Roland Erb

 

 

(Deutschland)

 

 

 

BEOBACHTUNGEN BEIM ÜBERTRAGEN VON GEDICHTEN

 

 

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten fand ich immer wieder Gelegenheit, Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übertragen. Da ich selbst Lyrik schrieb, früher einmal Sprachen und Literatur studiert und schon Prosaübersetzungen vorgelegt hatte, wurde ich von Verlagslektoren und Zeitschriftenredakteuren nicht selten angesprochen und eingeladen, auch lyrische Texte aus der einen oder anderen Literatur zu übersetzen. Nicht immer beherrschte ich die jeweilige Fremdsprache sehr gut, ja manchmal nur bruchstückhaft. In einigen Fällen wurden mir zu Beginn meiner Arbeit Interlinearübersetzungen der Gedichte mit oder ohne nähere Erläuterungen zur Verfügung gestellt. An einigen Projekten aus slawischen Literaturen arbeitete ich mit Hilfe von Marga Erb, bei der Ekelöf-Übertragung mit Unterstützung der Skandinavistin Sieglinde Mierau.

Mein Ziel beim Übertragen fremdsprachiger Gedichte war es immer, im Deutschen so etwas wie neue Gedichte herzustellen und dabei möglichst viel von dem originalen Werk ins Deutsche „herüberzuretten“. Es ging nicht nur darum wiederzugeben, wovon im fremden Gedicht die Rede war, was dargestellt und wie argumentiert wurde und das allgemeine Klima, die Atmosphäre des Textes zu erfassen. Wichtig schien mir vor allem auch, die komplexe Gestalt des jeweiligen Gedichtes wiedererkennbar zu machen, soweit dies möglich war. Die Sprache des Gedichts ist ja keine alltägliche, von daher war es oft nicht all zu einfach zu erfassen, was im fremdsprachigen Gedicht eigentlich verhandelt wurde, um welches Thema es ging. Nicht wenig Einfühlungsvermögen erforderte es, sich in die sprachliche Atmophäre des Gedichtes hineinzuversetzen, nicht nur die Gedanken sondern ebenso die Grundstimmung, die tragenden Empfindungen des Textes zu erfassen. Und dann galt es auch, ganz nüchtern zu bestimmen, welche Strophenformen, welche Metren im Gedicht Verwendung fanden, ob es Endreime, Binnenreime, Assonanzen gab, in welcher Weise sie eingesetzt wurden, wie die dichterischen Bilder beschaffen waren.

Dann entstanden als erste Abeitsstufe zunächst  einstweilige deutsche Fassungen fremdsprachiger Gedichte, die noch kaum deutschen Gedichten ähnelten. Texte, denen es noch an sprachlicher Geschlossenheit und Gestaltungskraft fehlte. Und es begann die niemals leichte Arbeit, dem deutschen Text eine sprachliche Einheit zu verleihen, ein lyrisches Gebilde herzustellen, das als deutsches Gedicht erscheinen konnte, das sich aber möglichst wenig von der Vorstellung entfernte, die ich mir von dem fremdsprachlichen Text gemacht hatte.

Aus diesen Sätzen erhellt vermutlich, dass ich deutsche Fassungen fremdsprachiger Gedichte, die deren Inhalt in Prosa wiedergeben, wenig schätze, so genau und gut formuliert sie immer sein mögen. Sie können zwar eine entfernte Vorstellung davon vermitteln, was in dem Gedicht beschrieben und verhandelt wird, entfernen sich aber durch die Prosagestalt viel zu weit von dem, was sprachlich im originalen oder auch in einem deutschen Gedicht vorgeht. Ein gutes Gedicht ist ein komplexer sprachlicher Vorgang, wo die Worte, die Zeilen, die dichterischen Bilder intensiv auf einander bezogen sind. Dies alles geht in der reinen Prosaübersetzung verloren, die immer eine Hilfskonstruktion bleiben muss. Natürlich könnte man hier einwenden, dass der Versuch, beim Übersetzen neue deutsche Gedichte zu schaffen, ebenso illusionär ist, weil der Eindruck erweckt wird, dass die entstandene deutsche Fassung den Anspruch erhebt, etwas Ähnliches zu sein wie das fremdsprachige Gedicht. Nein, es ist sicher etwas völlig anderes, was da entsteht, etwas Neues. Aber es kann vielleicht eine entfernte Ahnung von dem Gedicht der Originalsprache vermitteln.

