SAID

 

 

(Iran-Deutschland)

 

 

 

shushana kommt wieder

 

die allee war geduldig mit ihren rapsfeldern.

ich blieb stehen und ließ mich blenden vom gelb.

daß ich eine bittstellerin war, die weiterkommen wollte, fiel mir ein, als ein auto auftauchte.

ich stellte mich an die straße und hob die hand.

das auto hielt, die fensterscheibe ging runter: „wohin?“

„geradeaus.“

er öffnete die tür, ich brachte meine beine unter und drehte mich um.

seine hand war ausgestreckt und er stellte sich vor.

„shushana“, sagte ich und ordnete das haar.

„sie sagten gerade aus, bis wohin?“

„bis zur dämmerung.“

er lachte auf.

„ich wollte sagen, daß ich dann eine bleibe suche.“

„sie sind süß“, hörte ich.

dann erzählte er von sich, von seiner farm, von seiner stute, von seinem vater.

er fuhr durch das tor, hupte und hielt an.

„erst die dusche oder die stute?“

„die stute“, sagte ich, ließ meine sachen im auto und sprang heraus.

und schon hörte ich sie.

paul öffnete die arme. sie steckte ihm den kopf in die seite, er streichelte sie und flüsterte.

„wenn er das mit mir macht, lasse ich mich fallen.“

er nannte dem tier meinen namen.

„kommen sie, shushana, meine stute beißt nicht“, ich streichelte sie und ließ ihr zeit.

dann rannte ich los, die stute folgte. ich ließ mich fallen und beschnuppern – der warme atem erreichte die eingeweide.

paul führte mich die treppe hinauf.

„das ist ihr zimmer und das bad, die handtücher liegen auf dem sims“, er winkte und ging.

ich duschte und wusch mein haar. die jeans ließ ich liegen und nahm den kurzen rock.

zum abendessen erschien auch sein vater.

„ich heiße camil.“

groß, hager, adlernase, durchdringende augen.

er unterhielt mich, paul schwieg.

„nein, zu der stunde trinke ich keinen kaffee mehr“, camil stand auf und berührte meine schulter: „wir sehen uns.“

„geht ihr vater immer so früh ins bett?“

„er ist alt und einsam“, dann legte paul seine hand auf meine:

„das verstehst du doch.“

„das wirst du büßen“, dachte ich, stand auf und stieg die treppe hoch. so langsam, wie es meine erregung erlaubte.

oben zog ich den rock aus und setzte mich in eine ecke. die beine angewinkelt, drückte ich die hände auf den boden – es klopfte und camil trat ein.

ohne aufzustehen, zog ich den slip aus und reichte ihn ihm. er führte das stück an die nase und blinzelte. ich streckte die hand aus, er nahm sie und führte mich ans bett.

„ich habe hier das kommando“, dachte ich und setzte ihn auf die bettkante.

ich kniete, zog seine schuhe aus, dann die socken. seine füsse erregten mich unerwartet. bevor ich eine dummheit beging, stand ich auf und bat ihn, mich von der bluse zu befreien. das tat er, und er tat noch etwas: er beruhigte meine brüste.

später hat er mich gewaschen, ich war dankbar für seine hände.

„gleich legt er mich seinem sohn ins bett.“

er tat es nicht.

am frühstückstisch waren wir alleine, paul voller schweigen.

„soll ich dir von der nacht erzählen?“

er winkte ab und senkte den kopf.

„auch jetzt kann er mich haben“, dachte ich und verzichtete auf jedes weitere wort.

auch verzichtete ich darauf, daß er mich bis zur hauptstraße begleitete.

„wir sehen uns“, sagte ich und warf ihm eine kußhand zu.

ich ging den weg hinunter und flennte, die holunderbüsche raschelten.

 

 

 

 

 

 

yann verscheucht die fliegen

 

– der tod ist anekdotisch und banal.

tamar lacht und lehnt sich an ihn.

sie gehen durch die felder, sie spürt seine zuneigung, obwohl er sie nicht berührt.

