Ruth Fruchtman

 

Fotograf: Michael Witte

 

(Deutschland)

 

 

In Ruth Fruchtmans Roman „Krakowiak“ bezeichnet sich die Protagonistin Esther als eine „Gefühlshistorikerin“. Sie wird durch verschiedene Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen konfrontiert, die von historischen Ereignisse ausgelöst wurden. Sie versucht die Fäden zu sortieren und dabei die Gegenwart zu begreifen. Levure littéraire möchte den bio grafischen Fäden von Ruth Fruchtman nachspüren, und deren Einfluss auf ihren schriftstellerischen Werdegang herausfinden.

 

 

 

 

LL: Sie sind in London geboren, aber Ihre Familie stammt aus Osteuropa?

 

RF: Ja, das ist richtig. Meine Großeltern sind am Anfang des 20. Jhs. nach England eingewandert, also lange vor der Schoa, dem Holocaust. Mütterlicherseits kamen sie aus Litauen, oder einem Fleck auf der Landkarte, der ungefähr Litauen entspricht; väterlicherseits aus Polen – mein Großvater aus Galizien, meine Großmutter aus Kalisz. Meine beiden Eltern wurden in London geboren.

 

LL: Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

 

RF: Ich habe schon in der Kindheit geschrieben. Ich las viel und eines Tages dachte ich, ach, das schaffe ich auch. Als ich elf war, kaufte ich ein Heft – DIN A5 – und setzte mich hin. Ich erinnere mich, meine Mutter arbeitete viel für wohltätige Zwecke, nach der Schule holte ich sie von irgendwo ab. An jenem Nachmittag setzte ich mich mitten in den Mänteln, die im Zimmer nebenan auf dem Bett lagen, und schrieb. Eine Frau kam herein, um ihren Mantel zu holen, fragte mich, was ich da tue, und ich antwortete: „Ich schreibe einen Roman.“ Sie lächelte wohlwollend und ich fügte trotzig hinzu: „Und ich schreibe ihn fertig!“ Das habe ich auch getan: 120 DIN A5 Seiten. Leider nur eine Nachahmung von Enid Blyton, und die weiteren vier „Romane“, die ich damals schrieb, bis ich siebzehn wurde, waren auch Nachahmungen, nicht von Blyton, sondern von anderen Autoren. Ja, meistens Männerautoren – sie waren vorwiegend Abenteuerromane, auch durch die Filme beeinflußt, die ich damals gesehen hatte. Viel Duellieren – daher mein Wunsch zu fechten, was ich erst spät angefangen habe und heute noch mache.

 

Ruth Fruchtman, Krakowiak. Roman (KLAK Verlag):

 

 

 

Mit sechzehn-siebzehn wurde ich mit einer Erzählung in einem Schulwettbewerb „highly commended“, aber später litt ich an Schreibblockaden. Nach dem Studium arbeitete ich in einem kleinen Londoner Verlag in Bloomsbury, wurde für einen Klappentext vom Verleger sehr gelobt, leider aber nicht vom Lektor, John  Hayward, dem früheren Freund und ehemaligen Lebensgefährten von T.S. Eliot. John Hayward rief mich an, nachdem er fast den ganzen Text geändert hatte – tröstete mich mit der Bemerkung, daß selbst Eliot es haßte, Klappentexte zu schreiben, aber auch daß jugendliche Inspiration und Begabung oft versiegen, keiner weiß warum… Das hat mich trotzdem nicht gelähmt, ich habe immer wieder versucht, war aber mit meinen Texten sehr unzufrieden. Wahrscheinlich war ich viel zu ehrgeizig, wollte gleich wie Thomas Mann oder Virginia Woolf schreiben und war frustriert, als es mir nicht gelang. War sogar am Rand eines Zusammenbruchs. Erst nach meiner ersten gescheiterten Ehe habe ich wirklich angefangen, Texte zu schreiben, die „meine“ waren, mußte aber dann tagsüber arbeiten, mein Leben verdienen, meinen Sohn irgendwie durchbringen.

Dann begann ich – ich war schon in Deutschland, in der Bundesrepublik – Buchbesprechungen und Artikel für Zeitschriften zu schreiben, zuerst zur deutsch-jüdischen, später zur polnisch-jüdischen Thematik. Und allmählich

Erzählungen. Mit der Erzählung Der Auszug aus Ägypten erlebte ich eine Art von Durchbruch.