In den nun folgenden Übersetzungsbeispielen – ausschließlich eigenen Gedichtübertragungen aus verschiedenen Jahren – kann man dasmögliche, sehr unterschiedliche Herangehen des Gedichtübersetzers beim „Nachdichten“ oder besser gesagt „Neudichten“ verfolgen. Wer die Originale zur Hand nimmt, wird bemerken, dass meistens versucht wurde, möglichst viel von der Gestalt des fremden Textes sichtbar werden zu lassen. Die deutschen Strophenformen entsprechen zumeist annähernd den fremdsprachigen, häufig wurden ähnliche Versformen, ein ähnliches oder doch entsprechendes Metrum, verwendet. Immer wieder, aber nicht immer, wurde der Reim in ähnlicher Weise wie im Original eingesetzt. Manchmal wurden nur Näherungsreime verwendet, und mitunter (hier z.B. im Fall des bekannten Gedichtes von Eminescu) wurde auch ungereimt übertragen, wenn die Gefahr bestand, sich durch die Suche nach Reimen zu weit vom Text mit seiner spezifischen Atmosphäre zu entfernen oder sogar preziös zu werden. Sehr wichtig schien es mir immer, das allgemeine Klima des jeweiligen fremden Gedichtes zu erfassen und nicht durch Forcierung der im Deutschen angewandten sprachlichen Mittel Schaden anzurichten.

 

 

TEXTBEISPIELE – Gedichte verschiedener Autoren aus verschiedenen Zeiten in Übersetzung von Roland Erb

 

 

 

Yves Bonnefoy (1923 Tours – 2016 Paris)

WAHRER NAME

 

Wüste werde ich nennen dieses Schloss das du warst,

Nacht diese Stimme, Abwesenheit dein Gesicht,

Und wenn du fällst in die dürre Erde

Werde ich nennen Nichts den Blitz der dich brachte.

 

Sterben – ein Land das du liebtest. Ich komme

Aber ewig auf deinen düsteren Wegen.

Ich zerstör dein Verlangen, deine Form, dein Gedächtnis,

Ich bin dein Feind, der kein Mitleid kennt.

 

Ich werde dich nennen Krieg und üben an dir

Die Rechte des Krieges und werde haben

In meinen Händen dein dunkles, durchdrungnes Gesicht,

In meinem Herzen dieses Land vom Gewitter erhellt.

 

 

 

Yves Bonnefoy

VRAI NOM

 

Je  nommerai désert ce château que tu fus,

Nuit cette voix, absence ton visage,

Et quand tu tomberas dans la terre stérile

Je nommerai néant l’éclair qui t’a porté.

 

Mourir est un pays que tu aimais. Je viens

Mais éternellement par tes sombres chemins.

Je détruis ton désir, ta forme, ta mémoire,

Je suis ton ennemi qui n’aura de pitié.

 

Je te nommerai guerre et je prendrai

Sur toi les libertés de la guerre et j’aurai

Dans mes mains ton visage obscur et traversé,

Dans mon coeur ce pays qu’illumine l’orage.

 

 

 

Philippe Soupault (1897 Chaville – 1990 Paris)

(Je n’ai confiance que dans la nuit…)

 

Ich habe Vertrauen einzig zur Nacht

dem Schatten wo das Gemurmel

verheißt

die Ewigkeit

ich kenne keine Scham mehr

ich sehe ich rufe

ich schreie

Alles schweigt

und du erscheinst triumphierend nackt

mit glücklich ausgestreckten Armen

du sagst nun nun

und ich bin dein Schatten

ich höre zu ich gehorche

das Schweigen gehört dir

und ich bin das Schweigen

Ich halte dich zrück

während die Welt sich verflüchtigt

eine Wolke

Du bleibst

du bist die Nacht

die Nacht ganz und gar

mit dem Raum und der Zeit verschmolzen

du bist die Wahrheit

o großes Feuer

Flamme die sich aneignet und erobert

die mit einem einzigen Stoß einem Blick

überwältigt

O du

deine Hände ergreifen und schenken

Vergessen

O Diamant o Quelle

Metamorphose

Ich habe Vertrauen einzig zur Nacht

 

 

 

Salvador Espriu (1913 Santa Coloma de Farners – 1985 Barcelona)

ZERBERUS DARGEBOTEN   (Ofrenat a Cèrber)

 

Ich habe mein Leben den Worten geweiht

und bin der hündischen Gier gemächliche Weide geworden.

