Rodica Draghincescu

(Frankreich)

 

 

Der vierhändige Schatten

Manifest für die Erneuerung des poetischen Kilometrierens

 

 

                                                   Für Friedrich Schiller, in rotem Französisch geschrieben

 

 

Motto:

Um ein Wort herum wie um eine Lampe (…).

Nie für einen Gedanken, aber für ein Wort.

Edmond Jabès, Les mots tracent (Die Wörter zeichnen)

 

 

Tastend. Warte darauf, dass es der Sprache beliebt.

 

Kulissen, Personen, Vorhang, genaue Zeit, Auftritte, Alarm, Notausgänge in den Fortsetzungen. Auf die Silben achten. Eine ist verdorben, die Pfeiler des Hauptmundes stammen von 1750, die des Nebenmundes sind so weit auseinander und so neu, ich bin nackt und hochnäsig.

 

Entflechte lange Haare, und aus dem Knoten fallen Zettel (an die hundert), die ich mit gesenktem Kopf und geziert zu lesen beginne:

 

schädliche Luft, schädliches Licht, schädliches Wasser, schädliche Lebensmittel, schädliche Häuser, schädliches Spielzeug, schädliche Freunde, schädliche Tiere, schädlicher Trost, schädliche Staatsangehörigkeit, schädliche Sprache, schädliches Land, schädliche Liebe, Eltern, Möbel, Kleider und Absolutes natürlich. Absolut ich.

 

Gehe, marschiere vorbei, zähle meine Finger, erinnere mich vielmehr gutmütig an etwas. Stelle mich mir selber, der Ehrengarde vor.

 

Die Verhandlungen zwischen dem taubstummen und dem sprechenden Ich verlaufen zufriedenstellend. Auftrag, Leiden fortzusetzen oder Substanz jener hundert Zettel aus dem Haarknoten.

 

Finde schwarzes Hemd auf dem Boden. Schaue schwarze Fliesen an, wahre Geheimnis der Farbe. Färbt nichts weiß. Ich werde von unten nach oben beleuchten. Er wird schwarz zu uns passen, zu mir der Blonden und zu euch Völkern Derridas.

 

Schwarzer Körper fehlt seinem schwarzen Blut. Und das Schwarz dreht Däumchen.

 

Kniend, als drehte ich einen Pornofilm über die Polysemie. Brauche eine Rasierklinge, damit haarige, jungfräuliche Null besser französisch flambiert werde.

 

Der kalte Wind trägt Echo heran:

– Angeklagte, ein Videoprojektor wird deine Hände hervorheben!

 

Das Echo wirft Kieselsteine in meine Stimme:

– Wer ist da? Wen hab ich gerufen?

 

Zünde Zigarette an, halte mich an der Leine.

– Wenn nur du es bist, nur zu, tritt näher, der Zusammenstoß wird uns glücklich machen.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

– Ich am 29. geboren, er am 1o., in einem Abstand von zweihundert Jahren. Friedrich der blonde, mit fleischigen Lippen, Adlernase, Spitzen, Sonnenwimpern, geneigtem Kopf, zu jedem Grübchen bereitem Denken.

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER:

Jene, bin mal mager, mal mollig, braunhaarig, Frisur à la Jeanne d’Arc.

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN:

Wenn nur du es bist, nur zu, tritt näher!

 

Mein Haare wachsen beim Klang einer Leier:

 

Rosa Wasser, Frühlingsluft, 4 Zimmer, Sommerfreunde, blödes Spielzeug, an die hundert Tiere, keine Staatsangehörigkeit, komplizierte Sprache, Liebe zum Schwarzbrot mit Marmelade.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

Auf dem Land, zwischen Ziegen, Kühen, Schafen, Pferden, Gänsen, Enten, Schweinen, Truthähnen, Hühnern, Spatzen, Tauben, Stieren mögest du Bäurin sein!

 

Und er, Sohn des Kaspar, Offizier, und der Dorothea, fromme Lutheranerin, die hofft, aus F. werde ein gläubiger Doktor oder ein Priester. Trotz der väterlichen Bemühungen schreibt Friedrich Gedichte.

