Silvia Irina Zimmermann

 

Am Denkmal der Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva) im Garten von Schloss Pelesch in Sinaia, 2013.

 

(Deutschland)

 

 

 

Warum Carmen Sylva?

 

 

 

Warum wurde eine Königin Schriftstellerin?

Warum war der bedeutendste rumänische Dichter kein Freund der Königin?

Warum wurde die Königin als republikanisch abgestempelt?

Warum wurde Königin Elisabeth als Schriftstellerin vergessen?

Warum Carmen Sylva heute?

 

 

 

Aphorismus aus: „Gedanken einer Königin“, erschienen im ibidem-Verlag, Stuttgart, 2012. Foto-Postkarte: Silvia Irina Zimmerman.

 

 

 

Warum wurde eine Königin Schriftstellerin?

 

Als ich 1993 an der Universität Marburg anfing, über die literarischen Werke von Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien, geborene Prinzessin zu Wied, 1843-1916) zu forschen, kann ich mich nicht erinnern, dass jemand dies in Frage stellte oder sich darüber wunderte. Ganz im Gegenteil, hieß es zunächst, das Thema einer Königin, die auch Schriftstellerin gewesen war, dazu noch aus einem anderen, in Deutschland weitgehend wenig bekannten Land, sei „sehr interessant“. Die Frage kam dennoch, später, als ich meine Dissertation über ihr literarisches Werk verteidigte: „Warum wurde eine Königin Schriftstellerin? Reichte es ihr nicht, Königin zu sein? Welchen Mehrwert hatte sie von der Schriftstellerei?“ Darauf gibt die Königin in ihren autobiographisch geprägten Texten selbst und wiederholt die Antwort, wenn sie ihre „liebe Feder“ verteidigt und ihr dichterisches Talent als gottgegeben betrachtet, als ein Trost für den Verlust ihres einzigen Kindes, als Ersatz für die Kinderlosigkeit und als ein neuer Lebenssinn zugleich verstehen will.

Die Königin leidet unter ihrem Schicksal als kinderlose Frau, und sie findet ihr Leben lang keinen Trost, dass sie in ihrer wichtigsten Pflicht als Königin versagt und dass sie ihr einziges Kind verloren hat. Und so klagt sie in ihrem Gedicht „Kein Erbe“ nicht Gott, sondern die Natur an:

 

„Doch eine Stiefmutter bist Du, Natur, mir,

Neidest mir den Gepriesenen, reichest

Voll mir die Schale der Hoffnung. Kaum nipp’ ich

Schüchtern am Rande, so ziehst Du sie zürnend

Wieder zurück, und schüttest sie andern

Ganz in den Schoß, die sie nimmer begehrten.“

 

Ähnlich heißt es in einem Aphorismus:

 

„Gott verzeiht, die Natur niemals“.

 

Und in einem autobiographischen Essay gesteht sie, an ihre im Kindesalter verstorbene Tochter, Prinzessin Maria von Rumänien (1870-1874) erinnernd:

 

„Mein Kind ist mein einzig gutes Gedicht!“

 

Die schriftstellerische Tätigkeit erklärt sie in dem autobiographischen Märchen „Carmen Sylva“ (aus dem Band „Märchen einer Königin“, 1901) wie folgt:

 

„Erst als ich fünfunddreißig Jahre alt war, habe ich das Erste drucken lassen, und zwar, weil die Leute sich ganz lange Sachen von mir abschrieben, da wollte ich ihnen die Mühe sparen und das vereinfachen. Da fing ich an, nach einem Namen zu suchen, hinter dem ich mich so gut verbergen könnte, dass man gar nie merken könne, wer ich sei.“

 

