Tanja Dückers

 

Foto T.D.: Copyright: Anton Landgraf

 

(Deutschland)

 

 

 

Die Konjunktur von „Ist das autobiographisch?“

Zum Verhältnis von Realität und Imagination

 

 

Wenn man viele Lesungen hält, kommt man irgendwann nicht umhin festzustellen, daß es Fragen gibt, die sich im Anschluß an den eigenen Vortrag wiederholen. Nach meiner Erfahrung lautet die Lieblingsfrage: „Ist das autobiographisch?“ In gemessenem Abstand folgen: „Woran schreiben Sie jetzt?“, „Verstehen Sie sich als politische Autorin?“, „Wie arbeiten Sie eigentlich? Wie Thomas Mann, jeden Tag zu festgesetzten Zeiten?“ und – das ist  recht perfide – “Stört es Sie, daß man Sie so oft fragt, ob ein Text autobiographisch sei?“

Nachdem ich all dieses wieder und wieder nach Lesungen aus höchst unterschiedlichen erlebt habe, begann ich mich selber zu fragen: Warum so oft „Ist das autobiographisch“?

Die erste Antwort, die einem natürlich dazu einfällt, ist die des allgegenwärtigen Voyeurismus. Man sehnt sich nach dem gläsernen Autor. Dieses Phänomen ist viel leichter durchschaubar als das der indirekten Geringschätzung der künstlerischen Leistung als solcher: denn je länger man sich „Ist das autobiographisch?“ auf der Zunge zergehen läßt, desto mehr offenbart es eine Herabwürdigung des Autors und seiner Begabung: Gut ist, was authentisch ist; die künstlerische Leistung, sich etwas komplett auszudenken, zu fabulieren, scheint weniger wertvoll zu sein. Spinnen kann ja jeder. Danke sehr!

Der nächste Ansatz ist ein textimmanenter. Vielleicht scheinen meine Texte in ihrer, wie oft behauptet wird, „barocken Detailliebe“, ihrer überschwänglichen Begeisterung für alles Hör-, Riech- und Sichtbare so auf Spiegelung der Realität angelegt, daß der Gedanke des selbst Erlebten sich eher aufdrängt als bei Büchern anderer Autoren? Dem widerspricht jedoch, daß meine Protagonisten selten alter-ego-hafte Züge aufweisen, oft sind es Männer, Kinder oder alte Menschen. Wenn ich irgendwo selbst in Erscheinung getreten bin, dann als »Borddruckerassistentin Dückers« an der Reling der Gustloff (in „Himmelskörper“) oder als nervig-neugierige Schriftstellerin, die aus den Augen von Gefängnisinsassen gesehen wird (in „Café Brazil“) – eine Randfigur eben, keine zwei Absätze wert.

