Tanja Dückers

 

 

 

(Deutschland)

 

 

 Das Rätsel eines Tages

(erschienen in: „Das Rätsel eines Tages und andere surreale Geschichten“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011)

 

 

Pauls Großmutter war sehr fromm gewesen. Als Kind hatte Paul die Innigkeit ihres Betens beeindruckt: Wie sie vor sich hin murmelte, eine Kette in ihren Händen hielt und ihre Finger dabei über aneinander geduckte schwarze Perlen fuhren. Warum diese Kette „Rosenkranz“ hieß, verstand er nicht. Wo waren die Rosen? Waren es vielleicht unsichtbare Rosen? Etwas, das man nur sehen konnte, wenn man, wie Großmutter, die Augen fest verschlossen hielt? Wenn Pauls Großmutter betete, konnte nichts in der Welt sie aus ihrem schlafwandlerischen Zustand herausreißen, die Milch konnte überkochen, der Postbote klingeln, Theo, ihr Jagdhund, aufgeregt kläffen – sie dachte nicht daran, ihr Gebet zu unterbrechen. Auch nicht, wenn Großvater sich über sie lustig machte. Einmal sagte er zu ihr: „Die Scheune kann abbrennen und du merkst nicht, was um dich herum passiert.“

Die Großmutter hatte zurückgegeben: „Das ist ein Rausch, der nichts kostet, Kurt.“

Der Großvater hatte daraufhin sofort geschwiegen und später unauffällig seine Flachmänner im Hausmüll verschwinden lassen.

Einmal, gegen Ende des Marienmonats, hatte die Großmutter Paul eine blutrote Rose geschenkt und mit einem geheimnisvollen Gesichtsausdruck gesagt: „Die ist für dich, und niemand weiß, woher ich sie mitgebracht habe. Sie wird dir Glück und Segen bringen. Wenn ich mal nicht mehr da bin.“

Pauls Mutter hatte mit Religion nichts am Hut, für sie war die Musik, was für die Großmutter die Religion war. Der alte Flügel war der einzige Wertgegenstand, den die Familie heil durch den Krieg hatte bringen können – und Pauls Mutter war glücklich, sich neben ihrer Arbeit als Verkäuferin in einer Drogerie und als Köchin in einem Altenheim den Luxus des Klavierspielens leisten zu können. Paul liebte es, wenn die Mutter Klavier spielte. Vor allem faszinierte ihn ihr entrücktes Gesicht, wenn sie mit geschlossenen Augen Sonaten spielte, am liebsten von italienischen Komponisten wie Muzio Clementi. Sie konnte stundenlang so spielen, und Paul saß oft nach der Schule auf dem Sofa und hörte ihr zu, während andere Jungen Fußball spielen gingen.

Paul erinnerte sich an einen Sonntagnachmittag, an dem die Mutter wieder einmal Sonaten großer italienischer Komponisten spielte – sie liebte Italien, vielmehr ihre Vorstellung davon, denn in der kargen Nachkriegszeit hatte die Familie nicht genug Geld, um solch eine Reise ins Ausland unternehmen zu können. Der Vater ging unterdessen seinem Lieblingszeitvertreib nach, er spielte mit seinen Freunden im langen Flur zwischen Haustür und Wohnzimmer Darts. Er hatte eine große selbst geschnitzte und bemalte Holzscheibe mit roten, weißen und schwarzen Feldern oberhalb der Tür, die ins Wohnzimmer führte, angebracht. Jede Woche warfen seine Kumpels und er unter Grölen, Jubeln und Fluchen ihre Dartpfeile, dann traute sich Paul nicht mehr in den Flur. Der Gewinner des Nachmittags lud abends die Runde zum Biertrinken in die „Kleine Ecke“ ein.

An diesem Nachmittag spielte Pauls Mutter schon zum dritten Mal die gleiche Sonate von Clementi, vielleicht hätte sie diese, versunken wie sie war, immer wieder gespielt, wäre da nicht plötzlich ein lauter Schrei gewesen.

