Sabine Scholl

 

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(Deutschland)

 

 

 
MEINE FINGERNÄGEL

 

 

Ich liebe meine Fingernägel. Ständig muss ich sie kosten, ihren Geschmack, verstärkt mit Lack, glänzend. Sie werden kürzer, wie meine Erinnerung daran, was ich einmal gewesen bin und wovon ich geträumt habe, als Kind. Je schwieriger das Leben wird, desto weiter tritt mein Fleisch heraus, die Kuppen meiner Finger machen sich breit im Verschwinden der Nägel, die ich nicht einschlagen kann, hier nicht und dort nicht, woher ich kam.

Meine Sandalen aus durchsichtigem Plastik hielten nur in Mexiko. Hier auf den Gehsteigen in Wien stolpere ich, meine Absätze schwanken. Fast falle ich, und die Volants meines hellblauen Kleids reißen. Sein Stoff ist dünn. Die, für die ich sorgen soll, ziehen schwer an mir. Um mich für die Stelle als Aupair zu bewerben, schickte ich mein bestes Foto. Meine Beine fest nebeneinander gestellt und die Zehennägel schimmerten wie Blut, glänzendes Blut, das ich zu geben bereit war. Aber nur dem, der es wert ist. Und ich merke schon, dass sie es nicht sind, alle beschäftigt mit Verträgen, Fernsehprogrammen, Autokatalogen und Unterschriften auf Dokumenten, die sie ständig abholen müssen an Stellen, die ständig nach Formularen verlangen. Ganze Häuser, ganze Straßenzüge sind voll von Menschen, die sich nur um die Papiere kümmern. Das Wichtigste sind die Papiere. Doch ich habe nie genug oder nie die richtigen. Aber ich wehre mich, will beweisen, dass es mich gibt, sogar in dieser anderen Welt. Ich habe ein Recht, sogar mehrere Rechte. Und zu Senora Carola habe ich gleich gesagt, das und das und das mache ich, und nichts sonst. Auch wenn sie versucht, das meiste aus mir herauszuholen für ihr Geld. Ich habe mich erkundigt, es ist nur leichte Hausarbeit, ein wenig Bügeln, mit dem Kind spielen und Sachen aufräumen, eigentlich nicht mehr. Nicht einmal kochen müsste ich, obwohl ich es tu.

Denn in meinen Fingernägeln schmecke ich Speisen, die es hier nicht gibt und die ich nur ungenügend wieder herstellen kann an diesem Herd in Wien, wo alles anbrennt. Ein Feuer leuchtet von unten in die dunklen Ränder der Kochflächen, keine Flammenzungen, die leicht zu erspüren sind. Die Lebensmittel riechen anders hier, lassen sich nicht übersetzen in meine Sprache. So grabe ich meine Zähne unter die Nägel auf der Suche nach Gewürzen, nach dem Salz der Sojasauce, dem Avocadofett. Ich lecke die allerletzten Reste von blauem Mais, ein Geschmack von feinstem Staub. Ich wünsche mir, hinter den Nägeln, unter meiner Haut das zu finden, was ich wirklich bin. Nicht das, was ich sein soll oder das was die Senora will, dass ich bin. So wie sie ihre Nägel einsperrt hinter anderen Nägeln, die sie aufklebt über ihren eigenen. Das ist bloß ein Trick, ihre Art der Ablenkung vom Saugen. Und darauf ist sie noch stolz. Und regt sich auf, wenn ich im Kinderzimmer die Ränder meiner Nägel untersuche auf kleine Stücke Haut, die sich wie Schuppen um den Bogen meines Nagels legen. Ich beiße sie ab, während das Plastik ihrer aufgeklebten Kunstnägel klappert auf dem Plastik der Tastatur.

Mit dem Computer bin ich gut, da kann die Senora Passworte eingeben so viel sie will. Ich habe Cosmo gefragt, der es mir verriet. Er tippt es sogar ein, wenn er spielen will. Ich finde immer meinen Weg, kreise um das, was mir verwehrt wird und spüre es umso sicherer auf. Da kann die Senora schreien, so lang sie will. Das sagt auch ihr Mann: Sie ist nervös, darum stellten sie mich ein, damit die Senora sich entspannen kann. Sie schreit freilich schnell. Zum Beispiel fallen ihr plötzlich Streifen am Spiegel auf.

Putz, Jessica, sagt sie.

Und ich sage, dass mich das Mittel brennt an den Wunden auf meiner Haut.

Sie sagt, Handschuhe, Plastik.

Immer spricht sie in einzelnen Worten. Niemals sagt sie einen ganzen Satz, will mit mir keine Zeit verschwenden. Während Senor Karl gerne redet, auch ihn stört das Schreien.

Weil ich mich weigere, setzen sie sich in der Küche hin und beschließen mir gut zuzureden. Die Senora ruft sogar meinen Onkel an, um sich zu beschweren. Doch Alberto, macht ihr klar, dass das nicht geht, dass man mich so nicht behandeln kann, oder ich höre sofort auf. Das will sie auf gar keinen Fall. Das ist noch schlimmer als nicht Putzen und zu spät Kommen und Telefonieren. Ich soll nicht gehen, weil sie keine Zeit hat, noch jemanden zu suchen, bevor sie verreist, das spüre ich genau.

Während ich mit dem Bügeleisen über die frisch gewaschene Bluse der Senora fahre, um sie glatt zu kriegen, verrate ich nicht, was in mir vorgeht. Ich bin nur die Hand, die den lila Stoff hält und eine andere, die bügelt, bis mir selbst ein Schrei entfährt.

Dios mio.

Denn ein Gedanke wurde mir zu lang und und meine Vorstellungen brannten sich in die Bluse. Ich halte das Kleidungsstück vor mich, starre auf zwei dunkle Streifen. Die Senora fährt auf, wirft die Hände mit den verklebten Nägeln hoch, hält sie eine halbe Minute so, in der ich ihren Schrei schon hören kann, ihr Schimpfen. Jedoch mit einem Mal verzieht sie ihr Gesicht und fängt zu lachen an. Sie steht auf, nimmt die Bluse und bietet sie mir an.

Willst du sie haben?

Ich wahre mein Gesicht, und sage nein.

 

Sie schreit, die Senora schreit. Tagsüber stehen ihr die Haare zerrupft um das vom Schreien verzerrte Gesicht. Während ihr die Worte, von denen ich nur manche verstehe, aus dem Mund fallen, führe ich langsam meine Fingernägel an die Lippen, schmecke die glatte Schärfe des silbrigen Lacks, fahre über meine Locken, die allmählich dunkler werden. Von Haarwäsche zu Haarwäsche verliere ich etwas von dem Gold, das ich hineingewaschen habe, bevor ich ins Flugzeug gestiegen bin. Bevor ich die Fotos arrangierte. Einfach war das nicht. Ich musste x-mal anrufen, ob ich die Wohnung des Onkels benützen konnte als Hintergrund. Durch die ganze Stadt war ich gefahren, weil sein Sohn in Kuwait gut verdient und den Boden des Wohnzimmers in Mexiko mit feinem Holzparkett belegen ließ. Ich wollte meine Füße darauf stellen, in den durchsichtigen Sandalen. Meine Schenkel sollten schlank über die Sofadecke hinaufreichen in das Versprechen meines hellblauen Kleides. Und das ist mir gelungen. Ich wurde eingestellt.

Die Senora schreit und so weit ich verstehen kann, regt sie sich auf, weil ich nein gesagt habe. Trotzdem werde ich die Fenster nicht putzen, denn es ist nicht meine Schuld, dass Cosmo nicht gleich von der Schule kommt. Die Senora mag nicht, wenn ich nur sitze und warte. Sie hat mich zu früh bestellt, jetzt will sie, dass ich arbeite für ihr Geld. Ich mache aber nur, was ich muss, nicht was sie mag. Sie kriegt mich nicht dahin. Ich klettere nicht auf die Fensterbank. Die Stöckel meiner Sandaletten rutschen und ich könnte fallen. Mein schwarzes T-Shirt mit den goldenen Ringen, die den Stoff um meinen Nacken halten, würde durchschwitzt. Ich muss schön bleiben vor der Senora, um ihr zu zeigen, dass ich mehr als ihre Putzfrau bin. Sie glaubt, dass ich nichts weiß und dumm und ungebildet bin. Das ist nicht wahr, ich will studieren, ich kann tippen, sogar schnell. Ich muss nur eine Zeit lang durchhalten, bis mir der Sprung in das bessere Leben gelingt.

Kaum hat sie zu schreien aufgehört, schickt sie mich ins Zimmer. Ich schlage die Türe zu hinter mir und das leise Klicken der Tasten am Computer verstummt. Schreibt sie nicht mehr? Sie murmelt, wahrscheinlich Telefon.

Ich entsperre mein Handy, das ich brauche, um zu überleben. Ohne dieses Geschenk aus Kuwait wäre ich abgeschnitten, könnte die Verbindung zu meiner Tochter nicht halten. Mein Kusin hat es geschickt. Die kaum merkbaren Geräusche des kleinen Telefons helfen mir, die Welt besser zu verstehen. Ich bin ein Teil. Ich kann sein, was ich sein will. Da, wo ich keinen brauche, nur mich und ich bin nicht allein. Da kann die Senora mich rufen, so lange sie will. Ich bin in einem Raum, wo die Worte meine sind, in meiner Sprache. Nicht in ihrer, dieser krächzenden, gesperrten und bellenden Sprache. In Deutsch.

 

Der Österreicher in der Botschaft in Mexiko war freundlicher als alle, die ich in Wien bisher getroffen habe. Bei Helmut besuchte ich einen Anfangskurs und in meiner Stadt war seine Sprache leicht und weich. Weil ich nach dem Unterricht hinaus konnte in die aufgewärmte Luft und den Geruch, den ich kenne, seit je her. Ich hatte meinen Ort, konnte die fremden Worte bei Helmut aufsuchen. Und ich hatte die Hoffnung. Die Landschaften waren noch nicht getauscht. Sogar Umlaute hat Helmut mir beigebracht.

Ich durfte schreiben: Das ist Herr Camego. Er kommt aus Mexiko.