Der auf Textimmanenz abzielenden These widerspricht auch, daß zahlreiche Autoren, die zum Teil literarisch ganz anders arbeiten, Ähnliches über die derzeitige Konjunktur von „Ist das autobiographisch?“ zu berichten wissen. Die Antwort muß anders ausfallen: Es geht hier um ein gesellschaftliches Phänomen, genauer gesagt, um die seit Jahren anschwellende Begeisterung für alles Authentische. Ob „Dschungel-Camp“, Lebensbeichten bei „DSDS“ oder „Germany’s Next Topmodel“, ob Reality-Shows, geburtsbegleitende Kameras im Fernsehen oder auch Berichte über Bombenkrieg oder Flucht- und Vertreibungserlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und danach: Authentizität scheint in einer Welt, in der man niemandem und nichts mehr trauen kann, eine höhere Weihe erhalten zu haben. Politiker haben im Vergleich zu früheren Jahrzehnten erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt, die Kirchen sowieso, große Dogmen erst recht. Was einem vermeintlich bleibt, ist das, was man am eigenen Leib erfährt: die Sinneseindrücke als letzte glaubwürdige Instanz. Das ist nicht das autonome, sondern das sensuelle Subjekt – sinnlicher Individualismus. Als letzter Glaubensgarant bleibt der Körper. Welcher im Moment auch noch in besonderem Maße gefeiert wird – mittels all der biologistischen Thesen, sei es aus der Gender- oder der Altersforschung, die zur Zeit die Gazetten füllen. Das Wort der Dekade oder vielleicht sogar des Jahrhunderts? Die Gene. Die Heilstheorie der Gegenwart? Die Hirnforschung! Es mutet seltsam an, dass wir aus den Relativierungen der Heilslehren früherer Zeiten nichts gelernt haben. Mit Sicherheit wird man in 30 oder 50 Jahren über unseren demütigen Glauben an die Ergebnisse der Hirnforschung und der Genetik lachen. Doch wir laden die neuen Lehren vom Leben und Sein mit quasireligiöser Bedeutung auf. Focus, ein Magazin, das nicht mit schrillen Titeln geizt, bellte den Leser an: „Tatort Gehirn: Warum Menschen zu Verbrechern werden“. Geschrieben vom Chefredakteur Helmut Markwort. Und der US-amerikanische Neuropsychologe Adrian Raine souffliert, Strafgefangene hätten überdurchschnittlich häufig ein verkleinertes „Moralzentrum“ (offenbar auch die Strafgefangenen, die wegen dreimal Schwarzfahren im Knast gelandet sind). Warum dann überhaupt noch die neue alte „Wertediskussion“? Die Modewelle Biologismus ist in ihrer medialen Omnipräsenz nichts anderes als ein Versuch, der überkomplexen Wirklichkeit mit einem einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang zu entkommen und an vermeintlich „harte Fakten“ zu glauben. Lieber sprechen wir unschuldig von unseren Genen und Hirnschaltkreisen als von bewussten Entscheidungen, gar Fehlern oder Versagen. Und von Freiheit und Kunst ist immer weniger die Rede: Zu ihrem 50. Geburtstag lud Angela Merkel den Hirnforscher Wolf Singer ein und bat ihn, über den neuesten Stand der Dinge Auskunft zu geben. Andere Staatsoberhäupter würden auf einem Geburtstagsfest Schauspieler auftreten oder Gedichte verlesen lassen – Angela Merkel meinte, die Feier mit ein paar Daten aus der Hirnforschung aufzupeppen. Herr Singer hatte dann auch richtig Partytaugliches im Gepäck: „Der Mensch verfügt nicht über einen freien Willen. Er wird in Wirklichkeit von Neuronen gesteuert.“ Aha. Aber der Höhepunkt, mit dem Herr Singer sogar hinter das Alte Testament zurückfällt, kam noch: „Der Mensch ist in seiner Entscheidung zwischen Gut und Böse festgelegt.“ Das Hamburger Satiriker-Duo Ebermann & Trampert brachte es schön auf den Punkt: „Deutschlands Elite war begeistert als sie hörte, dass nicht Deutsche, sondern Neuronen den Völkermord verübt hätten. Warum die Neuronen damals gerade so und nicht anders entschieden haben, weiß der Professor heute noch nicht.“

Vermutlich hatten Hunderttausende Deutsche alle einen Schaden im limbischen System.

 

Das Uneindeutige, Vage, Versponnene, Erträumte, Halbreale, Fiktive: kurz das Künstlerische steht im Moment nicht gerade in seinem Zenit, auch wenn einem allerlei Mega-Spektakel von langen Museumsnächten über Kunst-Biennalen und Marathonlesungen das Gegenteil vorzuspiegeln versuchen. In einer Ära, die die Liebe auf das Vorhandensein von Geruchsrezeptoren und das Leid auf Mangel an Hirnbotenstoffen zurückführt, Schicksal einzig mit Zufall und Vererbung zu erklären versucht und den Tod aus der Komplexität organischer Vorgänge heraus zur allgemeinen Verwirrung nicht mehr zu definieren weiß, kann etwas so Unerklärliches, geradezu anarchisch Subjektives wie Kunst nicht mehr für voll genommen werden. Was nicht heißt, daß derzeit keine relevante Kunst entsteht – es geht mir nicht darum, was für Kunst produziert wird, sondern wie sie wahrgenommen wird.

