Sylvie Gouttebaron, Schriftstellerin, Direktorin des „Schriftstellerhaus“ in Paris & Rodica Draghincescu

 

 

 

 

 

 

Sylvie Gouttebaron ist eine ungewöhnliche Schriftstellerin. Ihre Bücher verorten sich zwischen Poesie und Drama, zwischen Prosa und freien Versen. Wie Akrobatik eines zwischen dem Verlangen, der Furcht und dem Mysterium balancierenden Körpers. Texte so lebendig und gefräßig, dass ihre Bücher niemanden sicher einschlafen lassen.

Eine Feder die im Handumdrehen herausfordert, stört, aufweckt und bezaubert.

Geboren im Jahre 1962 in Paris, nach dem Studium der Literatur und einer Dissertation über Joë Bousquet, vervielfacht Sylvie Gouttebaron ihre Erfahrungen im Verlagswesen. Anschließend leitet sie acht Jahre lang das Festival des Debüt-Roman in Chambéry (Festival du Premier Roman de Chambéry), bevor sie 2005 von Alain Lance die Leitung des „Haus der Schriftsteller“ in Paris übernimmt.

 

RD: – Das Wort « Literatur » stammt vom lateinischen « literatura », das wiederum kommt aus dem Wort « Littera » (Buchstabe) entstand.

Jean d’Ormesson definiert in seinem Buch « Eine andere Geschichte der französischen Literatur“, die Literatur als « das Ensemble der schriftlichen und mündlichen Werke, die eine ästhetische Dimension bilden. »

Madame Gouttebaron, was bedeutet für Sie die Literatur?

 

 

 

 

SG: – Literatur ist ein Wort, aus dem ich einen Beruf gemacht habe. Es ist das Prisma, durch das ich die Welt begreife. Ich bin jedoch nicht immer ganz sicher, ob ich sie gut verstehe. In zahlreichen Situationen, besonders psychologischen, finde ich mich durch Bücher zurecht, die ich gelesen habe.

Die Literatur begann zweifellos mit dem Gedicht, zumindest für mich. Ich abstrahiere mich manchmal von ihr und gehe in den Garten. Dies ist eine Beziehung zurWelt, die darauf gründet, auf eine bestimmte Weise eine Harmonie, ja vielleicht die Schönheit zu suchen. Aber nicht nur das, sondern es ist die Quelle eines Wissens, das ständig auf der Suche ist. Man wird damit niemals fertig. Ich betrachte, sicher zu Unrecht, die Philosophie als eine Form der Literatur. Ich liebe die Beziehung zur Sprache in ihrer Komplexität und vor allem ihre Erfindungskraft. Ein philosophisches Lexikon macht mir ebenso viel Freude wie ein rein literarischer Text, der mich von dem befreit, was ich schon kenne. Ich will mich häufiger als üblich darin verlieren.

 

 

 

 

RD: – In einem Ihrer schönsten Gedichte, führen Sie die Zeit der Abwesenheit durch ein nostalgisches und minimalistisches Erlebnis bis zum Abgrund:

Heute

sah ich einen alten Mann vor einem Café

die Hände hinter dem Rücken, schaute er auf die Karte

leicht gebeugt, kleiner Rücken

wie die Silhouette jenes, den ich liebte

jedoch völlig machtlos

die Silhouetten auszutauschen, neues Leben schaffen

wenn verschwunden

der Zeit nachzueilen, die Abwesenheit verstoßen

Ich mag

spielen

filtere die Wirklichkeit mit Worten

es ist nicht Paul in seinem Leben

es könnte sein, dass er es ist.

(Auszug aus dem Gedicht: « Je reprends bien, je reprends »).

Hier spielen die Worte mit einer belanglosen, aber tiefen Wirklichkeit. Worte, die die Realität nachspielen und spiegeln, dem Reim entfliehend.

Sylvie Gouttebaron, in ihrer Dichtung versteckt sich die metaphorische Dimension hinter einer Meditation, einem Nachdenken, gegen den Strom. Die Worte führen zu einer Art leuchtender Dunkelheit, zu einem Paradox. Die Spur eines Körpers der schreibt und die Worte schreit, mit gesenktem Kopf. Die Töne mit dem Gespür des Blutes. Dieses turbulente Blut eines Körpers, der das Abenteuer liebt und wagt. Besinnen sich ihre Schriften auf ein erlebtes Gefühl zurück?

 

 

 

 

SG: – Ich weiß nicht ob, wie Sie es ausdrücken, die metaphorische Dimension sich hinter der Meditation gegen den Strom versteckt. Mir scheint es eher so zu sein, dass die Metapher das erste ist (der Rückgriff auf ein Bild, der Gebrauch, den ich davon mache, den Text fast sättigt), was ich versuche zu schreiben, und was dann zu einer meditativen Träumerei führt. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass dies freiwillig geschieht. In Wahrheit erarbeite ich die Bilder, sammle sie. Es ist ein Voranschreiten. Ich brauche sie unbedingt. Manchmal überschneiden sie das Reale, oder das, was ich davon wahrnehme, das eigentliche Bild überlagert jenes auf dem Papier. Ich glaube, ich stimme vollkommen mit der von Laurent Jenny in ihrem schönen Buch „Das ästhetische Leben, Stauungen und Fluss“ vorgeschlagenen Vision überein (La Vie esthétique. Stases et flux, erschienen bei Éditions Verdier).

