Rodica Draghincescu im Gespräch mit Jörg Becken

 

 

(Rumänien-Frankreich)

 

 

im Gespräch mit JÖRG BECKEN

 

 

 

Ich schreibe in mehreren Sprachen, mit der Mutterzunge spreche ich die Ideen aus.

 
 

MOTTO:

 

Ich schreibe Lyrik, um nicht zu sein. Ich schreibe Lyrik, um nicht zu töten. Ich schreibe Lyrik, um in Stimmung zu sein. Um mit den Blinden zu sehen, um mit den Tauben zu hören, um mit den Verrückten zu weinen, um mit den Mönchen zu lachen, um mit dem Wolfsrudel zu rennen, um mein Herz den Walfischen zu schenken, die von zu viel Schwung und Lust auf dem Trockenen landen! Ich schreibe, damit mir aus den Händen Brot und Salz, Milch und Honig sprudeln, und Wasser, viel Wasser, und manchmal ein Tropfen Gift, das ich in winzigen Mengen dazu nehmen kann, die feindlichen Worte zu heilen oder zu betrügen.

Ich schreibe in mehreren Sprachen, mit der Mutterzunge spreche ich die Ideen aus. Ich nehme meine Muttersprache auf einen Spaziergang mit, ich zeige sie bei internationalen Messen vor, ich tunke sie in linguistische Soßen, gebe philosophische Gewürze dazu, ich weiß doch, dass die Leute die „Zunge“ anderer verehren.

 

 

 

 

Ich schreibe und sage laut, was ich schreibe. Ich tue viel Böses, wenn ich nicht Gutes tue. Ich schreibe für mich, ich schütze mich vor allen, die mir gleichen wollen. Ich gleiche niemandem. Ich gleiche mir nicht. Meine Feindschaft ist hereinbrechende Liebe, Liebe auf Messers Schneide.

Ich schreibe auch Romane, ich mache aus ihnen Spurenansammlungen, Schatten für die, die ihren Körper verloren haben. Ja, ich schreibe und verkaufe Prosa über meine Lyrik, ich verkaufe meine Mängel und Vorzüge zum Preis einer Cine-Poem-Ma(thema)tischen Liebe, à la David Lynch.

Übersetzung aus dem Rumänischen: Eva Ruth Wemme

 

 

Jörg Becken: Rodica, seit mehreren Jahren arbeiten wir gemeinsam auf dem Feld der Lyrik zusammen, in ihrer Zeitschrift http://www.levurelitteraire.com  und im KLAK Verlag (http://www.klakverlag.de). Eine gute Gelegenheit, endlich mit Ihnen über ihr Leben, die Sprache und Ihre literarischen Werke zu sprechen.

 

Rodica Draghincescu: Ich freue mich auf Ihre Fragen, über Poesie zu sprechen ist wie eine Unterhaltung über das Leben und die Essenzen und Dinge, die es ausmachen.

 

JB: Beginnen wir in Ihrer Kindheit, diesem « Tanz der Erinnerung », von dem sie einmal sprachen. Sie sind in Buziaş geboren, einem kleinen Ort in der Nähe von Timișoara, nicht weit entfernt vom Geburtsort der Nobelpreisträgerin Hertha Müller. Es scheint, dass diese multikulturelle Region des Banat Nonkonformisten hervorbringt.

 

RD: Ja, die Kindheit, das Land unserer Füße! Ich bin im rumänischen Banat (nahe der serbischen Grenze und dem serbischen Teil des Banat) geboren. Eine flache Landschaft mit Wäldern, kleinen sonnigen Hügeln, wo Reben wachsen und sich unter dem Boden Mineralwasser verbirgt, hier und da Mais- und Weizenfelder, Kühe, Schafe, viele Gänse und Enten sowie die berühmten Störche auf den Dächern. Sehr charmant, sehr malerisch. Ich kam in Buziaş zur Welt, einem dörflichen Kurort, in dem Krankheiten des Herzens behandelt wurden, in dem Rumänen, Ungarn, Deutsche, Juden, Roma, Bulgaren und Serben in Frieden leben, neuerdings auch Russen und Ukrainer aus den ärmeren Regionen des nördlichen Rumänien.

 

JB: Welche ursprünglichen Erfahrungen hielt das ländliche Leben für ihre literarische Zukunft bereit? Woher rührt diese von ihren Rezensenten attestierte Überempfindlichkeit und seltsame Besessenheit für das literarische Schreiben?

 

RD: Ich glaube, dass ich beim lieben Gott von meiner Mutter bestellt wurde, um als Dichterin geboren zu werden, dieses etwas andere und fremdelnde Wesen zu sein, seltsam und zerbrechlich, stark und doch sehr liebevoll! Meine ganze Kindheit über hatte ich Angst vor dem Tod von Menschen, der Pflanzen, Vögel und anderen Tiere.

 

JB: Voilà, ein allumfassendes Naturempfinden…

 

JB: Genau. Ich hatte Gefühlskrisen (Tränen und all das Zeug, als ob ich der Hüter des Tempels der pflanzlichen und tierischen Gebrechlichkeit war), wenn jemand Blumen aus dem Garten meiner Großmutter pflückte. Ich beschuldigte jeden, ein Verbrecher zu sein, der einer Blume, einer Pflanze, einem kleinen Leben, es sei nur grün, etwas zuleide tat. Ich hatte zu viel Phantasie für ein Kind, wenn ein Küken starb, na ja, stellen sie sich das ganze Tamtam vor, ich weinte, ich litt, für das Wahre, ich begrub es im Garten, und imitierte die Begräbnisrituale der Erwachsenen, eine ganze Woche dachte ich daran, was dieser kleine tote Körper unter der Erde erleiden musste.

 

JB: Wirklich ein entzückendes Kind.

