Sabine Scholl

 

1

 

(Deutschland)

 

 

 

MÖGLICHE GESCHICHTEN – ein Potpourri aus Namen, Noten und Nudeln

 

Motto

Kikoeru, kikoeru, nami no otó – Ich kann hören, ich kann hören, den Klang der Wellen

 

I. Annäherung

 

Natürlich war ich über die Einladung zu Musik Literarisches zu verfassen froh. Immerhin habe ich von mir selbst den Eindruck, dass Musik für mein Leben und Schreiben wichtig ist. Im Ausland erwähne ich oft, wenn es darum geht, etwas spezifisch Anderes, also Österreichisches, im Vergleich zum Land, in dem ich mich aufhalte, zu benennen, die Allgegenwart der Musik. Wie ich als Kind mit Ehrfurcht die Plattensammlung meiner Eltern durchhörte, wie ich Arien aus Mozartopern erkannte, wie mir bei manchen Stücken Tränen in die Augen traten, wie Angst bei tiefen Bassstimmen aufkam, wie Gänsehaut beim Dröhnen der Orgeln, wie schliesslich meine Onkels eine Band gründeten und samstags probten, mit glänzenden elektrischen Gitarren, wie ich mit Brüdern und Freundinnen stundenlang sang, wie ich schließlich mit einem ersten Liebhaber um die Stelle des Leadsängers konkurrierte und mit der eifersüchtigen Bassistin um ihn rang, wie ich aber dann doch mehr schrieb als sang und wie mich Musik während des Schreibens jetzt stört, weil sie zu intensiv hereinsteigt und mich völlig besiegt und wie ich Stille brauche und wie meine Tochter glaubt, dass ich Musik nicht mag, weil ich dabei nicht arbeiten kann, und wie ich ihr daher den Ghettoblaster ins Kinderzimmer stelle, um beim Schreiben nicht die Stimmen Christinas, Jennifers und Pinks zu  hören, und wie ich andererseits im Zuge unseres Musikkriegs die Fernsehsendungen mit falscher Folklore benutze, um das schlafunwillige Kind ins Bett zu vertreiben, weil sie diese Lieder nicht erträgt.

Und dann die Einladung zum Ratespiel: Ich erhalte eine CD ohne Information zu Komposition und Interpret und soll darüber schreiben. Ich schob sie im Kinderzimmer in den Player und dann ertönte dieses Lied und da war Text und diese Stimme und am Anfang verstanden wir nur Sünde.

Meine Tochter schaute entgeistert.

Warum ich diese Musik hier bei ihr spiele, und was das ist.

Was glaubst du?

Sie zuckte die Achseln.

Ich bemerkte, dass sie keine Ahnung hatte, nicht wusste, was Sünde ist.

Irgendwas mit Gott? Meinte sie dann.

Und ich versuchte zu erklären, und dabei fiel mir mein eigenes Lernen von Sünde ein, das Suchen im Messbuch nach möglichen Verfehlungen als Hausaufgabe gestellt.

Und glaubst du, dass du Sünden begehst, fragte ich meine Tochter.

Na ja, könnte schon sein, zum Beispiel die Vier in Biologie, ist Sünde. Darüber hast du dich doch sehr aufgeregt.

Ja, aber nicht weil es Sünde ist.

Sondern?

Hm, aber wie kannst du an Sünde glauben, wenn du nicht an Gott glaubst?

Doch ja, geht schon, meinte sie. Ich stelle mir dabei was Schlimmes vor.

Und ich überlegte ernstlich, ob ich nicht etwas vergessen hatte in ihrer Erziehung, weil sie religionslos aufwuchs und nicht getauft, obwohl sogar bei mir war das Katholische aus zweiter Hand, kam eher von aussen heran, so dass die Musik zuerst war, und dann vielleicht die Idee von Gott, nicht umgekehrt. Oder vielleicht war die Musik Religion von Anfang an?

