Sabine August

 

 

 

(Schweiz)

 

 

Geheim, verborgen oder schlicht  nicht wahr-nehmbar? Das wahre Leben der Dinge bei Amazonas-Indianern

 

Während wir BewohnerInnen der westlichen Hemisphäre vom südafrikanischen Naturwissenschaftler Lyall Watson aus seinem zum Bestseller avancierten Buch „Das geheime Leben der Dinge. Warum Computer und Autos ein Eigenleben führen“ (2013) ungläubig erfahren, dass die Dinge, von denen wir umgeben sind und mit denen wir uns emotional verbinden, jetzt wissenschaftlich nachgewiesen ein Leben – wenn nicht gar  ein geheimes Leben – führen, wissen Amazonas-Indianer bereits seit Menschengedenken, dass es keine « unbelebte » Materie gibt. Doch das westliche Verständnis von Dingen ist geprägt von jahrhundertealten philosophischen Debatten, in deren Verlauf die Gegenstände kontinuierlich ihrer sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften (Duft, Farbe, Beschaffenheit, Haptik etc.) entmachtet und auf eine naturwissenschaftlich messbare Annäherung reduziert wurden. Mit der Hinwendung zur gesellschaftlichen und sozialen Bedeutung von Dingen hat sich die moderne Philosophie indigenen Vorstellungen angenähert. Dort gelten Alltagsgegenstände nicht nur als funktional und nützlich, sondern sind stets Symbole und Begleiter der Menschen. In Schöpfungsmythen wird erzählt, wie Ahnen und erste Menschen einst aus einem Gegenstand, Lehm oder Holz oder sogar gemeinsam mit ihren wesentlichsten Attributen, den Gegenständen entstanden: Männer mit Waffen, Frauen mit Körben und Töpfen. Seit jener Urzeit wirkt die Kraft der Schöpfung in jedem Ding, insbesondere rituellen Gegenständen weiter. Die Herstellung eines Gegenstandes ist daher ein sich stetig wiederholender Schöpfungsakt. Auch die Tatsache, dass jedes Individuum Gebrauchsgegenstände selbst anfertigt, lässt es kontinuierlich Einflussnehmen auf die Gestaltung der Welt und es Teilhaben an gesellschaftlichen Prozessen. In der indigenen Vorstellung wohnt den Gegenständen eine Kraft und Macht inne, die aus der mythischen Urzeit stammt. Generell gelten sowohl die belebte wie die unbelebte Natur als auch Gegenstände (in der Regel aus natürlichen Materialien) als beseelt. Das macht sie per se zu lebendigen Wesen, die vor allem im rituellen Kontext machtvoll und wirkmächtig werden. Dadurch, dass sie bei der Herstellung mit den Jenseitsmächten in Beziehung stehen, dürfen Nicht-Initiierte sowie Frauen und Kinder in der Regel diese « aufgeladenen » Dinge nicht anschauen, ansonsten würde ihnen Krankheit oder schlimmstenfalls der Tod drohen. Das Wissen um diese kosmologischen Vorgänge wird erst den Jugendlichen beim Übergang zum Erwachsenwerden zugänglich gemacht und wahrnehmbar.

 

Erschaffen von Gegenständen – Der menschliche Schöpfungsakt

Die meisten Güter werden von den Männern und Frauen selbst hergestellt. Das Herstellen von Gegenständen ist dabei nicht nur eine notwendige Verrichtung, um sich mit den Gütern des täglichen und rituellen Bedarfs zu versorgen, sondern gleichzeitig ein schöpferischer Prozess, in dessen Vollzug der Kosmos neu erschaffen bzw. erneuert wird.

Während der Initiationszeit lernen die weiblichen und männlichen Inititianden mit den kraftgeladenen Materialien wie Ton und  Holz umzugehen und diese technisch umzusetzen. Von Kulturheroen erhielten die Menschen in der Urzeit das Wissen über Standorte, Eigenschaften und Nutzungsmöglichkeiten der Tier-, Pflanzen- und Baumarten, aus denen die Materialien für die Objektherstellung gewonnen werden. Auch die Techniken zur Verarbeitung der Rohstoffe erfolgen in Anlehnung an mythische Überlieferungen. Unerlässlich für die nachhaltig guten Beziehungen zu den mythischen Besitzern der Tiere und Pflanzen ist eine respektvolle Behandlung im Umgang mit ihnen, da sie als gefährlich gelten. Zudem bestimmt der sorgfältige Fertigungsprozess die Wirksamkeit des Gegenstandes bei dessen Gebrauch.

