Sabine Haupt

 


© David Gagnebin-de Bons 2015

 

(Schweiz)

 

 

 

Romanauszug aus:

Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern („verlag die brotsuppe“, ca. 500 Seiten, Biel 2018)

 

Vorschau: Der Roman Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern spielt im Hitzesommer 2003. Ort der Handlung ist eine Pariser Mansarde, aus der es zunächst noch ein paar Auswege gibt: in die Strassen von Paris, ins Internet, in die Vergangenheit der Heldin, d.h. nach Genf und Wien und an den Bodensee. Hinzu kommen reale und virtuelle Begegnungen mit fremden Männern und einer ziemlich ungewöhnlichen Concierge. Doch die mysteriöse Hitze nimmt weiter zu, die Atmosphäre wird klaustrophobischer, das Erzählen zunehmend fragmentarisch. Zentrales Thema des Romans ist das Warten, in all seinen alltäglichen, aber auch existenziellen und kulturgeschichtlichen Erscheinungsweisen. Es geht um Zeit und Geschichte: historisch, philosophisch, physikalisch, mathematisch und zwischenmenschlich, um Liebe und Tod und den Wahnsinn des Lebens.

 

Text:

[…] Ich solle die Eingangstür beim Betreten und Verlassen der Wohnung ganz vorsichtig schließen, hatte Philippe bei meiner Ankunft gesagt. Der Knauf, an dem man die Türe festhalten könne, sei leider vor Monaten abgebrochen, und wenn die schwere Wohnungstür – in Paris seien die Wohnungstüren nun mal so schwer wegen der vielen Verriegelungen –  zu schnell ins Schloss fiele, bekäme ich Ärger mit dem Nachbarn. Der nämlich sei verrückt, so verrückt wie viele Menschen hier in Paris: „Eine Form von urbaner Tollwut. Sie beißen aus Einsamkeit um sich und weil sie glauben, dass es die anderen eigentlich gar nicht gibt, oder gar nicht geben sollte.“ Ich hatte Philippes Erklärung keine Beachtung geschenkt, ich wusste ja, dass er bei solchen Geschichten gerne ein wenig übertrieb, vom universalen Dichtestress der Metropolen sprach, von territorialen Kämpfen und enthemmter Anonymität, dabei auch gerne Experimente mit Ratten und Mäusen erwähnte, vermutlich weil ihm die Sache mit den Menschen immer ein wenig zu fremd, zu kompliziert, ja wissenschaftlich suspekt erschien. Dabei kannte Philippe sich mit Sachen wirklich gut aus, nur diese eine Sache, die mit den Menschen, egal ob Nachbarn, Freunde oder Familie, blieb ihm stets ein Rätsel. Neurotische Nachbarn seien schlimmer als jede Naturkatastrophe, meinte er und drückte die Tür vorsichtig zurück ins Schloss. Zum Glück werde man das „Rätsel Mensch“ aber schon bald in den Griff bekommen, schließlich sei der genetische Kode seit April vollständig entschlüsselt. „Endlich hat die menschliche DNA ihre Geheimnisse preisgegeben. Schon bald werden wir ganz genau wissen, in welcher A-T-G-C-Kombination der Wahnsinn von Paris eigentlich steckt.“

[1983] Seine Wohnung im fünften Arrondissement war mir vertraut, ich war zwanzig Jahre zuvor schon einmal dort gewesen, war fast einen Monat lang geblieben, damals, als ich noch dachte, dass wir ein Paar werden könnten. Doch schon bei meinem ersten Besuch hatte ich mich über vieles gewundert, über die Stapel von ungewaschenem Geschirr vor den akkurat aufgehängten Küchenutensilien, über das staubige, doch wie im Hotel gemachte Bett und seine beschrifteten Schubladen: „chaussettes“ stand auf der obersten Lade der Schlafzimmerkommode, es waren säuberlich mit Schreibmaschinenschrift versehene Etiketten gewesen. Auf den unteren Schubladen hatte „sous-vêtements“ und „ceintures“ gestanden, auch die Körbchen im Badezimmerregal waren beschriftet und millimetergenau aufgereiht gewesen, ein starker Kontrast zum Schmutz in der Küche und zu den Papierstößen am Eingang.

Die Etiketten waren inzwischen verblasst, die Wohnung war geputzt und aufgeräumt, sie diente heute als Ferienwohnung. Philippe lebte seit drei Jahren mit einer jungen vietnamesischen Krankenschwester im neunzehnten Arrondissement. Ansonsten hatte sich hier in der Passages des Postes, in dem alten Gebäude mit dem schmalen Treppenhaus, fast nichts verändert. Ich war froh, dass ich hier wohnen durfte, ein Hotel wäre für einen längeren Aufenthalt viel zu teuer geworden. Auch wusste ich bei der Ankunft ja noch gar nicht, wie lange ich bleiben würde. Es gab keine Zeitpläne mehr, ich wusste aber, dass ich auf keinen Fall in Genf bleiben oder zurück nach Wien fahren konnte.