Jedenfalls hatte ich immer das Gefühl, mich bloß in einem Schauspiel zu befinden, wenn ich die Busse betete vor dem Seitenaltar, nach dem Aufzählen der Sünden. Und ich dachte, dass ohne ein Konzept von Sünden auch die dazupassende Musik nicht greift. Denn wie sollte meine Tochter dieses Lied verstehen, das Worte wie Sünde, Satan, Fluch in ein Kinderzimmer voller Pferdeposter und Dinosauriermonster streute?

Andererseits hatte sie als Kleinkind zum Einschlafen immer nach  „musique Bach“ verlangt.

Irgendwie war ich enttäuscht.

Warum war das Stück so kurz?

Warum musste es Musik mit Text sein? Auf Deutsch?

Text verführt dazu auf seine Bedeutung zu achten und weniger auf die Musik.

Ein Text von Georg Christian Lehms.

Auch dieser Name hat mit Erde zu tun, mit Schmutz, wie meiner.

Während der Bach reinigt.

Und hatte er tatsächlich seinen Namen in die Musik komponiert?

Warum musst du das hören? Fragte die Tochter.

Na, das ist wie ein Spiel, ich bekomme die Musik und soll dazu was schreiben.

Aber was wirst du dazu schreiben?

Ich muss mir was einfallen lassen.

Und wenn dir nichts einfällt?

Sie lachte.

“Und übertünchtes Grab. Sie ist den Sodomsäpfeln gleich”, hörten wir.

Was sind Sodomsäpfel, fragte sie weiter.

Ich ging zum Computer.

Sodomsäpfel sehen wie essbare Früchte aus, werden aber zu Rauch und Asche, wenn man sie pflückt, gab ich zur Antwort.

Doch wie sollte ich ihr Sodom erklären, wenn sie die Bibel nicht kennt, aber den fünften Harry Potter liest, auf Englisch.

Und wie Satan? Der ein Anagramm von Santa, Heiliger, ist, wie man Santa Claus, den Weihnachtsmann, amerikanisch kurz, in Chicago nannte, daran erinnerte sie sich noch.

Ist Musik also weniger Religion als eine Art Zuhause, ein Ort, an dem man sich findet, oder an dem man etwas findet, das einen hält? Ist Musik ein Kontinent?

Und haben nicht Geister und Monster die Funktion des Satans übernommen? Auch die ganze Zaubergeschichte ist ein Kampf des Dunklen gegen das Licht. Gottseibeiuns wird zum Duweisstschonwer, um den Bösen nicht zu provozieren und Potter zum Erlöser mit dem Lichtzeichen auf der Stirn.

Aber warum schreibst du darüber in Zusammenhang mit mir? Fragte die Tochter.

Hm, antwortete ich, und dachte, dass es ja auch umgekehrt funktioniert. Dass das Wissen um Zauberer einmal ihrem Verständnis für die Bilder der Bibel helfen kann. Denn es ging mir nicht eigentlich um die Religion, deren Zeichen ich auch nur unter Zwang erlernt hatte. Aber dass sie die mit der Religion verbundenen Geschichten, Namen und Symbole nicht kannte, störte mich. Ohne sie könnte meine Tochter vielfache Anspielungen und Konstrukte unserer Kultur kaum verstehen.

The shape of vile transgression/ In sooth is outward wondrous fair, las ich später im Computer. Auf Englisch war der Text ein wenig besser,

Sünde als Transgression.

Das entfernte von der katholischen Schuld, klang technischer, irgendwie verräumlicht, war mir angenehmer, rief allerdings in Erinnerung, dass ich den Aufsatz fertig stellen sollte zu Kräftner und Zürn. Weitere Auseinandersetzungen mit Schuld, mit einer Sündflut, Märtyrern und Mystikerinnen. Da lag ein Gift, das zerstörte. Besser wäre es gewesen, sie hätten dem Zwang zur Religion widerstanden und sich nicht dem Glauben an die Sünde hingegeben.

Was hatte ich eigentlich damit zu tun?

Kam ich hier nie raus?

Ich, eine Angehörige der westlichen Kultur, des westlichen musikalischen Systems, Angehörige einer Kultur der Sünde und der Schuld?

Ich packte die CD in meinen Koffer.