Ich durfte antworten, wenn Helmut fragte: Woher kommen Sie? Kommen Sie aus Frankreich?

Nein, habe ich gesagt. Ich komme aus Mexiko. Wirklich kein Problem.

Es ging so schnell. In der Prüfung kreuzte ich an: Ich möchte in Wien wohnen. Und der Satz wurde wahr. Helmut half mir. Denn ohne die Prüfung kein Visum.

Das ist Minimum, haben sie auf der Botschaft gesagt.

Helmut war sicher, dass ich gut bin.

Mein Deutsch reicht jetzt, habe ich in der E-Mail auf Helmuts Computer nach Wien geschrieben. Ich kann kommen, wann immer die Senora will. Ich wollte sofort. Sie wollte noch warten. Also habe ich alles arrangiert, damit sie nicht mehr anders kann.

Sobald ich in Wien war, schickte Senora Carola mich sofort in einen Kurs.

Aber ich habe schon Deutsch gelernt, habe ich auf Spanisch gesagt. Weil das schneller geht.

Und warum sprichst du es nicht?

Die Senora bestand darauf.

Das ist Pflicht. Und wenn du schon so gut bist, dann melde dich bitte selbst dort an.

Hat mir die Adresse auf einen Zettel geschrieben. Aber natürlich war so viel zu tun. Ich hatte noch nicht angefangen zu arbeiten bei ihr. Also verschaffte mir Alberto Aufträge. Ich brauchte Geld zu Anfang und der Vorschuss der Senora hielt nicht lang. Ich musste die Nächte durchputzen und so verschlief ich den Termin zur Einschreibung.

Bist du angemeldet? Fragt die Senora am Nachmittag.

Ich sage nein.

Sie fragt, warum.

Na, da war niemand, sage ich dann. Kein Mensch war da. Die Zeit war falsch, die Information.

Sie geht zum Telefon. Ruft an. Legt auf. Schreit.

Eine Lüge, eine Lüge!

Doch ich bleibe hart: Ich war dort.

Sie bleibt hart: Du warst nicht. Ich habe es am Telefon erfahren.

Ich bestehe, weil sie dann nichts machen kann. Es ist sowieso schon zu spät. Soll sie mich doch anmelden, wenn sie will. Weil die Senora das eigentlich tun muss. Sie ist schließlich verantwortlich für mich.

Sie schreit indessen. Ich setze mich hin. Schalte das Handy ein. Verlasse den Raum über das Display. Ich spiele. Ich höre Musik. Bailar como Latina. Y así, y así, y asi bala la chica del caribe. Und sie fuchtelt mit ihren rot bemalten Nägeln durch die Luft. Ich tippe mit meinen kurzen geschmackvollen Fingerspitzen. Das Geschrei der Senora geht mich solange nichts an, solange ich nicht weiß, was ihre Worte bedeuten. Und wenn sie auf Spanisch zu sprechen versucht, klingt das fremd. Sie macht immer Fehler, so dass ich tun kann, als würde ich nicht verstehen, was sie will. Sie schreit, kann nicht ablassen, geht zum Computer, telefoniert, tanzt eine halbe Stunde später an, nennt einen neuen Termin.

Und ich geh mit dir hin.

Ich schaue sie an. Sage kein Wort.

Hast du verstanden, schreit sie.

Ich nicke und sie gibt mir Geld.

Kauf Huhn, sagt sie. Kauf Huhn, mach Suppe! Auf Spanisch.

Langsam ziehe ich mich an. Schminke mir die Lippen rot.

 

Eins, zwei, drei, vier, mindestens zehn Schritte hinter ihr, die Treppe zur Volkshochschule hinauf, nur nicht zu rasch, mir geht die Luft aus, während die Senora ihren hellbraunen Wildlederhintern vor mir wackelnd, zwei Stufen auf einmal nimmt. Ich trotte hinter ihr her, stöhne in meinen Schuhen mit hohen Absätzen und den feinen Riemchen um den Rist. Die Senora ist zwar größer gewachsen, dafür habe ich den schöneren Gang. Ich weiß nicht, wozu ich noch mehr deutsch lernen soll. Mit meinem Körper, meinen Hüften, meinen Augen spreche ich die internationale Sprache einer wirklichen Frau. Nur meine Haut ist zu dunkel und ich muss Sonnenlicht meiden. Die Senora hingegen reckt am Balkon ihr Gesicht der Sonne entgegen. Zieht sich völlig aus, damit sie bräunt.

Vom Absatz der Treppe wirft sie nun einen Blick voll Ungeduld auf mich, mein kurzes Kleid, auf die Stöckel. Merkt, dass ich weiterhin hinke. Ich habe ihr erzählt, dass ich meinen Knöchel verknackste, als ich stolperte vor ein paar Tagen. Sie bot mir eine Salbe an und eine Bandage. Aber ich schlug die hässlichen, weißen Bänder aus, wollte mich eigentlich setzen, nicht bügeln zur Schonung und später zum Arzt gehen. Das hat sie nicht erlaubt. Jetzt spricht die Senora davon, wie schlecht hohe Schuhe für meine Gelenke sind. Ich zucke mit den Achseln. Ihr Problem, dass sie selbst keine Absätze tragen kann. Als ich schweige, schaut sie streng, wagt freilich nicht mich vor den Leuten anzuschreien, weil ich zu langsam für sie bin. Dabei will ich ihr bloß nicht nahe sein. Und dann stehen wir sowieso endlos an und warten, mit einer Nummer in der Hand, bis es einem der Beamten gefällt, uns dranzunehmen. Mir ist langweilig, ich setze mich auf einen frei gewordenen Stuhl, ziehe mein Handy hervor und spiele.

Senora Carola füllt Formulare aus, unterschreibt, bezahlt in bar für den Kurs, damit sie mir Befehle geben kann in ihrer Sprache.

Und plötzlich steht sie vor mir, herrscht mich an:

Wo ist dein Pass, dein Visum?

Ich krame ausführlich in der Handtasche, weil ich genau weiß, dass mein Pass zuhause im Koffer ruht. Ich sperre ihn immer ein, um das wertvolle Visum nicht zu verlieren. Schließlich zucke ich meine Schultern, biete ihr die Nummer an, die ich auswendig weiß und sage schnell:

Quarenta e quatro, cinquenta e seis, sessenta e sette, trinta e dos.

Sie schüttelt den Kopf, geht zurück zum Beamten an den Tisch und lässt mich in Ruhe. Auf dem Weg nach Hause ist mir heiß, ich versuche meine Bluse zu lüften und mit einem Blatt Papier, das ich in der Tasche finde, mir frischen Wind ins Gesicht zu fächern, stöhne ein wenig vor mich hin. Während die Senora immer rascher vorwärts läuft, mich fragt, ob ich mich freue, dass ich endlich lernen kann.

Ich seufze, frage nach dem Stundenplan.

Jeden Tag? Acht Uhr? Morgens?

Die U-Bahn fährt ein, die Senora reißt mich an der Hand, zieht mich durch die Türen, die sich schließen im letzten Moment.

Ich sinke jammernd auf den Sitz und sage, dass ich dann nicht ausschlafen kann und dass mir die Augen zufallen werden in der Klasse und wann soll ich üben, wenn ich doch mit Cosmo spielen soll?

Die Senora holt tief Luft, aber weil wir in der U-Bahn sitzen, strengt sie sich an, nicht zu schreien.  Gewissenhaft untersuche ich die Ränder meiner Fingernägel, zupfe vorsichtig ein Hautstückchen nach dem anderen aus. Es schmerzt. Die Senora schweigt, für diesmal, und schließlich bin ich es, die hier lernen muss, damit sie mich versteht. Nicht sie. Warum lernt sie nicht besser spanisch, so wie ihr Mann?

 

Wieso soll eigentlich ich danke sagen? Die Senora soll dankbar sein, denn sie ist nur aus Zufall hier geboren, lebt nur aus Zufall in dieser aufgeräumten Stadt und hat das Recht zu bleiben. Ich nicht. Mein Zufall hat mich nach Mexiko bestimmt und ich kann nicht akzeptieren, dass der Zufall es besser mit ihr meint als mit mir. Auch ich habe Anspruch auf einen besseren Zufall. Daher bin ich entschlossen das Glück zu korrigieren.

Also schweige ich, wenn sie mich mitnehmen ins Wochenendhaus in den Bergen. Doch im Zimmer unterm Dach ist so viel Staub, dass ich husten muss nachts. Die Blätter am Baum vor meinem Fenster, die sich im Wind regen, machen mir Angst. Finsternis bin ich nicht gewohnt. Mir fehlt das künstliche Licht meiner Stadt. Und ich kann das Klopfen nicht ertragen. Unter dem gebeizten Holz dieser Wände, hinter den Balken kann ich es hören, immer wieder, ein Klopfen und ein leichtes Kratzen. Dahinter steckt was und ich will nicht, dass es heraus dringt, während ich schlafe. Also schlafe ich die ganze Nacht nicht, erst wenn das Licht kommt, nicke ich ein. Nach zwei Tagen will ich zurück nach Wien. Ich muss Alberto von den Wesen hinterm dunklen Holz erzählen.

Ich warte bis nach dem Frühstück und mache mich an den Ehemann heran. Kein Wort von Geistern, nur dass ich meine freie Zeit gut nutzen will. Wer kann dagegen etwas sagen? Ich frag bloß um Rat, möchte erfahren, wie man in die Stadt zurück kommt, wo man den Bus besteigt. Er antwortet nichts ahnend. Aber Senora Carola hört vom Balkon aus mit.

Warum? Schreit sie. Warum will Jessica fort?

Ich mache, als wäre nichts geschehen, ziehe gemächlich eine Feile über meine Nägel. Es beruhigt mich, die Spiegel meiner Nägel zu betrachten. Je öfter ich das fein geraute Papier darüber reibe, desto heller glänzt die Sonne darin.

Die beiden wechseln rasch ein paar Worte auf Deutsch. Der Senor kratzt sich heftig am Kopf und schnauft.

Danach zählt er auf, was ich nicht tun kann. Ich kann nicht allein in die Stadt, die Reise kostet Geld und ich soll bleiben, weil die Senora mich noch braucht.