Niemand reagierte. Pauls Mutter nicht, weil sie Klavier spielte und ihren Mann nicht hörte, und Paul nicht, weil er fasziniert war von der Verwandlung seiner sonst so stillen, schüchternen Mutter: dem Wilden, Widerspenstigen und Stolzen, das am Klavier plötzlich von ihr ausging. Doch wirkte sie so fern. Ihre Augen waren angestrengt zusammengekniffen, ihre Lippen aufeinander gepresst, ihr Anschlag war hart heute, Kraft steckte dahinter. Wo war sie in diesen Momenten? Lebte sie in Italien, wenn sie diese Noten spielte? Und wie sie spielte!

Da stand der Vater im Wohnzimmer: „Helga, hörst du mich nicht? Ich blute, wo sind unsere Mullbinden, nun hilf mir doch mal!“

Paul starrte seinen Vater an. Ein Pfeil musste ihn am Ohr gestreift haben, es sah aber nicht nach einer schlimmen Verletzung aus. Seine Mutter rieb sich die Augen, reagierte immer noch nicht. „Helga, dein gottverdammtes Klavierspiel!!“, brüllte Pauls Vater los. „Hat sie dich vergessen! Aus den Augen, aus dem Sinn“, mokierte sich Rainer, einer von Vaters Kumpels. Da sagte seine Mutter, wie aus großer Ferne: „Das ist eine Leidenschaft, die niemandem weh tut, Karl.“

Eines Tages schenkte seine Mutter Paul ein schönes Buch mit Fotos und Bildern aus Italien. Nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten, einfach so. Obwohl sie kaum Geld hatten. Das Buch war in Italienisch geschrieben, es zeigte wundersame Gärten mit Noten an den Bäumen und Aquarelle von Olivenhainen und Zitronenbäumen, in denen sich Kobolde tummelten. „Das ist ein Schatz für dich – niemand weiß und wird je erfahren, wo ich ihn herhabe. Er ist nicht von hier. Er wird dich immer wieder an das Andere im Leben, das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren, erinnern, wenn du es brauchst. Wenn ich mal nicht mehr da bin.“

 

Paul wurde älter und war gut genug in der Schule, um aufs Gymnasium gehen zu können. Pauls Vater wollte, dass Paul später Ingenieur werden würde – denn ihn hatten gerade Bilder von der Mondlandung im Fernsehen beeindruckt. Raumfahrt, das ist etwas für dich! Du musst etwas Technisches machen, das hat Zukunft!“ Die Großmutter hatte den Kopf geschüttelt und gesagt – wenige Wochen vor ihrem Tod war das gewesen: „Wer reisen will, braucht kein Ticket dafür und keine Raumkapsel.“ Aber Paul hatte sowieso nicht vorgehabt, Ingenieur zu werden, er war schlecht in Physik, ihm gefielen Zahlen eigentlich nur als Formen, als graphische Figuren oder Bildelemente, nicht, um sie miteinander zu kreuzen, um sie aufeinanderzustapeln und wieder voneinander herunterzuschubsen oder was Mathematiker sonst noch so mit ihnen unternahmen – wenn er die Nachmittage nicht zu Hause verbrachte, ging er ins Museum. Er liebte die Stille, die dort an Nachmittagen unter der Woche oft herrschte, das helle diffuse Licht, das von der Decke in den Raum fiel, die hohen Wände, die dem Museum etwas Kathedralenhaftes gaben – wie mickrig war sein Zuhause dagegen. Wenn er lange vor einem Bild gestanden und sich in dessen Betrachtung vertieft hatte, konnte es passieren, dass er sich erschrak, wenn er seine eigenen Schritte, das bedrohliche Knarren auf dem Parkett, wieder hörte.