Ich flog fort.

 

II. Entfernung

 

In Japan sah alles anders aus. Aber hörte es sich auch anders an? Hörten die Menschen dort etwas anderes als ich, auch wenn sie dasselbe hörten? Aber warum? War es wie beim Essen?

So wie mir Herr Kimura im Udon-Restaurant erklärte? Auch wenn wir dasselbe assen, schmeckte er als Japaner auf andere Art. Herr Kimura konnte Violine spielen und ein wenig deutsch, er liebte klassische Musik.

Die Japaner aber haben neben der Zunge auch einen Geschmackssinn im Rachen und viele Speisen werden dort hinten goutiert, erklärte Herr Kimura. Zum Beispiel, Nudeln werden mit geräuschvollem Schlurfen vom vorderen Teil des Mundes bis in den Rachen gesaugt, etwas, das ich immer noch nicht kann.

Herr Kimura sagte, die klassische Musik verwendet ähnliche Motive wie japanische Schlager und das ist es, warum er sie liebt. Die Nudeln waren sehr heiß. Sie schwammen in einer dunklen, kräftigen Suppe.

Wie aber ist klassische Musik nach Japan gekommen? Fragte ich.

Vielleicht mit dem Militär, meinte Keiko. Am Anfang der Öffnung. Und dann brach mit einem Mal das Fremde herein. Schiffe, Waffen, Eisenbahnen, Kleider und die Musik. Ein deutscher Kapellmeister schrieb sogar den Tonsatz für die Nationalhymne Japans, harmonisierte und arrangierte dazu ein japanisches Lied für europäische Blasinstrumente.

Und hast du gewusst, fragte Keiko, warum in Japan zu Jahresende immer Beethovens Neunte ertönt?

Nein, warum?

Wegen Tsingtau, einer kleinen deutschen Kolonie in China. Die dort im 1. Weltkrieg kämpfenden deutschen Soldaten wurden bald von den Japanern gefangengenommen und auf die Insel gebracht. Das Lagerorchester von Bando in der Präfektur Tokushima hat die 9. Symphonie Beethovens zu Weihnachten in Japan uraufgeführt.

Auch die deutschen Würste, die Bäckereien, die Baumkuchen, Stollen und Konditoreien wurden von Kriegsgefangenen auf diese Weise nach Japan gebracht. Kaisersemmeln heißen in der Bäckerei Bruder jetzt Kaiser, sind aber knuspriger als in Wien.

Wie aber kam Bach nach Japan?

Mein Bruder meinte, mit der DDR. Bach-Export als ostdeutsche Spezialität. Weil Bach im Osten Deutschlands wirkte, wurde er vom kommunistischen Regime zum Rebellen, Aufklärer und Freigeist stilisiert.

Herr Siemonetto teilte diese Meinung, denn er hatte schon vor mehr als 25 Jahren, noch in Ostdeutschland, ein paar Jungen des Leipziger Thomanerchores interviewt, des Chors, den einst Bach leitete. Viele dieser Kinder kamen aus einem atheistischen Zuhause.

Aber ist es möglich Bach ohne Glauben zu singen? Fragte er.

Wahrscheinlich nicht, antworteten sie, aber wir haben Glauben. Bach hat sich als Missionar sogar bei uns erwiesen.

Während einer Reise nach Japan entdeckte Herr Siemonetto dann, dass Bach 250 Jahre nach seinem Tod eine Schlüsselrolle in der Evangelisierung des Landes einnimmt.

Herr Siemonetto vergisst aber, sagte ich, dass es nun in Japan kein Problem ist, wenn verschiedene Religionen nebeneinander existieren, dass es keine Kriege um den richtigen Glauben gibt und dass es auf ein paar Ideen mehr oder weniger, ob aus dem Westen oder aus dem Osten, ob katholisch oder protestantisch nicht ankommt. Schließlich kann auch Vollkornbrot neben Reisbällchen bestehen, Riesling neben Sake.

Aber auch Herr Siemonetto verband die Idee der Musik mit der Idee der Religion.