Romane müssen zunehmend journalistische Qualitäten aufweisen, „packend“ und „dicht“ sein, „spannend“ wie ein Erlebnistrip, eine Reise. Ja, Reiseberichte sind zur Zeit besonders gefragt. Und Krimis lesen sich ohnehin am besten.

Burkhard Spinnen hat recht, wenn er konstatiert:

„Die Grenze zwischen Fiktion und Alltag ist doch fließend geworden. Das eine orientiert sich zunehmend am anderen. Die Fiktionen werden immer alltäglicher, während der Alltag mehr und mehr darauf schielt, sich den Fiktionen anzugleichen. Eines der besten Prädikate für Literatur ist heute, dass sie glaubwürdig sei.“

Gedichte hingegen werden seltsamerweise am wenigsten der Authentizität verdächtigt, wie ich beim Vortragen meiner Lyrik feststellen konnte. In der einzigen literarischen Gattung, bei der die Frage: „Ist das autobiographisch?“ am ehrlichsten mit „ja“ beantwortet werden könnte, wird diese Frage nie gestellt. Warum? Weil das selbst Erlebte meist nur noch dann „erkannt“ wird, wenn es in einer bestimmten, tausendmal vorgeführten Gestalt und Form „dargeboten“ wird.

Sind wir wirklich so weit gekommen, daß wir nur das für authentisch halten, was sich mimikryhaft als Realität gebärdet? Ist an der alten, langweiligen kulturpessimistischen Ansicht „Fernsehen verdirbt nicht nur die Augen“ doch etwas dran? Können wir uns in einer visuell überdominierten Welt innere Wahrheiten kaum mehr vorstellen? Waren die Impressionisten und die Abstrakten weiter als wir, weil sie Realität anders, eigener, wilder und subjektiver definierten als wir mit unserer „Tagesschau“-Vorstellung von Wahrheit?

Vielleicht. Denn mit der Frage „Ist das autobiographisch?“ ist natürlich auch eine bestimmte Erwartungshaltung verbunden. Nämlich – zu meinem Erstaunen – die Hoffnung, daß der Text eines Schriftstellers autobiographisch sei. Diese Hoffnung steht der des Autors diametral entgegen, der sich wünscht, die Realität zu überhöhen, transzendieren, statt tagebuchartig abzubilden. Der Motor des Schreibens: Die Sehnsucht nach diesem alchimistischen Prozeß, Erfahrung nicht wiederzugeben, sondern zu verwandeln (ein bißchen Zauberer sein zu wollen, hier im Thomas Mannschen Verständnis). Kunst stellt einen Aneignungs- und Transformationsprozeß von „authentischer“ Erfahrung und Wirklichkeit dar, dessen Ergebnis eben nicht die Repetierung der „vollkommen realistischen Umstände“ sein kann. Der Schriftsteller, jenseits des modern gewordenen Talk-Show-Teilnehmers, ist doch eher ein scheues Wesen, das sich das Aus-der-Realität-Flüchten zum Beruf gemacht hat, das schreibt, um die Realität – wenigstens auf dem Papier – zu verändern, nicht um sie zu repetieren.

Schließlich ist Kunst mit ihrer wirklichkeitsverändernden Kraft (es handelt sich hierbei um eine sehr sanfte Kraft) auch ein Erlösungsmoment implizit. Ich meine dies nicht im religiösen, sondern psychologisch-existentiellen Sinne. So lange Erlebnisse nur im Nachrichten-Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit, also nach einem Verständnis, das keine subjektiven, mannigfaltigen Wahrheiten anerkennt, abgebildet werden, haben sie mit ihrem unpersönlichen Charakter nichts von diesem Erlösungmoment. Solch eine Kunst, die sich strukturell mit ihrer Linearität und ihren typischen Charakteren „(Opfer, Held etc.) die Erzählweisen von „authentischen Geschichten“, wie sie medial verbreitet werden, angeeignet hat, ist zum Teil auch schlicht langweilig zu konsumieren. So schreibt Dagmar Leupold: „Ich möchte nicht nur das Vergnügen genießen, das die Antizipierbarkeit von Genuss auslöst – wie es für Marken und Codes der Fall ist -, sondern auch einen Genuss erleben, der nicht vorwegnehmbar ist. In einem solchen Genuss erlebt man sich als frei wählender Leser, nicht als manipulierter.“