– wenn du hier auf die farbe blau stößt, sag bescheid.

tamar bleibt stehen und schaut ihm in die augen.

– blau ist die farbe des todes.

tamar lacht.

yann verscheucht eine fliege vor seinem gesicht.

– und diese viecher sind seine vorboten.

– sonst noch etwas?

sie gehen weiter, und tamar denkt.

– er benimmt sich wie eine frau, die gefallen möchte – aber sehr ungeschickt.

sie sagt nichts und hängt sich bei ihm ein.

mittags kehren sie heim, yann will eine stunde schlafen.

tamar geht in der wohnung herum, trödelt und summt vor sich hin.

da läutet es an der tür.

sie öffnet, schaut nach links und rechts, findet niemanden vor.

tamar geht in sein zimmer.

– yann, erwartest du jemanden?

er liegt im bett und antwortet nicht.

– ich lasse ihn schlafen.

plötzlich fröstelt sie, und sie verläßt das zimmer.

im gang weiß sie warum: sie hat die haustür offen gelassen.

– hmm, der luftzug.

tamar geht zur tür und schaut noch einmal hinaus – niemand, nichts.

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

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BIOBLIO:

 

SAID wurde 1947 in teheran geboren und kam 1965 nach münchen. nach dem sturz des schah 1979 betrat er zum ersten mal wieder iranischen boden, sah aber unter dem regime der mullahs keine möglichkeit zu einem neuanfang in seiner heimat. seither lebt er wieder im deutschen exil.

 

Sein literarisches werk wurde vielfach ausgezeichnet: 1992, civis-hörfunkpreis; 1996, preis der stadt heidelberg „literatur im exil“; 1997, stipendium villa aurora (los angeles, usa); 1997, hermann-kesten-medaille; 2002 adelbert-von-chamisso-preis; 2006, goethe-medaille. 2010, litraturpreis des freien deutschen autorenverbands. 2014, verdienstkreuz am bande. 2016, friedrich-rückert-preis.

 

Bibliographie:

 

liebesgedichte.1981

wo ich sterbe ist meine fremde.1984 (auch auf englisch)

ich und der schah. die beichte des ayatollah. hörspiele.1987

dann schreie ich, bis stille ist(gedichte)1990

selbstbildnis für eine ferne mutter. ein poem.1992

der lange arm der mullahs. notizen aus meinem exil.1995(3. auflage)

es war einmal eine blume. ein märchen mit bildern von kveta pacovska.1998

(auch auf französisch, englisch, holländisch, slovenisch, koreanisch und  italienisch)

sei nacht zu mir(liebesgedichte)1998 (auch auf englisch und gälisch)3. auflage

die ballade vom esel trauermaul.1999

dieses tier, das es nicht gibt.1999 (auch auf kroatisch)2. auflage

landschaften einer fernen mutter.2001 (auch auf französisch, englisch, spanisch und bosnisch)

clara. ein märchen mit bildern von moidi kretschmann.2001

außenhaut binnenträume(gedichte) 2002

friedrich hölderlin empfängt niemanden mehr.(ein hörspiel cd) 2002

in deutschland leben (ein gespräch)2004

auf den leib(mit fotos von james dummler)2004

ich und der islam.2005

das rot lächelt, das blau schweigt. geschichten über bilder.2006 (auch auf koreanisch)

mukulele. ein märchen mit bildern von katharina grossmann-hensel. 2007 (auch auf chinesisch)

psalmen.2007(auch auf französisch, englisch und griechisch)3. auflage

der engel und die tauben (erzählungen).2008

das haus, das uns bewohnt (mit asher reich).2009

ruf zurück die vögel(gedichte).2010

das niemandsland ist unseres(essays).2010

ein brief an simba (mit bildern von gabriele hafermaas). 2011

hans mit der hütte (mit bildern von maren briswalter).2012

parlando mit le phung.2013

schneebären lügen nie (mit bildern von marine ludin).2013(auch auf japanisch)

auf der suche nach dem licht(gedichte)2016

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www.said.at

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