Das Interesse für Bach in Japan entsteht aus einem spirituellen Loch, meinte Herr Siemonetto, weil es in keinem anderen Land der Welt so viele Handleser gibt, kein anderes produziert derart viel Pornographie. Selbstmordraten steigen und viele Menschen haben täglich Angst.

Das erklärt auch den Erfolg von Kobe. Hier wird Bach gepflegt. Von einem eigenen Kollegium aus verbreitete sein Gründer, Herr Suzuki, die deutsche HOFFNUNG über das ganze Land, weil es dieses Wort im Japanischen nicht gibt.

Herr Suzuki sagte, sie hätten in Japan nur IBO, Wunsch oder NOZOMI, das Unerreichbares beschreibt.

Von Herrn Suzuki wurde daher auch das Wort KANTATE in den japanischen Sprachgebrauch eingeführt, sagte Herr Siemonetto.

Was aber kam zuerst nach Japan? Musik oder Religion?

Die portugiesischen Missionare des 16. Jahrhunderts hatten knapp vier Jahrzehnte Zeit für ihr Projekt der Christianisierung. Vor allem im Süden waren sie erfolgreich, es wurde schick mit Rosenkränzen zu promenieren, allerdings um den Hals gehängt, wie Schmuck.

Also waren doch katholische Hymnen die erste westliche Musik, vermutete Keiko.

Sie wies auf die Statuen mit dem Titel „Der Ursprung der europäischen Musik in Japan“, die Kinder Weihnachtslieder singend, zeigten. Ein Missionar begleitet sie auf einer Violine. In jesuitischen Seminaren wurde damals neben Latein, japanischer Kalligraphie und Literatur, bereits westliche Musik gelehrt.

Der Baske unter portugiesischer Flagge, Francisco Xavier, brachte bei einem Besuch Geschenke, um den Vorteil der westlichen Zivilisation zu dokumentieren, Instrumente zur Beherrschung der Zeit, des Körpers und des Himmels, also eine Uhr, eine Brille, ein Teleskop und ein Tasteninstrument, entweder Klavichord, Cembalo oder Spinett, denn die westliche Musik erwies sich als edelste und effektivste Form der Konversion.

Keiko erzählte mir auch die Geschichte von den vier christianisierten japanischen Knaben, die so gut musizieren lernten, dass man sie nach Europa schickte, um sie als Missionierungserfolg vorzuführen. Sie reisten über Portugal nach Rom, wo ihre prächtigen Gewänder beim berittenen Einzug in den Vatikan Aufsehen erregten und sie wurden vom Papst zu einer Audienz empfangen. Der Legende nach waren sie die ersten Japaner, die Europa je sahen; Stoff für einen Roman also, der kürzlich in Japan von einer Kunsthistorikerin verfasst wurde, berichtete Keiko. Sogar das Programm eines Konzertes der vier Wunderknaben hat man rekonstruiert. Die Auseinandersetzung verlief jedoch einseitig, denn während die japanischen Schüler gelehrig und interessiert waren – einer der Musiker verarbeitete seine Reise in einem Tagebuch – wussten die Jesuiten mit den ihnen fremden Musikformen damals nichts anzufangen. Ein  westlicher Beobachter schrieb:

„Unsere Tänzer tanzen mit Kastagnetten und halten sich gerade; die Japaner tanzen mit Fächern und in einer kauernden Haltung, also ob sie etwas verloren hätten und auf dem Boden danach suchten.

Die Europäer machen Tanzschritte mit ihren Füssen; die Japaner bewegen sich langsamer und gestikulieren vor allem mit ihren Händen.

Wir singen polyphonisch; die Japaner singen alle dieselbe Melodie mit einer unnatürlich gepressten und hohen Stimme; das ist die schrecklichste Musik, die man sich vorstellen kann.“ (nach  A History of Japanese Music)

Aber die Tage der Missionare waren sowieso gezählt. 1597 wurden die ersten japanischen Christen gekreuzigt, die Jesuiten des Landes verwiesen, ihre Anfänger verfolgt. Die christliche Madonna musste heimlich in der Figur der japanischen Muttergöttin Amaterasu verehrt werden, wie ich im Fernsehen in einer Soap-Opera sah. Die verbliebenen Reste der Kirchengesänge wurden von japanischer Musik überlagert. Japan war wieder Japan. Und das noch lange Zeit.