Ach, Wächter, Erbarmen mit meinen Knochen,

vom Fleisch gefallen gänzlich komm ich hier an!

Ich tauchte die Hände in das geheimnisvolle

Gold meines uralten Katalanisch und zeig sie dir heute

leer, ohne Ertrag, weiß von der Asche

meines Feuers aus Reisig, und es verhallt

im Hohlraum des Kopfes der Klang vom zerbrechlichen Glas.

Unter Schmerzen tanze ich jetzt, dass die Kehlen lachen,

um den Beifall des tausendfachen Gekläffs zu erhalten,

und sie krönen mich mit der Schellenkappe.

 

 

 

Gunnar Ekelöf (Stockholm 1907 – 1968 Sigtuna)

TOTEMTIER   (Totemdjur)

 

In der griechischen Stadt Neapolis

Im staubraschelnden Park verkümmerter Palmen

über dem grauen Meer

von verborgenen Farben und Schiffbrüchen erfüllt

das Museum der schweigenden Welt.

Der Achtfüßer, ganz unten

im Winkel des Scheibenvierecks versteckt

von der Farbe des Hintergrundes, reglos

mit vorstehenden Augen, das Opfer bespähend

Ein gleichmäßiger Luftstrom steigt auf

und sechs sieben Sepias tanzen weiter oben

mit an den schimmernden Seiten wogender Schwimmhaut

unter der Helle die vom Wasserspiegel herabdringt:

Unterwasservögel, Unterwasserfalter

deren Arme zum Perlmuttsrüssel geschlossen sind

sie wirbeln im Tanz voran, alle in einer Richtung

sie sinken und steigen im Schwarm einer um den andern

die Augen genießerisch halb geschlossen

Sepias mit flatternden Schwimmhautlappen

die ständig den Platz tauschen mit ihresgleichen

höher und tiefer. – Ich weiß was sie spielen

sie spielen Strömung, Tiefseestsrömung, frische Gegenströmung

die sie flatternd an Ort und Stelle hält

über der lauernden Tiefe.

 

 

 

Rubén Darío  (1867 Metapa – 1916 León)

LIEB DEINEN RHYTHMUS   (Ama tu ritmo)

 

Lieb deinen Rhythmus lass rhythmisch werden dein Handeln

Seinen Gestzen folgend So auch dein Dichten

Ein Weltall von Universen trägst du im Innern

Und deine Seele ist ein Quell des Gesanges

 

Es lässt die himmlische Einheit die du verstanden

Welten verschieden dir aus den Knospen sspringen

Und wenn die weitverstreuten Zahlen aufklingen

Bring sie in deinem Sternbild zu harmonischem Flammen

 

Schenke Gehör nur jener Beredsamkeit göttlich

Des Vogels der Luft und schreite fort und erahne

Die Strahlung der Nacht geordnet und geometrisch

 

Ewig die schweigende Gleichgültigkeit verbanne

reih aneinander Perle um Perle köstlich

wo seinen Aschenkrug ausschüttet alles Wahre.

 

 

 

Federico García Lorca  (1898 Fuente Vaqueros / Granada – 1936 Viznar/ Granada)

LIED   (Canción)

 

In den Zweigen des Lorbeers

sah ich zwei dunkle Tauben.

Die eine war die Sonne,

die andere der Mond.

Ihr Nachbarinnen, sprach ich zu ihnen,

wo ist mein Grab?

In meinem Schwanz, sagte die Sonne.

In meiner Kehle, sagte der Mond.

Und ich, der ich des Wegs ging

mit der Erde am Gürtel,

sah zwei Adler aus Marmor

und ein nacktes Mädchen.

Der eine war der andere

und das Mädchen war keines.

Ihr Adler, sprach ich zu ihnen,

wo ist mein Grab?

In meinem Schwanz, sagte die Sonne.

In meiner Kehle, sagte der Mond.

In den Zweigen des Kirschbaums

sah ich zwei nackte Tauben,

die eine war die andere

und beide waren keine.

 

 

 

Mihai Eminescu  (1850 Ipoteşti – 1889 Bukarest)

DER SEE   (Lacul)

 

Waldverlorn ein blauer See

gelbe Wasserrosen trägt;

aufgestört in weißen Kreisen

schüttelt er ein Boot.

 

Und ich geh dahin am Ufer,

lausche hier und warte dort,

dass sie aus dem Schilf erblühe,

sacht mir an die Brust sich schmiege;

 

dass wir in den Nachen springen,

nachgeäfft von Wasser Stimmen;

meiner Hand entsinkt das Steuer

und ich lasse von den Rudern.

