Stefana Sabin

 

LEVURE 11 DIAPO URGENT STEFANA SABIN Germany

 

(Deutschland)

 

 

 
Die spirituelle Energie der Welt. Mikalojus Konstantinas Çiurlionis und die neuromantische Fantasie.

 

Der Vater war Organist in Varena, einer Kleinstadt im Süden Litauens, und erkannte früh die musikalische Begabung seines ältesten Sohns: Mikalojus Konstantinas Çiurlionis, 1875 geboren, konnte – und durfte – schon als Kind die Orgel in der heimatlichen Kirche spielen. Als er mit vierzehn Jahren in die Musikschule des Prinzen Oginski nach Plunge kam, war er ein geschickter Pianist. Oginskis Schule, in der Gegend zwischen Litauen, Polen und Russland gelegen, galt nicht nur als Talentschmiede, sondern war auch eine liberale Enklave, in der Schüler verschiedener Ethnien zusammen lernten und gleichermaßen gefördert wurden. So erlebte Çiurlionis, der zwischen der unterdrückten litauischen Tradition und der aufgezwungenen russischen Kultur aufgewachsen war, eine regelrechte Horizonterweiterung: Dass verschiedene Kulturen sich gegenseitig befruchten und dass folkloristische Muster in die klassische Kunst eingehen, war die ästhetische Ur-Erfahrung, die sein Schaffen prägen wird.

 

Nachdem er auf dem Konservatorium in Warschau und später in Leipzig eine traditionelle Musikausbildung genoss, entschied sich Çiurlionis gegen die sichere Existenz eines Lehrers und für das Künstlerdasein: Er wollte komponieren. Schon seine ersten Klavierstücke und seine „symphonischen Gedichte“ zeigen ein sicheres Gespür für Struktur und Rhythmus, während eine durchgehende – „fließende“ – Melodie die Rezeption Wagners erkennen lässt. Der Anspruch, Emotionen in Musik zu übersetzen, und der Versuch, das Erlebnis der Natur in der formalen Gestaltung des musikalischen Materials wiederzugeben, machen Çiurlionis zum neoromantischen Komponisten, aber der pathetische Überschwang seiner Tonsprache ist noch ganz romantisch.

 

Çiurlionis‘ Pathos speiste sich aus der romantischen Tradition einerseits und andererseits aus der lithauischen Folklore. Denn in Warschau formierte sich um 1900 gegen die russische Herrschaft eine intellektuelle Opposition, die ihr Begehren um kulturell-politische Selbstbestimmung ästhetisch formulierte. Der programmatische Rückgriff auf Elemente der Volksliteratur und -musik, der Warschauer Sezessionismus und die Ablehnung der akademischen Landschaftsmalerei sollten eine autochtone und zugleich moderne Kunst begründen, die das Nationalgefühl mit dem Zeitgeist ästhetisch versöhnte.

 

Bemerkenswerterweise war es in Warschau, dass sich Çiurlionis als Litauer neu erfand. Zwischen litauischen Heldenepen und nihilistischer Philosophie, folkloristischen Gesängen und romantischen Symphonien, klassischer Literatur und kosmologischer Esoterik suchte er nach einem angemessenen künstlerischen Ausdruck, um seine litauische Herkunft zu artikulieren. Es ist vielleicht diese Suche nach neuen ästhetischen Mitteln, die ihn, der schon immer gezeichnet hatte, zur Malerei führte. So schrieb sich Çiurlionis an der gerade gegründeten Kunstakademie in Warschau ein und absolvierte ein traditionelles Kunststudium.

 

Auf einer Europareise entdeckte er Arnold Böklin, Max Klinger und Puvis de Chavannes, auf einer Reise in den Kaukasus entdeckte er die Wucht der Natur – beide diese Entdeckungen verschmolzen in einer neoromantischen Naturverherrlichung, die schließlich in Symbolismus überging. In unzähligen Landschaftsbildern und -zeichnungen buchstabierte er das Vokabular des Symbolismus durch: unscharfe Konturen, fließende Farben, archaisierende Vereinfachung der Darstellungsmitteln, Flachheit der Bildoberfläche. Eine besondere Leuchtkraft lässt die Gemälde wie von innen leuchten –  Çiurlionis erleuchteten Landschaften sind abstrakte Farbspiele, die die Natur nicht darstellen, sondern sie suggerieren. Aber er komponierte immer weiter, und verarbeitete dieselben Sujets in Bildern und in musikalischen Stücken – und dass er immer wieder auch Gedichte schrieb, hatte mit der Vorstellung zu tun, dass sich die verschiedenen Künste ineinander widerspiegeln und einander entsprechen.