Das ist für mich kein Grund, sage ich. In Mexiko bin ich immer unterwegs, den ganzen Tag fahre ich herum, wechsle von U-Bahn zu Buslinien, marschiere zu Fuß, wo ist das Problem? Ich bin es nicht gewohnt, immer an einem Ort zu sein und vor allem weiß ich nicht, mit wem ich reden soll.

Ich bin hier allein, sage ich.

Und der Senor versteht.

Bailar como Latina/ El ritmo puro de la música alpina/ Y así, y así, y así baila la chica del caribe.

Ich nicke. Das Lied von Eurovision.

Der Senor lächelt. Nickt.

Aber dann kommt die Senora übers Gras gelaufen, verliert in der Eile fast einen Schuh. Sie zittert, spricht schnell, Falten um die Lippen, an denen ich merke, dass sie unaufhaltsam altert. Sogar jetzt, in diesem Moment. Ich feile meine Nägel, spiegele die Strahlen, halte mir Glanz vors Gesicht. Der Senor fährt mit seinen Fingern heftig durchs Haar, hin und her, ich kann seine Nägel auf der Kopfhaut hören, wie sie die äußere Kruste zerstören. Da bin ich sicher, dass zwischen ihnen etwas nicht stimmt, nur dass die Senora das noch nicht weiß, weswegen sie so schreit.

Der Senor übersetzt mir dann, dass ich alleine in der Wiener Wohnung nicht bleiben kann. Dass sie das nicht will.

Na und? Kann ich nicht tun, was ich tun will und sehen, was passiert?

Ich lasse meine Nägel, schlüpfe in die Plastiksandalen, streife durchs Gras, betrete das Haus. Ich schleppe die Wäschespinne seufzend vor die Terrassentür. Hänge Unterwäsche und die zusammen geschobenen Rüschen der Frau über das weiß gestrichene Metall. Die Sonne brennt.

 

Zur Siesta verschließe ich die Türe meines Zimmers unterm Dach. Ich habe mir ein Radio erbettelt, das mich schützt vor dem Klopfen in der Wand. Musik verstehe ich gut und wenn ich singe, versteht die Musik mich auch. Y así, y así, canta el cantante de los alpes. Und ich muss lachen, una latina en Austria, ich tanze, ich werde eine Bewegung, die den Raum erfüllt und die Wünsche der Wesen hinter dem Holz halte ich so in Zaum. Manchmal ermüde ich dann, weil nachts der Schlaf nicht kommen will. Ich warte lange, bis ich vergessen kann, wo ich mich befinde. Manchmal schlafe ich daher während des Tages ein. Das Bett steht nun nicht mehr so nahe an der mit Holzbrettern verkleideten Wand. Ich habe es ans Fenster gestellt, damit mein Körper die Mitte des Zimmers sein kann. Ich wehre mich nach allen Seiten. Dann schlummere ich ein. Und hinter dem Polster über meinen Ohren höre ich das Murmeln und Wispern, das Seufzen, das Keuchen. Ich bekomme Angst. Langsam rutsche ich vom Bett und krieche auf allen vieren ans Fenster. Um Hilfe zu holen. Ich strecke meinen Kopf hinaus, sauge die frische Luft ein und setze an zu schreien. Aber dann sehe ich ihn. Der Senor sitzt im Garten unter einem Baum. Am mit Tannennadeln gesprenkelten Boden, mit gekreuzten Beinen spricht er ins Telefon. Ungestüm, flüsternd, zärtlich, singend und ich weiß, dass es eine Frau ist, die er ruft. Ich ducke mich hinter den Vorsprung des Fensters, versuche zu verstehen, ein paar Worte fliegen heran, ein „Bumsen“ ein „Busen“, ein Lachen. Aus den Augenwinkeln kann ich seine Hand sehen, die sich im Kreuzungspunkt der Beine bewegt. Ich weiß Bescheid, brauche nicht mehr. Ich verstehe nun das Schreien der Senora. Sie schreit, weil sie ihren Mann verliert. Sie hat keine Ahnung.

Langsam lege ich mich wieder hin und nicke ein, bis das Pochen wieder beginnt. Diesmal lauter und so wild wie nie zuvor. Vor Schreck springe ich auf.

Ich höre die Stimme der Frau, sie will dass ich mit Cosmo spielen soll. Sie rüttelt die Klinke. Ich überlege, ob ich mich schlafend stellen soll, aber dann raffe ich mich auf.

Ja ja, ich komme schon.

Für den Nachmittag nehme ich das schwarze T-Shirt ohne Träger.  Die Spitzen meines teuren Busenhalters drängen an den Rändern heraus. Die engen Jeans pressen sich an meine Hüften als wären sie eine festere Haut.

Als ich die Türe öffne, steht Cosmo bereits davor. Wir gehen ins Dorf. Ich ziehe meine guten Sandalen mit den feinen Riemchen an. Denn das Dorf ist nur Strasse und auf dem Asphalt kann ich damit gehen und gut aussehen, wenn auch die Begleitung des Kindes beim Kennenlernen stört. Obwohl die Blicke der Männer treffen mich auf jeden Fall. Nur bleiben sie mir fern, fragen sich, was ich zu tun haben kann, mit meiner braunen Haut und dem blonden Kind.  Cosmo zeigt mir einen Brunnen. Er zeigt mir verrostete Figuren auf einem metallenen Rund, einen aufrechten Stab, der den Stand der Sonne zeigen soll. Ich schwitze. Es ist so heiß, dass der Lack auf meinen Nägeln zu schmelzen beginnt, trüber wird, seinen Glanz verliert. Cosmo zeigt mir die Bäckerei und die Post, damit ich Briefe an meine Tochter schreiben kann. Cosmo zeigt mir einen hohen nackten Stamm auf einem Platz aus Beton. Ganz oben hängt ein Kranz, ein paar Bänder, zwei Puppen sind auf den Stamm gebunden. Er weiß auch nicht, was das bedeuten soll. Cosmo zeigt mir Hühner, weicht aber zurück, sobald ein Tier näher kommt. Wir gehen am Asphalt und ich warte auf das Dorf. Cosmo führt mich einen steilen Hang bergauf, hält wegen einer schwarzen Katze an, die er streicheln will. Ich warte, kratze an der rötlichen Bronze meiner Nägel, die braun geworden sind, fahre mit der scharfen Seite meines Schlüssels unter die zähe Schichte, um sie Stück für Stück zu entfernen. Ich wische mir den Schweiß von der Stirne, lege mir die Hände vors Gesicht, damit die Sonne mich nicht fängt. Ich will nicht, dass meine Haut noch dunkelt, ich bin braun genug.

Wo ist das Dorf, frage ich, als wir um die Kurve bergauf plötzlich wieder am Haus angelangt sind.

Wir waren bereits dort, sagt Cosmo. Das Dorf ist der Brunnen, die Post, die Bäckerei, der Platz mit dem geschälten Baum.

Diesmal muss ich mich beherrschen, um nicht zu schreien. Weil ich hier zwei Wochen bleiben soll.

 

In Wien hat Alberto mich gedrängt, noch mehr für ihn zu arbeiten. So könnte ich genug verdienen, um meine Tochter in eine wirklich gute Schule zu bringen und ihr wirklich gute Kleider zu schicken, nicht den zerdrückten Plunder, den Senora Carola mir aufdrängt, damit sie Platz kriegt in ihrem Schrank. Diese aufgebrauchten Kleider enthalten zu viel Baumwolle. Das vergilbt. Die Farben halten besser in künstlichen Fasern, trocknen schneller, was wichtig ist, wenn man nicht genug zum Wechseln hat. Eigentlich will ich die muffelnden Kleider der Senora nicht einpacken, möchte selbst wählen, was gut sein soll für meine Tochter. Dann nehme ich sie doch an, weil ich nicht dauernd machen will, was Alberto sagt. Aber ich muss, weil ich meine Schulden bei ihm abzahlen soll. Denn er hat mich hierher gebracht, ihm habe ich zu verdanken, dass ich nach Wien gekommen bin. Er hat den Kontakt zur Senora organisiert.

Männer gibt es in Wien zuhauf,

sagt Alberto.

Ich kann dir ein zwei Mal die Woche, eine Begleitung organisieren.

Du musst aber aufhören mit meinen Fingernägeln, darf sie nicht andauernd in den Mund stecken!

Du musst die Blicke des Mannes auf meine rosa gefärbte Lippen lenken, auf dein mit Glitzer bestrichenes Dekolletee, das ihn anlachen soll, damit er vergisst, dass er nach Wien gekommen ist, um eine weiße Frau zu ficken. Denn die meisten der Männer kommen aus dem arabischen Raum.

Sagt Alberto.

Das sind die Chauffeure der reichen Männer mit mehreren Frauen. An die ganz Reichen kommst du nicht ran.

Sagt Alberto.

Mit den Chauffeuren, den Body Guards bin ich jedoch gut, wenn ich ihnen das Essen durch den Hintereingang bringe, Bohnen und Reis, Frijoles ohne Fleisch. Denn sie sind Moslems. Sie erzählen mir, dass sie einsam sind, aber Dollars haben und Lust, sich die Langeweile mit Frauen zu vertreiben.

Ich probierte es, ging mit einem ins Hotel, steckte vorher meine Haare auf, färbte sie blonder als normal. Auf meine Nägel sprenkelte ich Silberlack und auch auf meinen Lidern gingen die Sterne auf. Die Rose meiner Lippen fand sich wieder im Gepluster der rosa Stola um meinen Hals. Meine durchsichtigen Sandalen boten einen Blick auf blutrote Nägel an den Zehen, als wären sie ins Plastik gehämmert. Ich behielt sie an, auch als der Mann schon den schmalen Streifen, der mein Rock sein sollte, hochgeschoben hatte bis zum Bauch und ungeduldig am Streifen zwischen meinen Arschbacken zog. Ich kniete mich hin, er zog meinen Kopf nach oben, wollte einen Kuss auf meine Lippen platzieren. Die Gerüche seines Essens kamen zu nah an mein Gesicht.