Dass die schriftstellerische Tätigkeit für die Königin mehr bedeutet, als in dem erwähnten Märchenzitat, zeigt sich vor allem in einer Briefäußerung an ihre Hofdame und literarische Mitarbeiterin Mite Kremnitz. Hier spricht sie über ihren Plan, ein mehrbändiges Werk „Aus Carmen Sylvas Königreich“ zu veröffentlichen und somit ein „schönes und komplettes Werk fürs Land“ zu hinterlassen. Dieses Vorhaben ist jedoch nur zum Teil realisiert worden, mit den beiden Bänden: „Pelesch-Märchen“ (rumänische Erstauflage 1882 / deutsche Erstauflage 1883) und „Durch die Jahrhunderte“ (deutsche Erstauflage 1885 / rumänische Erstauflage 1902). Vor allem ihre „Pelesch-Märchen“ sind als eine gelungene Mischung aus Literatur, Kulturvermittlung und Tourismuswerbung zu nennen. Denn mit dem Namen des bis dahin unbedeutenden Waldbachs, zu dem keine Sagen in direkter Beziehung standen, hatte die Königin eine historische und sagenhaft reiche Symbolik verbunden, vergleichbar mit der des Rheins aus ihrer Heimat. Zugleich beabsichtige die Königin mit den „Pelesch-Märchen“, den Namen Pelesch zu einem Symbol der neuen hohenzollernschen Dynastie in Rumänien auch literarisch bekannt zu machen. Die zeitgleiche Fertigstellung des Königsschlosses Pelesch in Sinaia (Rumänien) durch König Carol I. von Rumänien verstärkte diese Bemühungen, so dass beide Werke des Königspaares (Schloss Pelesch und die „Pelesch-Märchen“) als einander ergänzend zu betrachten sind.

 

 

 

 

 

 

Sicherlich spielte die soziale Position der Autorin für die Rezeption ihrer Werke eine nicht zu unterschätzende Rolle, und die Wahl des Titels „Aus Carmen Sylvas Königreich“ zeigt, dass auch die königliche Autorin mit ihren Büchern eine bestimmte Rezeptionswirkung anvisierte. Der Schriftsteller-Königin war die Bedeutung des Begriffspaares reale Königin Märchenkönigin bewusst. Genauso bewusst war ihr die Faszination, die ihre soziale Position auf die Bevölkerung ausübte, und sie nutze dies konsequent, um ihre Ansichten literarisch zu vermitteln und für das Königreich Rumänien im Ausland zu werben. Sie erklärte ihre schriftstellerische Tätigkeit als Teil ihres Berufes (zuweilen sogar als ihre eigentliche Berufung) und als ihre Mission, dem neu gegründeten Königreich Rumänien zu dienen und ihm, anstelle eines leiblichen Thronerben, der ihr verwehrt blieb, ein kulturelles Erbe zu hinterlassen.

 

 

 

Warum war der bedeutendste rumänische Dichter kein Freund der Königin?

 

Heute fragt man sich, warum Königin Elisabeth, die sich die Förderung der Kultur Rumäniens auf die Fahnen geschrieben hatte, ausgerechnet mit dem, aus heutiger Sicht bedeutendsten, rumänischen Dichter Mihai Eminescu nicht befreundet gewesen ist. Stattdessen war ein anderer Dichter, Vasile Alecsandri, der Freund und literarische Berater der dichtenden Königin.

 

Dem kann man entgegnen, dass:

– Vasile Alecsandri zu jener Zeit ein gefeierter Nationaldichter war und „König der Dichtung“ genannt wurde,

– Alecsandri im Gegensatz zu Eminescu dem Königshaus freundschaftlich verbunden war und die Königshymne auf den Versen von Alecsandri und nicht von Eminescu gesungen wird,

– die Grundstein-Urkunde zum Schloss Pelesch Verse von Alecsandri und nicht von Eminescu enthält,

– Königin Elisabeth Alecsandri einen Großteil ihrer Kenntnisse über rumänische Volksdichtung und Brauchtum verdankt,

– Carmen Sylva von Alecsandri in ihrer dichterischen Tätigkeit unterstützt und ermutigt wurde, dagegen Eminescu, nach Aussagen einiger Zeitzeugen, sich der dichtenden Königin gegenüber kritischer verhalten habe.

