Said

 

 
 

(Iran – Deutschland)

 
 

in dem haus voller seufzer

 

– aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhh.

sie kommen den hügel herunter. der schrei geht ihnen voraus und erreicht das haus. aus den fenstern hängen weiße tücher mit schwarzen bändern.

barfüßig tritt eine frau vor die tür. das kleid bedeckt auch die knöchel. ihr kopf ist kahl geschoren. sie trägt einen schal um die schultern. von hier aus beäugt sie die beiden. ihre leiber drücken sie gegeneinander, als hätten sie angst, der wind trüge sie fort. die frau bleibt in der tür stehen, bis sie näher kommen.

der mann grüßt.

– das ist mazlumi.

– mein mann verfügte, seine frau solle mit kahlem kopf trauer tragen.

der fremde drückt den hals des tieres an sich.

– der wind macht ihn melancholisch.

sie wirft dem esel den schal über den kopf.

– so spürt er weniger den wind und die anwesenheit einer frau.

– jener frau habe ich versprochen, mit ihm ans meer zu ziehen, wenn es soweit ist.

mit der hand fährt er über seine augen, sein maul.

– sie mußte ihn abgeben, weil sie heiratete.

die frau fährt mit dem handrücken über die lippen.

– er lag auf einem strohlager mit weichen augen. eine weile sprach ich mit ihm. schließlich zog ich mich aus und setzte mich zu ihm.

ein lächeln geht ihr über das gesicht.

als wäre der fremde dadurch ermutigt, spricht er weiter.

– jetzt bringe ich ihn ans meer.

sie kommt einen schritt näher.

– ihr müßt für die dauer des windes bleiben.

– ich weiß nicht, wie viele tage mir das herz wehtun würde.

– santa anna weht einen ganzen tag.

der fremde antwortet nicht.

– ich werde ihn waschen und ihnen ein essen bereiten.

sie nimmt sich den schal, wirft ihn um die schultern und reißt am trockenen gras, soweit ihre arme reichen. drinnen stehen alle drei in dem einzigen raum. das tier dreht den kopf zu seinem besitzer. er streichelt seinen kopf, als wollte er auf die frage eine antwort geben. zögerlich nähert sich sein esel der frau, seine nüstern drückt er gegen ihren bauch. sie streichelt seinen kopf und schaut hinüber zu dem mann.

– darf ich ihn waschen?

er nickt, setzt sich in eine ecke und streckt die beine aus.

sie verläßt den raum.

– mazlumi, dir wird es gut gehen.

nackt kommt sie zurück, auf dem kopf eine waschschüssel mit wasser, die sie mit beiden händen hält. die schwere last verleiht ihrem gang eleganz. sie bleibt vor dem mann stehen.

er fährt mit den fingern über seinen schnurrbart und nickt.

mit dem rücken zu ihm setzt sie die schüssel ab, richtet sich auf und streckt die hände aus.

mazlumi zeigt keine reaktion.

– der geruch einer nackten frau verwirrt ihn.

er steht auf, nimmt sein ohr und flüstert, dabei streichelt er seinen rücken.

die hand mit einem lappen taucht sie ins wasser.

– ihr seid miteinander vertraut.

er setzt sich wieder hin.

– in einer bestimmten weise ist er mir ähnlich.

sie lächelt.

– das müssen sie mir erklären.

– auch er ist so verschieden von den anderen.

die schweren brüste legt sie auf den rücken des esels und betrachtet den mann mit zusammengekniffenen augen.

– er flieht die menschen.

vorsichtig säubert sie sein ohr.

– reiten sie oft auf ihm?

– meist gehen wir nebeneinander, dann spürt er meine anwesenheit stärker.

sie hält im waschen inne.

– sie achten auf ihn.

– das tue ich.

noch immer schaut sie ihn an.

– was machen sie, wenn er störrisch wird?

– ich singe für ihn. dabei gehe ich in die hocke und schaue ihm in die augen.

wieder ist sie mit dem waschen beschäftigt.

– und wenn mazlumi sehnsucht nach seiner frau hat?

– ich zeige ihm das foto, das ich von den beiden gemacht habe.

er kramt in seinen taschen.

– sie stehen vor einem bunten tuch. sie ist nackt und hält seinen hals fest.

seine ausgestreckte hand ignoriert sie.

er zuckt mit den achseln und steckt das foto wieder ein.

um die beine zu waschen, kriechen sie unter das tier.

– was geben sie ihm zu essen?

– er liebt gelbe gauklerblumen.

– sonst nichts?

– pinienkerne, nur aus meiner hand. das habe ich ihm beigebracht, um ihn gegen die fremden zu schützen, die sich an ihn heranmachen

– und wovon lebt ihr?

– wir sind genügsam.

er atmet aus.

– gelegentlich übernehmen wir lastarbeiten.

seinen bauch wäscht sie besonders sanft.

– mittags legen wir eine pause ein. wir brauchen viel ruhe für unser leben. immer unter einer platane. mazlumi liebt diese bäume.

sie hält sich an dem esel fest und schaut hinüber.

er fängt den blick auf und legt sich anders hin.