Die zweite grosse Welle westlicher Musik setzte mit der erzwungenen Öffnung vor ca. 150 Jahren ein. Schon Kommandant Perry betrat den japanischen Boden begleitet von Militärmusik. So lernten die Japaner den Zusammenhang von Marschieren und Musizieren. Die frischen Missionare forschten nach Spuren des verbotenen Christentums. Wie in einem Selbstbedienungsladen deckten sich die Japaner nun mit den Errungenschaften westlicher Zivilisationen ein. Von Deutschland wurden vor allem Musik, Militär und Schulwesen übernommen, wie man heute noch an den von preussischen Uniformen abgeleiteten Anzügen japanischer Schüler erkennt.

Im Unterricht ging zu Beginn das Interesse nach einer Verbindung von europäischer und japanischer Musik, um eine neue Tradition zu schaffen, bis schließlich an den Hochschulen europäische Musik bevorzugt wurde. Das Streben nach Modernisierung überwog den Nationalismus und verbesserte über die Lehre auch den allgemeinen Status westlicher Musik. Anfang des 20. Jhdts. schon war dann in der Ausbildung von Mädchen aus höherem Hause das Klavier dem Koto gleichgestellt, bis es dem japanischen Instrument schließlich völlig seinen Rang als Statussymbol ablief.

1890 reiste die Musikerin KODA Nobu als erste japanische Musikstipendiatin nach Wien, das aus japanischer Sicht als Zentrum der europäischen klassischen Musik galt. An der Hochschule studierte sie neben Klavier, Geige und Gesang auch Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition und war damit die erste japanische Musikerin, die überhaupt westliche Kompositionstechniken erlernte. Über ihren Aufenthalt in Wien, ihre Erfahrungen als exotische, alleinstehende Frau in einer europäischen Hauptstadt zu Ende des 19. Jhdts. Ist kaum etwas bekannt.

Sollte ich nach Wien fahren, um darüber zu recherchieren?

Als KODA Nobu nach Japan zurückkehrte, sollte sie für lange Zeit das einzige lebendige Beispiel europäischer Musikkultur sein. Bis dahin war eine seltsame, zufällig zusammengewürfelte Auswahl teils besonders einfacher, teils leicht eingängiger, teils populärer, zum Teil heute ganz unwichtiger Stücke in Japan bekannt gewesen.

Ab den zwanziger und dreißiger Jahren spielten schließlich aus Europa geflüchtete Musiker, oft jüdischer Herkunft eine bedeutende Rolle in der Ausbildung von Orchestern und der Erweiterung ihres Repertoires, ein Angleichungsprozess voller Schwierigkeiten und Hindernisse. Die Flüchtlinge hatten zwar ihre Heimat verloren, nicht jedoch den hohen Anspruch an ihr Wirkungsfeld Musik.

Joseph Rosenstock etwa, war mit dem Niveau des auszubildenden Neuen Sinfonieorchesters in Tokio so unzufrieden, dass er aus Wut über zweimal gemachte Fehler, seinen Dirigentenstab zerbrach und den Musikern an den Kopf warf. Die Spieler trauten sich nicht einmal mehr zu husten.

Der deutsche Manfred Gurlitt bemühte sich besonders um die Förderung der Oper und plante zu einem Libretto der japanischen Literatur eine Oper zu komponieren. Lange schien es ihm unmöglich, Wagner aufzuführen, da die Japaner aufgrund ihres Körperbaus dazu nicht in der Lage seien.