 

RD: Was für ein drolliges Kind! In der guten Tradition der trauernden Erwachsenen, lud ich alle Kinder von der Straße, alle meine Nachbarn ein, sein Grab zu besuchen. Man verstand nicht viel von Gott, blinzelte die ganze Zeit in die Sonne, im Schatten eines großen Kirschbaumes sitzend. Meine Großmutter, Outza, war sehr enttäuscht, ein kleines Mädchen zu haben, das so quicklebendig war. Als Bäuerin hatte Outza ein gutes Verhältnis zum Tod, für sie harmonierten das Leben und der Tod perfekt. Outza grummelte und erzählte allen alten Frauen, wie zerbrechlich und von allen guten Geistern verlassen ihre Enkelin war. Und dieser Zirkus der Gefühle und Phantasien war hier nicht zu Ende! Im Alter von zehn Jahren, wollte ich so sehr mit Wasser, Lehm und Ton kleine Wunder kreieren, dass meine Eltern eine Töpferscheibe beschaffen mussten.

 

JB: Eine Scheibe? Um zu sehen, dass die Erde sich dreht…

 

RD: Ja, und mein Kopf auch, in den Ideen und Kindheitsträumen. Die Scheibe beschäftigte mich Tag und Nacht. Einige Monate später nahm ich Töpferkurse an einer Volkskunstschule. Die Liebe zur Erde, verbunden mit allem, was aus ihr erwächst, der Wurm, assoziiert mit der Angst vor allem, was in die Erde zurückkehrt. Das sind einige der Symbole dessen, was Sie bizarre Obsession nennen. Bis heute brauche ich diese praktischen Übungen, um zu lernen, dieses Übermass an Empfindlichkeit des Kindes von früher zu verlieren.

 

 

 

 

JB: Und in der Poesie, eine fortwährende Suche, die in der Gegenwart vermittels innerer Spiegel und Meditationen entsteht. „Die Wirklichkeit ist ein Raubtier » schreiben Sie später in Ihrem Roman « Craun ». Haben Sie kein Verlangen, sich endlich von dieser persönlichen Vergangenheit zu befreien?

 

RD: Jeder Autor lebt in seiner eigenen Vergangenheit. Sie ist eine Quelle des Gleichgewichts oder der Metamorphosen, die seine Gegenwart beeinflusst! Jedes Schreiben ist individuell. Es gibt Autoren, die ihr ICH in einer dritten Person verstecken, einem ER oder einer SIE, aber im Grunde handelt es sich immer um eine persönliche Erfahrung! Und wer seine Kindheit vergisst, hat keine Identität! Ich bin ein Fan meiner Kindheit, sie reizt mich. Das JE (franz.: ich) und die Jeux (franz.: Spiele) der Kindheit (bewahrt in meinem Körper und der Seele) retten mich vor den politischen und geschäftlichen Routinen des Alltags jeglicher Natur.

 

JB: In welchem Alter haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

 

RD: Als Kind war ich sehr durchlässig. Diese Angst vergrößerte und verzerrte meine Vorstellungen von der Welt. Schon mit zwölf Jahren begann ich Gedichte über die Angst zu schreiben, eine reine Offenbarung. Wenn ich meine kindlichen Ängste analysiere, entdecke ich eine Art Vorahnung. In diesem Alter dachte ich schon über das, was mir später passieren würde, und es geschah tatsächlich. Ein vorahnendes Kind, ein „Medium“ ? Ich übertreibe, aber ich fürchte mich noch heute vor den Visionen des Kindes Rodica.

 

JB: Ihre ersten Veröffentlichungen erschienen im Jahr 1983. Ihre autofiktionalen Gedichte und Texte sind wie Teile eines Puzzles, die um das Selbst kreisen und den Leser ermutigen, unverschlüsselt sehr persönliche, sehr intime Fragen zu stellen. Eine wirkliche Entäußerung. Ist das Schmerz oder Verunsicherung?

 

RD: Beides! Für Leser, die nicht in einem osteuropäischen Land gelebt haben, jene, die nicht das Leben der Rumänen kennen, sind meine Worte sicher autofiktional. Als Mutter meiner Gedichte, muss ich ihnen beichten, wie ich sie auf die Welt gebracht habe. Für jedes Gedicht habe ich ein Alibi aus Leiden und Sorgen, Glück und Schmerz. Für jedes Gedicht habe ich Tränen vergossen, habe mich geekelt und am Ende habe ich geschrien vor Freude, wie befreit. Das Elend, Krankheit, das Böse, das Ungück, die Angst, Unterdrückung, nervöse oder sexuelle Erregung, der Wahnsinn in einem Käfig aus Luft unterdrückt zu werden, ähneln sie nicht der Autofiktion?

 

 

 

 

JB: Glauben Sie wirklich?

 

RD: So ist das Leben, das Leben mit dem Körper und seiner Umwelt, die Familie, die Gesellschaft, die Welt. Vor allem, wenn es in der Literatur geschieht, und wenn die Leser nichts mit mir oder dir zu tun haben, dem Autor der sogenannten « Autofiktionen », jenen mehr oder weniger poetischen Geschichten, die sich von diesem balkanischen und interethnischen Raum inspirieren. Meine Literatur sammelt die Quellen meiner Gefühle und kerkert sie ein, bewacht sie wie einen kostbaren Schatz.

 

JB: Rumänien erlebte Anfang der 1990er Jahre einen kulturellen Aufbruch, eine Befreiung der Sprache von der hölzernen offiziellen Ausdrucksweise des kommunistischen Systems und ihrem Gebrauch in der privaten Nische. Man konnte beobachten, wie Rumänien im Dezember 1989, wie andere osteuropäische Länder, aus dieser großen Verstümmelung, diesem Krieg, aufbrach, wie seine in Uniformität eingeengten und eingesperrten Glieder das Vergnügen in der Elastizität und Erweiterung wiederfanden. Die vielen Facetten Rumäniens erwachten mit den unendlichen Freiheiten des wirklichen Lebens. Das Narrativ der Freiheit inspirierte die Freiheit der Sitten, eine neue politische Freiheit in einer sich suchenden Demokratie.

 

RD: Diese so grausame Epoche, die Jahre des Kommunismus, primitive Jahre geprägt von Armut und Dummheit, ungerecht und frustrierend durch den Mangel an Freiheit, an Demokratie, persönlichen Möglichkeiten, Freuden, Selbstsicherheit und Sicherheit, diese Jahre der Zensur, der Verbote, der Blockaden, welche niemandem sein individuelles Recht zugestanden und die unser Leben unter ein großes Fragezeichen stellten! Und dann war es zuerst meine Stadt, die sich als erstes auflehnte. Meine Stadt, die ihre Bürger geopfert hat, um die Würde und den Weg in ein normales Leben zurück zu gewinnen. Timișoara, Stadt der rumänischen Revolution, in der die blutige Revolution des Herbst 1989 begann.