Er liebte die Bilder von Hieronymus Bosch: Wie oft hatte er sich von seinen Wesen anstarren lassen – wie lebendig sie aussahen! Er mochte aber auch die seltsamen düsteren Landschaften von Max Klinger – der rätselhafte Riesenvogel, der einen Handschuh stiehlt und mit ihm über die Hausdächer fliegt. Schon manchmal war es ihm vorgekommen, als hätte sein Flügelschlag gerade sein Haar aufgeweht. Und über all die Jahre gingen ihm diese beiden Sätze – „das ist ein Rausch, der nichts kostet“ und „das ist eine Leidenschaft, die niemandem weh tut“ – nicht aus dem Kopf. Die längst verwelkte Rose und das wundersame Italien-Buch bewahrte er in einem Schuhkarton auf, den er mit Silberpapier ausgeschlagen hatte, so dass er ein wenig wie ein Schatzkästchen aussah.

 

Eines Tages, als er von der Schule nach Hause kam, erzählte ihm sein schluchzender Vater, dass seine Mutter am Vormittag gestorben sei – an einer Hirnblutung, innerhalb weniger Stunden. Konnte wahr sein, was der Vater erzählte? Seine Stimme klang fern, ferner mit jedem Wort. Wie viele Welten konnten nebeneinander existieren? Mit steifen Beinen, ganz still, trat Paul an das Bett seiner Mutter. Da lag sie – die Augen geschlossen, als wären sie immer geschlossen gewesen. Der Totenschein des Arztes lag auf ihrem Schoß, ein kleines, gemeines Stück Papier. Doch ihre Hand war noch lauwarm, als er sie berührte. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass seine Mutter nicht mehr da sein würde – statt Trauer überkam ihm zunächst nur ein Gefühl von Unwirklichkeit, wenn er morgens ihrem leeren Platz am Küchentisch gegenüber saß. Wo war Mutter? Im Grunde schien er jeden Tag auf ihre Rückkehr zu warten, seine Gefühle gehorchten nicht seinem Verstand, nicht mal die Beerdigung – sie kam ihm vor wie ein Theaterstück – konnte ihn innerlich davon überzeugen, dass seine Mutter wirklich tot war. Manchmal hielt er sich die Ohren zu, und sein Blut schien im Takt einer Clementi-Sonate zu rauschen.

In den folgenden Wochen hielt er es zu Hause nicht mehr aus, das Klavier schien ihn anzustarren, das Sofa, auf dem er immer gelegen hatte, der Küchentisch, an dem seine Mutter das Essen zubereitet hatte. Nach der Schule ging er gleich ins Museum und erledigte oft noch auf den Stufen vor dem Eingang seine Hausaufgaben.

Auch an diesem Nachmittag ging er, nachdem er ein trockenes Brötchen und einen Apfel als Mittagessen in der Straßenbahn verzehrt hatte, wieder ins Museum. Seit Beginn der Woche wurde eine Sonderausstellung gezeigt. Paul hörte wie immer das laute Knarzen, als er von einem Kunstwerk zum nächsten schritt. Vor einem Gemälde, das ihn besonders ansprach, blieb er stehen: Vor ihm erstreckte sich eine – vielleicht italienische – Stadtlandschaft. Doch obwohl ein großes Denkmal zu sehen war, schien die Leere der eigentliche Inhalt des Gemäldes zu sein – eine eigentümliche Leere war das, eine Leere und Stille trotz warmer, mediterraner Farben. Und das Denkmal kehrte dem Betrachter den Rücken zu, was für ein merkwürdiges Bild. In der Ferne stand ein riesiger, dicker weißer Turm, dessen Bedeutung vollkommen unklar war, drei Fahnen wehten auf ihm. Am Horizont fuhr ein Zug. Doch wo waren die Menschen, die Passanten geblieben? Standen da hinten zwei Männer – allein – auf der weiten Ebene? Was trugen sie für altmodische Hüte? Was war das für ein seltsamer Ort? Paul trat näher an das Gemälde heran – es knarzte und knarzte – und noch näher. Was war das für ein Zug dort und was für ein Denkmal und was für ein Arkadengang, diese langen Schatten … Auf einmal knarzte es nicht mehr, es hallte – er merkte plötzlich, wie es warm um ihn herum wurde. Die Luft roch anders, vielleicht nach Gewürzen. Paul begann weiterzugehen. Am Horizont fuhr und fuhr der Zug. Doch warum hörte er ihn nicht? Er lief noch ein Stück. Ihm fiel auf, wie lang der Schatten war, den er warf – doch war es nicht früher Nachmittag? Wo war das Sonnenlicht? Der Himmel über ihm war von einem seltsamen dunklen Grün, wie Samt. Nur über dem Horizont hellte er sich etwas auf.