 

Dass wir ganz verzaubert schweben

unterm milden Strahl des Monds,

Wind im Schilfrohr leise rauscht,

Wasser singt im Wellenwogen.

 

Doch sie kommt nicht… und vergebens

seufz ich einsam, voller Schmerz,

geh dahin am See, dem blauen

mit den gelben Wasserrosen.

 

 

 

George Bacovia (Bacȃu 1881 – Bukarest 1957)

PFAHLBAUTEN   (Lacustrȃ)

 

Seit soviel Nächten hör ichs regnen,

Kann die Materie weinen hören…

Allein bin ich, es führt mein Denken

Zurück mich zu den Pfahlbau-Häusern.

 

Mir ist, ich schlaf auf feuchten Bohlen,

Von hinten eine Wog mich schlägt –

Ich fahre auf im Schlaf, mir scheint es,

Dass ich nicht fort zog heut den Steg.

 

Historisch-leer der Raum sich breitet,

Stets in derselben Zeit ich bin…

Und spüre wie vom vielen Regnen

Am Hinstürzen die Pfeiler sind.

 

Seit soviel Nächten hör ichs regnen,

Erschauernd ewig, wartend ewig….

Allein bin ich, es führt mein Denken

Zurück mich zu den Pfahlbau-Häusern…

 

 

 

Tudor Arghezi   (1880 Bukarest – 1967 Bukarest)

ZWISCHEN ZWEI NÄCHTEN   (Între douȃ nopţi)

 

Ich habe den scharfen Spaten ins Zimmer gestoßen,

Draußen blies Wind. Es hat in Strömen gegossen.

 

Ich hab mein Zimmer tief unter die Erde gegraben,

Es goss in Strömen. Der Wind hörte nicht auf zu klagen.

 

Durchs Fenster warf ich die Erde der Grube hinaus.

Die Erde war schwarz: es wogte der Vorhang des Blaus.

 

Die Erde stieg übers Fensterkreuz weit empor.

Wie die Welt türmte ein Gipfel sich, Christ weinte dort.

 

Mein Spaten ward stumpf vom Graben. Der mit Gewalt

Ihn zerbrach, war der Vater mit der Gebeine Basalt.

 

Ich kehrte zurück durch die Zeit, wo ich einst stieg hinab,

Unerträglich wie vorher war im Zimmer mein Tag.

 

Hinaufsteigen zum Gipfel wollte ich gern,

Spät wars im Himmel. Es stand am Himmel ein Stern.

 

 

 

Lucian Blaga   (1895 Lancrȃm – 1961 Cluj)

QUELLE DER NACHT (Izvorul nopţii)

 

Schöne,

so schwarz sind deine Augen, dass am Abend,

wenn mit dem Kopf ich lieg in deinen Schoß gebettet,

mir ist,

als wären deine tiefen Augen jene Quelle,

aus der die Nacht rinnt über Täler

geheimnisvoll, und über Berge, Fluren,

die Welt mit einer See

von Finsternis bedeckend.

So schwarz sind deine Augen,

o mein Licht.

 

 

 

SELBSTPORTRÄT   (Autoportret)

 

Lucian Blaga ist stumm wie ein Schwan.

In seiner Heimat

nimmt das Schneeweiß des Wesens die Stelle

des Wortes ein.

Seine Seele ist auf der Suche,

auf stummer, hundertjähriger Suche

seit eh und je,

und bis an die letzten Grenzen.

Sie sucht das Wasser, woraus der Regenbogen trinkt.

Sie sucht das Wasser,

woraus der Regenbogen

seine Schönheit, sein Nichtsein trinkt

 

 

 

Ana Blandiana   (* 1942 Timişoara)

OMPHALOS

 

Ein Stein ist ein Gott,

Der sich so langsam bewegt,

Dass mein schnellsterbliches Auge

Nicht fähig ist,

Seine Bewegung auszumachen.

Wie man von einer Woge

Und einer Wolke

Nicht erwarten kann,

Dass sie verstehn, was das Meer ist.

Wenn alles zusammenbricht

Und sich danach zersetzt

Zur giftigen  Lösung

Aus Gestern und Morgen,

Ist ein Stein der dennoch lebendige

Kern der Welt,

Der geschrumpfte Sinn, der noch bleibt,

Omphalos, Knospe, aus der

Die ganze gemeuchelte Welt

Noch einmal aufsprießen wird,

Wenn Gott, der verteilt ist

Gleichmäßig auf die Steine,

Sich zusammenfügt zur Barrikade.