 

JB: Anfang der 1990er Jahre waren Sie eine der wichtigsten Stimmen der Gruppe der „Nonkonformisten“. Die rumänische Presse nannte Sie eine „Amazone der rumänischen Literatur“, „die Peitsche der neuen rumänischen Poesie“, „die Frau, die alle Grenzen der Poesie sprengt“ und die „Fahnenträgerin der Generation ‘90“, die nach dem Fall des Ceaușescu-Regimes und der kommunistischen Zensur auftauchte. Eine rebellische Löwin und auch eine große Zärtlichkeit, Schüchternheit und Diskretion. Sind sie sich dieses Bildes bewußt, das Sie hervorriefen?

 

RD: Fast alle Literaturkritiker Rumäniens haben diese zwei Wörter verwendet: «Löwin» und «Rebellin». Sie haben Recht: das bin ich. Löwin, wegen meiner rebellischen Locken, meinem Temperament, wegen meiner drei in Rumänien praktizierten Berufe, und besonders wegen meiner Revolte gegen jede Form von Falschheit, Ungerechtigkeit, Betrug. Nonkonformistin? Ja. Vielleicht. Aber ich kenne den Grund nicht. Oft wurde ich « provokativ » genannt. Oder subversiv! Es gefällt mir. Anfangs verstand ich nicht, warum man mir diese Etiketten auf den Rücken klebte, es erinnerte mich an die Matrikelnummer auf den Ärmeln der Schuluniform in den 80ern, weil ich absolut keine Provokateurin war, später allerdings tat ich mein Bestes, um meine Kritiker nicht zu enttäuschen.

 

JB: Man hat Sie nicht verstanden? Mutig im Schreiben zu sein schickt sich nicht für eine Frau aus einem östlichen Land? Man hat Sie etikettiert, eingeordnet und basta!

 

RD: Das ist richtig. Und schlimmer noch, wenn einem fälschlicherweise jeden Tag gesagt wird: «Du bist so oder so», nimmt man unfreiwillig irgendwann diesen Charakter an. Aber, es ist ganz einfach: ich bin eine normale, liebevolle, weise, gastfreundliche, sinnliche, aufrichtige, strenge, eine feminine und feministische Frau zugleich, manchmal schamlos, manchmal beunruhigt und beschämt. Verdammt! Weder das Eine noch das Andere. Mein Bild gefällt mir und gleichzeitig geht es mir auf die Nerven. Es ist nicht beruhigend, über sich selbst zu sprechen…

 

JB: Für Ihren ersten Roman „Distance entre un homme habillé et une femme telle qu’elle Est“ („Die Distanz zwischen einem bekleideten Mann und einer Frau, so wie sie Ist“), haben Sie 1996 den Preis des rumänischen Schriftstellerverbandes erhalten. Dieses Buch, ein Tagebuch, geschrieben wie ein Roman, ließ niemanden gleichgültig, er bereicherte die rumänische Literatur mit einer nie gekannten Energie und Originalität. Die gesamte rumänische Literaturkritik widmete dem Roman große Aufmerksamkeit.

 

RD: Dieser Titel hat sich mehr als zehn Jahre auf der Liste der beliebtesten Romane aller literarischen Epochen in Rumänien gehalten.

 

JB: Er fand im Jahr 2001 auch seinen Weg in der französischen Literaturlandschaft und in eine der wichtigen amerikanischen Literaturzeitschriften. In Frankreich bezeichnete man sie als weiblichen Michel Butor oder als rumänische Nathalie Sarraute.

 

RD: Ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn ich von den Kritikern mit Nathalie Sarraute und Michel Butor verglichen wurde. Ich finde nichts Gemeinsames zwischen meinen und ihren Schriften. Ich habe Hochachtung für beide Autoren, ich arbeitete mit Michel Butor zusammen, interviewte ihn, übersetzte seine Gedichte, aber dass… Solche Vergleiche mit großen Autoren legen die Messlatte sehr hoch und verpflichten dazu, die Kritiker nicht zu enttäuschen. Ich versuche, mein eigenes Modell zu finden. Ich will kein verlorenes Schaf in einer Herde sein! Obwohl ich ein orangefarbenes Schaf sein könnte! Ich war schon immer so: auf der Suche nach allem und nichts. Ich will nicht auf ausgetretenen Wegen gehen. Ich suche keine Originalität um jeden Preis. Aber ich will nur denken und schreiben, wie es aus mir herauskommt, und dieses ‚ich‘ ist wirklich „à part“, etwas wild, aber gut, in meinem Fall…

 

 

 

 

JB: Dieses neue, frische und rhythmische Schreiben, tief in seiner menschlichen Botschaft, finden wir dann auch in ihrem zweiten Roman CRAUN (dt.: Vagabund) der in Rumänien 1999, in Frankreich unter dem Titel A VAU-L’EAU 2005 bei ArHsens erschienen ist. Er lädt uns zu einer noch ehrgeizigeren, noch gewagteren Lektüre ein. In Rumänien hat diese „labyrinthische » Schrift dazu geführt, dass rumänische Kritiker Sie mit einer postmodernen Simone de Beauvoir verglichen haben. Diese brutale Auferstehung einer ganzen Gesellschaft, die fast ein halbes Jahrhundert lang gewaltsam in einer Art Schläfrigkeit gehalten wurde, macht die Kraft dieser so radikalen und notwendigerweise originellen Schrift aus, da sie Dinge sagt, die so lange unbekannt waren. Was macht den Roman so einzigartig, der Sie auf einen vorderen Platz in der femininen Prosa Osteuropas platziert?