Er trat jetzt an einen der leeren weißen Arkadengänge heran und befühlte die Wand. Er hatte mit rauem Putz gerechnet, doch als er daran klopfte, fühlte sich die Wand hohl an. Die Wand schien ihm eine Kulisse zu sein. Irgendwie wirkten die Perspektiven auch merkwürdig verzerrt. Hatte er Facettenaugen bekommen oder was gehörte hier wie zusammen? Dann sah er plötzlich den Schatten eines Mädchen, das einen Reifen rollte, eine Art Hula-Hoop-Reifen. Er starrte dem Schatten hinterher – doch wo war das Mädchen? Nur ihr Schatten flog an ihm vorbei.

Paul ging weiter, merkwürdigerweise verspürte er keine Angst. Er dachte an nichts. Er lief durch die eigentümliche leere Stadt, vorbei an Brunnen und Denkmälern, an Bahnhöfen und leeren Waggons. An roten Türmen und Häusern mit schwarzen Fenstern und Türen. Als er an eine Toreinfahrt kam, wollte er in den Hof huschen, doch stieß er sich den Kopf. Da bemerkte er, dass die Fenster und Türen nicht leer, sondern mit schwarzen Wänden verstehen waren. Er klopfte wieder an die Wand. Da zog sie sich wie von Geisterhand auf – und bot ihm ein Bild des Schreckens: Zerstückelte Körper, Tote, in Bergen aufeinander. Ihm stockte der Atem – wo war er? Da hörte er eine Stimme: „Willkommen im Krieg.“ Er machte zwei Schritte zurück, und die schwarze Tür fiel wieder vor ihm zu. Das niedrige Fenster, an dem er jetzt entlang torkelte, noch unter Schock, hatte er gar nicht absichtlich öffnen wollen, doch hatte er es wohl mit seinem Ellbogen oder seinem Jackenärmel gestreift. Schon ging es auf – Männer mit verbundenen Köpfen lagen in Metallbetten, oft zu zweit in einem. Manchen fehlten Gliedmaßen, manche trugen Binden um beide Augen. „Willkommen im Militärlazarett von Ferrara!“, rief eine Krankenschwester in altmodischer Kleidung ihm zu. Rasch entfernte er sich, wobei er noch einen Blick auf einen Mann erhaschte, der ihn mit melancholischer Miene ansah und, wie ihm schien, hektisch auf einem Papierblock zeichnete.

Jetzt konnte er schemenhaft am Horizont ein großes Schloss erkennen. Der Weg zum Schloss bestand aus braunen Holzbrettern – Paul kam es vor, als würde er auf einer Bühne spazieren gehen. Wie konnte das Schloss auf diesen Brettern stehen? Da thronte es. Und vor ihm in gemessenem Abstand bemerkte er jetzt eine Figurengruppe – es waren Statuen, aber aus Holz, die auf bunten, ja, wie sollte er das nennen, Bausteinen saßen – sie sahen aus wie das Spielzeug von einem Clown oder einem Zauberer. Eine Figur stand – es sah aus, als wäre ihr Torso auf eine Säule aufgepfropft. Eine andere, dickliche, saß auf einem blauen Würfel. Ihren Kopf hatte sie neben sich abgestellt. Paul wunderte sich, wie wenig er sich darüber wunderte. Er trat einfach an die dickliche Frau heran. Anstelle ihres Kopfes, der neben ihr stand, befand sich nur ein sehr kleiner schwarzer Holzkopf, der vorn wie hinten gleich aussah. Keine Augen, kein Mund, nichts. Und doch sprach sie zu ihm: „Sei nicht beunruhigt von uns, geh weiter!“ Da lachte die andere hohe Figur, die auf einen Sockel aufgepfropft worden zu sein schien: „Dies ist ein Test: Läuft der Passant fort, wenn er uns sieht oder geht er weiter auf die Burg zu?“