Eine interessante Figur zwischen den Kulturen bildete die Cembalistin Eta Harich-Schneider, die angeblich nach Japan kam, weil sie in Nazideutschland ohne ein Bekenntnis zum Regime nicht mehr genügend Engagements erhielt. Wahrscheinlich war es doch diese ausgezeichnete Interpretin der Goldberg-Variationen, die Verfasserin eines Buches über das Cembalospiel und eines Aufsatzes mit dem Titel „Haette Bach…“, welche diesen Komponisten in Japan erstmals einem breiteren Publikum zugänglich machte. Hauptsächlich aber konzentrierte sie sich dort auf die Lehre und gab Hauskonzerte. Wegen ihrer Freundschaft mit dem Spion Richard Sorge, dessen Verrat deutscher Angriffspläne sie später als Akt des Widerstands gegen die Nazis zu interpretieren verstand, geriet die Musikerin fast in Schwierigkeiten. Ihre guten Japanischkenntnisse befähigten sie zu einem tiefgehenden Studium der japanischen Musik, was sie für John Cage zu einer wichtigen Informantin machte, der ihr 1953 sogar ein Klavierstück widmete.

Nach dem Bündnis Japans mit Nazi-Deutschland wurden die jüdischen Musiker zusammen mit anderen Musikern in Karuizama in Mitteljapan, zwangsinterniert. Die von den Exilanten geleistete Arbeit an der Entwicklung japanischer Orchester aber steht trotz ihrer schwierigen Position im Gastland außer Frage.

Dennoch, was macht nun die Faszination aus? Warum war Japan bereit, westliche Musik in die eigene Kultur zu übernehmen, hörte ich nicht auf zu fragen, diesmal meinen Bruder, natürlich Musiker, ein Kontrabassist.

Er versuchte meine Frage mit Musikdarwinismus zu erklären und kam damit erneut auf die Verbindung von Musik und Religion. Westliche Musik sei ausdrucksstärker und das hänge mit den großen Innovationsschritten ab dem Beginn des Mittelalters zusammen.
Mit der Abspaltung der westlichen Welt von der kulturellen Hegemonie Byzanz’ wurde gegen heftigen Widerstand der Kirche die Mehrstimmigkeit entwickelt. Daher gibt es im Westen heute eines der hochentwickeltsten Musiksysteme der Welt, meinte mein Bruder.
Die japanischen Interpreten fühlen sich in die westliche Musik hinein und werden wie sie, ohne es wirklich zu sein, denken viele Musiker in Wien. Schliesslich sind sie Konkurrenten. Sagte mein Bruder aber nicht laut.

Im Westen wird der individuelle Ausdruck geschätzt, im Osten die perfekte Wiedergabe. Westliche Musik wird in Japan daher mit chinesischen Methoden studiert, und zwar durch Imitation, schrieb Eta Harich-Schneider in ihrer Geschichte der japanischen Musik.

In der Shoins-Kapelle, einem schlichten Bau aus Beton, wohnt aus diesem Grunde Bachs wahrer Interpret. Nur Herr Suzuki weiß, dass Bach gegen den eigentlichen Sinn der Betonung des Wortes Unglauben, z.b. komponiert. Mit Herrn Suzukis Kollegium ist die Legende vom anpassungsfähigen Japaner perfektioniert. Japaner kopieren und erzeugen daraus aber eine bessere Qualität als das Original je sein kann. Als Grund dafür wird das Zusammenspiel von Essen und Musik angeführt, denn wer gut gegessen hat, kann auch gut singen. Noten und Nudeln sind auf diese Weise verbunden. Die Musiker spielen Bach auf Deutsch, dessen Sprache sie kennen müssen, um die Musik besser zu verstehen. Auf diese Weise produzierte Herr Suzuki mithilfe von Bach in Japan latente Christen.

Auch wenn die Worte Sünde und Satan fehlen, weil es um das Unsagbare geht, einen guten und erlösenden Gott aus dem Westen, der was zu bieten hat, während die traditionellen japanischen Religionen starre Gewohnheiten sind, sagte Herr Suzuki.

Es gibt aber auch den umgekehrten Transport, Einflüsse Japans im Westen. 1900 hörte Claude Debussy auf der Pariser Weltausstellung das erste Mal japanische Musik. Er begeisterte sich für eine japanische Schauspieltruppe, die ihre Aufführungen mit Musik begleitete und wollte neuartige Klänge auch in seine Kompositionen einführen. Er plädierte für das Hören und gegen die Zugehörigkeit seiner Musik, indem er fragte: “Seid ihr nicht imstande, Akkorde zu hören, ohne nach ihrem Pass und ihren besonderen Kennzeichen zu fragen? Woher kommen sie? Wohin gehen sie? Hört sie an, das genügt.”