Ich schüttelte den Kopf: Nein, kein Kuss, ein Kuss kostet mehr.

Er hatte das Geld schon auf den Bettvorsprung gelegt. Saß da mit breiten Beinen, ich öffnete seinen Spalt und begann ihn zu bearbeiten, mit Fingerspitzen und Lippengefühl. Aber er zog mich wieder zu sich heran und ich roch seine Haut, so anders warm und fast so braun wie meine. Ich verlor mein Geschick, als ich auf ihm saß, musste immer daran denken, dass ich nicht eine bin, der das gefällt und dass ich klüger bin.

Alberto meinte jedoch, klug ist es, mit Männern zu schlafen und nichts zu denken dabei als an das Geld.

Schau hin, schau auf die Scheine, während du es tust!

Ich arbeitete also weiter, und der Mann erstarrte je länger ich mit seinem Ende rang, bis ich dann meine Brüste mit den Fingern zusammenpresste. Wie kleine runde silberne Lichter strahlten meine Nägel im Fleisch. Da stöhnte er, wollte mich wieder näher heran, aber ich schüttelte ihn fort, rüttelte ihn mit den Schwüngen meines Beckens in einen Überschwang, der sich endlich entlud. Ich stieg ab, zog mich schnell an, ging fort.

Neun Zehntel des Profits sind für mich.

Sagt Alberto.

Dafür verschaffe ich dir immer wieder Kunden.

Ich nicke bloß, an die Dusche im Hotel hatte ich nicht gedacht aus lauter Eile von dort zu verschwinden. Also wasche ich mich in einer Plastikschüssel, bis ich zu müde werde, um zu stehen.

Am nächsten Tag schlafe ich länger. Dann kommt die Straßenbahn zu spät. Nicht ich. Es regnet. Meine Telefonkarte ist leer und ich kann mich nicht für meine Verspätung entschuldigen. Also schreit die Senora dann wieder, als ich endlich läute und sie die Wohnungstüre öffnet.

Was sollte ich denn machen? Wie hätte ich telefonieren können?

Ich gähne, zucke mit den Achseln und fange zu bügeln an.

 

Oder manchmal schickt Alberto mich putzen mitten in der Nacht. Wenn ich mich eigentlich ausruhen soll. Er kommt unangemeldet mit einem Schlüsselbund.

Die Herrschaften sind verreist sind und die Putzmittel findet ihr unter der Spüle!

Sagt Alberto.

Ich fahre mit meiner Kusine dahin. Sie ist nicht wirklich verwandt, aber beide kommen wir aus Mexiko, also sind wir uns vertraut, helfen uns gegenseitig aus. Wir öffnen schmiedeeiserne Gitter und wir reinigen das Haus, sehen fern, blättern in CDs, halten uns streng daran nichts als Wasser zu trinken. Nur manchmal probiere ich die Nagellacke aus, die ich im Badezimmer finde, neue Farbtöne. Ich trage auf jedem Finger einen anderen auf, versuche mir die Namen zu merken, um zu wissen, was mir am besten gefällt. Dann räume ich alle Fläschchen sorgfältig wieder ein und keine Spuren sind von uns zu sehen als die Sauberkeit, wenn wir später wieder aufbrechen in unser eigenes Zimmer, das wir genauso mit Putzen bezahlen.

Manchmal sind die Straßenbahnen beim Heimfahren voller Betrunkener und laut. Aber die Menschen sind freundlicher so, weniger feindselig.

Solange sie lärmen, sind sie harmlos, nur die Stillen sind gefährlich!

Sagt Alberto.

Nehmt euch vor denen besonders in Acht!

Doch ich fürchte mich nicht, nur vor den Spinnen und den wispernden Wesen hinterm Holz im Wochenendhaus. Auch nicht vor der Polizei, denn meine Papiere sind jetzt in Ordnung. Aber ich habe Angst vor dem Tag, an dem mein Visum ausläuft und ich von hier verschwinden soll. Das möchte ich verhindern. Ich will bleiben und brauche dazu einen Mann, der mir hilft. Einer, der mich heiratet und meine Tochter adoptiert.

Du musst rasch schwanger werden!

Sagt Alberto.

Ein einheimischer Ehemann ist wie ein Treffer in der Lotterie. Du könntest das Kind haben und ein Haus, das der Mann dir schenkt. Hauptsache, dein Status ist geklärt. Mit einem halbösterreichischen Kind wirst du niemals ausgewiesen, das ist nicht legal.

Sagt Alberto.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das will, denn ich habe schon ein Kind und dass mir einer dieses Mädchen adoptiert, ist schwierig.

Alberto jedoch gibt mir grausame Ratschläge.

Du musst dich befreien!

Lass deine Tochter in Mexiko, schicke ausreichend Geld und ihr wird es gut gehen, je besser dir hier deine Existenz gelingt! Zögere nicht!

Sagt Alberto.

Es bleibt dir nicht mehr so viel Zeit! Du bist jetzt una Latina alpina.

Y así y así. Sage ich.

Aber die Männer, die ich in Wien treffe, sind hässlich und kalt. Oder sie benützen dich. Zerren dich ins Bett, lutschen dich aus, werfen dich fort. Ich habe meinen Stolz. Ich muss nicht alles ertragen. Manchmal denke ich, dass mir die Arbeit mit den Kindern doch besser gefällt, zumindest lässt sie mir Zeit. Aber es ist wegen dem Geld, das Geld ist nicht genug, das mit den Kindern ist nicht wirklich eine Arbeit. Ich kriege nur Taschengeld, keinen Lohn. Ich habe nie genug, wenn ich Alberto zurückzahlen will, wenn ich meiner Tochter schicke, wenn ich hier essen will. Wir kaufen schon ganz wenig ein, ich habe abgenommen. Gott sei Dank, passt das gut, dass wir nicht viel Geld zum Essen haben, weil ich die Kilos sowieso verlieren will. Dieses österreichische Essen macht mich krank, aufgebläht. Ich laufe herum mit einem Bauch wie ein Ballon, die Fettreifen treten über meinen Hosenbund und Cosmo macht sich lustig.

Du bist dick, Jessica, du bist dick.

Ich drehe meinen Hintern fort, weil er schon wieder an den Spitzen meines Tangas ziehen will. Er ist von meiner Haut verführt, lässt seine Kinderhand über meine glatte Bräune streifen. Schließlich fahren seine Finger in meine Achselhöhlen hinein und schlüpfen unter mein Hemd.

Ich liebe deine Busen, sagt er.

Cosmo ist nicht kalt, und ich bedauere es, dass sein Vater so beschäftigt ist mit anderen Frauen.

Aber fang dir nur nichts mit dem Dienstherrn an!

Mahnt Alberto.

Denn der heiratet dich nie, auch nicht mit Kind!

Der lässt gar kein Kind wachsen in dir, weil die Frauen die Macht haben in den Familien hier! Und die sind immer dagegen. Das musst du wissen, fang nichts mit dem Mann an, wenn es die Frau ist, die dich für ihre Kinder engagiert!

Sagt Alberto.

Doch ich kenne das Geheimnis des Senors. Vielleicht kann mir das helfen, dass ich etwas weiß, von dem er sicher nicht will, dass die Senora es erfährt.

 

Weich, weich, weich ist dieses Wasser, nicht grau von der Spiegelung der Häuser, sondern bläulich grün von den Bäumen und dem Himmel rundherum. Ich lasse mich sinken, verschwinden, drehe meinen Körper hinein. Verstecke diese Aufsehen erregende Kreation eines knallroten Bikinis, der meine Teile zusammenhält im Wasser. Und tauche wieder auf, schüttele mein triefendes Haar, das Tropfen ausschickt in die Landschaft, um die Wette baumelt mit den türkisen Perlen, mit denen das knallige Oberteil prunkt. Unter halb geschlossenen Lidern beobachte ich meine Umgebung. Cosmo, der mit mir spielen will. Auf der Luftmatratze schwimmen. Ich habe meine Luft dafür gespendet, weil Senora Carola das nicht kann. Sie sagt, sie wird schwindlig, kippt um. Also pustete ich meinen mexikanischen Atem in die Plastikpolster hinein, damit Cosmo hier nicht untergeht. Dabei muss ich selbst Acht geben, den Tritt nicht zu verlieren, mich nicht zu weit vorwagen in diesen See, damit keiner bemerkt, dass mein Körper nicht schwimmt. Er kann nur nass werden und sich dem Wasser wieder entwinden. Ich klatsche mit dem Oberarm auf den bewegten Spiegel, ein paar Tropfen spritzen Cosmo in die Augen. Er will seinen Kopf nicht eintauchen, Fisch sein für einen Moment, wie ich. Ich schicke ihn zurück zur Senora, die auf den Kieseln liegt mit einem Dekolletee, das sie nur zur Hälfte füllt. Ihre mit blauen Flecken gesprenkelten Beine glänzend geölt, hält sie die Augen geschlossen, weil sie wegtreten will, wie ich, unter dem Wasser. Sie gibt sich den gefährlichen Strahlen hin, die ihre Haut aufwerfen, weiter zerstören und tiefe Rinnen schlagen.

Ich dagegen marschiere weiter durchs Wasser. Ich blicke nicht auf die Berge ringsum, sondern auf die über den Kies gebreiteten Familien und schaue, ob Männer darunter sind, die bereit wären, sich aus den mit Sandspielzeugen geformten Kreisen zu entfernen und auf die Seite zu gehen, mit mir. Aber die Männer scheinen noch müder zu sein als die Mütter, die beharrlich mit der Haut ihrer Kinder beschäftigt sind, ihren Mündern und Nasen, die laufend leuchtfarbene Plastikwolken um ihre Oberarme aufblasen und wieder herunterziehen. Ich entsteige den Fluten wie ein weit entferntes Bild und bitte die Senora, ein Foto zu machen von mir, mit einem Hintergrund, der meinen Freunden etwas davon erzählt, wo ich nun bin. Nun, wo ich ein Leben  habe, in dem Sorgen nicht bekannt sind, in dem allein mein knalliger Bikini herausschreit, wie wunderbar ich bin und die Berge betonen, wie weit ich es gebracht habe in der Welt. Fort vom Beton, der schlechten stickigen Luft, die ich nicht mehr spürte und hinein in die Gesundheitsatmung dieses Gebirgszuges in Österreich. Fort von der Stadt heißt Urlaub, so werden sie mich lesen und meine Tochter wird stolz sein. Ich stemme meine Hände in meine braunen Hüften, meine Fingernägel sind gewachsen kommt mir vor, das weiche Wasser ist gut für meine Haut und der heute Morgen aufgetragene Lack goldgrün. Ich lächle meinen Verwandten in Mexiko entgegen, froh, dass ich es bin, die hier für alle sorgt und sie diejenigen sind, die warten auf Nachricht von mir.