Vielleicht war die Sache mit Paris nur so eine fixe Idee gewesen, eine Art kulturelle Gewohnheit. Man denkt, man sei hier gerettet. Das haben ja schon so viele vor mir gedacht. Hier sei der Geist der Freiheit lebendig, hier liege die Selbstwerdung quasi auf der Straße, hieß es. Ein pathetischer Reflex, dem auch ich erliege. [Einspruch! Thema verfehlt. Wir hatten keinen Paris-Roman vereinbart. Im Verlagsvertrag vom 23. Mai 2002 steht: „Gegenstand des Vertrags: Manuskript mit dem Arbeitstitel ,Der Schneewittchenkomplex. Zur Kulturgeschichte des Wartens‘, abzugeben am 24. Mai 2003. Das im Exposé angekündigte Kapitel ,Warteraum Paris’ bezieht sich auf die Pariser Exil-Szene. gez. trkl-ga]

Philippe war gegangen, hatte aber versprochen, am nächsten Tag wiederzukommen. Ich solle inzwischen mal überprüfen, ob ich mich nach zwanzig Jahren in Paris überhaupt noch zurecht fände. Ich beschloss, gleich nebenan die Rue Mouffetard hoch zu laufen, ganz hinauf bis zum Panthéon, dann über den Boulevard Saint-Germain und wieder hinunter bis zum Ufer der Seine. Ich bemerkte, dass viele Läden ihre Besitzer gewechselt hatten, auch an das kleine Programmkino und den ägyptischen Bäcker im Nachbarhaus konnte ich mich nicht erinnern.

Als ich aus dem Haus trat, schlug mir die Hitze entgegen, die die Stadt tagsüber in sich angestaut hatte. Philippe hatte mich gewarnt. Es sei besser, am frühen Morgen aus dem Haus zu gehen. In letzter Zeit hätte es in der Stadt ein paar unerklärliche Veränderungen gegeben. Es roch nach heißem Teer, fauligem Obst und Urin. Der Gestank bohrte sich in den Magen, würgte mich bis hinauf ans Kinn und infizierte alles, was ich sah und hörte. Ich schloss den Mund und versuchte, so flach wie möglich zu atmen. Die heißen Straßen zitterten unter den Schuhsohlen, die Hauswände glühten noch von der Sonne des Tages, die jungen, den Straßenrand säumenden Platanen waren fast kahl, ihre vertrockneten Blätter bedeckten die kleinen, vergitterten Beete zu ihren Füßen, in den Springbrunnen schwamm eine dunkle Grütze.

Das Flussufer war breiter als in meiner Erinnerung. Hier wehten noch Reste von Wind. Die kleinen, schmutziggelben Grasflächen waren übersät mit Unrat und Menschen, die glasigen Blicks durch mich hindurch sahen, als ich an ihnen vorüber ging. Nach einigen hundert Metern öffnete sich die Strandpromenade ein wenig, man hörte ferne Musik, es gab kleine Parkanlagen und betonierte Rotonden, auf denen tanzende Paare sich im Zwielicht der Dämmerung langsam und konzentriert aneinander vorbei schoben. Auf dem Boden stand ein großer, altmodischer Ghettoblaster, übersteuertes Dröhnen und dumpfe Schläge, dazwischen Akkordeonklänge, Tango argentino, helle, quäkige Männerstimmen und dunkler weiblicher Gesang, dessen Vibrato sich mit dem Wummern der Bässe zu einem tranceartigen Rauschen vermischte. Einzelne schrille Töne spritzen wie kleine Salven aus dem Gerät, bei Tageslicht hätten sie gewiss bunte Flecken auf Kleidern und Hemden hinterlassen, blanco – rojo – negro, schleifende Schritte, Schweiß, Gelächter, dazwischen leises Stöhnen, wieder Akkordeon und wieder Gesang. Ich verstand einzelne Wörter: mujer – hombre – perfum. Ich blieb stehen. Wind und Musik legten sich wie Schleier auf die Haut.

Ganz plötzlich ist dieses Verlangen da. Ich weiß nicht, wie es in mich hinein gekommen ist. Vielleicht war es die Musik. Ich sehne mich nach einem Mann. Doch ich sehne mich, wie ich sogleich ganz sicher weiß, nach keinem von denen, die hier mit feuchten Augen die Touristinnen anstarren. Als ich mich zum Gehen wende, spricht mich ein kleiner, älterer Herr an. Madame, sagt er schmeichelnd und sehr leise, voulez-vous danser avec moi? Er trägt trotz der Hitze eine Krawatte und ein Einstecktüchlein. Beide sind rot. Wahrscheinlich ist das Seine-Ufer sein Jagdrevier. Er ist älter als die anderen Tänzer, aber er hat Charme und gewiss auch Erfolg bei den Damen, zumindest bei denjenigen, die gerne Tango tanzen. Vielleicht ist er hier so etwas wie der Eintänzer. Vielleicht arbeitet er für den Pariser Fremdenverkehr. Doch Vorsicht, man sollte nicht zu viele Vermutungen anstellen, wenn man nach langer Zeit in eine Stadt zurückkehrt. Die wirklich bedeutsamen Veränderungen offenbaren sich erst nach Tagen und Wochen. Ich muss hier nicht alles verstehen. Jetzt noch nicht. […]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Sabine Haupt (geb. 1959 in Giessen) lebt und arbeitet seit 1980 in der französischen Schweiz, sie hat zwei Töchter und unterrichtet als Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Fribourg. Neben wissenschaftlichen Arbeiten publiziert sie auch für Presse, Rundfunk und Fernsehen. Sie hat zwei Erzählbände veröffentlicht sowie diverse Prosatexte in Literaturmagazinen. »Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern« ist ihr erster Roman. Die Autorin steht für Lesungen zur Verfügung.

 

http://sabinehaupt.ch

https://lettres.unifr.ch/de/institute/institut-fuer-allgemeine-und-vergleichende-literaturwissenschaft/mitarbeitende/prof-dr-sabine-haupt.html

 

 

 

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