Roland Erb

 

 

 

(Deutschland)

 

 

KÖRPER DER STADT

 

Stadt, fremde Freundin, ich irre hier im Gewühl umher

Stumm, mit zerbissenen Lippen, versengter Haut.

Ich will dich wieder treffen einmal, irgendwo in der Gräue,

ich will dich fortschlendern sehn mit abweisender Hüfte,

fragend geschütteltem Kopf, und möchte schmerzhaft umklammern

die dünnen Gelenke, die frostigen Schultern umschlingen.

Ich schiele nach den versklavten Brüsten  unter dem Hemd und denke

an diesen Körper, den kühlen, den Flüchtling,

seinen Widerstand, die plötzlich aufblühende Freude.

Ich will mit dir einmal noch gehn, gegen den feigen Wind, gegen

das aufgezwungene Bild, die Schleimspur der Lichterpassage.

Ich will mit dir trinken gehen ohne Kompliment, Krawatte und Kragen

und will dich die Steuererklärung vergessen lassen, am liebsten für immer.

Ich will durch die stürmische Nacht mit dir treiben am Stadtrand,

im Dunkeln suchen ein Bett aus Ahornblättern und Erde.

Dein Adern-Geflecht, es glänzt rätselhaft unter Sternen. Komm,

Kälte trinken.

 

 

KENNST DU?

 

Kennst du das Sausen in den Ohren,

wenn du auf deinem Drehstuhl sitzt,

und dieser Stuhl steht in der Luft

Das Sausen schwillt und schwillt, es möchte

dir schier das Trommelfell zerreißen,

ein Knall bricht los in deinem Innern, du fällst

ins Bodenlose.

 

Kennst du das Gehn mit schlaffen Knien

durch eine graue, arg zerschlissene Stadt,

wo keine Hoffnung bleibt im Angesicht

des Seifennackens und machtgeiler Blicke

der Männer mit den Daumenschrauben?

Man muss ja auf sie zu gehen, ihnen Rede stehen

und ihre Kopfnüsse einstecken,

dazu verständnisinnig nicken.

Man muss am Ende einknicken und lange liegen

im Schmutz, nicht anders als

ein alter Fetzen.

 

Kennst du das sachte kalte Strömen

der frischen Rauchluft einer Kohlestadt

in deine schmerzgewohnte Kehle,

wenn dich das Dunkel in die Decke hüllt

und schon am Horizont ein fahles Licht erscheint.

 

 

DER STEIN

 

Gut ist der Stein,

gut ist der Stein für mich.

Die helle  Oberfläche ist abgeschliffen und hart.

Ich trage den Stein in der Tasche,

er stört mich nicht

und spielt sich nicht in den Vordergrund.

Der Stein täuscht keine Freundlichkeit vor,

keine Sympathie

und hat niemals schlechte Laune.

Der Stein kann nicht sprechen,

er krittelt nicht an mir herum,

er liegt mir nicht auf der Tasche

und klärt mich nicht auf über Demokratie.

 

Den Stein kann ich wegwerfen,

wenn er mir einmal zu schwer wird.

Dann ist er nicht böse und nimmt

nicht blutige Rache,

mein guter Stein.

 

 

LEIPZIGER APHRODITE

 

Sie war so verschüchtert und zugeknöpft,

dass sich kein Anblick eröffnete.

Sie war so verkantet, verschachtelt,

dass die Zwillingsplaneten nicht kreisten.

Sie war so von Fertigteilen umstellt,

dass der Zutritt zur Pforte versperrt blieb.

Sie war so luftdicht mit Planen verdeckt,

dass ihre Knospen nicht springen wollten.

Sie war so vom blinden Wahn vermauert,

dass sie nicht aus sich raus ging.

Sie war so verdammt verriegelt,

dass sie des Himmels Hauch nicht mehr spürte.

Sie war so im Permafrost eingekeilt,

dass mir das Blut in den Adern gefror.

