Ruxandra Niculescu

 

 

 

 (Rumänien- Schweiz)

 

 

Ende der Ära Gutenberg

 

(aus dem in Kürze erscheinenden Gedichtband Die Metaphernwährung)

 

In Bibliotheken vergraben

von der Buchstabenlepra

zerfressen

hinter knochigen Deckeln:

das schmerzhafte Skelett

nach außen tragend

wie die Schildkröten.

 

Es zerreisst uns

die Erinnerung

an die raschelnden Blätter

an die Blütenhaut

des Papiers

an den Duft

des geopferten

Holzes.

 

 

 

Abwesenheit

 

Nie kannst du ihn

anfassen

schmecken

der Wein und das Brot

sind nur Metaphern.

 

Er ist nur ein Wort:

Buchstabenstrahlen

durch den Raum

wirbelnd.

 

Ich weiss, sagte ich

niederkniend

vor seiner

erdrückenden

Abwesenheit.

 

 

 

Erinnerungsschere

 

Auch Erinnerung

ist Vergessen:

halluzinierende

Schere

die Vergangenheit

zerschneidend.

 

Kein Gedächtnis

flickt wieder

die Zeitfetzen

zusammen.

 

Die Kussatome

aus einer Nacht

als der Flieder

in Blüten

zerschellte.

 

 

 

Urheberschaft

 

Papierwesen

mit raschelnden

Flügeln –

die Adern mit

Tintenblut gefüllt.

 

Wenn ich versuche

unter dem gemaserten

Federkleid

seinen Herzschlag

zu spüren

gleitet es mir

aus der Hand

wie ein Kind

erbost

dass man es gezeugt hat

ohne es vorher

zu fragen.

 

 

 

Die Unschärferelation

 

Warum kann ich nicht

auf die Knie

vor den Sternen

fallen

und selber Licht sein?

 

Die geheime Tür

und gleichzeitig

der Schlüssel

der sie öffnet?

 

 

 

Pontus Euxinus

 

„Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli,

et rident stolidi verba Latina Getae“

(Ovid, Tristia)

 

Ein Exilland verbrannt

von sagenhaftem Frost

wo finstere Sturzwellen

heulend wie die Wölfe

aus dem uralten Ufer

Eisbrocken reissen

und Barbaren

mit Eiszapfen

in den wuchernden Bärten

zermalmen mit den Zähnen

den versteinerten Wein

aus den Krügen

mit Kehlstimmen lobend

die Verse des Fremden

in der goldenen

bis heute nicht

enträtselten

Sprache

der Bienen.

 

 

 

Solange das Gedicht dauert

 

Das Vogelwort fliegt

das Unkrautwort wuchert

das Feuerwort knistert

solange

das Gedicht dauert

retten Metaphern

die Welt.

 

 

 

Wunder

 

„…was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Die Priester dieser Religion

ohne Weihrauch

vollbringen das Wunder

den Kosmos

an der Börse

zu verkaufen.

 

Goldteufel erleidet

einen Schwächeanfall

dagegen todsicher

der Zusammenprall

zwischen Andromeda

und der Milchstrasse

am Ende der Zukunft.

 

Und die Gläubigen

unaufhörlich

Formulare

ankreuzend

beten

dass statt Blätter

an den Bäumen

raschelnde

Geldscheine

spriessen.

 

 

 

Lebenszeichen

 

Wenn ich von dir träume

frage ich mich, ob nicht du

von mir träumst, dass ich von dir träume –

ich werde nie wissen, wer angefangen hat.

 

Aber ich spüre dich an mir haften

wie der unsichtbare Staub einer Aura

als hätte mich ein Riesenfalter

mit  Luftschwingen blitzartig umarmt.

 

Woher soll ich wissen, ob ich dich bloss erfinde

oder du mich?

Ich darf dich nur hinter meinen Lidern sehen.

 

 

 

Meeresleuchten

 

Ohne die

schimmernde

Wellenmähne

anzufassen

spüre ich seine

unbändige

Schönheit

in meiner Haut

eingebrannt.

 

 

 

Mit Filmkameras auf Bärenjagd

 

( Yelowstone National Park)

 

Nach Pfeffer duftend

mit schrillen Glöckchen

an den Knöcheln

um dich

zu warnen.

 

Zottiger König

wir wollen nur

mit  scharfen

Linsenkrallen

das Abbild

in Honiglicht

getränkt

dir lebend

wie ein Fell

abziehen.

 

 

 

Fremdes Haus

 

Es war ein fremdes Haus

die Treppe bis zum Himmel

mittendrin wuchs

die altvergessene Linde

das Dach durchbrechend

Vögel fielen herein

die Flügel

vom Flug

verbrannt

ich sass am Tisch und trank

das Glas voller Sterne

und sah vor mir

deinen Stuhl

leer.

 

 

 

 

 

 

Stille

 

Mühsam

steigt sie die Treppen

um mich jeden Tag

zu besuchen.

 

Durch das offene Fenster

sehen wir den Mond

die Sonnenähre

absicheln.

 

Mach dir keine Sorgen.

Dort geht’s mir gut.

Nur die dröhnende Stille

lässt mich nicht einschlafen.

 

 

 

Verlies

 

„Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?…“

(Rainer Maria Rilke)

 

Jedesmal

wenn ich dich

auf dem morschen

Knochengerüst

schuften höre

bete ich zu dir

dass der Ausbruch

aus mir gelingt

und im leeren Verlies

nur dein höllischer

Schweissgeruch

zurückbleibt.

 

 

 

Altersheim

 

Gebückt am Stock

verbringt er

am Familiengrab

mehrere Leben

insgeheim hoffend

dort zu bleiben

um den mühsamen

Heimweg

zu umgehen

beschneit

mit Lindenblüten

als könnten

die süssduftenden Funken

die Vergangenheit

wieder entfachen

bis er von einer

stechenden

Leere heimgesucht

wankend

die knochige Hand

mit dem Stock

verwachsen

es noch rechtzeitig

zum letzten

Abendmahl

schafft.

 

 

 

Recycling

 

 

 

 

 

 

Die legendäre Eiche und das wilde Gras

trotz ihrer berüchtigten Pracht

sind nur selbstlose Nahrung

für das Schaf  und das Reh

die von Wolf oder Bär

vertilgt werden

und auch von uns Menschen

die eine Seele haben

und über alles

philosophieren

dabei übernehmen die Reste

das fleissige Volk der Bakterien

sie machen sauber  – die Arbeiter

und wie Marx auch wusste:

sie sind die Mehrheit –

damit das Salz und die Kieselsteine

gewinnen

gegen den Tod

durch eigene Vergiftung.

 

Alles in allem sind wir zusammen

die klügste

Selbstvernichtungsmaschine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Ruxandra Niculescu (früher auch: Ruxandra Gheorghita) wurde 1949 in Bukarest geboren.

 

Studium der Philologie, Tätigkeit als Verlagslektorin und Herausgeberin.

 

Veröffentlichungen von Lyrik ( auch Übersetzungen), Prosa und Essays in deutschen und rumänischen Zeitschriften, Internetpublikationen, Buchreihen und Anthologien.

 

Eigene Gedichtbände:

Deutsch:

 

Die Zeremonie der Erinnerung, Kulturamt Kassel,1989

Rumänisch:

Meseria exilului (Das Handwerk des Exils), Eminescu Verlag,1998

Oglinzi părăsite (Verlassene Spiegel), Eminescu Verlag, 2001.

 

Übersetzt ins Japanische, Italienische, Litauische, Slowenische und Tschechische.

 

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