 

 

 

Ossip Mandelstam  (1891 Warschau – 1938 Wladiwostok)

(Gde swjasanny i prigwoshdjonny ston?)

 

Das Stöhnen – wo? gekettet, aufgespießt?

Prometheus – wo? des Felsens Halt und Stütze?

Der Geier – wo? und gelbäugig die List

Von Krallen, unterm Kopf hervor sich stürzend?

 

Nichts kommt. Tragödien – ohne Wiederkehr.

Doch diese Lippen, die nach vorne prellten,

Die Lippen führen tief ins Wesen her

Des Aischylos, der packte, des Sophokles, der fällte.

 

Ja, Echo ists und Gruß, ist Wegstein, Pflug.

Die Bühne – Luft und Stein – des Zeiten-Wachsens

Stellt auf sich. Jeder jeden blickend sucht:

Geborne, Sterbliche und die des Tods entraten

 

 

 

Welimir Chlebnikow (1885 Tundutowo / Astrachan – 1922 Santalowo / Nowgorod)

EINSAMER GESICHTESCHNEIDER  (Odinoki lizedej)

 

Während über Zarskoje Selo

Der Achmatowa Gesang und Tränen strömten,

Habe ich, der Zauberin Gespinst entflechtend,

Wie ein Leichnam schläfrig mich durch Einöden geschleppt,

Da war am Verschmachten das Unmögliche:

Abgematteter Gesichteschneider,

Der fürbass ging über Stock und Stein.

Unterdessen hat die Kraushaarstirn

Des unterirdschen Stiers in dunklen Höhlen

Blutrünstig geschmatzt und Menschen viel geprasst

Im Dunst unflätiger Bedrohung.

Von Mondes wegen eingehüllt,

Abendlichem Wandrer gleich im Schlafumhang,

Sprang im Traum ich über Klüfte hin,

Schritt von einem Fels zum andern.

Blind ging ich, indes

Der Wind der Freiheit mich antrieb,

Mich mit schrägem Regen peitschte.

Ich nahm das Tierhaupt ab vom mächtigen Fleisch und Knochen

Und lehnte es an eine Wand.

Ich schwang es wie ein Kämpfender der Wahrheit über dieser Welt:

Seht, das ist es!

Das ist die Kraushaarstirn, für die die Menge sich entflammt hat!

Und mit Grausen

Begriff ich, dass ich nicht gesehen war:

Dass es vonnöten, Augen auszusäen,

Dass für die Augen kommen muss ein Sämann!

 

 

 

Cesare Pavese (1908 Santo Stefano Belbo – 1950 Turin)

NACHTSTÜCK   (Notturno)

 

Der Hügel ist nächtlich unter dem klaren Himmel.

Dem Bild fügt dein Kopf sich ein, der sich kaum bewegt

und den Himmel begleitet. Wie eine Wolke bist du,

die man vage ahnt zwischen  Zweigen. Dir lacht in den Augen

die Fremdartigkeit eines Himmels, der nicht dein ist.

 

Der Hügel aus Erde und Blättern schließt

mit seiner schwarzen Masse ab dein lebendiges Anschaun,

dein Mund hat die Falte einer behutsamen Buchtung

zwischen den fernen Hängen. Du scheinst zu spielen

mit dem großen Hügel, dem Lichtschein des Himmels:

Mir zu Gefallen wiederholst du den uralten Hintergrund

und machst ihn reiner.

 

Aber du lebst woanders.

Dein sanftes Blut ist woanders entstanden.

Und deine Worte finden kein Echo

in der spröden Traurigkeit dieses Himmels.

Nichts bist du als eine sehr sanfte, weiße Wolke,

die sich eines Nachts verfangen hat in den uralten Zweigen.

 

 

 

Algernon Charles Swinburne  (1837 London – 1909 Putney)

EURYDIKE

 

An Victor Hugo

Orpheus, die Nacht ist voller Tränen und Geschrei,

Und kaum, des Sturms und der Zerstörung wegen,

Kann selbst dein Auge ihres Kopfes sicher sein,

Der niemals deines Geistes Auge je verließ

(Jedoch in solcher Weise vor ihm stand und glänzte,

Als ob die Liebe nährte ihre Hände, Lippen)

Und stummen Munds aus staubiger Totenstille strebte,

Antwort zu geben, als du aufzustehn sie hießest.