 

Aus heutiger Sicht muss man die unabhängige Meinung Eminescus als Dichter sowie als Redakteur der Zeitschrift „Timpul“ entsprechend wahrnehmen und würdigen, genauso wie die prodynastischen literarischen Anliegen der Königin, die ihre schriftstellerische Tätigkeit im Dienst der Krone ausübte.

 

Gleichermaßen ist zu würdigen, dass Königin Elisabeth unter dem Pseudonym E. Wedi 1878 die erste deutsche Übersetzung eines Gedichts von Mihai Eminescu in einer deutschen Zeitschrift veröffentlichte.

 

 

 

Warum wurde die Königin als republikanisch abgestempelt?

 

Bei meiner Recherchearbeit für ein Buch über das Bild des Königs Carol. I im Werk Carmen Sylvas, stellte ich fest, dass die Königin in der Sekundärliteratur wiederholt für republikanisch erklärt wird, und ich fragte mich: Warum wird Königin Elisabeth in den neueren Biographien als republikanisch abgestempelt, wenn sie mit ihrem literarischen Werk, dagegen, den König preist und die Notwendigkeit eines Königs an der Spitze eines Landes ausspricht?

Die neueren Biographien zu Carmen Sylva, die die Sympathie der Königin für die republikanische Staatsform betonen, berufen sich dabei auf eine angebliche Äußerung Elisabeths, wonach sie sich republikanisch erklärt hätte. Dieselbe Äußerung wird auch in einer bekannten Biographie der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn zitiert und dort als „distanziertes Verhältnis … zur monarchischen Staatsform” gedeutet. Aber in Wirklichkeit haben wir es hier nicht mit einer authentischen Äußerung Königin Elisabeths von Rumänien zu tun, sondern mit einem Zitat aus dem Roman „Am Hofe von Ragusa” (1902) von Mite Kremnitz.

 

 

 

Königin Elisabeth (Carmen Sylva) und König Carol I. von Rumänien.
Rechts: Das Königspaar zusammen mit dem Thronfolgerpaar Ferdinand und Maria und ihre Kinder, um 1910. Alte Postkarten (Privatsammlung S. I. Zimmermann)

 

 

 

Warum wurde dieses Romanzitat für authentisch erklärt und von mehreren Biographen als glaubwürdig betrachtet und so weitergegeben?

 

Der deutsche Biograf Eugen Wolbe ist der erste, der das Romanzitat von Kremnitz als eine authentische Aussage der Köngin Elisabeth erklärt und in seiner Biographie „Carmen Sylva. Der Lebensweg einer einsamen Königin” (1933) verwendet. Dabei ändert Wolbe das Zitat aus Kremnitz’ Roman leicht, und in seiner Formulierung finden wir diese sogenannte Republikanismus-Erklärung der Köngin Elisabeth bei den späteren Biografen wieder: „Ich muß mit den Sozialdemokraten sympathisieren, besonders angesichts der Nichtsthuerei und Verworfenheit der Vornehmen, ‚diese Leutchen’ wollen doch schließlich nur, was die Natur gibt: Gleichheit. Die republikanische Staatsform ist die einzig rationelle, ich begreife immer die törichten Völker nicht, daß sie uns noch dulden.”  Wolbe erklärt (obwohl er das Zitat nicht wortgenau sondern leicht geändert wiedergibt), dass er aus dem Roman „Am Hofe von Ragusa” von Mite Kremnitz zitiert und gibt die genaue Quelle an: „S. 63/64 des Romans”. Weiter ist er zwar der Ansicht, dass der Roman authentische Aussagen der Königin beinhalte, kann aber über seine persönliche Überzeugung hinaus keine faktischen Beweise liefern.

 

 

 

Veröffentlichte Bücher zu Carmen Sylva

 

 

 

Brigitte Hamann zitiert in ihrer Biographie der Kaiserin Elisabeth von Österreich Ungarn, „Elisabeth. Kaiserin wider Willen” (1981), die angebliche Republikanismus-Äußerung der rumänischen Königin aus der Biographie von Eugen Wolbe (1933), um zu beweisen, dass die rumänische Königin viele Gemeinsamkeiten mit der Kaiserin Elisabeth von Österreich Ungarn hatte, darunter auch „ihr distanziertes Verhältnis zu weltlichen Würden und zur monarchistischen Staatsform.”