 

RD: CRAUN ist zugleich ein polyphoner Roman, der mit einer Geschichte aus Lebensstücken und Mentalitäten die Charaktere, die Stimmen, die Handlung und ihre Zeit übertüncht. Als narrative Konstruktion erscheint dieser Roman wie ein Puzzle aus mehreren literarischen Genres und Humor in verschiedenen Tonlagen. Es ist ein Antiroman, eine Herausforderung von Stilen und Zielen, ein Text, der etwas anderes als die allgemeine Vorstellung oder Praxis des Romans vorschlägt. Und der, gegen den Strich gebürstet, den ganzen komplexen Prozess der Schöpfung, des Denkens, des Lebens und des Schreibens eines Buches, einer Geschichte, zeigt!

 

JB: Es ist komplex, ich sehe es ein…

 

RD: Es ist wie ein Spiegel, der glänzt, selbst wenn wir unsere Gesichter und Tage darin nicht sehen wollen! Es ist ein Buch darüber, wie wir leben und schreiben und wie wir Tag und Nacht mit unserem Schreiben mit den Gedanken unserer Figuren und ihrer Welt leben müssen.

 

JB: Nicht gerade die klassische Art…

RD: Und er fesselt, weil ich im Roman das Leben in vollen Zügen beiße, es küsse und in Literatur verwandle. Seit Proust und Celine, die ich an der Universität in Rumänien studierte, weiß ich, dass das wahre Leben, das es verdient, gelebt zu werden, jenes ist, das unsterblich in guten Büchern lebt. Es ist wahr, dass wir es in der rumänischen Prosa selten gewagt haben, uns über den ‘Mann’ zu mokieren! Der Roman wagt einen Blick in die rumänische Gesellschaft vor und nach 1989 mit ihren Fehlern, ihren Freiheiten und ihren Träumen zum Ende des Jahrtausends. Sein Erfolg erklärt sich durch meine Art, in der ich diese Welt erzählen und dekodieren kann: weder mit brutalem Realismus noch mit wattiertem Formalismus. Ein französischer Kritiker sagte: « Man findet sich in der Anwesenheit einer aufrichtigen Stimme, geschunden, geführt von einer Feder. Weit davon entfernt, nur die Handschrift einer Frau zu sein! Es ist die Schrift eines berührenden und mutigen Menschen, zerbrechlich und scharf, der mit Worten wie mit Rasierklingen auf den Lippen spielt.

 

JB: Rodica, Sie sind eine Abenteurerin der Sprache, mit der Sie verzaubern und den Fallstricken des Alltäglichen entgehen. Man spricht sogar vom Stil « R. D. » und vom « Rodicismus ». Lassen wir noch einmal die französische Literaturkritik zu Wort kommen, die über Sie schreibt:

« Ruckartig, atemlos, verfallen, inspiriert, begraben, immer noch inspiriert, exhumiert, fruchtbar, bunt, dunkel, leuchtend, musikalisch, schreiend, schillernd, erhaben, direkt, heftig, Tigerin, Gazelle, leidenschaftlich, wahr, so ist ihre Stimme, so ist sie, Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin. Empfindsam mehr als die anderen, übersinnlich, ihr ganzer Körper und ihre Seele sind auf der Suche nach der geringsten Emotion, sagen wir das mindeste, weil die Emotionen überall sind, innerlich und äußerlich, unter jedem Herzschlag, des eigenen wie jenem des Insekts, für das sie ihn erfinden wird, das Schreiben erlaubt ihr, auf die Suche nach der verlorenen Kindheit zu gehen, einer vergangenen Zeit, die sie inspiriert und besessen macht. »

 

 

 

 

RD: Ja, es wurde häufig in meinem Land und in Deutschland über den literarischen Stil R.D. geschrieben. Es ist erfreulich, hübsch und ein hoffnungsvolles Versprechen. RD, das macht Geräusche im Ohr, ERDE, das bringt mich zum Lachen… Das internationale Theater der Akademie Schloss Solitude Stuttgart inszenierte ein Poesie-Spektakel (auf Deutsch-Russisch-Rumänisch-Französisch). Der Titel der Show war « Die Ihre, R.D. » (Schauspieler, Musiker, Schlangenmenschen und ich, mit diesem « Rodicismus » zwischen allen Künstlern). Ich schreibe, wenn ich mich schlecht fühle, wenn ich neben der Spur bin. Schließlich verfolge ich alle meine Krankheiten und Worte bis zum bitteren Ende. Krankheit und Selbstironie retten mich vor Klischees und sprachlichen Süßigkeiten. Ich bin Linguistin meiner eigenen Sprache. Wie einen süß-sauer-bitteren Bonbon koste ich diese aus, die Geschichte und Philosophie jeder Silbe, die Bedeutung und den Klang jeder Bitterkeit und Freude des Geistes. Ich versuche mit meiner Stimme zu reproduzieren, was meine Seele und die meiner anderen Bekannten lebt, bevor ich darüber schreibe. Meine Stimmen reproduzieren Begegnungen und Geschichten.

 

JB: Also, waren Sie mit ihren zahlreichen Büchern in Rumänien gut vorbereitet für Ihren Eintritt in die westliche Welt. Ihr langer Aufenthalt im Westen begann in Deutschland, wo Sie in der Akademie Schloss Solitude ab Ende des Jahres 2000 Stipendiatin für 18 Monate waren.

 

RD: Ja, was für eine Überraschung, was für eine Genugtuung. Der unglaubliche Abschied aus Rumänien. Das kleine Mädchen, das die Küken begrub und weinte, erklomm den Gipfel. Ende 2000 wurde ich aus mehreren guten rumänischen Autoren für ein Literaturstipendium an der Akademie Solitude in Stuttgart ausgewählt. Aber wie immer waren die Sorgen noch da! Gerade aus einem rumänischen Krankenhaus entlassen, überquerte ich mit einem großen Koffer für 18 Monate die Grenze. Hm, ich habe kein Wort Deutsch gesprochen! Ich fand mich im sprachlichen Niemandsland wieder. Brauchte einen Dolmetscher. Schloss Solitude, wirkliche Einsamkeit in alle Richtungen und im Dickicht der Poesie mit einem «was tue ich hier», in einem Schloss, in dem sogar Friedrich Schiller aufgewachsen war?! Drei Monate Einsamkeit, sogar große Einsamkeit, Albträume, Versuche mit den Mitbewohnern ins Gespräch zu kommen. Und nun?