 

Ich fürchte die Nächte, die ich schlecht schlafend verbringe. Ohne Fernseher lassen mich die Bilder aus Filmen, die ich bereits gesehen habe, nicht los: Brüchige Bretter in der Wand, die zersplittern, schattiger Schleim, entlassen aus einer anderen Welt, schwebt über meinem Bett. Knotige Hände, die aus den Ästen draußen vor dem Fenster ragen und nach mir greifen wollen. Mühelos dringen sie durchs Glas. Figuren aus Licht gewebt, die an der Decke tanzen oder das Dröhnen von Musik, für das Vergnügen der Wesen aus einer entsetzlichen Welt. Heisere Stimmen, die mir Schreckliches erzählen. Das Kissen über meiner Nase, meinen Ohren, meinem Mund gepresst, bemühe ich mich, nicht laut zu schreien. Geruch nach Moder und alter Luft dringt dennoch in mich ein in diesem Raum für Geister.

Das Säckchen mit den Kräutern, das mir die Senora für einen besseren Schlaf gegeben hat, habe ich längst entsorgt, wollte es heimlich im Garten vergraben, eines Nachts. Als plötzlich draußen ein Seufzen war, ein Rufen und Lichtstreifen, die über meine Bretterwände fuhren, sich kreuzten, seltsame Zeichen bildeten. Und ich dachte, dass nun mein Ende sei, in diesem Haus, in diesem Land, in dieser Welt. Aber da war auch ein kleines Restchen Wut. Denn für einmal hatte ich geschlafen, mich tief versenkt in ruhige Gewässer, als das Rufen mich zurückholte in einen Schrecken, der nicht meiner war. Denn ich hatte meine Pflicht getan.

Die Senora war gestürzt an diesem Abend, hatte sich den Kopf aufgeschlagen. Ich sah sie im Türrahmen schwanken und dann lag sie am Steinboden, stumm, bereits schön angezogen für den Abend, den sie in der Stadt verbringen wollte mit ihrem Mann. Und der glänzende Stoff ihres Kleids wischte den Staub, den ich hätte saugen sollen am Vormittag. Blut sickerte durch das zurechtgemachte Haar und langsam stand sie auf, wankte ins Zimmer hinüber zum Bett. Und der Mann folgte nach, angespannt wegen der Verspätung, wegen des verdorbenen Abends, wegen der verletzten Frau. Mir war es recht, ich hatte keine Lust Cosmo zu hüten, wollte lieber allein sein mit meinem Radio und dem Telefon. Mir war es recht, wenn sie im Bett blieb. Senora Carola raffte sich trotzdem auf, malte schwarze Ringe über die Tränen und strich Blau über die geröteten Lider und kämmte eine blond gefärbte Strähne über das Blut. Sie ging mit ihm. Und ich tat meine Pflicht, räumte auf. Aber dann verschwand ich in mein Zimmer. Ich schlief und schlief, bis die fremden Zeichen mich weckten und die krächzende Stimme mich rief. Ich ging hinaus, das Säckchen mit den Kräutern in der Hand, das die Senora verhext hatte, damit ich für immer ängstlich bin und damit in ihrer Hand. Ich wollte es loshaben und schlich durch den Garten unterm Mond, hatte einen besonderen Baum im Auge, eine Tanne direkt hinterm Haus, wollte den Boden voll weicher Nadeln aufgraben, als ich plötzlich die Erscheinung sah. Nackt hockte sie am Hügel im Gras. Zuerst dachte ich, sie will sich entladen, der weiße Körper im blauen Licht blieb in der Hocke im feuchten Gras, rührte sich kaum. Musik war zu hören von weitem. Y así, bailar como latina/ el ritmo puro de la música alpina. Die nackte Figur raufte sich das Haar und als der erste Schreck vorüber war, begriff ich, dass es die Senora war, die sich versteckte vor ihrem Mann. Dass sie es war, die sich fürchtete und floh. Und ich begriff, dass sie lieber bereit war zu erfrieren, als zu ihm zurückzugehen. Um den Anblick zu ertragen, fuhren meine Finger schnell in meinen Mund, tief hinein, der scharfe Geschmack des Nagellackentferners betäubte meine Angst und als die Zunge sich gewöhnte, fand sie darunter noch ältere Reste, Erinnerungen an Maismehl und Wachs. Ich hielt mich fest an meinen Fingern. Rund um die Senora warfen die Lichtstreifen einer Taschenlampe Muster auf Bäume und Gras. Ich duckte mich hinter dem Stamm der Tanne, damit das Licht mich nicht ergriff. Ihr Mann suchte sie, doch die Senora wollte nicht hören. Ihre Nacktheit der Nacht schenken, nicht ihm und als seine Rufe leiser wurden, schlich ich davon. Steckte das Kräutersäckchen, vor dem mich nun noch mehr ekelte unter einen Haufen abgeschnittener Äste. Jetzt, weil ich wusste, dass die Frau genauso verloren war oder etwas verloren hatte, das sie nie mehr wieder bekam und von dem sie nicht wusste, was es war. Ich aber schon.

 

Und mit der Zeit setzt sich der nächtliche Schrecken auch tagsüber fort. Um acht Uhr steigt Cosmo hoch, klopft unablässig, bis ich mich aufraffe. Und als ich verschlafen hinunter wanke, sind alle bereits wach. Sitzen um den Tisch, schlechter Laune. Senor Karl fragt, warum ich nicht wach geblieben bin, bis sie gestern Nacht nach Hause kamen.

Ich antworte mit einem Lächeln, zucke mit den Achseln.

Was soll ich schon sagen? Dass ich keine Sklavin bin?

Denn ich weiß, dass er nur deshalb so spricht, weil Senora Carloa es von ihm verlangt. Und kaum habe ich meine Milch getrunken, schickt sie mich zur Arbeit. Ich soll Bettdecken schütteln, die Wassertropfen von den Kacheln reiben, die Staubbälle hervorkratzen unter ihren Stühlen und Kommoden.

Kurz danach treffen Gäste ein. Ich staune: Eine Frau mit schwarzer Haut in diesem Garten in den Alpen Österreichs. Ein dunkles Baby hängt an ihrer dunklen Brust und saugt. Und die schwarze Haut verlangt nach schwarzem Kaffee. Schnell geht Senor Karl hinein, holte die Senora. Die küsst die schwarzen Wangen ihrer Freundin, nimmt das dunkle Baby in den Arm. Und der Mann der schwarzen Haut ist weiß, so weiß wie ich mich selbst nie bleichen kann. Seine Haare sind geschoren. Nur in der Mitte des Kopfes steht eine Bürste. Er spielt mit einem tragbaren Computer auf dem wackeligen Tisch im Garten. Ich ducke mich, die Federbetten habe ich längst über den Balkon gebreitet und sehe durch die Ritzen des Geländers, wie sich Senora Carola mit der Schwarzen unterhält. Wo kommt sie her? Was tut sie hier? Will sie bleiben und mir meinen Platz wegnehmen? Die schwarze Haut lacht ohrenbetäubend, aber wenn sie die Tasse ergreift, um Kaffee zu trinken, spreizt sie nicht den kleinen Finger fort von ihrem Körper. Sie hat keine Manieren. Und der Bürstenmann setzt sich das dunkle Baby auf den schwarzen Schoss und ich begreife, dass er der Vater ist. Er hat es tatsächlich gewagt, ein Kind zu machen mit der schwarzen Haut. Sie sind ein Paar. Eine Familie.

Und ich verstehe, warum sie den Mut hat zu lachen und laut vernehmbar zu sein. Warum sie sich traut in diesen grünen Tannengarten zu treten. Denn mit einem in Österreich geborenen Kind kann ihr nichts geschehen. Sie darf bleiben und den Mann bei sich halten, so lange sie Lust hat dazu. Und ich frage mich, wie ich ebenso Glück haben könnte, eine Art von Glück, die mit dem Verstand kommt, weil man genau wissen muss, was man will. Und sogar die Senora hat Macht über ihren Mann. Denn auch wenn er fremdgeht, hat sie ihr Kind, das sie gegen ihn benützen kann. Und die Senora besitzt das Wochenendhaus und kann hinfallen und nachts im eiskalten Gras sitzen und immer noch würde sie gesucht. Und muss nicht wie ich kämpfen um jeden Schritt und jeden Tag in diesem Land. Ohne Verdienst. Es ist das Glück, das die Senora nach Österreich gebracht hat. Und ich habe in Mexiko beginnen müssen aus Unglück und bin hier nur geduldet, solange ich tue, was Senora Carola will und solange ich Geld von ihr erhalte.

Und das ist es, warum ich nichts anderes als Hass empfinden kann für die schwarze Haut. Weil sie dunkler ist als ich und doch begünstigt. Und obwohl der Bürstenmann Löcher in der Hose hat, weiß ich, der Stoff ist bearbeitet. Das sind nicht Löcher der Armut, das sind Löcher der Eitelkeit, die man sich leistet, wenn man genug hat zum Leben. Und auch wenn die schwarze Frau ihrem Baby die Brust zu trinken gibt, weiß ich, dass es nicht geschieht, weil sie keine Flasche kaufen kann, sondern weil sie den Luxus hat, das süße Pulver aus den Regalen der Märkte zu verschmähen. Sie hat die Wahl, die ich nicht habe, obwohl sie schwarz ist und ich braun. Und ich wünschte, ich würde ihr Geheimnis kennen und ich wünschte, mich an ihre Stelle, obwohl mich der Bürstenmann nicht interessiert. Obwohl mich keiner dieser Österreicher wirklich interessiert, diese weißen langweiligen, selbst verliebten Männer. Allein ich brauche sie, um mein Recht zu bekommen. Dann ruft mich die Senora.

