Stefana Sabin

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Das Echo des Originals.

Über die Übersetzungsvorstellungen von Walter Benjamin und Franz Rosenzweig.

 

 

„Und der HERR sprach,“ übersetzt Martin Luther die biblischen Verse über die babylonische Sprachverwirrung: „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!“ Luthers Übersetzung der Bibel war von einem religionspolitischen Impuls getragen, der auch sprachpolitische Wirkung hatte. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530 hat Luther sein Vorhaben mit der inhaltlichen Rückkehr zum Urtext begründet und erklärt, er habe „eher wollen der deutschen Sprache Abbruch tun, denn von dem Wort weichen.“

 

Luther will Sinn und Form wiedergegeben haben – er will Wörtlichkeit gepflegt, wo sie möglich war, und zugleich Abweichungen vorgenommen haben, um Bedeutungen erkennbar zu machen. „Denn wer dolmetschen will, muß großen Vorrat an Worten haben, damit er die recht zur Hand haben kann, wenn eins nirgendwo klingen will.“ Seine „Verdolmetschung“ richtete sich gegen frühere verfälschende Übersetzungen und beanspruchte nicht nur die sprachliche Nähe zum Original, sondern auch eine wieder gewonnene semantische Treue. Zwar ist die Entwicklung des Christentums von der Übersetzung der Heiligen Texte bestimmt: der biblische Gott sprach zuerst Hebräisch, dann Griechisch, dann Latein, dann die Vernacularsprachen. Aber keine andere Übersetzung hat solch weitreichende kulturpolitische Folgen gehabt, wie Luthers Verdolmetschung der Bibel.

 

Eine kulturpolitische Intention stand auch hinter der ersten jüdischen Bibel-Übersetzung ins Deutsche, die der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn 1783 unternahm. Mendelssohn, der Freund Lessings und die reale Figur hinter dessen fiktionalem „Nathan der Weise,“ war der Vordenker der jüdischen Aufklärung, die einen Weg zwischen Tradition und Assimilation, zwischen Religiosität und Säkularisation, zwischen Offenbarung und Vernunft suchte. Seine Thora-Übersetzung war ein anerkanntermaßen aufklärerisches Projekt: Wie Luther, mit dem er immer wieder verglichen wird, entzog er die Heilige Schrift dem ausschließlichen liturgischen Gebrauch und indem er die biblische Geschichte als deutschen Text schuf, suggerierte er die Vereinbarkeit von religiösem Dogma und säkularem Kanon und legte den Juden die deutsche Sprache als Alltagssprache nahe. So trug die Tora-Übersetzung, indem sie die sprachliche Assimilation förderte, entscheidend zur kulturellen Integration der Juden in Deutschland bei.

 

Auch Franz Rosenzweig und Martin Buber haben aus einem sprachlichen ebenso wie aus einem religionsphilosophischen Impuls heraus die Heilige Schrift übersetzt und ihre Übersetzung  programmatisch „Verdeutschung“ genannt: „ER sprach: / Da, einerlei Volk ist es und eine Mundart in allen, und nur bei Beginn dies ihres Tuns – / nichts wäre ihnen nun mehr zu steil, was alles sie zu tun sich ersännen. / Heran! fahren wir nieder und vermengen wir dort ihre Mundart, / daß sie nicht mehr vernehmen ein Mann den Mund des Genossen“ (Im Anfang 11,4-19).