Bei der Fertigung eines Gegenstandes findet zunächst ein Transformationsprozess der elementarsten Art statt: Der dafür verwendete Rohstoff, der der Natur entstammt, verwandelt sich durch die Bearbeitung und Gestaltung von seinem ursprünglichen « wilden », noch « ungezähmten » Zustand in ein Kultur-Objekt mit geistig-spiritueller Dimension.

Insbesondere die Herstellung eines Ritualobjektes wie die einer Maske oder eines Federschmuckstücks wird als schöpferisch-magischer Prozess erlebt, als Wiederholung des mythischen Schöpfungsaktes. Dies gilt gleichfalls für alltägliche Gegenstände wie z.B. die Maniok-Tontöpfe der Shipibo-Conibo in Peru, die allerdings ebenfalls in rituellen Kontexten verwendet werden. Die in der Urzeit entstandene kosmische und soziale Ordnung wird durch das Objekt sicht- und greifbar neu geschaffen. Einem auf diese Weise « gemachten » Gegenstand wohnt magische Kraft inne. Deshalb sind beispielsweise Halsketten, Ohr- und Nasenschmuck u.ä. besonders geeignet zum Schutz des Körpers oder Federschmuck als Träger für Botschaften an die Geister und Mitglieder der Gruppe. Die Herstellung und Ausführung der Gegenstände sowie die komplexe Symbolik der eingearbeiteten Muster sind zum einen eingebunden in ein umfassendes Kommunikationssystem, deren Funktion die Übermittlung traditioneller Wertvorstellungen und Denkmuster zum Inhalt hat. Zum anderren wird in der Außenwelt eine materielle Entsprechung zu dem, was einst in der Schöpfung geschah und was aktuell beim eigenen Individuationsprozess geschieht, z.B. bei der Initiation, auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Zugleich ermöglichen die Gegenstände erst diesen Prozess. Demzufolge sind Kunst, Handwerk und Ritual kaum voneinander zu trennen.

Zwei konkrete Beispiele sollen aufzeigen, wie zum einen die ständige Neuerschaffung der spirituellen und geistigen Welt und zum anderen die der kulturellen und sozialen Wirklichkeit realisiert wird. Bei der Herstellung von Maniok-Tongefäßen (chomo) der Shipibo-Conibo in Peru symbolisiert die spiralförmige Aufschichtung von Tonwülsten (durch die sog. Spiralwulsttechnik) die Bewegung der Weltenschlange Ronín, eine Anakonda, die sich beginnt zu erheben und kreisend den Kosmos zu formen. Wenn der Topf fertigt geformt ist, ruht sie am Rande der Erdscheibe und umschließt den Kosmos wie ein Gewölbe. Danach erhält ein Teil des Gefäßes Musterungen. Sie sind zum einen auf die Hautzeichnungen der Weltenschlange zurückzuführen, zum anderen geben sie astronomische und landschaftliche Beobach­tungen wieder. Der mittlere, mit breitlinigen Block- bzw. „Gerüst“-Mustern bemalte Teil stellt die Welt der Menschen und das Him­melsgerüst dar. Der am feinsten mit filigranen, kurvenförmigen oder geraden Linienzeichnun­gen bemalte Gefäßhals entspricht der höchsten Himmelssphäre, der der Himmelsgeis­ter. Der untere, unbemalte Teil des Gefäßes symbolisiert die aquatische Un­terwelt. Dort ist das Reich unzivilisierter, krank ma­chender Geister. Während sich der Schamane mit spirituellen Mustern beschäftigt, obliegt den Frauen die Re­alisierung der geometrischen Motive. Sie finden sich nicht nur auf Töpfen, sondern auch auf Ge­wändern, Paddeln und als Gesichtsbemalung.