 

 

JB: Ah natürlich, Sie sprachen kein Deutsch, es fällt schwer, sich mit sich allein wiederzufinden.

 

RD: Kein Wort Deutsch. Ich sprach nur Französisch, Italienisch, Russisch und etwas Englisch, Serbisch, Spanisch. Wie in der Sprache Schillers kommunizieren? Ehrgeizig begann ich autodidaktisch zu lernen, drei Monate Grammatik, Lexik und Konversation.

 

JB: Welche Beziehung haben Sie zu den verschiedenen Sprachen?

 

RD: Eine sehr vitale Beziehung mit sieben Sprachen: Französisch, die Sprache, die mich seit meiner Kindheit trägt und mir Kraft gibt (vergessen Sie nicht, dass ich bereits in Rumänien eine frankophone Dichterin geworden bin); das Russische, das mich zu unbekannten Leidenschaften treibt, inspiriert durch die Lektüre von Lermontov, Dostojewski, Tschechow oder Anna Ahmatova; die Musik des Italienischen, und die Lebensfreude und den Klang der serbischen Sprache, die ich von meinen Nachbarn in Timișoara lernte. In letzter Zeit legte ich eine Prüfung am Spracheninstitut von Luxemburg ab, weil ich dort in literarischen Projekten arbeite. Aber das vermischt sich leider mit meinem Deutsch…

 

JB: Und das Deutsche? Sind Sie weit über das Stadium der Anfängerin hinausgekommen?

 

 

 

 

RD: Anfangs habe ich mich vor Deutsch erschreckt, aber dann begann ich es zu Lieben. Es schnurrte in den Ohren, und als Katzenliebhaberin sagte ich, wow, das ist eine deutschsprachige philosophische Katze, die schnurrt, gut, ich werde ich mich hineinwerfen. Ich mag alles, was nicht einfach ist, ich mag Sprachen – Krallen und Fell. Das involviert mich, zwinkert mir zu, regt mich an! Mein Deutsch ist praktisch, ohne viel Theorie und Regeln, ich lernte diese noble Sprache vom Fernsehen und auf den Stuttgarter Straßen, jedoch leider aus Mangel an Möglichkeiten nicht in einem Sprachkurs. Es hilft mir, Lesungen in deutschen Kultureinrichtungen zu bestreiten. Mein Wortschatz ist reich genug, um über Literatur zu reden, aber weniger geeignet, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen, in diesem Wirbel der Zunge und des schnellen Denkens, losgelöst von Gefühlen. Kurz gesagt, mein Deutsch ist künstlerisch…

 

JB: Immerhin haben Sie in Stuttgart begonnen, einen dritten Roman zu schreiben, der auf rumänisch und französisch, und nun 2018 bei KLAK in deutscher Übersetzung erschien: Die Fee der Teufel.

 

RD: Das Schloss Solitude inspirierte mich, die Geschichte und die Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit in diesem Schloss lebten, zu erforschen. Und so «verliebte» ich mich in die Anwesenheit des jungen Schiller, der hier seine Jugend verbrachte, seine Figur wurde ein Stimulus und eine Muse für mich… es wurde ein Roman über innere und äußere Migration, den Wandel der Werte und den Zusammenprall europäischer Kultur.

 

JB: Welche heutigen deutschen AutorInnen schätzen Sie besonders?

 

RD: Besonders freue ich mich, deutsche Autorinnen kennengelernt zu haben, mit denen ich kleine Siege im Kampf der Emanzipation weiblicher Schriften teile. Unter den deutschsprachigen AutorInnen, die ich bewunderte, sind Aglaja Veteranyi, Ulrike Draesner, Hans Magnus Enzensberger, Joachim Sartorius, Kurt Drawert, Zehra Çırak und José F.A. Oliver.

 

 

JB: Bewegen wir unsere Zeitmaschine ein paar Jahre nach vorn: von Deutschland sind Sie ins französische Lothringen, in die Nähe von Metz, gezogen. Eine „‘Rumänische Wilde‘, in der französischen Sprache freigelassen, Rodica Draghincescu fährt alle Krallen ihrer Gedichte aus“, schrieb Emmanuel Hiriart in Le Mensuel littéraire et poétique. Was kann man auf Französisch besser sagen, als in einer anderen Sprache?

 

RD: Die französische Sprache ist ein Balsam für meinen rebellischen und spielerischen Geist. Ein Weichmacher, wenn Sie so wollen, um nicht mehr die rauhen Kanten zu spüren. Sie ist in erster Linie Poesie… In Rumänien und während meiner Stipendien in Stuttgart träumte ich von französischen Büchern. Und ich hatte den Wunsch, in dem Land zu leben, dessen Sprache ich als Dozentin und Linguistin für romanische Sprachen schon so gut kannte.

 

JB: Welche Möglichkeiten hatte Ihnen die französische Sprache in der rumänischen Kultur und Linguistik eröffnet?

 

 

 

 

RD: Vor dem Jahr 2000 gab mir die französische Sprache die ganze Freiheit, auf dem fast unbekannten Ozean der universalen Literatur zu navigieren. Als Dozentin für Französisch konnte ich glücklicherweise zur Präsenz meines Landes in der frankophonen Kultur beizutragen, die seinem Geist so am Herzen liegt. Ich begegnete anderen jungen Rumänen auf ihrer intellektuellen Reise, die bemerkten, dass « Französisch sprechen » eine « Freizone » für den noch immer angeketteten Geist darstellte, eine Möglichkeit, durch den « Akt » des Sprechens, Lesens und Schreibens die mentalen Grenzen zu überschreiten. Deshalb bin ich auch eine frankophone Autorin geworden: Im Versuch meine Gedankenspiele, meine Philosophien, meine Texte über die Liebe auszudrücken, habe ich immer das Französische benutzt.

 

 

 

 

JB: Französisch ist eine elastische und flexible Sprache?