 

 

DER ALTE

 

Steinrunzel dein altes Gesicht,

die Augen tief in den Höhlen

hinterm zerkratzen Brillenglas,

hartstopplig das Kinn und die Wangen,

von schlafmüder Lippe kommt

taumelnd ein ungehört wichtiges Wort.

 

Zitternd die schwieligen Hände

auf den zermürbten Knien.

 

 

WAS IST

 

Was ist mit den schlafenden Brüsten

unter dem sanftgrünen Hemd,

wer hat dir die Füße mit dem Betttuch verknotet,

was liegt der Bleiklotz der Decke auf dem atmenden Leib,

der bedauerlich schnauft und sehr wenig Luft kriegt.

Draußen rasselt ein Fahrzeug mit scheppernden Rohren vorbei,

ein Vogel piepst seltsam, die Sonne sticht dir in die Nase,

brennt dir am Ende noch das Gesicht entzwei.

Doch deine Schultern, die hältst du ängstlich versteckt

und alles übrige unter die Federn geklemmt.

Ich warte und warte, Freitag ists, 13. Mai um halb vier,

aber du denkst nicht dran, du schnarchst und sagst was im Schlaf

vom Fliegenpack, das dich stört, und fuchtelst, tötest die Lust

der Staubfäden, die da flimmern und tanzen

auf dem Lichtstrahl, der schräg das Zimmer durchmisst.

 

 

VOR MORGEN

 

Langsam,

von Hundezähnen zerquält,

das bebende dein

bleiches Gesicht,

kernschattentot, quer

überm Weg.

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 
Roland Erb

1943 geboren in Töppeln (Thüringen)

Lebt als Lyriker, Erzähler, Herausgeber und Übersetzer in Leipzig.

Studium der Romanistik. Tätigkeit u.a. als Verlagslektor bei Reclam Leipzig und als Chefredakteur der Zeitschrift Ostragehege (1994-98). Seit 1972 freiberuflicher Schriftsteller.

Veröffentlichte Lyrikbände sowie Erzählungen und Essays. Übersetzungen aus mehreren romanischen Sprachen, dem Russischen, Polnischen, Englischen und Schwedischen, darunter zahlreiche Lyrikübertragungen, u.a. von Achmatowa, Bacovia, Chlebnikow, Darío, Doinas, Ekelöf, Esteban, N. Guillén, Kochanowski, Machado, Mandelstam, Milosz, Montale, Pavese, Shelley, Soupault, Sorescu.

 

1987 Rainer-Maria-Rilke-Stipendium der Stiftung Valmont (Schweiz)

1993 Stipendium des französischen Außenministeriums

1995 Aufenhaltsstipendium der BRD in Olevano Romano

2000 Mihai-Eminescu-Medaille der Republik Rumänien

 

Veröffentlichungen u.a.:

Mihai Eminescu, Engel und Dämon. Dichtungen. Reclam, Leipzig, 1971

Christoph Kolumbus, Schiffstagebuch. Reclam, Leipzig, 1980

Die Stille des Taifuns. Gedichte. Aufbau Verlag, Berlin, 1981

Mihai Eminescu, Hunderte von Masten. Gedichte. Insel, Leipzig, 1981

Gunnar Ekelöf, Es ist spät auf Erden. Volk und Welt, Berlin, 1986

Panait Istrati, Neranzula. Dieterich, Leipzig, 1987

Philippe Soupault, Bitte schweigt. Gedichte und Lieder, Gustav Kiepenheuer, Leipzig, 1989

Jewgeni Samjatin, Wir. Gustav Kiepenheuer, Leipzig, 1991 (mit Marga Erb)

Tudor Arghezi, Der Friedhof. Roman-Poem. Eichborn, Die Andere Bibliothek, Frankfurt, 1991

Märzenschaf. Gedichte. Hellerau Verlag, Dresden, 1995

Mihail Sebastian, Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher. Claassen, Berlin, 2004

(mit Edward Kanterian)

Wozu das Verlangen nach Schönheit. 30 Gedichte. drei-eck Verlag, 2005

Der Mars vor der Haustür. 23 Autoren aus Sachsen. VentVerlag, Leipzig, 2012

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