Tanja Dückers

 

Foto T.D.: Copyright: Anton Landgraf

 

(Deutschland)

 

 

 

Der Globus

 

Der leicht geneigte Globus

auf ihrem Schreibtisch

weist mit dem Pazifik zu ihr

Nur die Schwerkraft hält noch seine leisen Wasser

knapp über ihrem Laptop

zurück

Fragte mich schon immer

wie sie das aushält   all das Blau Türkis Blau

nur unterbrochen von den dünnen Narben

der Tiefseegräben

Wie sie das aushält

Beim Schreiben

 

Hinter dem Globus die dichten Gardinen

die Netze von Spinnen

mit Eintagsideen darin

 

 

© Tanja Dückers,  Berlin. Diese Version: Juni 2014

 

 

 

Buchstaben zum Frühstück

 

Ich könnte schreiben.

Oder versuchen zu sprechen.

Ich könnte nachts in einen Brief klettern.

Auf Papier schlafen.

Deinen Plastikmund küssen,

Bibliotheksausweis.

Ich könnte meine Initialen in lehmige Wände ritzen.

Die unleserlichen Linien in meinen Händen

in ein leises Gemurmel übersetzen lassen.

Meine schöne, nasse Zunge

zwingen, sich in einen roten, dicken Satz

zu verformen.

Mein Rückgrat, ein gekrümmtes Wort.

Ich könnte schreiben

oder versuchen zu sprechen.

Ich will es aber nicht.

 

 

 

Einfache Worte

 

Einfache Worte  wie

Fenster  Buch  Brot –

Worte  wie sie hier auf meinem

Fensterbrett an einem grauen

Novembertag kauernd herumlungern

 

Ohne Zusammenhang  etwas verloren  stehen  nein

gammeln sie in meiner Wohnung vor meiner Haustür

in meinen Sätzen herum

Karge leere Worte  wie Tundra  wie alphabetische Einöde,

wie eine Einsiedlerin einsilbe ich vor mich hin

Worte wie Kieselsteine  rundgeschliffen und gewöhnlich

wie Blech

tönen Wortkarosserien

scheppern ohne Inhalt

stehen leer an schmutzigen Bordsteinkanten

wartend – auf nichts

 

Heute Worte wie Graubrote

oder Kekse von Aldi

wie Kopfsteinpflaster oder Klopapier

Worte wie « und » oder « sehr » oder « noch »

die in Hunderten täglich tief gebückt

in lange graue Mäntel gehüllt

die Satzstraßen durcheilen

 

Worte fallen heute

zufällig wie Schuppen aus den Haaren

 

Fallen bedeutungslos

wie Kaugummis auf den Boden

 

Heute fallen Worte

ein wenig lose

aus meinem vollgerümpelten Mund

 

 

 

Oktoberende

 

Ich stiefele die Straße entlang. Fröstelnd

setze ich meinen alten, roten Hut auf.

Herbstnebel hängt in das Durcheinander

meiner Gedanken.

Ich könnte Dich anrufen, hier,

von dieser sonnengelben Zelle.

Ich könnte aber auch weiterlaufen,

an diesem betrügerischen, nikotinverseuchten

Kasten der eingezwängten Worte vorbei.

Vorbei an zusammengeknüllten Papierfetzen,

an mit letztem Sommerlachen besudelten Bordsteinkanten.

Einfach weiterlaufen, durch die Nacht,

durch den Winter,

ohne mit irgendjemandem zu sprechen,

ohne Anstrengungen zu machen,

alberne Wortlöcher in die kalte

Luft zu schneiden.

Einfach weiterlaufen, Dich alleine in den Winter

treiben lassen, durch Blätterhaufen

undefinierbarer Farbe.

Aber ich könnte Dich auch noch anrufen, hier,

von diesem eigelben Kommunikationskäfig,

könnte meine kältestarren Sätze

durch diese Ohrmuschel auf ihren stolpernden,

schlitternden Weg schicken.