„Was ist das für eine Burg?“

„Das ist das Este-Kastell in Ferrara, mein Kleiner.“

„Und – was passiert da? Warum soll ich dort hingehen?“

„Das weiß ich auch nicht …  Jedem passiert etwas anderes dort, ich kann dir nicht sagen, was dort mit dir passiert. Der Himmel grünt so sehr, ich möchte mich jetzt in meinen eigenen Schatten zurückziehen.“

Damit verschloss sich die Öffnung in dem Holzkopf und tat sich nicht mehr auf. Der Halsstumpf der Statue oder Puppe sah aus, als hätte er nie anders ausgesehen, als sei nie ein Laut aus ihm gedrungen.

 

Paul trat näher an die Burg heran. Sie war von einem lodernden Rot, die Farbe war ihm unheimlich. Kleine Fähnchen flatterten wild im Wind, doch eigentlich wirkte die Stadt komplett windstill. Irgendwie schienen hier andere physikalische Verhältnisse zu herrschen. Das Kastell wurde immer größer, je näher Paul herantrat. Es war massiv und hatte nur winzige Fenster, wie Schießscharten. Statt Türen sah er nur zwei große schwarze Öffnungen, eine dritte war zugemauert worden. Sollte er da hineingehen? Er drehte sich noch einmal zurück zu den Frauen. Starr, mit geradem Rücken, saßen sie auf der Straße, als hätten sie sich nie gerührt. Und als würden sie sich auch nicht rühren, wenn er um Hilfe schreien würde.

Doch irgendetwas zog ihn an der Burg an. Er trat durch den rechten Torbogen und tastete sich durch den Gang. Schweiß rann ihm über die Stirn – wie heiß es hier drin war, in dieser großen, roten Feuerburg.

Da stand er plötzlich in einem hell erleuchteten Raum. Er war leer, doch hörte er Musik. Klaviermusik. Sonaten – von Clementi.

„Wo bist du?“, rief er.

Da antwortete eine Stimme, die ihm vertraut klang: „Ich bin nicht mehr da, mein Sohn, ein roter Vorhang aus Rosen, nicht aus Blut, sickerte mir in meine Gedanken, aber alles, alles, was wir zusammen erlebt haben, ist für immer wahr gewesen und wird mit keinem Tag in Zukunft weniger wahr gewesen sein … und wenn du mich wieder treffen und mich spielen hören willst, wie früher, dann komm hierher zu mir ins Kastell … Du weißt, jetzt wo du mich hören kannst. Und vergiss nicht: Das ist ein Rausch, der niemandem weh tut.“

Dann zog ein Mann, den er vorher nicht gesehen hatte, eine Art Diener, lächelnd  eine Tür vor ihm zu. Und wieder umgab ihn Dunkelheit.

Er tastete sich an der Wand entlang, bis er an eine Türklinke kam. Er drückte sie herab. Helles Licht fiel auf ihn. Große schwarze Perlen rollten wie von Geisterhand bewegt in diesem Raum herum. Dann sah er seine Großmutter an einem Tischchen sitzen und Obst essen. Sie lachte ihn mit vollem Mund an: „Wir wussten, dass du kommst! Lass uns Boule spielen und beten und beten und Boule spielen. Mit den bunten Kugeln hier!“

„Warum Boule?“, wagte er seine Großmutter zu fragen.

„Versenkung und Zerstreuung, das sind zwei Seiten einer Medaille, man kann sich nur selbst finden, wenn man bereit ist, sich immer wieder zu verlieren, im doppelten Wortsinn, mein Lieber. Schön, dass du den Mut hattest, hierher zu kommen.“

Dann lachte sie noch einmal laut und fröhlich. Ein Diener, den er vorher nicht gesehen hatte, schloss die Tür mit einer Verbeugung vor ihm. Verwirrt trat Paul zurück. Plötzlich stand das Mädchen mit dem Reifen neben ihm im Dunkeln und sagte: „Du hast deinen Burgbesuch beendet, komm, ich führe dich nach draußen. Du weißt jetzt, dass du sie immer wieder sehen kannst.“

„Es ist so dunkel …“, stammelte Paul.