 

Ob Gott die Sprachverwirrung als Strafe verhängt hat, mag – zumindest unter Bibelexegeten – ein umstrittenes Thema sein. Unumstritten ist, dass erst damit die Notwendigkeit entstand, zwischen Sprechern verschiedener Sprachen zu vermitteln, zwischen Sprachen zu vermitteln – also zu übersetzen. Unumstritten ist wohl auch, dass das Übersetzen die Sprachverwirrung nicht linderte, sondern akuter machte. „Wer aus einer Sprache in eine andre übersetzen will“, schreibt Moses Maimonides in einem Brief von Donnerstag, dem 30. September 1199 an seinen hebräischen Übersetzer Schmuel Ibn Tibbon aus Lunel, „und sich vornimmt, ein bestimmtes Wort immer nur durch ein bestimmtes andres Wort wiederzugeben und die Ordnung der Abhandlung und die der Worte einzuhalten, der wird damit viel Plage haben, und es wird dabei eine zweifelhafte und verworrene Übersetzung herauskommen. Es ist nicht richtig, derart vorzugehen. Vielmehr muß sich der Übersetzer zuerst den Gedankengang klarmachen; dann soll er ihn so berichten und darstellen, dass er in der andern Sprache verständlich und ganz klar wird. Das ist nicht zu erreichen, wenn er nicht manchmal die Folge des früher oder später Gesagten abändert, ein einziges Wort durch mehrere Worte, und mehrere durch ein einziges wiedergibt, manche Wendungen fortläßt und andere hinzufügt, bis der Gedankengang geordnet und ganz klar ist, und der Ausdruck verständlich wird als ein der Sprache, in die übersetzt wird, gemäßer.“ Dieses kontrollierte Lavieren zwischen wörtlicher und idiomatischer Wiedergabe bestimmt immer noch jedes übersetzerische Unternehmen.

 

Als Wiedergabe der Ausgangssprache ebenso wie als Anpassung der Zielsprache ist Übersetzen per definitionem das, was im amerikanischen Alltagsjargon „a no-win situation“ heißt: man kann es niemandem richtig machen – man kann es nicht richtig machen. „Wir wissen eigentlich gar nicht, was eine Übersetzung sey,“ sagte Friedrich Schlegel. Versucht eine Übersetzung den Inhalt des Originals genau zu übermitteln und vernachlässigt dabei die stilistische Eigenart, wird sie wegen sprachlicher Sorglosigkeit kritisiert; versucht dagegen eine Übersetzung den symbolischen Gehalt des Originals zu vermitteln und vernachlässigt dabei inhaltliche Muster, wird sie der Ungenauigkeit bezichtigt; versucht eine Übersetzung dem Original inhaltlich gerecht zu werden, metaphorisch nahe zu bleiben und stilistisch zu entsprechen, wird sie als Nachdichtung qualifiziert, ja abqualifiziert.

 

Zwischen inhaltlicher und formaler Treue einerseits und zwischen formaler und symbolischer Treue andererseits lavieren literarische Übersetzungen. „Übersetzen ist so gut dichten, als eigene Werke zustande bringen – und schwerer, seltener,“ schreibt Novalis an August Wilhelm Schlegel. „Am Ende ist alle Poesie Übersetzung.“ Der russisch-amerikanische Linguist Roman Jakobson unterschied zwischen der kommunikativen und der poetischen Funktion der Sprache – literarische Übersetzungen können die kommunikative Funktion nicht ignorieren und sollen gleichzeitig die poetische rekonstruieren. Und der italienische Semiotiker Umberto Eco nennt das übersetzerische Unternehmen ein ständiges „Verhandeln“ zwischen Texten, Sprachen und Kulturen.

 

Es gibt viele Versuche, das Übersetzen ästhetisch zu bewerten und linguistisch zu versachlichen. Das Verhältnis zwischen Übersetzern und Übersetzungstheoretikern darf man sich meistens so vorstellen wie das Verhältnis zwischen Dichtern und Sprachwissenschaftlern. So wenig Dichter eine Sprachtheorie haben, so wenig erwartet man von Übersetzern, dass sie eine Übersetzungstheorie haben. Aber die interessantesten – weil radikalsten – Übersetzungstheorien stammen nicht zufällig von Sprachdenkern, die auch Übersetzer waren – zum Beispiel vom philosophischen Essayisten Walter Benjamin und von dem essayistischen Philosophen Franz Rosenzweig.