 

Schlangengequält muss noch ihr Herzblut spüren

Den Zahn, der plagte sie im Schlaf, den eklen Keim,

Selbst wenn sie wacht, vom schlimmsten Höllengiftwurm,

Ob er sich jetzt auch krümmt vor ihrer wunden Ferse.

Wende dich nur, sie wird nicht schwinden, dir entfliehn;

Warte und schau die Hölle, die entlässt Eurydike

 

 

 

Percy Bysshe Shelley (1797 Field Place b. Horsham – 1822 Golf von La Spezia)

SONETT   (Sonnet / Lift not the painted veil…)

 

Heb den bemalten Schleier nicht, der Lebenden

Das Leben ist: Wenn Schemen auch gemalt

Darauf und Täuschung alles, was wir wähnen

Mit eitel Farb bedeckt – im Hinterhalt

Stehn Furcht und Hoffnung, Zwillingswesen, webend

Am Abgrund ihre Schatten, blind und fahl.

Ich kannte einen, der ihn hob – es suchte,

Denn sein verlornes Herz war zärtlich, Liebe.

Er fand sie nicht. Ach, da war, was er brauchte

Und was die Welt enthält, nicht, kein Besitz!

Hinfort ging er durch der Sorglosen Mitte,

Ein Leuchten unter Schatten, schimmernd Punkt

Auf dieser düstern Szene, Geist, den trieb

Die Wahrheit wie den Prediger: Sie ward nicht kund.

 

 

 

Jan Kochanowski (1530 Sycyna / Radom – 1584 Lublin)

KLAGELIEDER    VIII    (Treny VIII)

 

Große Leere ist im Hause eingezogen,

Seit du, Ursula, dich hast davongestohlen.

Zahlreich sind wir, und doch scheints, das leben fehle:

Soviel ist verlorn mit einer kleinen Seele!

Hast geplaudert für uns alle, hast gesungen,

bist mit flinkem Schritt durch Haus und Hof gesprungen.

Hast die Mutter keine Stund sich grämen lassen

Noch den Vater grübelmüd beim Kopf sich fassen,

Da du diesen bald, bald jene sanft umarmtest,

Ihrer dich mit Lachen und mit Scherz erbarmtest.

Stumm ist alles nun im Haus und öde Leere:

Keiner, der mit Spiel und Lachen ihrer wehrte.

Leid starrt jetzt den Menschen an aus jedem winkel.

Das Herz  blickt sich vergebens um wo Trost noch winke.

 

 

 

 

 

 

 

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Kurzbiografie:

 

 

ROLAND ERB, geb. in Töppeln (Thüringen), lebt als Lyriker, Erzähler, Herausgeber und Übersetzer in Leipzig. Nach dem Studium der Romanistik tätig u.a. als Verlagslektor und später als Chefredakteur der Literatur- und Kunstzeitschrift „Ostragehege“. Jahrelang freiberuflich tätig, mehrere Aufenthaltsstipendien. Erhielt im Jahr 2000 die Mihai Eminescu- Medaille der Republik Rumänien. Veröffentlichte Gedichtbände – „Die Stille des Taifuns“ (1981), „Märzenschaf“ (1995), „Trotz aller feindllichen Nachricht“ (2014) und zahlreiche Prosatexte und Essays, dazu Editionen und Übersetzungen von Prosa, Lyrik, Dramatik aus romanischen Sprachen, dem Englischen, Schwedischen und Russischen. Übertrug u.a. Gedichte von Gunnar Ekelöf, Percy Bysshe Shelley, Philippe Soupault, Yves Bonnefoy, Claude Esteban, Michel Deguy, Rubén Darío, Antonio Machado, Salvador Espriu, Cesare Pavese, George Bacovia, Lucian Blaga, Stefan Aug. Doinaş, Ana Blandiana, Ossip Mandelstam, Velimir Chlebnikow, Boris Pasternak, Valeri Brjussow, Michail Lermontow, Wassili Shukowski, Jan Kochanowski. Übersetzte u.a. Prosawerke und Dramen von Alejo Carpentier, Miguel Otero Silva, Jorge Amado, Christoph Kolumbus, Dino Buzzati, Pier Paolo Pasolini, Eduardo de Filippo, Mihail Sadoveanu, Tudor Arghezi, Mihail Sebastian, Doina Ruşti und zusammen mit Marga Erb Prosawerke von Boris Pasternak, Anton Tschechow sowie Jewgeni Samjatins Roman „Wir“.

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