Ruth Fruchtman

 

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

Krakowiak

KLAK-Verlag, Berlin 2013

 

 

 (Rezension)

 

 

Wie die bunten Fäden auf dem Titelbild nimmt die Protagonistin Esther Blu in Krakowiak die losen Enden von Lebensgeschichten auf und verwebt sie zu einer Art Flickenteppich. Ruth Fruchtmans Charaktere nähern sich der schwierigen polnisch-jüdischen und polnisch-deutschen Vergangenheit an und versuchen jeder auf seine Weise mit dem geschichtlichen Erbe umzugehen, Dagewesenes zu rekonstruieren, wiederherzustellen oder auch wiedergutzumachen. Die „Gefühlshistorikerin“ Esther Blu wandelt in der Stadt K. – deren voller Name sich indirekt durch den Buchtitel erschließt – quasi „atmosphärisch“ auf den Spuren ihres aus der Gegend von Lemberg stammenden Großvaters Isaak Blaublat. Ihre Freundinnen Maria und Jolanta Jaworzyńska sind mit der Restaurierung eines zerstörten, zum Familienbesitz gehörenden Schlosses beschäftigt – der Restaurierung ihrer eigenen Geschichte. Auch die Lebensgeschichte des deutschen Geschäftsmanns Klaus Müller-Weidt ist mit der Stadt K. verknüpft; er beteiligt sich zur Wiedergutmachung finanziell an der Instandsetzung des Schlosses. Esther selbst lernt vom Vater ihrer Freundinnen, Cezary Jaworzyński, viel über Polens Geschichte und kommt so diesem Land näher – einem Land, das für Ruth Fruchtman selbst aufgrund ihrer Familiengeschichte lange Zeit so viel Düsteres beinhaltete, dass sie es nicht zu besuchen wagte, wie sie einmal in einem Gespräch sagte („Jüdische Allgemeine“, 26.10.2006).

In Krakowiak schwingt sicherlich einiges von den eigenen Gefühlen und Gedanken der Autorin selbst mit. Esther Blu taucht in zahlreichen Besuchen in das Leben der heutigen und früheren Bewohner der Stadt K. ein und trägt deren Geschichten zusammen, nimmt die Atmosphäre des ehemaligen jüdischen Viertels in sich auf, beobachtet, sinniert, lässt sich treiben. Sie besucht die Synagoge und auch – das merkwürdigste Ereignis in der ganzen Erzählung – eine Messe in einer katholischen Kathedrale, wo sie, quasi zwangsläufig, die dargebotene Hostie schluckt. Dieser Vorfall zieht die Austreibung eines angeblichen „Dybbuk“, eines bösen Geistes, durch Esthers Bekannten Abraham Cohen nach sich, den streng gläubigen Sohn des New Yorker Rabbiners. Der seltsame Abraham ist in K. auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit, und seine Starrheit bildet den Gegenpol zu Esther Blus Offenheit. Vielleicht ist es gerade dieser Gegensatz, der die beiden zueinander hinzieht, da sie sich trotz Esthers Antipathie für Abraham immer wieder treffen.

 Krakowiak ist ein – mal mit dickerem, mal mit dünnerem Faden gewebter – Flickenteppich der Fragen und Perspektiven, Esther Blus „Album der Gefühle“. Ruth Fruchtman dreht und wendet Wörter und Gedanken, und manchmal wirkt ihre Sprache ungeschliffen wie die Gedanken selbst, ungewohnt und sperrig. Sperrig sind auch die schwierigen Themen, z.B. die angedeutete Debatte über das Judenpogrom in Jedwabne. Hier stellt Fruchtman Überlegungen in den Raum und überlässt es dem Leser, sie fortzuführen.

Einen Abschluss der Geschichte gibt es naturgemäß nicht. Aber Esthers Erkenntnis lautet schließlich: „Selbst nach Verletzung wächst die Liebe wieder, die Leidenschaft lodert auf, tiefer, intensiver als zuvor“. Auch in der Stadt K. gibt es für Esther schließlich den „Alltag, mehr nicht“, und das Leben, das sie in seinen Strudel hineinzieht.

 

Lisa Palmes

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