 

 

 

RD: – Ist das Schreiben für Sie, die Vergegenwärtigung einer Vergangenheit oder irgendeiner Zukunft?

 

SG: – Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit oder der Zukunft durch das Schreiben?

 

RD: – Ja…

 

SG: – Aber weder das eine noch das andere, denke ich. Ich weiß nicht, von welcher Zeit ich spreche.

 

RD: – Ihre Worte: sind sie zeitlos?

 

 

 

 

SG: – Ich denke eher in Bezug auf den Raum, übrigens in der Mehrzahl, in Räumen. In syntaktischen Räumen, den Räumen zwischen den Menschen, in denen sich die Dinge abspielen. Wo die Beziehungen stattfinden. Bei mir ist, glaube ich, oft von Beziehungen die Rede. Und ich denke dabei an den schönen Text von Martin Buber Ich und Du (Je et tu), oder auch an den Vers von Paul Celan Ich bin Du wenn Ich Ich bin. Diese Formulierung bleibt für mich im Dunkel, aber sie spricht mich an. Ihre leuchtende und paradoxe Dunkelheit stört mich nicht, im Gegenteil, sie treibt mich dazu, voran zu gehen.

 

 

 

 

RD: – So wie die Prophezeiungen desjenigen, der zeitlos und abwesend, nie mehr die Wahrheit im Namen der Katharsis sagen wird, um seine eigenen Ängste auszutreiben; in Ihren Werken, kommen die Gefühle zu jenen Tatsachen, die sie entstehen liessen. Und umgekehrt. Sie schreiben für sich selbst, aber dieses „Selbst » ist bevölkert von mehreren „sie“. Eine Poetik unklarer, verwirrender ich / Spiele (im Französischen: je(ux). Ist das gewollt?

 

 

 

 

SG: – Ich glaube nicht, dass ich versuche, jemanden zu verstören.

 

RD: – Also Gefühle hervorrufen, denn das ist dasselbe. Verstören, in der Bedeutung von: Sinn, Vernunft und die Fähigkeiten der Seele verwirren! Die Seele der Person, die Sie liest.

 

 

 

 

SG: – Stören ist zweifellos ein Muss, ja, mit Sicherheit mehr und mehr. Um die Wahrheit zu sagen, habe ich keine andere Absicht, als meiner Empfindung oder ihrer Sanftheit so genau wie möglich Ausdruck zu verleihen. Und manchmal beide zur gleichen Zeit, was nicht leicht wiederzugeben ist.

 

 

 

RD: – Ihre Schriften sind bewohnt…

 

SG: – Es gibt viele Menschen in den Gedichten, die ich mache. Sie sind richtige Geschichten, aber ohne objektiven erzählerischen Faden. Die Sprache neigt dazu, mich meiner eigenen Ausdrucksform näher zu bringen, mein Gefühl ursprünglicher zu machen. Zumindest hoffe ich das. Ich glaube nicht, dass ich das Offensichtliche liebe, suche aber auch nicht nach Hermetik. Weit gefehlt.

 

RD: – Seit wann schreiben Sie? Warum? Für wen?

 

 

 

SG: – Ich hatte nicht die Absicht, Schriftstellerin zu werden. Ich glaube nicht, eine zu sein. Ich finde es einfach wichtig, etwas zu sagen, für mich zu übersetzen, zu verstehen, was passiert. Ich kann mich nicht mit dem Erlebtem zufrieden geben. Ich muss es erhellen, oder klarer machen. Für mich ist es diese Tätigkeit, wenn ich könnte, würde ich zeichnen, um besser zu sehen.

 

 

 

RD: – Gibt es eine Geschichte, die sie mit Ihren Lesern teilen möchten, eine besondere Geschichte, ein Ereignis, einen speziellen Moment, der im Laufe ihres Lebens, den Wunsch, Schriftstellerin zu werden, entfacht hat?

 

SG: – Das geschah in der Kindheit, denn ich hatte erstaunliche Freunde, eine außergewöhnliche Kindheit, mit tausend Fragen und vielen Träumen, wir spielten und träumten. Und wir lasen viel. Ich hatte die Chance, frei zu sein, und meine Freiheit wurde respektiert. Es ist zweifellos die Freiheit die uns bleibt und uns die Energie gibt, die wir zum Leben brauchen.

 

 

http://www.m-e-l.fr/index.php

 

 

 

 

 

 

 

 

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Journalistin : Rodica Draghincescu

http://www.draghincescu.com

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