 

 

 

 

LL: Sie sind damals auf Umwegen nach Deutschland gekommen?

 

RF: Ja, das kann man wohl sagen. Ich hatte zwar in London Germanistik studiert, hatte jedoch nicht vor, in Deutschland zu leben. Aber ich wollte auch nicht in England bleiben. Ich habe mich immer als Europäerin gefühlt. Und die Engländer haben mich nie so richtig für eine Engländerin gehalten. Ich war immer irgendwie eine Außenseiterin. Mein Ehemann erhielt damals eine Stelle in Strasbourg und wir sind dorthin gezogen. Wir haben uns nach einem Jahr getrennt, aber ich bin mit meinem Sohn noch mehrere Jahre dort geblieben, ich spreche auch französisch, und 1976 sind wir nach Stuttgart umgezogen. Ich war mit meiner damaligen Arbeit am Britischen Generalkonsulat unzufrieden, wollte kreativer leben und arbeiten. Eine Frage der Selbsterkenntnis. Wegen meiner Lebensprobleme hatte ich angefangen, mich für die Anthroposophie zu interessieren.

 

LL: Und deswegen schreiben Sie in deutsch und nicht in englisch oder französisch?

 

RF: Nein, der Umzug allein ist nicht der Grund. Die deutsche Sprache hat mich immer angezogen. Meine Mutter war vor ihrer Ehe Deutschlehrerin gewesen, sie liebte die deutsche Sprache, hatte Deutschland vor dem Dritten Reich gekannt und ich glaube, sie hat sich vom Holocaust nie wirklich erholt. Der Schock, daß deutsche Menschen sich so benehmen konnten, hat sie umgeworfen. Aber sie sagte immer, daran sei die Sprache nicht schuld, obwohl man über den Mißbrauch von Sprache natürlich viel sagen kann. Darüber habe ich in meinem Essay Mein Zuhause – die Deutsche Sprache, in Anlehnung an George Steiner[1] schon einmal geschrieben. Meine Mutter rezitierte in meiner Kindheit Gedichte von Goethe und Heine, sang mir auch als Kleinkind Brahms’ Wiegenlied vor. Und der Klang der deutschen Sprache faszinierte mich. Dazu kam nach und nach die erschreckende Geschichte der Schoa, und ich konnte nicht begreifen, wie beides zusammenpaßte. Wie die charmanten Deutschen, denen ich manchmal in Urlaub begegnete, mich eventuell als Jüdin ermordet hätten. Wahrscheinlich hat das mich neugierig gemacht. Was im Menschen ist. Und nicht nur bei anderen, sondern auch bei mir. Das ist für mich ein Lebensthema.

 



[1] George Steiner, The Hollow Miracle in: Language and Silence

 

 

 

 

Die Sprache zog mich nach Deutschland. Selbst als ich noch in England lebte, hatte ich das Gefühl, leider aber noch nicht das Können, daß ich auf deutsch schreiben soll, nicht auf englisch. Englisch erlebe ich als eine sachliche Sprache, ich komme einfach nicht rein! Es kann aber auch sein, daß meine relativ frühe Beschäftigung mit anderen Sprachen mich vom Englischen entfremdet hat. Deutsch ist eine sinnliche, gefühlvolle Sprache, selbst wenn es sehr unangenehme Klänge auch enthält, die an die Vergangenheit erinnern. Ich hatte auch intensive Freundschaften mit Deutschen mehr als mit britischen Männern und Frauen – wo manchmal eine gewisse Unverbindlichkeit die Bekanntschaft charakterisierte. Meine deutschen Freundinnen und Freunde, auch meine Kollegen, setzten sich mit der Nazizeit auseinander, während britische Bekannte meist ein distanziertes, oft gleichgültiges Verhältnis dazu hatte: nach dem Motto, es sei alles nicht so schlimm gewesen. Französisch mag ich auch sehr, aber als Schreibsprache kam es für mich nicht in Frage. Es sei denn, ich wäre in Frankreich geblieben, aber die emotionale Qualität ist auch eine andere. Eine Zeitlang habe ich versucht, in deutsch und in englisch zu schreiben; ich dachte, ich könnte die Themen sozusagen „verteilen“ – aber letztlich entschied ich mich ganz fürs Deutsche.

 

LL: Und jetzt können Sie auch Polnisch?