– den letzten winter verbrachte er schweigend. ich glaube, er sieht seine zeit kommen.

mit der hand fährt sie über das fell.

– mazlumi ist zufrieden mit mir.

– er hört gerne die brandung, erzählte mir die frau.

– jetzt bin ich dran.

sie kriecht hervor und steht vor seinen augen.

– sie haben doch nichts dagegen?

mit dem selben wasser wäscht sie sich, ohne den mann anzuschauen.

– mein mann betrachtete mich gerne dabei.

dann drückt sie den lappen über dem kopf aus und stöhnt.

– er saß immer dort, wo sie jetzt sitzen, und freute sich auf mich.

mit dem abtrocknen läßt sie sich viel zeit und zieht sich dann an.

– ich habe etwas feines für unseren freund.

als sie zurückkommt, liegen auf ihrer handfläche einige stücke würfelzucker.

– komm, mazlumi, jetzt sind wir ja vertraute.

der esel schnappt nach dem zucker.

sie lacht.

– mein freund, das war nur die vorspeise.

und sie bringt ihm getrocknetes gras.

brot, olivenöl und rohe zwiebeln. sie tunken das brot ins öl und führen es mit zwiebeln in den mund. keiner spricht.

– ich bereite sein schlaflager.

sie stapelt stroh und bringt eine decke.

– ich lege mich zu ihm.

der mann nimmt die decke, breitet sie über sich, dreht sich zur seite und schläft.

ein geflüster weckt ihn am morgen.

– stehe auf mazlumi. der tag wartet. das meer ist schon unruhig.

sie hält sich an seinem hals fest.

– ihr braucht nur den pilgern zu folgen, die um diese jahreszeit zum meer ziehen.

draußen ist ihr blick zu boden gerichtet.

– sie gehen in geschlossen gruppen und schweigen.

sie bückt sich, klaubt einen stein auf und reicht ihn dem mann.

– wenn sie vom meer zurück sind, kommen sie vorbei, wir schauen uns das foto an.

 

 

(September 2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

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SAID wurde 1947 in Teheran geboren und kam 1965 nach München. nach dem Sturz des Schah 1979 betrat er zum ersten mal wieder iranischen Boden, sah aber unter dem Regime der Mullahs keine Möglichkeit zu einem neuanfang in seiner Heimat. seither lebt er wieder im deutschen Exil.

sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet: 1992, Civis-Hörfunkpreis; 1994 Premio letterario internazionale „Jean Monet“; 1996, preis der Stadt Heidelberg „Literatur im Exil“; 1997, Stipendium Villa Aurora (Los Angeles, USA); 1997, Hermann-Kesten-Medaille; 2002 Adelbert-von-Chamisso-Preis; 2006, Goethe-Medaille. 2010, Literaturpreis des freien deutschen Autorenverbands.

seine Bücher sind in mehreren Sprachen erschienen.

 

Bibliographie:

1-liebesgedichte. münchen 1981

2-wo ich sterbe ist meine fremde. frankfurt 1984

(auch auf englisch)

3-ich und der schah. die beichte des ayatollah. hörspiele. hamburg 1987

4-dann schreie ich, bis stille ist. gedichte. tübingen 1990

5-selbstbildnis für eine ferne mutter. ein poem. münchen 1992

6-der lange arm der mullahs. notizen aus meinem exil. münchen 1995

7-es war einmal eine blume. ein märchen mit bildern von kveta pacovska. salzburg 1998

(auch auf französisch, holländisch, slovenisch, koreanisch und italienisch)

8-sei nacht zu mir. liebesgedichte. münchen 1998

(auch auf englisch und gälisch)

9-idegen szerelmek. eine sammlung der gedichte. budapest 1998

10-die ballade vom esel trauermaul. ottensheim an der donau 1999

11-dieses tier, das es nicht gibt. münchen 1999 (auch auf kroatisch)

12-landschaften einer fernen mutter. münchen 2001

(auch auf französisch, englisch, spanisch und bosnisch)

13-clara. ein märchen mit bildern von moidi kretschmann. st. pölten 2001

14-außenhaut binnenträume. gedichte. münchen 2002

15-friedrich hölderlin empfängt niemanden mehr. ein hörspiel. münchen 2002 (cd)

16-in deutschland leben. ein gespräch. münchen 2004

17-auf den leib. mit fotos von james dummler. münchen 2004

18-ich und der islam. münchen 2005

10-das rot lächelt, das blau schweigt. geschichten über bilder. münchen 2006

(auch auf koreanisch)

20-mukulele. ein märchen mit bildern von katharina grossmann-hensel. düsseldorf 2007

(auch auf chinesisch)

21-psalmen. mit einem nachwort von hans maier. münchen 2007

22-der engel und die tauben (erzählungen). münchen 2008

23-das haus, das uns bewohnt (mit asher reich). münchen 2009

24-ruf zurück die vögel(gedichte). münchen 2010

25-das niemandsland ist unseres(essays). münchen 2010

 

www.said.at

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