 

RD: Diese Sprache gibt mir eine unerwartete Eleganz des Ausdrucks, subtile Metaphern, eine Flexibilität des Denkens. Die Dinge beruhigen sich in mir, sie kanalisiert Ideen und bringt Ordnung. Auf Rumänisch fühlte ich mich berufen, gegen das, was ich im Leben für falsch hielt, zu revoltieren. Ich schrieb poetische Pamphlete, eher soziale Poesie als lyrisch, subversiv, ja, stark und empört. Und Romane abseits der Regeln des klassischen Romans. Ich schrieb auf Rumänisch wie in einer Sprache des Kampfes. Rumänisch war und ist für mich eine Waffe, eine lateinische Sprache mit lauten, volltönenden Konsonanten, provokativen Halbvokalen. Französisch bietet mir eine große Freiheit der Phantasie, eine klangreiche Fuge, Französisch ist eine glatte Sprache, wenn wir es so definieren wollen. Ich wählte sie aus Liebe zur Philosophie und natürlich, um sprachliche Expeditionen zu unternehmen.

 

JB: Rodica, mit der Kenntnis so vieler Sprachen, sind sie natürlich unter anderem auch literarische Übersetzerin geworden. Sie haben große französische Dichter übersetzt, eine gefährliche Übung besonders bei solchen Genies. Haben diese Stilübungen ihrer eigenen literarischen Produktion geholfen?

 

JB: Ja, seit seit meinen Studienjahren habe ich übersetzt. Und jene, die meine Übersetzungen gelesen und verglichen haben, waren zufrieden damit. Es ermutigte mich damit fortzufahren. Die französischen Dichter verpflichteten mich, ihre Größe, ihre Originalität zu respektieren. Die Übersetzung ihrer Werke half mir enorm, mich als universale Literaturbürgerin zu entwickeln. Für mich ist eine Übersetzung eine komplexe Studie des Autors, wie man schreibt, über seine Zeit. Ich habe diese Lektionen gelernt, aber ich lasse mich nicht beeinflussen und sie beeinflussen meine Übersetzungen nicht. Ich lasse die Autoren bei meinen Übersetzungen frei, so wie sie mich in meinem Schreiben nicht stören! Die Übersetzungen sind eine Möglichkeit des Verstehens, des Austauschs, der poetischen Entdeckung und des Teilens der Gefühle. Einige französische Autoren eröffnen als Motto meine Bücher: Yves Bonnefoy, Bernard Noël, Valérie Rouzeau, Sylvie Gouttebaron und Serge Pey. Und Guy Gofette. Ich fühle mich ihnen immer nahe.

 

 

 

 

JB: In den letzten Jahren sind Sie eine wichtige Kulturvermittlerin im besten Sinne des Wortes geworden – nicht nur zwischen Rumänien und der Frankophonie, zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa, Amerika und sogar Asien. Aus eigener Kraft haben Sie 2010 die LEVURE LITTERAIRE – ein interdisziplinäres und mehrsprachiges Online-Magazin, das vierteljährlich erscheint – gegründet. Was verbirgt sich dahinter?

 

RD: Levure littéraire, auf Deutsch Literarische Hefe, geht in das achte Jahr ihres Bestehens. Es ist ein kreativer Mikrokosmos, dem edlen Anliegen des friedlichen Dialogs und der interkulturellen Bildung verbunden. Es ein Ort der künstlerischen Begegnungen, regelmäßig gelesen von etwa 40–60.000 Lesern in 202 Ländern.

 

JB: Rodica, mit ihren drei Interview-Büchern (veröffentlicht in Rumänien, Frankreich und Deutschland), mit Dutzenden von Interviews mit Autoren und Kulturschaffenden aus der ganzen Welt, auch veröffentlicht in Levure littéraire, verraten Sie mir bitte den wichtigsten Grund, der Sie bewogen hat, diese Interviews zu führen? Stellen Sie sich in den Dienst der Literatur anderer? Wie muss man sich das vorstellen?

 

RD: Diese Interviews resultierten aus der Idee, Autoren und Künstler, die es verdienen, weltweit bekannter zu machen und zu vernetzen. Die Interviews werden immer in mehrere Sprachen übersetzt. Leider ist die journalistische Beschäftigung mit Literatur nach meiner Einschätzung zu oberflächlich, findet das individuelle der Autoren nicht heraus und macht sie für Leser nicht interessant. Meine Interviews versuchen hier ein Gegengewicht zu sein. Sie sollen etwas Schönes und das große Geheimnis der Künstler enthüllen. Sie sind auf natürliche Weise Zeugnisse ihres Lebens, Beweise ihrer kreativen Existenz.

 

JB: Kennen Sie alle persönlich? Können Sie uns Ihr Küchengeheimnis verraten?

 

RD: Es gibt keine Geheimnisse aus der Küche. Die Interviews werden entweder mit einem Diktaphon, hunderten E-Mails oder einem Dutzend Briefen geführt. Ich kenne nicht alle meine Interviewpartner persönlich, weil es nicht möglich ist, an ihre Lebensorte zu fahren. Aber ich hatte in der Regel mindestens eines ihrer Bücher in der Hand.

 

JB: Ihre Fragen fordern den Leser heraus! Sie sind unerwartet! Gibt es eine Technik der RD-Frage?

 

RD: RD hat sich mit ihrer Erfahrung als Linguistin und Literaturkritikerin, aber auch als Autorin an diese kleinen lebendigen Gespräche gemacht. Ich versuche eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Ideen entwickeln und die Künstler inspiriert werden, unvergessliche Geschichten zu erzählen und mir ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Mit meinen Fragen umgarne ich den Interviewten, immer mit seinem Werk in der Hand.

 

JB: Kehren wir zu Ihrer Dichtung zurück. Was charakterisiert ein Gedicht oder einen erfolgreichen Text? Dass er sein Publikum findet oder dass sie den Autor mit Freude erfüllt, oder beides zugleich?

 

RD: Ein Text ist der Wille sich auszudrücken, etwas zu übermitteln, jemanden anzusprechen, Stellung zu beziehen, zu intervenieren. Ein Gedicht zeugt von dem Bedürfnis über Gefühle und Empfindungen zu sprechen, über Ideen und Ereignisse, die uns wichtig sind. Ein Text-Gedicht ist der Beweis für eine Existenz, die für sich reklamiert, etwas zu sagen und es mit anderen zu teilen, in einer besonderen Sprache, einem Code der Vorstellungskraft und sensiblen Intelligenz. Ein Gedicht ist der emotionale, aber auch der soziale und kulturelle Abdruck eines Dichters. Er wird durch denselben Dichter kritisch geprüft, und ist er gelungen, wird er den Autor erfreuen und sein Publikum erreichen. Beides.