 

Die rumänien-deutsche Biografin Anne-Marie Podlipny-Hehn übernimmt in ihrer Biographie „Carmen Sylva” (2001) das Wolbe-Zitat aus der Biographie Hamanns, und behauptet, es stamme aus dem Tagebuch der Königin. Podlipny-Hehn deutet die Äußerung Carmen Sylvas als eine „liberale Einstellung” und „republikanische Gesinnung” der Königin, fügt aber hinzu, dass im Gegensatz zur Kaiserin Österreichs, Rumäniens Königin an der Seite ihres Gemahls gestanden und ihn unterstützt habe, und dass Carmen Sylva „trotz ihrer Schwärmereien mit den Füßen auf dem Boden blieb”.

 

Der rumänische Biograf Gabriel Badea-Păun zitiert in seiner Carmen-Sylva-Biographie „Carmen Sylva. Eine rheinische Prinzessin auf Rumäniens Thron” (2011) dieselbe Stelle aus Wolbes Biographie (1933) und erklärt ähnlich wie Hamann, die rumänische Königin sei wie Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, „tief im Innern … republikanisch gesinnt” gewesen. Weiter vermutet Badea-Păun, die Königin habe in Rumänien eine soziale Revolution erwartet und ihre Äußerung zum Republikanismus könnte man auch als „eine gut plazierte Stichelei gegen die rumänische politische Klasse verstehen, die sie nicht liebte”.

 

Die Biografen haben Recht, was die liberale Gesinnung Königin Elisabeths von Rumänien betrifft. Doch was die Authetizität der republikanischen Erklärung der Königin betrifft, scheint es, dass die wahre Autorin dessen, Mite Kremnitz, mehrere Biografen in die Irre geführt hat, denn das Zitat erscheint, nur in ihrem Roman, aber nicht auch in ihrer Biographie der Königin („Carmen Sylva”, 1903) – wo man es eher erwartet hätte, wäre es authentisch gewesen.

 

 

 

Buch in Vorbereitung: Silvia Irina Zimmermann: „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal: Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“ [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv], Stuttgart: ibidem-Verlag, ca. 350 S., geplantes Erscheinungsdatum: im 2. Quartal 2014.

 

 

 

Mite Kremnitz zeichnet in ihrem Roman „Am Hofe von Ragusa” das Porträt einer Fürstin, die stellenweise gewisse Ähnlichkeiten mit der realen Königin Elisabeth von Rumänien aufweist. Kremnitz übertreibt einige negative Charakterzüge und fügt einige Phantasieaspekte hinzu, mit dem Ziel, die Königin mittels der Romanfigur zu karikieren. Einem nichteingeweihten Leser, vermittelt der Roman von Mite Kremnitz den Eindruck, hier würden interne Kenntnisse über den Königshof Rumänies sowie authentische Äußerungen der Königin preißgegeben, aufgrund der Tatsache, dass Kremnitz mehrere Jahre ein enges Verhältnis zum Königspaar hatte und literarische Mitarbeiterin Carmen Sylvas gewesen ist.

 

Königin Elisabeth von Rumänien fühlte sich von Kremnitz’ Roman angegriffen, und sie beklagte sich über die für sie unangenehme Situation, die das Erscheinen des Romans in Deutschland verursacht habe, in einem Brief aus dem Jahr 1903:

 

„I don’t know if you ever set eyes on that horror of Mrs. Kremnitz’s: ‚der Hof von Ragusa’ – just enough of a linkeness to make the rest probable and believed. It is ‚worse’ than anything that has been done against me as it is more believed.”