Die Körbe der Tukano und anderer Ethnien Amazoniens werden von Männern hergestellt und von Frauen genutzt. Die Korbschalen, die vor allem der Aufbewahrung von Baumwolle, Spin­deln und anderen Gegenständen dienen, erhal­ten durch den Wechsel von schwarz und rot gefärbten sowie naturbelassenen Baststreifen im Diagonal­geflecht abstrakte Musterungen. Sie verzieren und verschönern nicht nur den Korb, sondern bieten auch die Möglichkeit der ästhetischen und sinnlichen Erfahrung und Gleichzeitigkeit indigener kosmologischer Vorstellungen. Ähnlich einem Vexierbild nimmt das Auge durch Hervor- oder Zurücktreten des Vor­der- bzw. des Hintergrunds jeweils unterschiedli­che Bildrealitäten wahr. Dieses Wechselspiel der Wahrnehmung macht dem Betrachter die unter­schiedlichen Wirklichkeiten, nämlich die sichtbare und die un­sichtbare Welt im selben Moment zugänglich. Darüber hinaus liefern die dargestellten Muster eine konzentrierte Sammlung an Informationen über die grundlegende Struktur der indigenen Gesellschaft. In ihnen kommt das Bedürfnis nach Klassifizierung und Ordnung zum Ausdruck: Der chaotisch gedachten Welt der Natur wird die ordnende Welt der Kultur gegenübergestellt. Die abstrakten Muster stellen Tiere und Pflan­zen dar, wobei es sich immer um übernatürliche und mythische Wesen handelt. Abgebildet werden sie meist nicht in ihrer realen Gestalt, sondern mit ihren Haut- oder Körpermustern. Über diese Muster kommunizieren die Menschen mit jenen Geistwesen und verbinden sich mit ihnen. Die Muster erinnern an die Ereignisse in der Urzeit, als beispielsweise ein tierischer Kulturheros den Menschen die Körbe brachte und sie das Korb­flechten lehrte. Während des Flechtvorgangs werden die Botschaften der mythischen Urzeit eingeflochten und sowohl erinnert als auch ak­tualisiert. Auch steht die Symbolik der einzelnen Tierdarstellungen im Zusammenhang mit dem Thema Beherrschung der Natur und Verwand­lung von Natur in Kultur.

Auf diese Weise erhalten die Gegenstände die Fähigkeit, den Menschen in der Welt zu verankern, ihn mit seinem Ursprung zu verbinden und seiner Identität visuellen Ausdruck zu verleihen. Darüber hinaus sind sie im intra- und intertribalen Austausch und Handel in soziale Interaktionen eingebunden, und schaffen und festigen soziale Beziehungen.

 

Vom Anfang der Dinge – Die Wiederherstellung der mythischen Urzeit in Zeremonien

In den zyklisch stattfindenden Zeremonien wird an das Urzeitgeschehen erinnert. Durch die erneute Inszenierung der Ereignisse wird die Ver­gangenheit zur Gegenwart und für die Zukunft fruchtbar gemacht. Auf diese Weise bleibt die Verbindung zu den Urzeitmächten erhalten und die in Szene gesetzte Weltenschöpfung wird « spielerisch » in Gang gehalten.

Die früher täglich durchgeführten Klotzrennen der Canela in Ostbrasilien zeigen dies sehr eindrücklich. Es handelt sich um einen Wettbewerb von zwei gegeneinander antretenden Gruppen. Dabei steht ein Palmholzklotz in Zusammenhang mit rituellen, kosmischen und gesellschaftlichen Bedeutungen. Die Läufer jeder Gruppe tragen über kilometerlange Strecken hinweg in einer Art Staffellauf einen schweren Palmholzklotz auf der Schulter.

Zur Vorbereitung eines rituellen Klotzrennens gehört das Fällen einer männlichen Buriti-Palme, aus der zwei Klötze herausgeschlagen werden. Für die Länge eines Klotzes nahm man früher Maß bei einem Mädchen, so dass der Klotz für die Canela ein Mädchen darstellt, also weiblich wird/ist. Einer Schöpfungsmythe zufolge wurden die Menschen von zwei anthropomorphen männlichen Wesen, von Sonne (Pyt) und Mond (Pytwry) aus einer Buriti-Palme erschaffen, indem beide jeweils ein Buriti-Palm-Klotzpaar in den Fluss warfen. Dabei schuf Sonne ein schönes Menschenpaar und Mond lediglich ein hässliches.