 

Benjamin hat das Vorwort zu seinen Baudelaire-Übersetzungen programmatisch „Die Aufgabe des Übersetzers“ genannt und darin eine Sprach- und Übersetzungsphilosophie formuliert; Franz Rosenzweig hat im Nachwort zu seiner Übersetzung der Hymnen und Gedichte des mittelalterlichen jüdischen Dichters Jehuda Halevi sein Ringen mit dem Hebräischen des 12. Jahrhunderts und dem Deutschen seiner Zeit beschrieben und daraus eine Übersetzungstheorie entwickelt (die er dann in der großangelegten Bibel-Übersetzung zu verwirklichen versuchte).

 

Beide, Benjamin und Rosenzweig, sind sich darin einig, dass es nicht darum geht, das Original übersetzend zu verdrängen, sondern im Gegenteil darum, das Original in der Übersetzung anklingen zu lassen. „Die wahre Übersetzung“, schreibt Benjamin, „ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern lässt die reine Sprache, wie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen.“ Und Rosenzweig gibt das Unverhältnis zwischen Übersetzung und Original schon mit dem Motto zu seinem Nachwort zu erkennen, einem Zitat des Homer-Übersetzers Friedrich Leopold von Stollberg: “O lieber Leser, lerne Griechisch / und wirf meine Übersetzung ins Feuer.”

 

Eine Übersetzung soll das Original weder ersetzen noch Eigenständigkeit suggerieren wollen – sie soll nicht die Illusion einer Ursprünglichkeit aufzubauen versuchen, sondern das Original in seiner sprach-symbolischen Intention in eine andere Sprache hinüberretten. Schon Schleiermacher hatte verlangt, die Differenz zwischen Original und Übersetzung unbedingt zu erhalten und also eine Sprache zu finden, der „die Spuren der Mühe aufgedrückt sind und das Gefühl des Fremden beigemischt bleibt.“ Nicht unähnlich definiert Benjamin die Aufgabe des Übersetzers als „diejenige Intention auf die Sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird.“ Und über seine eigenen Übersetzungen schreibt Rosenzweig, sie wollten „nichts sein als Übersetzungen.“

 

Es ist keineswegs lobenswert, behauptet Benjamin, wenn sich eine Übersetzung „wie ein Original ihrer Sprache“ liest, und bei Rosenzweig heißt es: „Die Aufgabe des Übersetzens ist eben ganz missverstanden, wenn sie in der Eindeutschung des Fremden gesehen wird.” Die fremde Sprache in der Übersetzung anklingen zu lassen, ist für Benjamin ebenso erstrebenswert wie für Rosenzweig und beide meinen, gerade darin liege ein sprachliches Erneuerungspotential. Benjamin schreibt davon, „… in der Übersetzung den Samen reiner Sprache zur Reife zu bringen“, und Rosenzweig schwebt eine Verschmelzung zwischen Ausgangssprache und Zielsprache vor, ein Kunst-Deutsch, in dem die Fremdheit des Hebräischen als modernes Deutsch erkennbar und hörbar bleibt – eben keine „Eindeutschung des Fremden“, sondern das schöpferische Ineinanderübergreifen zweier Sprachen „über den Abgrund des Raums und der Zeit“ hinweg, dergestalt dass die Zielsprache durch die Ausgangssprache erneuert wird.

 

Tatsächlich gehen beide, Benjamin und Rosenzweig, von einer grundsätzlichen strukturellen Gemeinsamkeit aller Sprachen aus und begreifen Übersetzung nicht bloß als das Übertragen von einer Sprache in die andere, sondern auch als das Streben nach der einen reinen Sprache. „Jenes gedachte, innerste Verhältnis der Sprachen ist aber das einer eigentümlichen Konvergenz“, so Benjamin, der meint, „dass die Sprachen einander nicht fremd, sondern a priori und von allen historischen Beziehungen abgesehen einander in dem verwandt sind, was sie sagen wollen… In Wahrheit aber bezeugt sich die Verwandtschaft der Sprachen in einer Übersetzung weit tiefer und bestimmter als in der oberflächlichen und undefinierbaren Ähnlichkeit zweier Dichtungen.“ Übersetzung ist für Rosenzweig überhaupt nur möglich, weil es für ihn nur “Eine Sprache” – mit großem E! – gibt: “Es gibt nur Eine Sprache. Es gibt keine Spracheigentümlichkeit der einen, die sich nicht, und sei es in Mundarten, Kinderstuben, Stan­des­eigenheiten, in jeder andern mindestens keimhaft nachweisen ließe” – ein Universalismus, den mancher moderne Linguist teilen würde.