 

Um auf den erstgenannten deutschen Biografen zurückzukehren, stellt sich die Frage: Warum hat Wolbe das Kremnitz-Zitat in seiner Biographie über Carmen Sylva eingesetzt? Die Antwort ist folgende: In erster Reihe nutze Wolbe das Zitat aus dem Roman von Mite Kremnitz, um die „demokratische” Gesinnung der Königin Elisabeth zu beweisen. Und in zweiter Reihe zitierte Wolbe  den Schlusssatz aus einem Essay der Königin „Warum braucht man Könige?” –

 

„Man braucht wohl Könige, denn man kommt immer wieder darauf zurück, und selbst die Präsidenten der Republiken werden mehr und mehr dazu, eben weil das Bedürfnis nach einem verantwortlichen Führer vorhanden ist.“

 

um zu zeigen, dass Königin Elisabeth zu gleicher Zeit auch die monarchische Idee vertritt. Wolbes Fazit ist, dass für Königin Elisabeth die liberale Gesinnung und die hohe soziale Position kein Widerspruch in sich darstellen, sondern dass sie etwas Selbstverständliches und miteinander Vereinbarendes für sie sind: „Diese königliche Dichterin empfindet durchaus demokratisch und aristokratisch zugleich.”

 

So bleibt noch die Frage, warum die späteren Biographen, die sich des Romanzitats aus Wolbes Biographie bedienten, sich nur diesen einen Aspekt herauspickten und den Rest, der die komplexe Persönlichkeit der Königin zu erklären versucht, ignorierten?

 

 

 

Warum wurde Königin Elisabeth als Schriftstellerin vergessen?

 

 

 

Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs, Neuwied, gegründet 2012.

Oben links: Schloss Neuwied. Oben rechts: Schriftenreihe der Forschungsstelle in Vorbereitung, herausgegeben von: Dr. Silvia Irina Zimmermann, Dr. Hans-Jürgen Krüger, Dr. Edda-Binder-Iijima, Prof. Dr. Ralf Georg Czapla. 

Mitte: Konstituierende Sitzung des wissenschaftlichen Beirates der Carmen-Sylva-Forschungsstelle im Schloss Neuwied (September 2013). V.l.n.r. hintere Reihe: Bernd Willscheid, Dr. Ruxanda Beldiman, Dr. Silvia Irina Zimmermann, Prof. Dr. Ralf Georg Czapla. Mittlere Reihe: Prof. Dr. Nicolae-Şerban Tanaşoca, Prof. Dr. Klaus Heitmann, Dr. Edda Binder-Iijima, S.D. Carl Fürst zu Wied. In der Mitte sitzend: Dr. Hans-Jürgen Krüger.

Links und unten: Seitenansichten aus der Broschüre „Carmen Sylva” des ibidem-Verlags (Stuttgart). Unten rechts: Am Denkmal der Königin im Carmen-Sylva-Park in Neuwied.

 

 

 

Carmen Sylva veröffentlichte in den Jahren 1880 bis 1916 zahlreiche Bücher hauptsächlich in deutschen Verlagen. Viele ihrer Gedichte, Aphorismen, Märchen und Essays erschienen auch in Übersetzungen in Rumänien sowie in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Rumänien, Frankreich, England und Amerika, so dass ihr Name – nicht zuletzt auch dank der geschickten Werbung der Verlage für die „königliche Autorin“ – weltweit bekannt war. Aus der Sicht der Literaturkritik ihrer Zeit, wurde der Schriftstellerin Carmen Sylva aber nur geringe künstlerische Bedeutung zugesprochen. Denn durch die Tendenz der Vermischung verschiedener Stile im Text sowie wegen der relativen Selbständigkeit von literarischen Strömungen und Dichtergruppen ihrer Zeit, wurde Carmen Sylva ähnlich wie andere Autorinnen als dilettantisch abgewertet und in der neueren Literaturgeschichtsschreibung nach 1900 übergangen.