Das Mädchen lachte und rieb ihre Hände an dem Reifen. Da begann er zu leuchten.  Sie rollte ihren Hula-Hoop-Reifen durch den langen Gang und erhellte ihn so für Paul und sie.

Und schon stand er wieder auf dem großen leeren Vorplatz des Schlosses. Das Mädchen huschte in einen Arkadengang und war verschwunden. Nur ihr Reifen rollte noch müde, jetzt ohne Licht und Glanz, in einem Gang herum, bis er schließlich umkippte und liegen blieb.

Paul fühlte sich etwas erschöpft, auch hatte er Hunger. Er ging zurück zu den Frauen, aber sie saßen nur da wie Statuen und sprachen nicht mehr mit ihm. Er spazierte über den merkwürdigen Bretterboden, immer weiter an von innen erleuchteten, aber leeren Arkaden, an Brunnen und Statuen vorbei, bis er auf einen Torso stieß. Ein Torso von einem Mann – vor ihm lag ein Bündel kleiner Bananen. Paul blickte sich um. Niemand beobachtete ihn, die Bananen schienen vergessen worden zu sein. Bananen! Das war doch etwas besonders. Sie sahen noch frisch aus. Er nahm sich zwei. Eine schälte er sich jetzt, die andere steckte er sich hinten in die Hosentasche, als Proviant. Plötzlich hielt ein Zug vor ihm.

Dann nahm er den Zug – es war ein sehr langer Zug, und er war der einzige Passagier. Der Zug fuhr und fuhr, vorbei an leeren Bahnhöfen und roten Hügelketten, er fuhr nach Turin, Mailand und Genua – an leeren Plätzen und an einem grünen, ach so grünem´n Himmel vorbei. Dann fuhr der Zug einen großen Kreis, vielleicht durch ein Minitatur-Italien, und plötzlich stand Paul wieder dort, wo er eingestiegen war.

In der leeren Bahnhofshalle stand ein kleines Männchen vor einem Haufen Uhren. Jetzt begriff Paul, was es tat. Es installierte die Zeiger in die Uhren.

Da sagte der Mann: „Das ist ein Rausch, der alles mit sich reißt.“

„Was?“, wollte Paul sagen, er öffnete den Mund, er merkte, wie er die Lippen bewegte, aber er hörte nichts.

Der Alte schien ihn trotzdem verstanden zu haben: „Die Zeit. Allgemein und – diese Zeit. Der Krieg, der Krieg, die Barbarei, die Fabriken, die Mechanisierung, die Automatisierung, die verrückten Großstädte, die Landflucht, diese … Sinnlosigkeit in all dem irren Treiben überall, der Wahnsinn! Wissen Sie, ich stelle die Zeiger immer wieder zurück, jeden Tag und jede Nacht, aber hier sind Tag und Nacht ja einerlei, aber sie überlisten mich immer wieder, die Uhren haben kein Getriebe und nichts, kein Innenleben, nichts als Leere, und dennoch, die Zeit – sie rennt! Nur um des Rennens willen, verstehen Sie? Nur um des Rennens willen! Und nun, lauf junger Mann, lauf um dein Leben, bevor sie dir ein schwarzes gefräßiges Loch in den Rücken und ein noch viel gefräßigeres Nichts in den Kopf blasen …“

 

Auf einmal hörte Paul in der Stille ein dröhnendes Geräusch. Er wollte rennen, aber er kam nicht voran. Jemand packte ihn an den Schultern, Paul schrie und riss die Augen auf – da lag die Hand eines Museumswärters auf seiner Schulter: „Wir schließen jetzt, verdammt nochmal, haben Sie den Gong nicht gehört? Sind Sie denn taub?“

Paul wich erschrocken vor dem wütenden Wärter zurück. Das erste, was ihm auffiel, war, dass er seine Schritte wieder hören konnte. Dieses Knarzen. Der Wärter machte eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang. Paul versuchte, einen Blick auf das Schildchen mit dem Namen des Malers und dem Titel des Gemäldes zu erhaschen – irgend etwas Italienisches, glaubte er – , doch da schob sich der Wärter, breit und dick wie er war, zwischen ihn und das Gemälde. Über seinem Kopf sah Paul noch eine Lok an hohen, roten Fabriktürmen vorbeifahren und ihren weißen bauschigen Rauch in den grünen, ach so grünen Himmel stoßen. Ein Bausch, ein Rausch, festgehalten für immer, regungslos.

