren schneeweiß und am oberen Rand nach außen geschwungen. Sie bewohnten normalerweise die Räume zwischen den Glasvitrinen für Gläser und Bücher und den Luftreinigern und Raumbefeuchtern. Ihre Zweige hatten frische Triebe, sie mochten das Licht, das sie von allen Seiten umflutete. Es warf wandelnde Schatten auf das Parkett. Die Sonne schien zu jeder Tageszeit durch eines der vielen, von Gardinen und Jalousien befreiten Fenster in Frau T.’s Wohnung. An ihren Strahlen hangelten sich manchmal kleine krebsartige Spinnen entlang. Sie verschwanden in den Schatten der Pflanzen, vielleicht kletterten sie an ihnen hoch, lasen in den Zeitungen von gestern neben den Blumentöpfen und von Zeit zu Zeit auch in denen von heute auf dem Tisch. Sie reihten sich in die weltumspannenden Netze aus Hybriden, Cyborgs und Zwischenzuständen ein, über die dort geschrieben wurde. Obwohl sie keine anderen Tiere zu Hause hielt und einen großen Teil ihrer Forschungen den Problemen der Krebserkrankungen gewidmet hatte, zerstörte Frau T. vielleicht genau aus diesen zwei Gründen die Idylle zwischen den krebsartigen Wesen und den Tagesnachrichten nicht. Sie gehörten sich gegenseitig, und die Beziehung zwischen ihren Netzen war selbstverständlich.

 

Das brachte mich darauf nachzusehen, ob aus ihrer Zeitung im Café so eine Spinne herausgekrabbelt war. Es erinnerte mich an die vielen Fragen, die ich an sie hatte und daran, dass ich sie endlich stellen wollte und  einfach an ihren Tisch gehen musste. Entschlossen stand ich auf. Ich sah niemanden. Ich sah kein leeres Bierglas auf besagtem Tisch, nicht einmal einen Fleck davon. Ich sah keine Frau T. an irgendeinem Tisch im Café. Obwohl mir das ganz natürlich erschien – was konnte sie hier um diese Zeit suchen – und obwohl es mich irgendwie beruhigte, dass sie eine Erscheinung gewesen war (andererseits hätte ich mich über sie gefreut, wenn sie es wirklich gewesen wäre), bestellte ich mir einen kleinen Cognac. Überraschend schnell kam der Kellner mit dem Cognac. Während er ihn mir servierte, bemerkte er, dass es doch schön sei, sich zu wärmen, bevor man in die sonnentäuschende Kälte gehe, anders als einige Gäste des Cafés, die  Jahreszeiten und Getränke durcheinander brächten und sich eiskaltes Weizenbier in einem Halbliterglas auf nüchternen Magen bestellten. Ich mag plaudernde Kellner, die vor Sonnenaufgang üppig frühstücken, nicht besonders. Schnell trank ich aus und zahlte, murmelte, dass der Cognac gegen die stickige Luft in dem ungelüfteten Café gewesen sei, und ging hinaus, um einen Schluck Luft des  klaren und kalten Himmels zu atmen.

 

Foto: Simon Varsano

 

 

 

 

 

 

 

 

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1963 in Sofia geboren. Studium der Physik und  Wissenschaftsgeschichte. Doktor in Kulturwissenschaften. Sie ist Autorin verschiedener Poesiebände, darunter Chicago Blues (englisch-bulgarisch), 1992, Gefangen im Licht (deutsch-bulgarisch), Marburg, 1999.  Einiger ihrer Erzählungen wurden in den Anthologie Feuer, Lebenslust! (Klett-Cotta, 2003) und Mein heimliches Auge 19 & 20 (Konkurs, 2004 & 2005) publiziert. Sie gründete das Netzwerk « Verbotene Worte » aus dem eine Anthologie hervorging.

 

Zuletzt erschienen: Eine Hand voll Wasser, Gedichte. (2008)

 

Tzveta Sofronieva lebt in Berlin und schreibt auf bulgarisch, deutsch und englisch.

 

Teilnahme am 13. deutsch-französischen Literaturaustausch Nord-Süd-Passage, 2009 in Pourrières. Zusammenarbeit mit Tzveta Sofronieva.Veröffentlicht in : Web-Revue Nord-Süd-Passage N°12 / 2009-2010.

 

http://www.tzveta-sofronieva.de/

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