 

Aber auch die historische Person wurde für längere Zeit vergessen. Nach dem ersten Weltkrieg verblasste in Deutschland die Erinnerung  an die deutsche Prinzessin auf dem rumänischen Thron allmählich. Und in Rumänien war nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund der Machtergreifung im Land durch die Kommunisten, die Beschäftigung mit der Geschichte der rumänischen Monarchie für mehrere Jahrzehnte verboten. Erst seit 1990 gibt es eine Carmen-Sylva-Renaissance durch mehrere rumänische Neuauflagen der Werke Carmen Sylvas sowie einige neue Bücher zu ihrem Leben und zu ihrem schriftstellerischen Werk. Doch primär gilt das Interesse in der rumänischen Öffentlichkeit weniger der Schriftstellerin und vielmehr der Königin im Kontext der Geschichte der rumänischen Monarchie.

 

 

 

Warum Carmen Sylva heute?

 

Für die literaturgeschichtliche Frauenforschung stellt das schriftstellerische Werk der Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva) ein Zeitdokument und, aufgrund der sozialen Position, zugleich eine Ausnahmeerscheinung dar und ist somit im Rahmen der bisher wenig erforschten konservativen Mentalitätsgeschichte von Belang. Auch im Bereich der Adelsgeschichte als Teil der Kultur- und Sozialgeschichte Deutschlands, findet Carmen Sylva als deutschsprachige Schriftstellerin ihre Relevanz, wenn die transnationalen ost-westlichen Kulturverbindungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht werden.

 

Für den interessierten Leser sind ihre Aphorismen, Märchen und Erinnerungen, die in deutschen, französischen und rumänischen Neuauflagen erschienen sind, eine spannende Lektüre. Viele ihrer Gedanken, die sie literarisch vermittelte, sind überraschend modern, andere dagegen konservativ und sogar populistisch. Doch sie zeigen eine komplexe Persönlichkeit, die je nach Blickwinkel in verblüffender und manchmal widersprüchlicher Weise eine neue Facette ihrer selbst offenbart, so dass die eigenartige Faszination Carmen Sylvas, trotz der Jahrzehnte des Vergessenseins, bis heute ungebrochen zu sein scheint.

 

Für die Geschichte der rumänischen Monarchie bleibt Königin Elisabeth (Carmen Sylva) eine wichtige Zeitzeugin an der Seite ihres Gemahls König Carol I. von Rumänien und eine bemerkenswerte Propagatorin der rumänischen Dynastie. Denn mit ihrer literarischen Glorifizierung des Königs Carol I. von Rumänien unterstützte sie die Tendenzen um 1890 im rumänischen Königreich zur Herausbildung eines Mythos um den ersten König des unabhängigen Königsreichs Rumäniens. Diese politische, prodynastische Tendenz ihrer Werke wurde bisher kaum untersucht, obwohl sie aus heutiger Sicht ein erfolgreiches Beispiel von Public Relations durch Storytelling ist, und das zu einer Zeit, als diese Begriffe noch gar nicht erfunden waren.

 

Somit bietet das Buch „Unterschiedliche Wege, dasselbe Ideal: Das Königsbild im Werk Carmen Sylvas und in Fotografien des Fürstlich Wiedischen Archivs“, das in der  Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedisches Archivs im Juni 2014 erscheint, eine erste ausführlichere Studie über das Bild des Königs Carol I. von Rumänien in den veröffentlichten Werken von Carmen Sylva. Das 1905 erschienene Reisetagebuch der Königin „Rheintochters Donaufahrt“ sowie zahlreiche Fotografien aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv über das erste Königspaar Rumäniens Carol I. und Elisabeth runden den Band ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Silvia Irina Zimmermann

– geboren 1970 in Sibiu (Hermannstadt, Rumänien), wohnhaft in Mannheim

– Studium an den Universitäten Sibiu und Marburg (Germanistik, Anglistik, Kunstgeschichte, Soziologie)

– Promotion über das literarische Werk Carmen Sylvas an der Universität Marburg

– Initiatorin und Gründungsmitglied der Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs in Neuwied.

 

Website zur Schriftstellerin Carmen Sylva:

www.carmen-sylva.de

 

Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv:

www.carmensylva-fwa.de

 

 

 

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