„Haben Sie überhaupt ein Ticket? Darf ich mal Ihr Ticket sehen?“, blaffte ihn der Wärter an.

„Ticket … das Ticket, hm, weiß nicht mehr, wo ich das habe“, gab Paul unsicher zurück. Er wühlte in seinen Hosentaschen.

„Ihr Ticket! Hören Sie mal: Das ist ein Rausch, der was kostet und“ – er packte Paul fest am Oberarm – „der auch wehtun kann.“

Paul fasste in etwas merkwürdig Matschiges in seiner hinteren Hosentasche und in irgendeinen anderen Kleinkram. Das Ticket fand er nicht. Schließlich drückte er dem Wärter einfach ein paar Münzen, sein letztes Taschengeld, in die Hand, dann riss er sich los und eilte nach draußen. Wie kalt, wie frisch es doch hier war. Eisblau der Himmel, der Boden unter ihm nicht aus Holz, sondern Stein. Er knöpfte sich rasch seinen Mantel zu, legte seinen Schal um, so, dass man die Löcher darin nicht sah. Beim Gehen störte ihn etwas in seiner hinteren Hosentasche. Er fand die zweite, etwas matschige Banane, die er vor dem Torso gefunden und für den Rückweg eingesteckt hatte. Staunend hielt er sie hoch. Ein paar Leute drehten sich nach ihm um, manche mit neidvollem Blick. Dann ließ er es sich schmecken.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tanja Dückers, * 1968 in Berlin, Schriftstellerin, Publizistin, Kunsthistorikerin. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen die Romane „Spielzone“ (1999), „Himmelskörper“ (2003), „Der Längste Tag des Jahres“ (2006) und „Hausers Zimmer“ (2011), der Essayband „Morgen nach Utopia“ (2007), die Theaterstücke „Spielzone“ (2004) und „Grüße aus Transnistrien“ (2008), das Kinderbuch „Jonas und die Nachtgespenster“ (2008) sowie die Lyrikbände „Luftpost“ (2001), „Mehrsprachige Tomaten“ (2004) und „Fundbüros und Verstecke“ (2012). Sie ist eine der Autorinnen der jüngeren Generation, die sich immer wieder in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten einmischen. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine, u.a. Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, taz, Morgenpost, Frankfurter Rundschau, Welt, Jungle World, Emma. Seit 2008 schreibt sie monatlich einen Essay in den Bereichen Politik und Gesellschaft für die ZEIT Online, zuvor war sie Kolumnistin der FR und des Magazins „bücher“. Für ihr literarisches und essayistisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Preise (u.a. den Kargo-Europa-Preis für einen Ausschnitt aus dem Roman „Himmelskörper“ über die deutsch-polnischen Beziehungen) und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien (Villa Aurora), Pennsylvania (Max-Kade-Stiftung), Gotland/Schweden (Baltisches Zentrum), nach Ahrenshoop (Künstlerhaus Lukas), Sylt (Stipendium Syltquelle), Barcelona (Berliner Senat), Prag (zwei Stipendien: Stiftung Brandenburger Tor sowie  später Prager Literaturhaus), Krakau (Villa Decius), Bristol (DAAD), Brüssel und Flandern (Het Beschrijf/Passa Porta),  Rumänien (Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung), Ukraine (DAAD) und in die Republik Moldau sowie nach Transnistrien (Büro für Kulturelle Angelegenheiten) führten. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

 

www.tanjadueckers.de

Foto T.D.: Copyright: Anton Landgraf

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