 

Auch mit der Unterscheidung zwischen Worten und Wörtern lässt Rosenzweig an eine Unterscheidung der Linguistik denken, die Wörter als ihre Sache, Worte als Sache der Dichter ansieht. „Wörter,“ schreibt Rosenzweig, „stehen im Lexikon. Worte stehen nur im Satz.“ Deshalb geht es ihm beim Übersetzen nicht darum, den Wort-Sinn wörterbuchgetreu wiederzugeben, sondern darum, den symbolischen Gehalt eines Satzes, eines Textes zu erkennen und möglichst wiederzugeben. So will Benjamin die ganze Bedeutungsweite eines Wortes übersetzen: „Treue in der Übersetzung des einzelnen Wortes kann fast nie den Sinn voll wiedergeben, den es im Original hat. Denn dieser erschöpft sich nach seiner dichterischen Bedeutung fürs Original nicht in dem Gemeinten, sondern gewinnt diese gerade dadurch, wie das Gemeinte an die Art des Meinens in dem bestimmten Worte gebunden ist.“ Der Übersetzer, schreibt Rosenzweig, “darf nicht den Anspielungsgehalt der Sprache unterdrücken. … Denn es wäre natürlich keine Lösung, wollte man etwa in Anmerkungen dem Leser die erforderliche Bibelkenntnis nachträglich beibringen.” Was er anstrebt, ist eine sprachliche Einlegearbeit, in der Original, Übersetzung und Kommentar aufeinander bezogen werden und sich zu einer Einheit fügen, ohne ineinander überzugehen.

 

Rosenzweigs Übersetzungstheorie ist ebenso revolutionär wie utopisch, seine Übersetzungen wirken fremd und fremdartig, und in ihrer Fremdheit entfaltet sich eine metaphorische Kraft, die nicht zufällig mystische Resonanzen hat. Aber auch Benjamin hängt einer gewissen Sprachmystik an, in der das Übersetzen keine kommunikative Handlung ist, durch die ein Kulturtransfer stattfindet – vielmehr symbolisiert das Übersetzen die Suche nach der reinen Sprache, und der Übersetzer ist ein Gralsucher, der aus der poetischen Gestaltung einer Sprache durch die dichterische Um-Gestaltung zur reinen Form einer anderen Sprache gelangen will. „Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen,“ schreibt Benjamin, „die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des Übersetzers.“

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Stefana Sabin hat in Frankfurt, Haifa und Los Angeles studiert und 1982 mit einer literaturwissenschaftlichen Studie promoviert. Seitdem ist sie Mitarbeiterin im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2010 ist Redakteurin des Onlinemagazins FAUST-Kultur. Sie hat mehrere Anthologien zeitgenössischer Prosa herausgegeben, Biographien verfasst und kulturgeschichtliche Essays veröffentlicht. Eine Auswahl ihrer Aufsätze ist in dem Band Die Wahrheit der Literatur (2011) erschienen.

Zuletzt erschienen: Seit Shakespeare auf 100 Seiten, Reclam Universalbibliothek. 2014. Politik ohne Gott. Wieviel Religion verträgt Demokratie? Eine Sammlung von Aufsätzen zur Säkularisation, zusammengestellt mit Helmut Ortner. Zu Klampen Verlag. 2014. Dante auf 100 Seiten. Reclam Universalbibliothek 2015.

 

 

 

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