Bei den Canela-Indianern werden alle Erscheinungsformen, gleich ob es sich dabei um Naturphänomene (Regen-, Trockenzeit, Tiere, Pflanzen) oder um kulturelle Aktivitäten (Laufen, Singen, Tanzen) handelt, in zwei Kategorien amji kin (fröhlich, schön, wohlriechend, glücklich, stark) oder amji krit (traurig, still stehen, hässlich, übelriechend, schwach) eingeordnet. Das Spannungsfeld zwischen amji kin und amji krit bestimmt das Leben der Menschen und den « Lauf der Welt ».

Jedes Individuum innerhalb der Gesellschaft durchläuft im Rahmen seiner Initiation eine lange entbehrungsreiche Zeit, das mepiacri. Hält der Einzelne diese durch, wird er ein Klotzläufer. Er zeichnet sich fortan durch Wohlgeruch aus, und ist dadurch stark, hart, gesund, schön, gut, geschickt und weise, entspricht also dem amji kin-Ideal. Weigert sich ein Initiand diesen Zyklus zu durchlaufen oder fällt durch, so wird er als schlechter Läufer bezeichnet und gilt als übelriechend, hässlich, schwächlich, müde und unwissend. Nur ein echter Läufer ist demnach zu einem gesunden und fröhlichen Leben befähigt und garantiert durch seine nahezu tägliche und intensive Teilnahme an Klotzläufen den Fortbestand und die Stabilität der Welt und der Gemeinschaft. Vorteilhafte Voraussetzungen für diesen Zustand des Gleichgewichts werden dadurch geschaffen, dass möglichst viele Individuen durch konsequent durchgeführte mepiacri den amji kin-Zustand erreichen. Es ist also ein ständiges Bemühen durch den Klotzlauf die Kraft des amji kin zu verstärken (Trockenzeit gilt als hell, schön etc.) und ausgleichend zu erhalten (Regenzeit gilt als krankmachend, finster etc.). Sowohl der Klotzlauf als auch alle anderen Tätigkeiten, die der Gemeinschaft zu gute kommen, dienen somit der Erhaltung der Welt. Mehr noch: Es findet eine rituelle Erneuerung der Welt statt, die die schöpferischen und spirituell-magischen Kräfte aus der Urzeit freisetzt und neu zur Verfügung stellt. So finden Zeremonien vor allem zur Überwindung von Krisenzeiten wie Krankheit und Krieg und zum Gelingen von Übergangssituationen wie Initiation und Tod statt. Sie werden ebenfalls abgehalten während des Übergangs von der Trocken- zur Regenzeit und zu allen wichtigen Anlässen wie der Vermehrung der menschlichen, pflanzlichen und tierischen Fruchtbarkeit: zum Gedeihen und Fördern des Pflanzenwachstums auf neu angelegten Feldern, um Schädlinge von Pflanzungen fernzuhalten, den Bestand an jagdbarem Wild zu vermehren und reiche Jagdbeute zu erlangen. Da in den Zeremonien der gemeinsame mythische Ursprung aller Mitglieder einer indianischen Gemeinschaft lebendig wird, stiften sie zudem ein Gefühl von Solidarität und Verbundenheit.

Masken kommt aufgrund ihres visualisierenden Charakters in den Zeremonien eine wesentliche Rolle als Bindeglied zwischen der ereignisreichen Urzeit, der bedrohlichen Jetztzeit und der zu gestaltenden Zukunft zu. Sie verkörpern Ahnen, mythische Vorfahren oder wilde Waldgeister, die wesentliche Rollen während des Urzeitgeschehens innehatten. Die in Maskengestalt anwesenden Geister und Dämonen gelten als wild und unzivilisiert, so dass sie befriedet und sozial integriert werden müssen. Durch das Ritual wird der Einfluss der Menschen auf sie erhöht. Dabei gilt bereits die Herstellung von Geistermasken als erster Schritt ihrer Zähmung. Der zuvor unsichtbare Geist wird durch die Herstellung seiner Maske in eine feste, greifbare Form gebannt und dadurch beeinfluss- und beherrschbar. Tänze und Essensgaben sind weitere Schritte der Befriedung. Die gezähmten Geistwesen sind daraufhin bereit, den Menschen zukünftig bei der Reproduktion, Nahrungssicherung und Krankenheilung dienlich zu sein.