Jessica, Küche aufräumen!

Und bevor ich die Tasse der schwarzen Haut in den Spüler stelle, spucke ich hinein. Zu spät.

 

Und dann brechen die Wespen hervor. Ich schlafe nach dem fetten schweren Essen, das sie mir verpasst haben und bei dem ich mithelfe, Kartoffeln zu schälen, Mehl und Milch zu einem dicken Mus zu verkochen. Meine Finger kleben von der Stärke der Kartoffeln und meine Lippen kleben von dem mit Fleisch gebackenen Brei und sie schaufeln das Gericht in ihre Münder. Jeder Bissen begleitet von einer Menge Worte. Ich halte still und meinen kleinen Finger gut gespreizt, weil ich sowieso nichts verstehe. Und die Luft ist dick vor Hitze, endlos die Angriffe der Fliegen und Wespen auf die Essensreste auf dem Tisch. Endlos lang der Tisch, endlos die Reden, endlos der Widerstand Cosmos ein paar Bissen zu schlucken. Die fremden Worte schläfern mich ein, machen die Gedanken leicht, schicken sie in Richtung Traum.

Und endlich stolpere ich die Treppen hinauf und einmal stören mich die Zeichen an den Wänden nicht und die Wesen schweigen, weil draußen in einem anderen Garten eine Säge die schwere heiße Luft zerschneidet und Raum schafft für Schlaf. Ich sinke in einen süßen dicken Teig, gefüllt mit Düften, die keiner hier versteht. Ich sinke in einen weichen Mantel aus Sternen, mit Watte gefüllt. Und ich verwandele mich in diese Hülle, steige hervor aus ihr in eine andere, schönere Welt. In der meine Haut hell ist und mein Gesicht schmal und mein Mund schwellend und rot. Und meine Fingernägel ragen mindestens einen Zentimeter über die Kuppen hinaus, ungebrochen, rund geformt, leicht lackiert mit weißen Rändern. Vornehm fahren meine langen Finger durch mein duftgefärbtes Haar. Aber die sanfte Wolke hält nicht.

Mit einem Mal spüre ich Wehen und bin erstaunt, wie schnell das geht. Sofort schießt ein Schwall blutig schleimiger Flüssigkeit auf den polierten Boden, die ich schnell wegwischen will, doch es ist zu viel. Und dann flutscht schon der Kopf des ersten Kindes heraus. Ich bekomme Angst, dass es zu rasch rutscht und mich zerreißt.

Bin ich bereit? Habe ich Hilfe? Gibt es in der Nähe einen Mann?

Alle Fragen beantworte ich mit Nein.

Und bevor ich überlegen kann, halte ich das Baby in der Hand. Der kleine Körper gleitet mir durch die Finger, taucht in den Blutschleim und droht zu ertrinken. Aber ich kann es nicht retten, weil ein zweites Baby nachdrängt. Das muss ich nun gebären. Ich habe nichts, um die Kinder zu pflegen. Eines rührt sich kaum mehr. Ich kümmere mich um das, das atmet. Beide wächsern und bleich, zwei starre Puppen. Ich versuche sie mit einer Wolljacke zu schützen vor der Kälte. Später liegt das Erste, Schwächere regungslos am Boden, sein Kopf abgerissen wie an der Plastikpuppe meiner Tochter. Mit dem verbliebenen Kind, an mich gedrückt, schleppe ich mich weiter auf der Suche nach Hilfe. Mein Unterleib ist nicht versorgt, ich weiß nicht, wie man die Nabelschnur kappt, wie die Nachgeburt verlieren. Ich bin allein gelassen mit dem gruseligen Baby und dem toten Säugling, der aufgebahrt ist im Leichenschauhaus. Sein bleicher Körper liegt gespenstisch auf Stroh.

Und dann höre ich das Schreien, will mich zurück retten in die geträumte Welt, fort von der wirklichen, die nach mir verlangt. Vergebens. Ich erwache in meinem hölzernen Verschlag und von allen Seiten dringt Aufregung heran. Senor Karl ruft nach mir und die Senora kreischt:

Wo ist sie, wo ist sie?

Und ich schleppe mich die Treppe hinunter, schlaftrunken, wackelig auf meinen Stöckeln. Ich will nicht bügeln, nicht um diese Tageszeit. Unten hält Senora Carola im Zimmer einen Telefonhörer in der Hand und heult und hockt gekrümmt. Sogar ihr Mann nimmt Abstand, eine Frage der Vernunft. Denn keiner kann einem Menschen helfen, dessen Gehirn sich verdreht. Die Senora stammelt vor sich hin.

Senor Karl schüttelt den Kopf und sagt zu mir in meiner Sprache: Sie muss ihn noch mal schreiben, den Aufsatz, noch mehr Arbeit. Das ist es, warum sie weint.

Und die Senora schreit: Nein, ich weine, weil ich telefonieren will. In Ruhe! Weil das Arbeit ist und wichtig und weil Cosmo mich dabei nur stört. Und warum haben wir Jessica mitgenommen, wenn sie nicht da ist, wenn man sie braucht!

Senor Karl wiederholt in meiner Sprache, obwohl ich schon verstehe, dass es gegen mich geht. Dass sie nicht zufrieden ist, mit meinem Schlaf.

Und ich starre ihn an, um zu wissen, was hinter seinen Worten liegt, und sehe, dass er sich windet vor mir und vor der Senora. Er will nichts zu tun haben, mit keiner von uns, denn er hat eine andere Frau, die ihn beschäftigt. Er will sich unter einen Baum legen und telefonieren im Traum mit einer Welt, die er sich besser vorstellt, als diese hier.

Ich kann ihn zwar verstehen, aber das ist es nicht, was ich will. Dazu bin ich nicht hierher gekommen, um die Träume der Menschen in diesem Land zu verstehen. Ich will mich eigentlich umdrehen und abhauen, als ein Geräusch mich aufhält, das von oben kommt. Und ich hebe meinen Blick und sehe, kleine schwarzgelbe Tiere auf das sorgfältig zurechtgemachte Haar der Senora stürzen, die vorerst nichts bemerkt. Bis es mehr werden, immer mehr der schwarzgelben Insekten kriechen aus den Lücken zwischen dem Holz und segeln schwer, als hätten sie keine Kraft in den Flügeln, segeln, fallen, segeln, fallen lautlos auf den Flor des Teppichs, auf dem die Senora hockt. Die plötzlich aufblickt, versucht, sich durchs gefärbte Blond zu streichen, aber es nicht wagt, aus Angst, gestochen zu werden. Ich bemerke ihre Fingernägel, von denen einige gebrochen sind, einige nur zur Hälfte lackiert.

Die Wespen, sagt Senor Karl. Die Wespen haben ein Nest zwischen Dach und Decke gebaut und sterben. Ich habe Gift durch eine Spalte gesprayt vor zwei Stunden. Es wirkt.

Und er bewegt sich keinen Schritt in Richtung der Senora, auf deren Haar sich ein Regen sterbender Tiere ergießt. Vorsichtig legt sie den Telefonhörer auf den Flor.

Ein Schrecken steigt in mir auf, vor dem Teppich der toten Insekten, vor dem Schleier auf dem Haar der Frau und vor ihrem Blick, in dem der Tod verborgen liegt, das weiß ich genau.

 

Am nächsten Morgen werde ich von einem Berg Laken, Hemden und Unterhosen erwartet, die sich während meines Schlafs angesammelt haben und nun zu bügeln sind. Ich klettere darüber hinweg, trotzdem gut gelaunt. Ich spüre, dass eine Änderung sich vorbereitet, dass ich bald erlöst bin, dass etwas in mein Leben treten wird, das mich erhebt. Und die Sonne nistet sich in den Köpfen der Familie ein, sogar im Wespenkopf der Senora, die den Schrecken überschlafen hat und sich befreien will von ihm. Sie schlägt eine Fahrt zu einem See vor, zum Schwimmen. Cosmo freut sich darauf und Senor Karl willigt ein, sein Handy zurück zu lassen, obwohl er dann keine Nachrichten von der anderen Frau empfangen kann, die seinen Körper bestimmt. Ich soll mit, weil auch Senora Carola ins Wasser steigen will und sicher sein, dass Cosmo währenddessen nicht ertrinkt. Obwohl ich nie weiß, was ich dann anfangen soll, inmitten der knallgrünen Bäume, der gräulichen Berge, in all der beißend frischen Luft und dem feuchtschlüpfrigen Gras und den rutschenden Kieseln, den spitzigen Felsen, mit denen die Wege an den Ausflugszielen befestigt sind. Und immer wird das Auto viel zu weit vom Wasser geparkt, und immer werden die Taschen mit den Spielsachen und aufblasbaren Matratzen und Trinkflaschen und Chipsdosen für Cosmo und den Decken zum Sitzen über lange Strecken geschleppt. Und die Senora kann nichts heben, weil ihr Rücken schmerzt. Auf dem Kopf muss sie einen Strohhut tragen, weil die Sonne ihrer Wunde schadet, die sie sich geschlagen hat gestern.

Sie wankt, will dennoch lächeln heute, will gut sein, auch zu ihrem Mann. Obwohl sie nicht spricht mit ihm, ihn nur manchmal ansieht von der Seite und zum Transportieren benutzt, so wie mich, ihren Schleppesel. Und ihr Gesicht verzieht sich, sobald ich langsamer werde auf dem rollenden Kies. Und ihr Gesicht verzieht sich, wenn ich seufze. Es ist schwül, auch unter den grünen Dächern der Bäume steht die Luft angewärmt und nur von den Felswänden strahlt Kälte. Deshalb bleibe ich nahe daran, bewege mich nicht zur Sonne hin. Hitze macht mich seufzen, immer. Die Senora hasst es, meine klagende Stimme zu hören. Weil sie selbst schweigt, wenn ihr etwas nicht gefällt und weil sie gleich schreit, wenn andere sich weigern, so zu sein wie sie das will. Und endlich wirft sie die Decke dann unter einen Baum, breitet sie aus und Cosmo springt ins Wasser. Die Senora windet sich verstohlen in ihren Badeanzug.