 

Das Freiheitsgefühl des Lesers, von dem Leupold spricht, beruht eben auf dem Gefühl, die Möglichkeit zu besitzen, zu dem künstlerischen Inhalt eine eigene, subjektive Beziehung aufbauen zu können. Auch der Leser, nicht nur der Künstler, verwandelt den Stoff in der Rezeption noch einmal, er ist auf eine gewisse Dehnbarkeit und einen Imaginationsspielraum, die ihm der Künstler zugesteht, angewiesen. Dieser Imaginationsspielraum ist jedoch im „Nachrichten-Verständnis“ von Wirklichkeit nicht vorgesehen, hier soll es ja um Informationsübermittlung und nicht um schöpferische Verwandlung von Informationen – Realität – gehen.  Während der Bedeutungshorizont bei der Nachrichtenübermittlung so wenig Spielraum und „Unklarheit“ wie möglich bestehen lassen soll, ist er bei einem Kunstwerk, ob Gemälde oder Roman, potentiell unendlich weit.

 

Daß sich Kunst heute oft nur noch über den „Umweg Realität“ legitimieren kann, zeugt von einem fatalen und fundamentalen Missverständnis von Kunst, von ihrer elastischen, offenen Struktur und ihrer Wirkung auf den Rezipienten. Und von einer Verwechselung von Schreiben-Können mit talentiertem Nacherzählen.

Bedeutet ein guter Roman denn heutzutage nur noch nacherzähltes Geschehen?

Ich bleibe dabei: Eine Frage wie „Wie Sie die Demenz der alten Frau aus Sicht einer Enkelin beschrieben haben, das ist wunderbar, ganz realistisch, haben Sie das selbst erlebt?“ (so nach einer Lesung) ist eine viel größere Frechheit als „Sind Sie verheiratet?“

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tanja Dückers, * 1968 in Berlin, Schriftstellerin, Publizistin, Kunsthistorikerin. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen die Romane „Spielzone“ (1999), „Himmelskörper“ (2003), „Der Längste Tag des Jahres“ (2006) und „Hausers Zimmer“ (2011), der Essayband „Morgen nach Utopia“ (2007), die Theaterstücke „Spielzone“ (2004) und „Grüße aus Transnistrien“ (2008), das Kinderbuch „Jonas und die Nachtgespenster“ (2008) sowie die Lyrikbände „Luftpost“ (2001), „Mehrsprachige Tomaten“ (2004) und „Fundbüros und Verstecke“ (2012). Sie ist eine der Autorinnen der jüngeren Generation, die sich immer wieder in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten einmischen. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine, u.a. Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, taz, Morgenpost, Frankfurter Rundschau, Welt, Jungle World, Emma. Seit 2008 schreibt sie monatlich einen Essay in den Bereichen Politik und Gesellschaft für die ZEIT Online, zuvor war sie Kolumnistin der FR und des Magazins „bücher“. Für ihr literarisches und essayistisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Preise (u.a. den Kargo-Europa-Preis für einen Ausschnitt aus dem Roman „Himmelskörper“ über die deutsch-polnischen Beziehungen) und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien (Villa Aurora), Pennsylvania (Max-Kade-Stiftung), Gotland/Schweden (Baltisches Zentrum), nach Ahrenshoop (Künstlerhaus Lukas), Sylt (Stipendium Syltquelle), Barcelona (Berliner Senat), Prag (zwei Stipendien: Stiftung Brandenburger Tor sowie später Prager Literaturhaus), Krakau (Villa Decius), Bristol (DAAD), Brüssel und Flandern (Het Beschrijf/Passa Porta), Rumänien (Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung), Ukraine (DAAD) und in die Republik Moldau sowie nach Transnistrien (Büro für Kulturelle Angelegenheiten) führten. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

 

www.tanjadueckers.de

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