 

Kommunikation mit den Geistern

Bei der Herstellung und Bemalung von rituellen Objekten als auch von Gegenständen des täglichen Gebrauchs wie Tontöpfen, Korbwaren, Maniokreiben, Paddeln u.a. wird nach vorgegebenen Formen gearbeitet, die eine Abweichung nur begrenzt zulassen, da sie von Kulturheroen oder den Geistern aus dem Jenseits stammen. Diese meist abstrakten Bilder, Zeichen und Symbole werden von den Schamanen in Trance visualisiert und weitergegeben. Diese Visionen durchdringen nicht nur die spirituelle, sondern gleichwohl die alltägliche Welt. Die figürlichen Darstellungen und abstrakten Muster auf Körpern, Hauspfosten, Keramiken, Sieben und vielen weiteren Gegenständen sind somit nicht nur ästhetische Verzierungen. Sie machen den entsprechenden Gegenstand zu dem, was er symbolisieren soll. Die Muster sind wie eine Art « Kleidungsstück », dass das dahinterstehende Geistwesen, Tier- oder Pflanzengeist verkörpert und verbirgt. Gleichsam sind auf den Gegenständen Botschaften der Geister und konkrete Vorstellungen von den Jenseitsmächten bildhaft darstellt. Bei der Betrachtung der Muster während der Nutzung des Gegenstandes rufen sie die Beziehungen zu den übernatürlichen Wesen in Erinnerung und erwecken sie gleichsam zu neuem Leben. Durch die Muster begegnen die Menschen den Geistern, kommunizieren mit ihnen, z.B. um Jagdglück zu beschwören, und vermitteln auf diese Weise zwischen den diesseitigen und jenseitigen Wesen.

Deshalb erfordert die Herstellung von Feder- und Flechtarbeiten sowie Keramiken besonders viel Wissen bezüglich der Ausgangsmaterialien und Techniken. Zusätzlich bedarf es handwerklichen Geschicks, Fingerspitzengefühls und großer Sorgfalt, um sie dem Zweck entsprechend zu fertigen. Auch ist ein hoher Grad an Schönheitsempfinden ist gefragt. Schön ist dabei, was harmonisch ist und die Ordnung stabilisiert. Gute Federkünstler und Töpferinnen genießen deshalb innerhalb ihrer Gesellschaften hohes Ansehen.

Vor allem der Schamane ist der Hüter dieses Wissens und traditioneller Überlieferungen. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört das Heilen. Dazu zählt auch das Schicksal und Gemeinwohl der Gemeinschaft wie Fruchtbarkeit und Jagdglück positiv zu beeinflussen, die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten, neue Wohnsiedlungen zu bestimmen und Unheil bringende Einflüsse wie Krankheit, Tod und Katastrophen oder andere Übel abzuwehren. Mit mythischen Rezitationen, Gesängen und Tänzen führt er die Zeremonien an.

Die mächtigsten Hilfs- und Schutzgeister eines Schamanen sind der Jaguar und bestimmte Vögel. Dabei spielen Federschmuck und Gegenstände aus Jaguarkrallen u.ä. eine besondere Rolle. Mit deren Hilfe kann er sich in einen Jaguar oder einen Vogel verwandeln. Denn durch ihre äussere Erscheinung übertragen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten wie Wildheit, Kraft, Mut und Geschick, Sehschärfe und Schnelligkeit beim Erlegen der Beute sowie Flugkünste auf den Schamanen. Damit ausgestattet, ist er in der Lage mit gefährlichen Geistwesen oder Dämonen zu kommunizieren, zu streiten und zu kämpfen.

 

Durch Dinge zur Menschwerdung – Aus Jugendlichen werden Erwachsene

Das Leben eines Menschen in der indianischen Gesellschaft ist charakterisiert durch Übergänge in mehrere Lebensabschnitte wie Geburt, Kindheit, Geschlechtsreife, Hochzeit, Elternschaft, Alter und Tod. Im Laufe seines Lebens macht die Gesellschaft aus ihm ein soziales Wesen. Mit der Initiation wird der Eintritt in eine neue Lebensphase, der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, die Wandlung von einem unwissenden und abhängigen Wesen in ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft markiert und vollzogen. Initiationsriten überführen den jungen Menschen aus dem « tierischen » in den « menschlichen » Zustand. Aus diesem Grund ist das Wesentliche der Initiation das « Herstellen » und das « Werden » von geschlechtsreifen und heiratsfähigen Männern und Frauen und damit die Sicherung der Reproduktion durch geregelte sexuelle Beziehungen.