Ich suche mir einen anderen Ort, in der Nähe der Familie, weil ich ja kein Teil davon bin. Lege mein Handtuch auf eine Bank entlang des Wegs, ziehe mir mein Kleid über den Kopf, strecke mich im Bikini aus. Das Gesicht zum kühlenden Felsen gewandt, stecke ich mir den Daumen in den Mund. Ich schlafe ein, während der Geruch des Wassers in mein Haar dringt und die schrillen Schreie Cosmos, weil der See so kalt ist, wie die Dunkelheit, die in meinen Schlaf fällt.

Als ich aufwache, liegt Cosmo auf dem Weg neben mir auf dem scharfen Kies und ein seltsam gekleideter Mann, in engem Trikot, schwarz mit neongelben Streifen, versucht ihn zu beruhigen, weil Cosmo weint. Der Mann hält einen schwarzgelben Helm in der Hand und deshalb glaube ich zuerst, er ist noch ein Traum und dass die Wespen zurückgekommen sind in menschlicher Gestalt. Aber weil Cosmo nicht aufhört zu heulen, erhebe ich mich, ihn zu trösten und sehe ein Fahrrad neben dem Weg. Ich beuge mich über Cosmo, der sich den Kopf hält, frage mich, wo seine Eltern sind. Der Wespenmann versucht etwas zu sagen, was ich nicht verstehe und ich lächele ihn an, weil er noch nicht zu alt scheint, um eine Frau zu wollen, die eventuell ich sein kann.

Der rote Stoff meines Bikinioberteils betont meine Brüste mit allen Vorteilen. Vom Punkt der Brustwarze baumelt eine kleine Perlenkette hin und her, hin und her. Cosmo schnappt danach, zieht schnell daran. Meine Brust springt blendend heraus. Ich reiße mich zurück und sein Kopf fällt erneut auf die schlüpfrigen Kiesel. Wieder weint er. Während der schwarzgelbe Mann mit dem Fahrrad sich wundert, wer ich bin, mit meiner dunklen Haut und ist ziemlich interessiert. An mir als Frau. Ich merke es daran, wie er schaut. Aber andererseits, was mache ich, wenn er in den Bergen wohnt, mit diesen Schatten und der beißend kühlen Luft. Und muss ich klobige Bergschuhe anziehen, die mich klein und dick machen und Fahrrad fahren mit ihm, wenn er mich heiraten will? Schließlich höre ich das Kreischen der Senora.

Was ist los, was ist passiert?

Panisch stürmt sie aus den Fluten. Schnell beginnt der Fahrradfahrer zu erklären, dass der Junge auf der Bank gesessen war, neben mir. Er deutet zumindest auf die Bank und ich meine, dass er damit auf mich zeigt.

Ich schaue auf meine Fingernägel während er spricht, prüfe ihre Härte, ihren Widerstand, lege meine Hände nebeneinander, um zu erkennen, wo der Lack schon springt. Der Blick der Senora wird zornig und hart. Sie schreit mich an und nicht den Mann mit dem Fahrrad. Und dann übersetzt Senor Karl in meine Sprache, dass sie glaubten, Cosmo wäre bei mir, während sie hinaus schwammen auf den See. Der Fahrradfahrer schien verwirrt von meinem nackten regungslosen Fleisch. Er hatte noch nie eine fremde Frau so unbewegt auf einer Holzbank schlafen gesehen in den Bergen und daher Cosmo nicht bemerkt, der aus dem Nichts gelaufen kam und zu Boden fiel, als er ihn streifte mit dem Rad. Während die Senora weiter mit mir schreit, tue ich, als wäre nichts geschehen, streichle über Cosmos Haar. Er reißt erneut an den türkisen Perlen meines Oberteils. Da es ihn beruhigt, lasse ich es geschehen. Dann ziehe ich mich gemächlich an. Eine Fliege setzt sich auf die blutige Wunde der Senora, ihr Kopf strömt eine seltsame Wolke aus, eine Vorahnung überkommt mich: Bald würde ich nichts mehr zu fürchten haben vor ihr. Ihr Wille löst sich auf. Die Verheißung des Morgens hat sich erfüllt.

 

Ich muss nicht kochen heute. Die Sonne brennt.

Wir wollen feiern, sagt Cosmo.

Aber was?

Nach dem Frühstück schüttele ich mit den Bettdecken den Staub der Nacht über den Balkon. Die schauerlichen Träume fallen durch die Nadeln der Bäume und sinken ins Gras. Nur ihre Formen lassen nach im Tageslicht, fransen an den Rändern aus. Für die meisten Menschen sind sie unsichtbar, ich aber sehe sie genau. Seufze sehr leise.

Und höre ein Seufzen, das mir antwortet, beuge mich über die Brüstung und bemerke darunter die Senora, die ein dickes Buch liest auf ihrem Gartenstuhl. Der Schmutz der bösen Nachtgedanken rieselte auch in die Öffnung ihres Kopfes, ohne dass sie davon weiß.

Ich halte still. Ich werde ihr nichts davon sagen, niemals, ich kann nicht. Noch immer spreche ich ihre Sprache nicht genau, sodass meine Gedanken dicht bei mir bleiben, nie heraustreten. Nur Cosmo kann mich verstehen.

Ich muss gähnen, weil die Sonne so viel Hitze erzeugt. Nachts bin ich am offenen Fenster gesessen und habe der Musik gelauscht, die über die Hügel kroch und zitterte im Wind. Ein riesiges Konzert, hatte Senor Karl erzählt, tausende kamen aus dem ganzen Land, schwirrten am Nachmittag durchs Dorf. Barfuss, mit filzigen Haaren, dicken Säcken am Rücken kauften sie Fruchtsaft, Bier und Würste. Später wurden die Gesänge vom Prasseln des schweren Regens geschluckt, der meine Ohren gefangennahm und mich einschläferte. Ich hätte gerne mit diesen Leuten getanzt unter dem Drängen der Musik. Obwohl keiner von den zerrupften Männern zum Heiraten bereit wäre. Zu jung, zu sehr von den Eltern bestimmt und warum heiraten sie hier überhaupt, wenn sie sowieso alles kriegen, auch ohne den Schein? Ich habe mich bei Senor Karl erkundigt. Weil ich wissen muss, wie das Heiraten hier geht.

Er sagt, dass er nicht genau weiß, warum er die Senora geheiratet hat, nachdem sie vorher schon lange Jahre zusammen waren. Sicher nicht wegen Cosmo. Sondern vor allem wegen des grossen Festes für die Freunde, wegen der Steuer und wegen der alljährlichen Tage, an denen sie daran denken, dass sie noch verheiratet sind.

Das ist auch der Grund, weswegen ich heute nicht kochen muss. Hochzeitstag. Wir gehen ins Restaurant. Ich soll mich freuen. Die Senora ist gut gelaunt. Sie zeigt mir zwei Kleider und fragt mich, welches mir besser gefällt. Sie will wissen, wie sie mir vorkommt in diesem oder jenem. Ein blaues, hautenges, in dem sie mager erscheint, und ein dreieckiges mit riesigen bunten Wellen darauf. Ich rate zum bunten, obwohl sie darin aussieht wie das Signal an einer Kreuzung.

Ich selbst nehme die transparente Bluse in Weiß, darunter einen rosa Busenhalter mit aufregendem Schnitt und einen Rock, dessen Schlitz an der Seite mit Schnüren zusammen gezogen wird. Lasse den Spalt aber offen, sonst könnte ich nicht gehen. Da wir mit dem Auto fahren, trage ich meine hohen Sandalen aus Holz, deren Riemen vielfach um meine Fesseln geschlungen sind.

Es ist unerträglich drückend heiß und eigentlich habe ich keinen Hunger im Restaurant, muss aber so tun. Die Wespen stürzen sich auf unsere Getränke. Die Senora trägt den Strohhut, um ihre offene Wunde zu schützen, während rundherum Menschen in Folklorekostümen Platz nehmen und nur Salate essen zum Wein. Unterhalb der Terrasse ruht der See. Cosmo will ins Wasser, doch wir müssen feiern. Ich stopfe mir Kartoffeln und Fleisch in den Mund. Zwischen den verschiedenen Speisen verstreicht die Zeit und ich spiele mit meinem Handy, bis der nächste Gang kommt. Senora Carola ist entschlossen, fröhlich zu sein. Ihr blondes Haar brodelt unter dem Hut, die Sonne prallt von den bunten Wellen ihres Kleids, das ihrer Schwiegermutter gehört. Dass sie es anzieht, sollte sich rächen. Ich beobachte den Senor, wie er unter dem Tischtuch sein Handy versteckt und Nachrichten an die Geliebte schreibt.

Die Senora versucht vornehm zu tun und sich zu freuen über den Tag. Für dieses Essen zahlen sie mehr als ich verdiene für zwei Wochen Putzarbeit. Aber der Aufwand ist umsonst, wie ich weiß. Das Feuer ist aus. Auf dem Weg zum Auto stolpert die Senora über eine Kante, fällt fast hin. Sie hat zu viel getrunken und schläft am Rückweg ein.

Am Haus steigen alle aus, lassen sie im geparkten Auto. Von meinem Fenster unterm Dach sehe ich Senor Karl später unter den Tannen. Er telefoniert mit einer Hand, mit der anderen erinnerte sein Körper sich an den Körper der anderen Frau, während seine Ehefrau im Auto verlassen einen schönen Tag träumt. Vergebens. Ich schließe das Fenster, drehe das Radio auf. Y así, y así, y así baila la chica del caribe/ y así y así, y así canta el cantante de los alpes.

