Rolf Stolz

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Gedichte, der Rest

einer Gleichung

die nicht aufgehen will,

der unverteilbare Rest

einer Allzweckformel

und auf dem Schirm verschwanden

die Brandzeichen, die Besitztümer,

ich nannte den Falken mein eigen

den ich erfand, gebar

und als er aufflog

zerfiel er tropfig

in einem Konfettischauer
 

*

 
Frauen, die eine Hand hielten

aus Luft und Bedauern,

all die Elektrokrücken,

Spielverschiebungen,

Behelfsbedarfsbrücken,

um sich fremd zu bleiben

und sich Besuche zu leisten

ohne Adressenspeicher

ohne Gesichtsvermerke,

ein Leben abgehalten

ereignisfrei und atemarm,

verhaftet, verfangen

vergangen.

 

*

 

Die feste Ordnung der Steine

unter unseren Füßen, wir

gehen ziellos

und unter uns

tanzte die Straße,

die Steine

trieben im Wind.

 

*

 

 

Venedig, Ponte del savio

 

Sonnenspiegel

des Brückenbogens,

das Netz auf dem Stein

schwingt zurück

aus Schattenknäueln

nach jedem der Boote

 

 

Venedig und: Mestre

 
Der Wechsel zwischen Grau und Grau

in dem Wellblech der Schuppen in Mestre,

Rot, Ochsenblutrot

der Wagen und Schuppen, Gras

auf den Schwellen aus Beton und aus Holz,

Eiche und dreifaches Erz,

in den Nächten

malen sie weiße Zeichen

in die Leere der Mauern

und stürzen

hinab durch ein Glasdach

in ein Salzsäuremeer,

sinnlose

Länge der Bahnsteige,

unbegründbare

Gleichheit der Ebenen und der Gesichter,

die Straßen

bringen sie in Verbindung

mit anderen Straßen,

was du sagst

hast du gesagt

und wirst du sagen,

auch daß du schweigen wolltest

ist ein alter Versuch.

 

 

Die Gegenstände

 

Es waren eigenartige Formen, in einem hellen Grau und in mehreren Brauntönen, nicht allzu hochragend, eher auf Augenhöhe eines liegenden und halb aufgerichteten Menschen, der erkennt, daß er zu lange brauchen wird zum Aufstehen und zum von vornherein schon aufgegebenen Weglaufen und der sich schon wieder fallen läßt ehe er erreicht und überrollt wird, ohne Verspitzungen, sondern in gefälligen Rundungen, die an um Dreidimensionalität bemühte Schattierungen und Schraffierungen erinnern. Sie bewegten sich auf mich zu und ich nahm ohne weiteres Nachfragen und Versichern an, daß sie sich auch den anderen näherten und von diesen in dieser Hinsicht bemerkt wurden, allerdings ließ ihr äußerst langsames Vorrücken sehr viel Zeit, sie zunächst einmal zu übersehen und die Entscheidung über etwaige Reaktionen zu vertagen. Vielleicht war es meine generelle Vorsicht, mein in den Fluchtfüßen wurzelndes Mißtrauen, das mich bewog, ihnen eine hinlängliche Bedeutung beizumessen und ihnen zu unterstellen, angetreten oder doch vorgeschickt zu sein zu unserer Vernichtung.

Ich bat Eli, in unserem Begegnungsraum die Fenster und die Tür zu schließen, die Schlösser durch ein Umwickeln mit roten Tauen zu sichern. Als wäre schon Blut unter den Türblättern hervorgetreten zogen wir uns in ein großes altes Gebäude zurück, in dem wir nicht mehr allein waren, aber vielleicht Hilfe und Rat erhielten von anderen, denen schon mehr zugestoßen war als uns und die sich ausrechnen konnten, was uns bevorstand. Wir versuchten eine Treppe im Mittelhaus, die lange nicht mehr begangen worden war, uns gerade noch trug, aber dann überging in einen Heuboden, dessen Balken mir völlig vermorscht schienen, so daß ich mich für ein Zurückgehen entschied und zu einer kleineren Gruppe von Flüchtlingen stieß, die vor zwei vergoldeten Metalltüren debattierten. Auf dem einen Schild stand „Evangelischer Altar“, auf dem anderen „Katholischer Altar“. Jemand öffnete die erste Tür, in der Hoffnung dahinter eine gesicherte Kammer zu finden, in die man sich zurückziehen konnte bei einer Verschärfung der Angriffe. Aber es war nur ein minimaler Raum vorhanden, der bei geschlossener Tür kaum ein unverrenktes Stehen zuließ, vor der Wand eines Kassenschrankes mit Apparaturen zur Identitätskontrolle und zum Scheckkarteneinzug. Ich schenkte mir den offensichtlichen Inhalt hinter der zweiten Tür und kehrte zu Eli zurück, die trotz meiner mahnenden Worte immer noch nicht die Fenster geschlossen und abgedunkelt hatte. Mit einer zaghaften Handbewegung löschte ich die Kerzen, brachte die Fenster in eine sichere Position und begann gegen mich selbst zu würfeln, um so die Zeit zu überbrücken, bis sich klären würde, ob die Gegenstände anhielten an unseren zögerlichen Barrieren.

 

* * *

 

 

 

 

 

 

 

 

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Rolf Stolz

 

Schriftsteller und Photograph.

 

Bisher 22 Bücher und 6 E-Bücher – u. a. zwei Romane (zuletzt Das Blutmeer, die Treppe aus Glas, Edition Bärenklau, Bärenklau/Brandenburg 2011); Erzählungen (ein Buch ins Rumänische übersetzt; zuletzt Gwalt. Rußland-Erzählungen, Rumänien-Erzählungen, Köln 2010); Lyrik-Bände (u. a. Zellenberg, deutsch/französische Übersetzung, Editions Alhambra, Bertem/Belgien 2005, Städte und Flüsse. Gedichte 1962-2000, Köln 2001, Gabelbilder, Köln 2010); Essays, zuletzt Nur Kunst. Essays zu Kunst und Kultur, Norderstedt 2009). Seit 2001 Photographie-Einzelausstellungen in Deutschland und in Rumänien; Redaktionsmitglied der Zeitschrift des KUNSTGEFLECHTs „RHEIN! “, Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang.

 

www.rolfstolz.de

 

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