Giacomo Puccini nahm Unterricht bei der Frau des damaligen japanischen Botschafters in Rom. Er borgte sich Schallplatten und Noten, Sie sang ihm Lieder vor und spielte auf traditionellen japanischen Instrumenten. Nur so konnte ihm gelingen, “Madame Butterfly” zu komponieren.

Natürlich hatte ich an diesem Punkt den Witz längst schon gefunden.

In Japan machte er nur nicht viel Sinn.

Und gelöst war die Frage nach klassischer Musik in Japan damit nicht. Und was die Japaner nun hören.

Ich flog also aus dem fernen Osten über Russland zurück in den Osten Berlins.

Und hier kam erneut die Familie ins Spiel.

 

III. Nächste Nähe

 

Ein Witz wird enthüllt.

Denn all das Vorhergegangene ist nicht der Grund, warum man mich mit der Bachkantate konfrontiert. Warum ich hören soll.

Es könnte allein mein Name sein, mein Nachname. Die Stimme des Sängers der Kantate könnte dem Kontratenor Andreas Scholl gehören.

Es ist auch lustig, dass jener Sänger einen Bruder namens Johannes hat, mit dem er in seiner Jugendzeit sang, genau wie ich.

Namen sind kein Zufall. Deshalb ist auch das erste Buch mit dem Autorennamen Scholl, das ich als Kind sah, entscheidend. Sein Titel “Die weiße Rose”. Obwohl ich nie Familienforschung betrieb, bin ich möglicherweise verwandt. Irgendwie. So hatte ich z.B. völlig übersehen, dass auch der Titel meines ersten literarischen Buches “Fette Rosen” darin anklingen kann. Gefragt wurde ich danach schon.

Einmal bekam ich eine E-Mail aus Südafrika. Das Mädchen hieß Sabine Scholl, war 21 Jahre alt und studierte Psychologie.

Auch in Chicago war ich bekannt. Dr. Scholl betrieb ein Institut, in dem man Fußpflege lehrte. Eine Forscherin fragte an, sie hätte beim Radfahren am Lake Shore Drive ein altes Tagebuch gefunden. Ob ich mit der Verfasserin, einer Elsa Scholl, verwandt sei. Meine Namensvetterin in Deutschland liebt es, sich mittelalterlich zu verkleiden. Sie ist Mitglied eines Vereins Gelebte Geschichte und an ihrem Foto im Internet kann man sehen, dass sie doppelt so viel wiegt wie ich.

Mit Andreas Scholl kann ich mich leichter identifizieren. Er sagt, dass die Musik den Worten unterworfen wird:

Er sagt, ich fand heraus, dass es mir gelang die Musik besser den Worten anzugleichen, wenn ich mir vorstellte, ich würde zu einem Mädchen im Publikum sprechen. Weil die geschriebene Partitur nicht die Musik ist. Es ist die Musik in getrockneter Form. Man braucht heißes Wasser – und die Musiker sind das heiße Wasser – dann wird eine köstliche Suppe daraus.

Ich schlucke also die Musik, ich schlürfe die Sünde.

In Japan werden Essen und Musik vereint. Keiko war von meinem Text so fasziniert, dass sie zu kochen vergaß. Sie aß dann eine Schüssel kalter Nudeln.

Dankeschön Sabine, schrieb sie mir.

Bachs Name wurde aus den Archiven des Herzogs entfernt.

 

 

 

Mit Dank an Yuko Tamagawa, Noriko Kobayashi, Minoru Nishihara, Herrn Kimura, Frau Tanaka, Herrn Siemonetto, Herrn Suzuki, meinen Bruder, meine Tochter und besonders Keiko Hamazaki.

 

Nagoya/J  2008

 

Articles similaires

Tags

Partager