Das Erreichen der Geschlechtsreife gilt als besonders kritische Phase im Leben eines Individuums. Während der langen Phase des Übergangs, die mehrere Monate und bei den Xingú-Indianern Zentralbrasiliens bis zu zwei Jahren dauern kann, befinden sich die Jugendlichen in einem als gefährlich geltenden Schwebezustand, der von den Erwachsenen begleitet und kontrolliert wird. Dabei gilt es, die Jugendlichen auf ihre neue Rolle in der Gemeinschaft und die damit verbundenen Pflichten vorzubereiten sowie die Kontinuität der Traditionen zu bewahren.

In dieser ausgeprägten Phase des Übergangs wird das Individuum durch Unterweisungen neu sozialisiert und auf seine zukünftige Rolle vorbereitet. Die Initianden lernen die Mythen, Gesänge, Tänze und Muster der Gemeinschaft kennen. Auch müssen die Jugendlichen Mutproben und Schmerzen durchstehen. Die Haut wird dabei bewusst Verletzungen ausgesetzt. Auf diese Weise beweisen die Initianden Mut und Stärke, Willenskraft und Standhaftigkeit, Geschicklichkeit und Erfolg, und sie öffnen sich für ihre neue Rolle als Jäger und Krieger bzw. die Frauen für ihre Rolle als tüchtige Ehefrauen. Zusätzlich machen Abgeschiedenheit, Nahrungstabus und Verhaltensgebote die Jugendlichen empfänglich für erste spirituelle Erfahrungen und Kontakte mit den jenseitigen Mächten, denen sie sich für die religiösen Botschaften und Überlieferungen öffnen. Auch stellen sie das erste Mal bewusst typische Gegenstände ihrer Geschlechtszugehörigkeit her. Das Erschaffen von Dingen ist ein Sinnbild dafür, dass sie zukünftig als vollwertige Mitglieder an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft teilhaben und diese repräsentieren können.

Bei den Xingú-In­dianern in Zentralbrasilien wird Yawarí-Fest für die jungen Männer ausgerichtet, das Teil von Initiationsfeierlichkeiten darstellt, bei dem die jungen Männer zweier Par­teien mit den Pfeilen und den dazugehörigen Schleudern bzw. Wurfbrettern einen Wettkampf austragen. Yawarí bezeichnet einen jungen Jaguar sowie den Wurf­pfeil mit einer durchlöcherten Tucum-Palmnuss in der Mitte und an dessen Spitze. Im Flug er­zeugt diese Nuss einen Pfeifton, der für das Fau­chen des wütenden Jaguars steht. Grundlage für die rituellen Handlungen während der Initiation ist eine Mythe der Kamayurá. Darin wird erzählt, wie einst das Schöpferwesen Mavutsini, Herr über das Holz und erster Schnit­zer, einen Bogen herstellen wollte. Doch es fehlte ihm die Bogensehne, die Faser der Tucum-Palme. Herr der Bogensehne war der Jaguar, der sie in seinem Reich, der Wildnis, kultivierte. Mavutsini versuchte, ihm die Bogensehne zu stehlen, doch der Jaguar entdeckte ihn und wollte ihn töten. Mit dem Versprechen, dem Jaguar eine seiner Töchter zur Frau zu geben, blieb Mavutsini je­doch am Leben und erhielt die Bogensehne als Geschenk. Nun konnte er Holz und Sehne zu­sammenfügen und somit den Bogen vollstän­dig erschaffen. Doch da keine seiner Töchter die Frau des Jaguars werden wollte, schnitzte Ma­vutsini für seinen zukünftigen Schwiegersohn Frauen aus Holz, die er schmückte und zum Leben erweckte. Eine von ihnen wurde vom Ja­guar schwanger, jedoch von der eifersüchtigen Jaguarschwiegermutter kurz vor der Niederkunft getötet. Glücklicherweise konnte der Jaguar seine ungeborenen Söhne, die Zwillingsbrüder Kwat und Yaú, retten. Sie waren der Mythe zu­folge die ersten Menschen und repräsentieren somit die Verbindung zwischen dem Schöpfer­wesen Mavutsini und dem wilden Jaguar. Durch die Initiation werden die heutigen Menschen mit den jeweiligen Anteilen dieser beiden Elemente erst zu Kulturwesen « gemacht ».