 

RF: Polnisch ist eine wunderbare Sprache, eine ständige Herausforderung. Ja, ich kämpfe fast seit zwei Jahrzehnten damit. Wenn du meinst, du kannst es ganz gut, du hast Fortschritte gemacht und endlich siehst du Licht, du kannst dich verständigen, sogar an Diskussionen teilnehmen, triffst du plötzlich auf ganz neue Begriffe, neue Felder des Denkens – bist dann völlig verloren und eigentlich doch nur am Anfang. Wenn ich in Polen geboren worden wäre, hätte ich bestimmt auf Polnisch geschrieben. Die Sprache ist sehr reich, weich, emotional, voller Musik, hat auch eine hohe intellektuell geistige Qualität. Natürlich, wie alle Sprachen, ist es auch mal vulgär, laut, unschön… Ich verbringe zwar relativ viel Zeit in Polen, aber ich lebe nicht dort – so daß die Umgangssprache mir auch nicht geläufig ist. Habe nur einmal einen ganz kurzen Text in Polnisch geschrieben, im Gedenken an einen verstorbenen Herrn, mit dem ich für ein Hörfunkfeature ein Interview gemacht hatte[2].

 

LL: Aber polnische Geschichte, insbesondere polnisch-jüdische Geschichte, ist Ihnen fast zum Lebensthema geworden?

 

RF: Das stimmt. Ich glaube, ich muß immer hinterfragen – zuerst, wie ist es in Deutschland mit den Deutschen, wie war die Schoa, der Holocaust möglich? Und später, was ist diese seltsame Symbiose – diese Liebe-Haß-Beziehung – zwischen Polen und Juden? Meine Schwäche besteht vielleicht darin, Menschen zu idealisieren, der akzeptierten Meinung widersprechen zu wollen. Den Widerspruch suchen, das ist es, worauf es mich ankommt.

 



[2] Stanisław Gąsiorowski

 

 

LL: Und Israel-Palästina?

 

RF: Palästina-Israel. Das ist wiederum anders. Das ist ein politisches Engagement. Ich wurde in meiner Kindheit und Jugend zionistisch erzogen und habe lange daran geglaubt. 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, kamen mir zum ersten Mal Zweifel. Aber erst 1982, nach dem Massaker von Sabra und Schatila in Libanon, habe ich beschlossen, mich mit der ganzen Problematik auseinanderzusetzen und zu versuchen, etwas dagegen zu tun, das heißt, die verfahrene, ja, verbrecherische, israelische Politik öffentlich zu kritisieren. Ich bin also in verschiedenen, kleineren Organisationen länger aktiv gewesen, habe auch für den Hörfunk mehrere Features zum Thema geschrieben[3]. Hier wiederum spielt die Begegnung mit Palästinensern, mit deren Kultur und Geschichte, eine herausragende Rolle. Leider wird mir die Zeit wahrscheinlich nicht reichen, Arabisch zu lernen.

 

LL: Zum Abschluß – sehen Sie Ihr Leben als von bestimmten Kräften gezeichnet – Von Schicksal oder Los – zu präzise will ich das nicht nennen…

 

RF: Diese Begriffe wie Schicksal und Los sind mir suspekt. Etwa zu oberflächlich esoterisch. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, gar die Freiheit, bestimmte Entscheidungen zu treffen, Wege zu gehen. Wie ich schon sagte, mein Leben ist durch Gegensätze und Widersprüche geprägt worden, die ich mir selber ausgesucht habe und zu denen ich auch stehe.

 



[3] u.a. Der Zionistische TraumDas Ende einer Illusion, WDR/rbb 2003; Palästina-IsraelEin Wintermärchen, rbb 2009.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Schriftstellerin und Journalistin Ruth Fruchtman wurde in London geboren und studierte Germanistik an der Universität London. Nach mehreren Jahren in Frankreich, lebt und arbeitet sie seit 1976 in Deutschland. Sie schreibt Erzählungen, Essays, Theaterkritiken, Beiträge und Features für den Hörfunk, vor allem zur polnisch-jüdischen und palästinensisch-israelischen Thematik. Krakowiak ist ihr erster Roman.

 

 

 

Ruth Fruchtman, Krakowiak. Roman. – Berlin: KLAK Verlag, 2013

ISBN: 978-3-943767-07-0, 218 Seiten, 14,90 EURO
 

http://www.klakverlag.de/autoren/fruchtman-ruth/

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