 

Çiurlionis malte, was er komponierte, und komponierte, was er malte. „Ich stelle mir die Welt als eine gemalte Symphonie vor,“ schrieb er einmal. Er bezeichnete Bilder als Sonaten oder Préludes und die Klavierstücke als „symphonische Landschaften.“ Auch stilistisch beeinflussten sich Malerei und Musik. Die noble Einfachheit und formelle Strenge seiner früheren Klavierstücke bewegte sich auf eine Polyphonie zu, die an die perspektivischen Überlappungen in den Gemälden erinnern; Harmonien und Rhythmen wurden komplexer, und er fand zu einem musikalischen Reihendenken, dem in der Malerei die Bilderzyklen entsprechen. Wie in den gemalten Serien verwendete Çiurlionis auch in seinen musikalischen Kompositionen ein wiederkehrendes melodisches Motiv als Hintergrund für thematische Variationen.

 

Der Geist von Çiurlionis‘ Musik ist neuromantisch, aber die Konstruktionsstrenge ist neoklassisch, während die polyphonische Eloquenz mystische Elemente enthält, die symbolistisch sind. Der Geist seiner Malerei, trotz neoromantischen Splittern, ist symbolistisch: ins Phantastische übersteigerte Inszenierungen; rätselhafte Landschaften; visionäre Darstellungen der menschlichen Gestalt. Als Symbolist hat Çiurlionis ein kosmologisches Drama dargestellt: Er hat eine spirituelle Energie hinter der Oberfläche der Wirklichkeit angenommen, die in der Kunst freigelegt werden kann.

 

So hat Çiurlionis sowohl in seinen musikalischen als auch in seinen malerischen Kompositionen auf mystische und mythologische Elemente zurückgegriffen, und er hat zugleich die folkloristische Tradition seiner Heimat wiederentdeckt. Er hat litauische Volkslieder, „dainos“, gesammelt und selber welche komponiert und hat die volkstümlichen Harmonien in seinen Musikstücken ebenso integriert, wie er die Muster der Volkskunst in seinen Gemälden übertragen hat.

 

Als er 1911 starb, hatte Çiurlionis durch Ausstellungen und Konzerte in Sankt Petersburg und Warschau der litauischen Kunst und Musik zu einem gewissen Ansehen verholfen. Seitdem ist der Komponist und der Maler Çiurlionis, wenn nicht wirklich anerkannt, so doch nicht mehr ganz unbekannt. Olivier Messiaen beschwor seine „besondere Tonfarbe,“ und in Ausstellungen symbolistischer Kunst ist er stets vertreten. Musik und Malerei hatten ihm als gleichbedeteutende Ausdrucksmöglichkeiten gegolten, um eine ebenso authentische wie moderne litauische Kunst zu begründen – um Nationalismus mit Symbolismus zu vereinbaren.

 

 

 

Stefana Sabin       Lesung zu « Wahrheit der Literatur »

 

 

 

 

 

 

 

 

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Stefana Sabin hat in Frankfurt, Haifa und Los Angeles studiert und 1982 mit einer literaturwissenschaftlichen Studie promoviert. Seitdem ist sie Mitarbeiterin im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung und hat mehrere Anthologien zeitgenössischer Prosa herausgegeben, Biographien (rororo monographie 485, 1992, und rororo monographie 530, 1996) verfasst und kulturgeschichtliche Essays – über das Exil als eine moderne Erfahrung und über das Verhältnis von Politik und Literatur – veröffentlicht. Eine Auswahl ihrer Aufsätze ist in dem Band Die Wahrheit der Literatur (2011) erschienen. Sie ist Herausgeberin des Onlinemagazins FAUST-Kultur. Shakespeare auf 100 Seiten, Reclam Universalbibliothek. 2014. Politik ohne Gott. Wieviel Religion verträgt Demokratie? Eine Sammlung von Aufsätzen zur Säkularisation, zusammengestellt mit Helmut Ortner. Zu Klampen Verlag. 2014.

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