Im Ritual vollzieht sich durch das Abschießen der Pfeile auf den Gegner zunächst ein sym­bolischer Wandel der jungen Männer in wilde Jaguare, die sich kompromisslos und ungestüm gegen die Herrschaft der Alten auflehnen. Für die Zeit des Yawarí-Festes nimmt ihre wilde Ja­guarnatur überhand. Sie ist charakterisiert durch Aggression und Entschlossenheit, beides Attri­bute eines guten Kriegers. Nach dem Wettkampf werden die Pfeile als Zeichen der Versöhnung mit dem Wilden zerstört. Im Anschluss an das Ya­warí-Fest stellen die jungen Männer ihren ersten Bogen her und bringen so die wilde Jaguarnatur mit dem Schöpferwesen in Einklang – ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Zu einem der wichtigsten Ritualgegenstände der Tukano-Indianer Nordwestamazoniens gehört ein Tanzschmuck aus mehreren Teilen: der Federkopfbinde, dem Aufstecker und Rückenschmuck aus Reiherfe­dern, dem Brüllaffenhaar sowie dem Jaguar­knochen. Einige Rohstoffe, Federschmuckteile und Farben werden verschiedentlich in Mythen erwähnt, ebenso ihre Verwendung in rituellen Zusammenhängen. Die Farben Gelb und Rot spielen bei den Tukano eine besondere Rolle. So symbolisieren die gelben Federn der Kopfbinde die Fruchtbarkeit und Energie der Sonne, die roten repräsentie­ren die Fruchtbarkeit und Vitalität im irdisch-weltlichen Sinne. Durch die Wärme, die die Fe­dern spenden, gilt der gesamte Kopfschmuck als « heiß », so dass ihn die Männer nicht mit ihren eigenen Händen anfassen dürfen. Lediglich der Tanzleiter einer Zeremonie darf ihn aus der hei­ligen Schachtel herausholen und ihn den Män­nern aufsetzen, nachdem er sich vorher einer rituellen Behandlung unterzogen hat. Einem Mythos zufolge entstan­den alle Zeremonialgegenstände wie diese Fe­derkrone sowie Musikinstrumente und anderes aus den einzelnen Teilen des verbrannten und zerstückelten Körpers des mythischen Wesens Yurupari-Anakonda. Durch das Yurupari-Fest, eine männliche Initiationsfeier, fügen die Festteilnehmer den Körper jenes Wesens wieder zu­sammen, indem sowohl der Federschmuck ge­tragen wird als auch ein Ensemble von Flöten- und Trompetenspielern auftritt. Vor allem die Musikinstrumente symbolisieren als Ganzes den Körper des Anakonda-Ahnen. Mit dem Tragen dieses wichtigen und wertvollen Federschmucks bei Zeremonien vermehren die Tänzer ihre magi­schen Kräfte und die sexuelle Fruchtbarkeit.

 

Der Tod – Übergang in ein neues Leben

Der Tod bedeutet bei vielen indianischen Gruppen nicht das absolute Ende, sondern wird als Umwandlung in einen anderen Seinszustand und als Übergang von der diesseitigen in die jenseitige Welt betrachtet. Von der Todesart und der ordnungsgemäßen Durchführung des Totenrituals durch den Schamanen hängt es ab, ob die Seele des Verstorbenen ihren Weg ins Totenreich findet und dort ihren Platz einnehmen kann.

Unterdessen ist Sterben auch eine Voraussetzung dafür, dass Leben entsteht und die Fruchtbarkeit gewährleistet bleibt. Aus diesem Grund sind die Totenfeierlichkeiten häufig verbunden mit Initiations- und Fruchtbarkeitsritualen. Begründet wird diese Verbindung in mythischen Überlieferungen, wo durch den Tod eines übernatürlichen Wesens wichtige Nutzpflanzen und Kulturgüter entstanden sind. Auch der ehemaligen Erbeutung menschlicher Schädel wie bei den Mundurukú in Brasilien und den Shuar in Ecuador liegt die Vorstellung zugrunde, dass diese zum Gedeihen der Felder und zur Vermehrung der Jagdbeute unerlässlich sind. Bei den Matapi und anderen Gruppen Nord­westamazoniens wird ein Fest anlässlich der Reifezeit und Ernte von Früchten der Pfirsichpalme zur Sicherstellung der Fruchtbarkeit durchgeführt. Ein wesentlicher Bestandteil des Erntefestes ist die Einladung der in Masken wiedergeborenen Seelen von verstorbenen Verwandten, der To­tengeister. Den eingeladenen Gästen kommt die Rolle zu, die Masken anzufertigen und die Begegnung mit den Totengeistern zu inszenie­ren. In der Vorstellung der indianischen Gruppen Nordwestamazoniens spendet ihre generative Kraft den Lebenden Fruchtbarkeit.