Oder doch meine Worte einfach nur in mir sammeln,

aufbewahren, Worttropfen, eimerweise,

randvoll

durch den Schneematsch

weiterlaufen.

 

 

 

Narziß

 

Er ging hinaus zur Brücke,

betrachtete sein Spiegelbild im Wasser.

Er konnte wieder keinen Makel

auf seinem Gesicht erkennen,

als er sich am letzten Tag genauestens inspizierte.

Dreißig Jahre lang das gleiche Gesicht.

Dieses Gesicht, dem er versucht hatte,

zu entfliehen.

Er ging viel unter Leute, verausgabte,

überreizte sich selber,

ließ die Küsse von Frauen

an seinem Gesicht herabgleiten,

sammelte ihre Häute.

Nichts, er sah aus wie immer,

das jungenhafte Gesicht,

zart, unverbraucht,

immer die gleiche Mimik.

 

Als er sprang und in die

Wasseroberfläche eintauchte,

verzerrte sich sein Gesicht vollständig,

löste sich auf in der unendlichen

Umarmung des Flusses.

 

Er starb glücklich.

 

 

 

Fensterkreuz

 

Vor dem Fenster

geistert der Sommer.

 

Wir liegen unter dem Aquarium unter

einer schwarzen Samtdecke unter

unserer Haut.

 

Ein Tennisball knallt an das Fensterkreuz,

die Sonne stößt ihre Hörner unter

meine Lider, langsam

 

drehe ich mich um.

Da huschen die Schatten des letzten Traums

in alle Zimmerecken.

Es ist unsagbar heiß.

 

Wir kriechen zu den Mäusen in deer Speisekammer,

wiederkäuen Zuckerrüben, decken uns

mit Kohlenstaub zu.

 

Rotes Licht tropft in die Wohnung,

die Sonne hat sich

am Fensterkreuz erhängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Tanja Dückers, * 1968 in Berlin, Schriftstellerin, Publizistin, Kunsthistorikerin. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen die Romane „Spielzone“ (1999), „Himmelskörper“ (2003), „Der Längste Tag des Jahres“ (2006) und „Hausers Zimmer“ (2011), der Essayband „Morgen nach Utopia“ (2007), die Theaterstücke „Spielzone“ (2004) und „Grüße aus Transnistrien“ (2008), das Kinderbuch „Jonas und die Nachtgespenster“ (2008) sowie die Lyrikbände „Luftpost“ (2001), „Mehrsprachige Tomaten“ (2004) und „Fundbüros und Verstecke“ (2012). Sie ist eine der Autorinnen der jüngeren Generation, die sich immer wieder in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten einmischen. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine, u.a. Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, taz, Morgenpost, Frankfurter Rundschau, Welt, Jungle World, Emma. Seit 2008 schreibt sie monatlich einen Essay in den Bereichen Politik und Gesellschaft für die ZEIT Online, zuvor war sie Kolumnistin der FR und des Magazins „bücher“. Für ihr literarisches und essayistisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Preise (u.a. den Kargo-Europa-Preis für einen Ausschnitt aus dem Roman „Himmelskörper“ über die deutsch-polnischen Beziehungen) und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien (Villa Aurora), Pennsylvania (Max-Kade-Stiftung), Gotland/Schweden (Baltisches Zentrum), nach Ahrenshoop (Künstlerhaus Lukas), Sylt (Stipendium Syltquelle), Barcelona (Berliner Senat), Prag (zwei Stipendien: Stiftung Brandenburger Tor sowie  später Prager Literaturhaus), Krakau (Villa Decius), Bristol (DAAD), Brüssel und Flandern (Het Beschrijf/Passa Porta),  Rumänien (Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung), Ukraine (DAAD) und in die Republik Moldau sowie nach Transnistrien (Büro für Kulturelle Angelegenheiten) führten. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

 

www.tanjadueckers.de

Articles similaires

Tags

Partager