 

JB: Sie sind in Ihrem Land wie auch anderswo, wie man sagt, eine sichere Bank, ein sicherer Wert. Wie bewerten Sie den hinter ihnen liegenden Weg? Welches sind die bleibenden Daten Ihres künstlerischen Lebens?

 

RD: Ein sicherer Wert? Was ist ein Wert? Nichts ist sicher. Der Wert ist ein unsicheres Wort, hässlich und anmaßend! Ich bin eine zweisprachige Autorin, die versucht, nicht auf den ausgetretenen Pfaden zu gehen. Und es ist nicht einfach… Ich mag die großen Daten nicht. Ich schreibe, weil ich sonst nicht im Gleichgewicht mit mir selbst leben kann, ich schreibe, ich sende meine Manuskripte an französische und ausländische Verleger, ich warte auf die Antworten, die vielleicht niemals kommen. In der Zwischenzeit fühle ich mich unnütz, gaga, still und hoffnungslos. Und ich bedaure jedes Mal, jenen Verlegern zu vertrauen, die eher auf den kommerziellen Erfolg zielen als mutig der Öffentlichkeit einen vielleicht interessanten Autor vorzuschlagen. Ich habe das unangenehme Gefühl, lästige Briefe an Gott zu senden. Aber dieser Gott hat keine Adresse. Und keinen vollständigen Namen! Also? Wichtig ist, dass ich schreibe. Das lässt mich glauben, dass ich lebe.

 

JB: In einem Ihrer franzöischen Gedichte in dieser Ausgabe, « Der Westen wird für morgen sein », sprechen Sie von der Zeit und dem Raum Ihres Exils! Sie schreiben über die Trauer beim Verlassen der Heimat, der Reise nach Westeuropa und befindest am Ende:

« Der gute Westen, ich wusste es nicht. Ich bin dort zu spät angekommen.“

 

RD: Ja, es ist eines meiner Lieblingsgedichte, ich trage es auf der Bühne vor, indem ich Refrains traditioneller rumänischer Lieder singe. Das erhöht meine Klage und hilft mir, einige schlechte Erinnerungen zu evakuieren… Es ist ein Gedicht wie ein Scanner. Ein diagnostisches Poem. Man kann die Dellen meines Herzens sehen, das versucht, im Rhythmus des Westens zu schlagen. Das Herz eines kulturellen Exils.

 

JB: Und die neuen Bücher, die in diesem Gedichtzyklus bei KLAK „Du bist ich. Töte mich“ (in Frankreich RatS, Rienne, Tues Moi) zusammengefasst sind? Was hat sich verändert, bei den Themen? Im Stil? Kommen die Themen der Kindheit heute zurück?

 

RD: Meine Bücher ähneln sich nicht sehr. Vor allem die rumänischen Bücher unterscheiden sich von den franzöischen Lyrikbänden. Ich zwinge mir nichts auf, aber ich funktioniere so, ich wiederhole mich nicht beim Schreiben, weil jeder Text ein anderes Alter und eine andere Reife hat, sie stehen für andere Ereignisse und andere Reflexionen! Neue Bücher sind wie Neugeborene, man muss sich um sie kümmern, ihnen beibringen, wie man die Welt durchquert und versteht, was die Welt einem sagt. Ich verleugne keines meiner Bücher. Sie stellen meine Entwicklung dar…, von meiner Jugend bis zu den Zeiten und Orten des sehr erwachsenen Alters. Kindheit ist immer das stärkste und vernichtendste Wort, das süßeste und das zarteste. Seine Kindheit zu vergessen bedeutet, vor der Stunde zu sterben.

 

JB: Sie sind zugleich noch jung und eine an Erfahrung reiche Autorin. Ihre Lyrik und Prosa wurde bisher in 18 Sprachen übersetzt. Was kann die literarische Welt noch von Ihnen erwarten? Werden Sie im Licht der Weisheit andere Töne finden? Welche Spuren möchten Sie noch im kollektiven Gedächtnis der Literatur hinterlassen?

 

RD: Eine Spur von positiv gewundener Energie, sodass den Suchenden in den Oasen der Schöpfung niemals langweilig wird.

 

JB: Von außen betrachtet, wie würden Sie Rodica Draghincescu sehen?

 

RD: RD ist eine Schriftstellerin, die für Sie schreibt und vor allem wegen Ihnen! Lesen Sie sie nicht! Oder vielmehr, lass sie sie nicht auf Sie warten. Gehen Sie ihr entgegen, aber passen Sie auf, spielen Sie nicht mit ihren Schriften, sie werden zu viel von Ihnen verlangen.

 

JB: Rodica, ich danke Ihnen für dieses interessante Gespräch.

 

RD: Der Dank liegt ganz auf meiner Seite.

 

 

 

 

Interview: Jörg Becken, Historiker und Verleger des KLAK Verlages.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

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Bibliographie (Auswahl)

 

 

In deutscher Sprache:

Phänomenologie des geflügelten Geschlechts, Gedichte, zweisprachig deutsch-rumänisch, Ed. Solitude, Stuttgart 2001

Morgen und Abend, Gedichte, Ithaka Verlag, Stuttgart 2003, Neuausgabe: Pop Verlag, Ludwigsburg 2004

– Schreibenleben, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2005 – Interviews mit Persönlichkeiten des kulturellen Lebens und Schriftstellern aus Europa, französische Ausgabe im Verlag Autres Temps, 2004

Blé blanc, Gedichte, zweisprachig französisch-deutsch, bibliophile Ausgabe mit Illustrationen von Wanda Mihuleac, éditions Transignum, Paris 2007

Ne dis jamais Miroir comme miroir/Sag nie Spiegel wie Spiegel, Gedichte, zweisprachig französisch-deutsch, éditions Poiêtês, Luxembourg 2007

Sag nie wieder/ Ne dis jamais encore…, Gedichte, Hans Schiler Verlag, Berlin 2010

– Grenzporträts. Internationale Gegenwartslyrik (Hrsg.), Anthologie, KLAK Verlag 2017

– Du bist ich. Töte mich, Gedichtzyklus und Interview, KLAK Verlag 2018

– Die Fee der Teufel, Roman, KLAK Verlag 2018

 

 

In französischer Sprache:

Gâteau de terre, poésie, Ed. DU Style, Bucarest, Roumanie, 1999

Peut-être hier, poésie, livre bibliophile, Ed. Trames, Rodez, France, 2001

Distance entre un homme habillé et une femme telle qu’elle est, roman traduction du roumain par Florica Courriol, Ed. Autres Temps, Marseille, France, 2001

Fauve en liberté, poésie, coédition Autres Temps, Marseille, & Les Écrits des Forges, Québec, 2003.