Die bei dem Fest auftretenden Masken stel­len eine Vielzahl von Charakteren in Tiergestalt dar. Die Hauptrollen spielen dabei Affen- und Fischgeister, obszöne Penisgeister sowie der Jaguargeist. Die Auftritte dieser unterschiedli­chen Geistergruppen erzeugen eine dramatische Spannung zwischen amüsant-spielerischer Per­formance und ernst-sakralem Tanz. Den mythischen Hintergrund des Festes bildet die eheliche Verbindung zwischen der Fisch-Frau Yawira und dem als kulturlos geltenden Jaguar-Mann Yeba. Durch dieses Paar kam die Pfirsichpalme in die Welt. Das heutige Pfirsichpalm-Ritual wiederholt damit die Tänze der urzeitlichen Fisch-Leute. Die Maske stellt einen Fischgeist dar, der no­koro rmu genannt wird. Der nokoro ist ein klei­ner, in seichten Flüssen lebender Fisch, dem eine starke sexuelle Symbolik zugeschrieben wird.

Zum Abschluss der Zeremonie wer­den die Masken auf dem Dorfplatz unter lau­tem Klagegeschrei verbrannt, damit die durch sie verkörperten Totengeister nicht mehr zurück­kehren können und endgültig aus der Welt der Lebenden verbannt bleiben. Durch diese Art von « Tod », den die Masken durch das Verbrennen erleiden, entweichen die unsichtbaren Kräfte der Totengeister und sie verlassen ihre sichtbare Körperhülle.

 

Es zeigt sich, dass das geheime oder verborgene Leben von Dingen der Kenntnis und Deutung komplexer Zusammenhänge, Strukturen und Symboliken bedarf, um ihre wahre Existenz zubbbbbbbbbbbbbbbbbbbbbb erfassen. Schamanen vermögen die Vielschichtigkeit und ineinander verflochtene Durchdringung von Mythen, Materialien, Techniken, Verhaltensnormen, kosmologisch-spirituell-geistigen Vorstellungen sowie ästhetischen Gestaltungskriterien in Gegenständen zu « sehen » und « wahr-zunehmen » sowie zu vermitteln, damit ihre Kraftpotentiale wirksam werden können. Besondere Bedeutung kommt solchen Gegenständen zu, die mit dem Übergang bzw. dem Wandlungsprozess von einem Seinszustand in einen anderen in Zusammenhang stehen: entweder weil sie sie erst ermöglichen oder weil die Menschen aus ihnen entstanden. Damit besteht eine intensive Verflechtung von Alltag, Kunst und Mythen. Das Innenleben oder Eigenleben der Dinge ist also unmittelbar mit der Energie und Schöpfungskraft der Urzeit verbunden. Doch diese wird unseren Alltagsgegenständen kaum zuteil. Sie stammen nicht aus der Urzeit, sondern sind höchstens noch vom Geist des Erfinders beseelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Sabine August M.A., geb. 1957, wohnhaft in St. Gallen,

ist Ethnologin, Kuratorin und Leiterin einer Frauenbibliothek

 

Feldforschung von 1995-1996 in Brasilien zum Thema

« Umweltwahrnehmung und –management bei Fischern (caboclos) am Amazonas ».

 

Forschungsschwerpunkte: Appenzellische Kunst und Kultur, Indianer- und Mestizen-kulturen in Lateinamerika, vor allem Brasilien; indigene Bewegungen im Amazonas-Gebiet; Umweltwahrnehmung; indigene Kunst.

 

Publikationen: « VerWandlung – Alltag, Kunst und Religion bei Amazonas-Indianern ». Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen 2006;

« Die Indianer im Spiegel der brasilianischen Gesellschaft ». Frankfurt am Main: IKO-Verlag 1995.

 

Vorträge und Veröffentlichungen zu volkskundlich-ethnologisch-kulturhistorischen Themen.

 

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