 

Obwohl Putzen oder Bügeln macht mir nicht viel aus. Zumindest bleiben die Gedanken meine, während ich die Lappen über Flächen ziehe und das Surren des Staubsaugers mich einlullt. Während ich dem Stoff zusehe, wie er sich unter Dampf glättet, kann ich bei mir sein, kann mich aufhalten, wo ich will. Dann verfasse ich im Kopf Mails und Nachrichten an meine Freunde, denke über die Männer nach, die ich bereits kenne und die Zeit vergeht. Und mein Gesicht verrät nichts von diesen Ausflügen in meine eigene Welt, kein Mensch kann erkennen, wo ich wirklich bin, während mein Körper brav ausführt, was sie ihm aufgetragen haben, in seiner eigenen Zeit.

Soll ich aber mit Cosmo spielen, langweile ich mich rasch. Ich bin keine Jungen gewohnt und mit meiner Tochter habe ich nie gespielt. Kinder spielen mit Kindern bei uns, nicht mit den Grossen, da die Erwachsenen ständig beschäftigt sind. Für ein Mädchen ist eine Puppe genug und da sie teuer war und meine Tochter unablässig darauf wartete, hat sie danach nichts weiter von mir verlangt. Für einen Jungen genügen Autos, habe ich geglaubt. Cosmo will freilich nicht alleine sein, er will den Kampf und braucht immer einen zweiten, damit er den Kampf gewinnt.

Doch zuerst sage ich nein. Ich erkläre, ich muss das und das und das tun, damit er sich beruhigt. Damit er nicht fortwährend fragt. Doch es dauert nicht lange und er stöbert mich auf, findet mich in das Display meines Handys versunken. Oder öffnet die Toilettentür und ich bin mitten im Gespräch mit dem neuesten Kandidaten, mit dem mir hoffentlich die Heirat gelingt. Und Cosmo verlangt, dass ich komme, um zu spielen. Während ich darüber nachsinne, von wem ich möglicherweise schwanger bin, da meine Regeln nun schon drei Wochen ausbleiben, sitze ich vor Cosmo, schiebe Autos in seine Richtung und er schiebt ein anderes zurück. Wo sie sich treffen, gibt es einen Unfall, worauf er laut schreit. Vor Freude. Ich rolle die Autos schweigend durch den Raum, aber Cosmo ist nicht zufrieden. Ich muss das Auto anfeuern, muss mich freuen, wenn ich ein anderes Fahrzeug aus der Bahn werfe. Es fällt mir schwer, ich stecke so sehr in meinen Gedanken, dass die Autos über den Boden sausen, ohne dass ich bemerke, dass sie es tun.

Doch bleibe ich ruhig, überkommt Cosmo bald Wut, er schreit mich an, ich weise ihn zurecht. Er steigert seinen Zorn und wirft mir die Autos ins Gesicht. Das tut weh. Ich versuche ihn zu überreden, still zu sein. Aber still sein, heißt, dass er mir ein Buch erklärt in seiner Sprache. Ich erkläre ihm die Dinge mit meinen Worten und er gibt mir dafür seine heraus. Doch das hält nicht lange.

Nun will er zum Spielplatz. Hinaus. Ich willige ein, weil er dort vielleicht andere Kinder treffen kann und mich nicht braucht. Ich setze mich weit genug entfernt, so dass er mich nicht stört, tippe in mein Handy. Ich zeige ihm so, dass ich nicht bemerke, wenn er mich ruft. Und die Mütter der anderen Kinder haben keine Idee, dass ich es bin, nach der er verlangt. Ich sehe nicht wie seine Mutter aus. Ich bin die einzige, die nicht hinter einem Kind herrennt und die einzige, die nicht ständig fragt, wie es sich fühlt und was es nun möchte und ob ich noch was für es tun kann. Ich bin die einzige, die sich nicht mit einer anderen Mutter unterhält, ich führe keine Gespräche über das Stillen, den Trotz und das Bauchweh.

Auch auf die Väter verschwende ich keinen Blick, so lange sie keine anderen Augen haben als für ihr Kind. Je kleiner ihr Nachwuchs, desto weniger interessieren sie sich für eine andere Frau. Je älter ihre Kinder, desto größer ist die Chance, dass ihre Ehe nicht mehr funktioniert. Hier komme ich dann ins Spiel.

Jetzt braucht Cosmo auf der Wippe einen Partner, späht mich aus, läuft auf mich zu, will mir das Handy aus der Hand reißen. Schnell stecke ich es ein und gehe mit ihm. Ich komme nicht gut voran, die Stöckel meiner Sandalen versinken im Sand und jeder Schritt bedeutet ein mühseliges Herausziehen meines Fußes gegen einen Widerstand, der mich verschlingen will. Ein Widerstand, der will, dass ich sitze und schaue, doch Cosmo gibt nicht auf. Da ich nicht auf die Wippe steigen kann, mein Rock ist zu eng, muss ich den Holzblock mit beiden Händen nach unten drücken. Doch je mehr ich drücke, desto mehr sinken meine Stöckel ein. Ich schwitze, ich beschließe, dass ich nicht länger kann. Cosmo gerät in Wut. Und ich will ihn herunterhaben, will mich nicht bücken müssen vor ihm und rüttele am Stamm. Wende ihm den Rücken zu, um sein zorniges Gesicht nicht zu sehen und er antwortet mir mit Schreien. Ich drehe mich um, sehe, dass er im Sand liegt und weint. Cosmo ist gefallen. An den Blicken der Mütter erkenne ich, dass es meine Schuld gewesen sein kann. Ich verziehe keine Miene, stapfe durch den Sand zu Cosmo und wische ihm den Mund.

 

Schließlich ist Senora Carola endlich fort, eines Morgens zieht sie die schwere Tasche hinter sich durch den Hof und  verschwindet. Die Nägel aus Plastik hat sie abgenommen, damit auf der Reise nichts mit ihnen passiert. Nun bin ich diejenige, die die Zeit vorgibt und die Gabeln ordnet. Ich bin diejenige, nach deren Plan die Familie nun läuft. Wichtig ist nur, dass das Ergebnis stimmt. Cosmo ist sauber, wenn ich glaube, dass er sauber ist. Cosmo ist warm genug gekleidet, wenn ich glaube, dass er warm genug gekleidet ist. Ich mache nicht mehr, was die Senora glaubt, was zu machen ist, wenn sie morgens aus dem Fenster sieht, die Temperatur abliest und noch einen weiteren Pullover zu Cosmos Gewändern legt. Cosmo ist satt, wenn ich glaube, dass er genug isst. Es ist nicht wichtig, was und wann. Wichtig ist nur, dass er nicht sagt, ich bin noch hungrig. Ich sitze nicht Stunden vor ihm am Tisch, um zu warten, dass er die gesunden Speisen verzehrt, von denen die Senora gesprochen hatte und wollte, dass ich sie bereite. Ich koche, was ich glaube, das gut ist für uns. Meine Hühnerbeine sind immer gut salzig und weich, mein Reis ist immer gut fleischig und süß, meine Kartoffeln sind immer gut fettig und gefüllt, meine Nudeln sind immer gut kernig und grün. Und wenn Cosmo das nicht essen will, so stopfe ich ihn voll mit allem, was er sich wünscht. Er liebt knusprige Kartoffelscheiben, schokoladige Kekse, zuckrige Getränke. Davon kriegt er nie genug.

Abends sitzt Cosmo vor dem Foto seiner Mutter und seine Augen werden klein. Er will, dass ich mich zu ihm ins Bett lege, damit er einschlafen kann. Er bauscht seine Bettdecke über meinen Körper, der bereits zurechtgemacht ist, für mein nächstes Abenteuer. Alles läuft nach Plan. Möglicherweise bin ich ab morgen verlobt.

Vorher aber wälze ich meine Duftwolken, meine Puderwolken, meine gefärbten Haarwolken über Cosmo, sodass er ermüdet unter den Gerüchen, die für die großen Männer sind. Während ihm die Augen zufallen und er sich festhält an meiner Wärme, denke ich mir die nächsten Züge aus in diesem Spiel des Überlebens. Ich denke bereits an meine eigene Familie, die ich gründen will, seit ich sicher weiß, dass ich schwanger bin.

Noch musst du schweigen!

Sagt Alberto.

Als ich ihm den roten Streifen auf dem Schwangerschaftstest zeigte.

Erst muss sich dieses Baby festsetzen in deinem Bauch. Es wird dein Pfand für einen längeren Aufenthalt!

Sagt Alberto.

Der Vater erfährt es erst, wenn das Baby nicht mehr wegzumachen ist. Denn oft schreckt der Zukünftige zurück. Vor der Verantwortung. Er hat das schon öfter erlebt.

Sagt Alberto.

Die verlangen dann eine Abtreibung, um sich reinzuwaschen. Denn so weit wollen sie nicht gehen, wollen nur jemanden zum Vergnügen haben. Zum Sexhaben, zum ein wenig anders sein und ausspannen mit einer fremden Frau, die nicht so viel besprechen will, wie ihre Frauen in Wien. Sie wünschen sich eine Frau, die nicht klagt, die alles mitmacht, weil sie nicht viel Willen hat ohne lange Aufenthaltserlaubnis. Sagt Alberto.

Die fremden Frauen sind benutzbar für die einheimischen Männer, weil sie ihnen alles geben, um einmal alles zu bekommen mit einer Heirat, einem Kind. Denk an das Lied der Eurovision. Du musst tanzen wie eine Latina aber zur Musik der Alpen. Dann wird alles gut. Y así.

Sagt Alberto.

Also halte still und spiele weiterhin Verführen!

Ziehe nur nicht deine hohen Sandalen aus, auch wenn sie nun schmerzen!

Zeige dem Mann dein großes Dekolletee, die Brüste, die nun schwellen!

Und vor allem, höre an deinen Fingernägeln zu saugen auf! Das hast du nicht mehr nötig!

Halte bloß durch, dann bist du erlöst!

 

 

 

 

 

 

 

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http://secession-verlag.com/autoren

https://de.wikipedia.org/wiki/Sabine_Scholl

http://www.literaturport.de/Sabine.Scholl/

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19176

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-05/roman-sabine-scholl-fruechte-des-zorns

http://www.deutschlandradiokultur.de/feminismus-im-wandel-der-zeit.950.de.html?dram:article_id=241033

http://www.deutschlandfunk.de/der-einfluss-der-muetter.700.de.html?dram:article_id=248743
 

 

 

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