La Lune n’est pas un simple mouchoir, poésie, L’Harmattan, Paris 2003.

Entretiens avec Rodica Draghincescu, Autres Temps, Marseille, 2004 (Interviews mit europäischen Schriftstellern: Yves Bonnefoy, Michel Butor, Guy Goffette, Yves di Manno, Jean Orizet, Serge Pey, Kurt Drawert, etc).

A vau l’eau, roman traduction du roumain par Florica Courriol et Rodica Draghincescu, ArHsens éditions, Paris 2006.

– «RA(ts)», poésie, mit vier Illustrationen des Graphikers Marc Granier, éditions du Petit Pois, Béziers 2012. PRIX DE POESIE VIRGILE der SOCIETE DES POETES FRANCAIS und des CENACLE EUROPEEN DE POESIE, Paris, 2013, nominiert für den Poesiepreis Benjamin Fondane, Paris 2013

RIENNE, poésie, éditions de l’Amandier, Paris, mit zehn Illustrationen der bildenden Künstlerin Suzana Fântânariu, nominiert für den Prix des lycéens de la ville de Paris, 2015, nominiert für den Poesiepreis Benjamin Fondane, Paris 2017

 

In englischer Sprache:

  • Words, under my skin. Gedichte, übersetzt von Howard Scott, Finishing Line Press, USA, 2014, nominiert für den Pushcart Preis 2015
  • A Sharp Double-Edged Luxury Object, übersetzt von Howard Scott und Adam J. Sorkin, Cervena Barva Press, USA, .2014

 

In rumänischer Sprache:

Aproape cald/ « Beinahe heiß » (Gedichte), Ed.Plumb, Bacau, 1993

Fiecare avem sub pat niste fotografii de care ne este rusine (pamphlets et poésies), Ed. Marineasa, Timișoara, 1995.

Distanta dintre un barbat îmbracat si o femeie asa cum E (roman), Ed. Marineasa, Timișoara, 1996

Obiect de lux ascutit pe ambele parti (poésie), Ed. Cartea Romaneasca, Bucarest, 1997

AH! (Lyrik-Anthologie), Ed. Vinea, Bucarest, 1998

Craun (Roman), Ed. Paralela 45, Pitesti, 1999

EU-genía (Gedichte), Ed. Vinea, Bucarest, 2000

Tangouri pe trambulina (essais littéraires, chroniques, interviews, reportages), Ed. Paralela 45, Pitesti, 2001

Zâna dracilor/ Die Teufels-Fee (Roman), Ed. EST, Bucarest 2009, in deutscher Sprache bei KLAK Verlag, 2018

 

 

Ihre Gedichte sind übersetzt u.a. ins Arabische, Chinesische, Deutsche, Englische, Griechische, Italienische, Spanische, Indienische, Polnische, Portugisische, Russische, Schwedische, Serbische, Slowakische, Slowenische, Spanische, Türkische und Bestandteil ungezählter Anthologien.

 

Preise und Ehrungen

Stipendiatin der Internationalen Akademie Schloß Solitude in Stuttgart und am Schriftstellerhaus Stuttgart, 2000-2002.

Prix de la francophonie / Prix spécial étranger für Poèmes de Timișoara, 21 Gedichte auf Französisch, durch die Académie de Lettres et de Beaux-Arts « Le Périgord », Bordeaux, Frankreich, 1992.

Prix spécial étranger (poésie) durch die internationale Revue « Art et poésie », Cosne sur Loire, Frankreich, 1992.

Prix spécial, fremdsprachige Poésie, auf dem Festival International de Poésie « Goccia di luna », Pomezia/Rome, Italien, 1995.

Preis des Schriftstellerverbands der Dobrudscha (Rumänien), unter dem Patronat des rumänischen Schriftstellerverband für den ersten Roman « Distance entre un homme habillé et une femme telle qu’elle est » (Ed. Marineasa, Timișoara, 1995).

Grand Prix « Géo Bogza » für postavantgardistische Poesie, durch den rumänischen Schriftstellerverband und den Verlag Vinea, Bucarest, 1998.

Prix de poésie des Jahres 2001, für das Buch EU-genia, éditions Vinéa, Bucarest 2001, durch den rumänischen Schriftstellerverband und die Vereinigung der Poeten, Bucarest.

Europäischer Poesiepreis LE LIEN für das lyrische Gesamtwerk auf Französisch, verliehen auf dem Internationalen Poesiefestival der Gesellschaft DANTE ALIGHIERI, Metz-Nancy, 19-24 novembre 2006.

EUROPÄISCHER PREIS der FRANCOPHONE POESIE & LETTRES VIRGILE, Société des poètes, Paris 2013, für das lyrische Gesamtwerk (u.a. RA/ts, poésie, éditions du Petit Pois, Béziers 2012) und das Engagement für die französischsprachige Literatur und Poesie.

Schriftstellerresidenz und Stipendium des Conseil Régional de Lorraine und der Direction des Affaires Culturelles de l’Alsace et de la Lorraine, 2015-2016, 2018

Mitgliedschaft: u.a. rumänischer Schriftstellerverband, Vereinigung der Schriftsteller von Bukarest, französische Association des Écrivains Professionnels (ASPRO), Mitglied des Maison des Écrivains von Paris, Vereinigung europäischer Schriftsteller Die Kogge (Minden, Deutschland).

 

 

Homepage RD: www.draghincescu.com

 

 

 

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