 

Tochter von Kleinstern. Und von Pawel ich. Sie, Mama, Tochter von Nutza und Aurel. Nutza Flüchtlingstochter. Von Maria B., aus dem bluttriefenden Transsylvanien, im rumänischen Banat. Geflohen, Hunger, Krieg, Marie, doppelte Staatsangehörigkeit, braunhaarig, schön, äußerst bewegliche Lippen, Spaß am Klatsch über Nutzy, getreue Kopie. Aurelius, von Rosa, der rundlichen, 1,60, geborene Nan, Pfarrersfrau. Aurelius Opa, der große mit den Hängeohren. Macht im Winter samstags die Show „Fliegende Ohren, Zähne am Wachsen!“, plumps pardauz, flatter, zentimeterweise Wunder. Opaohren schlagen mit Flügelspitzen. Jeden Augenblick stehen vier verstorbene Zähne an ihrer Stelle wieder auf. Abrakadabra, und hopp, Minute, ein Zahn, zwei, drei, vier. Lacht sich ins Fäustchen. Abrakadabra! Und hopp! Ende der Show, Schießpulver aus Kernen, rote Zucchini, jüdische Lakscha, auf kleiner Flamme. Mit vollem Mund gibt Aurelius in Latten, Mist, Latein. Und ding dong, die tote Sprache gebar Italienisch, Französisch, Spanisch. In meinem Kinderkopf hängen riesige Münder, essen dies Gericht mit Ziegenmilch. Bunte Kilos, gezuckert, Opazungen schaukeln auf dem Tisch. Legt plötzlich rechte Hand auf eine Scheibe Französisch. Isst sie.

 

Bukaresterin A., Tante, Winter 1970, lädt mich in ihr Haus ein, Musik studieren, Malerei, Ballett. Singe, spiele Akkordeon und Mandoline, bemale Wände, Fensterscheiben, Töpfe des Hauses mit grellen Farben. Will nie weg. Weine Tag und Nacht vor Angst, Familie (Eltern, Omas, Opas, Nachbarn, Entchen Franz) könnten den Geist aufgeben, Blumen könnten verwelken, Schwalben und Spatzen explodieren wegen schwarzen Brombeeren, Fannymaus könnte in Schrank kommen, da ist Opas Mäusefalle. Tante A. schreibt unten auf Seite: „Schade, Kleine könnte Welt regieren! Nicht gegen Talent anpinkeln! Auf euch böse. Ich, Anne“

 

Eines Tages, 1768, Karl II. (Herzog Karl-Eugen) nimmt sie mit nach Stuttgart, Waffen und Theologie studieren, in Militärakademie.

 

DIESER REGIERENDE KÖRPER:

Lange Hose, langes rotes Hemd, mein Körper erzählt sich Gerüche und Geschmäcke, Himbeeren und Brombeeren, Pflaumen und Quitten. Verschiedene Gärten beflecken mich von Mund bis Auge, von Mund bis Fuß. Schwarzer Saft.

 

Immer Kopf gesenkt, Fortsetzung folgt. Blatt Nummer 40. Schwarzer Körper kommt näher.

 

Befreundet sich (Friedrich) mit Braven und Reichen von Marbach.

 

Blatt 40, Rodica, im rumänischen Banat. Das 41. in Stuttgart, Deutschland. Entferne mich, mit gesenktem Kopf.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

Freundschaft mit Stern, Mama, mit Lucie, blond, weich, Friedhofstraße, mit Dorine, klammert sich an Ziehbrunnen, um Wasser zu berühren (ihre Gebrauchtpuppen sind einarmig, kleine Spanprothesen in den Löchern an den Schultern), und mit Rika, Kuchendiebin, verdrischt den eigenen Vater, von der Zentralkonfiserie. „Ich hab Hunger! Ich hab Hunger!“, ihre großmäuligen Puppen in ihren Kartonschachteln sind daran schuld.

 

BEWEGGRUND ÄSTHETISCHER ART. JEMAND VON BLATT 41:

Kannst du nicht mal still sein?

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER:

Luft aus Karton, Licht aus Karton, Wasser aus Karton, Lebensmittel aus Karton, Häuser aus Karton, Spielzeug aus Karton, Tiere aus Karton, Land aus Karton, Staatsangehörigkeit aus Karton, Sprache aus Karton, Möbel, Kleider und Absolutes Karton. Absolut Puzzle.

 

(Dieser Refrain hat Zugang zum Wirklichkeitscode.)

 

EINE STIMME VOM 41.:

– Und ihm, deiner Lieblingstrage, was tust du ihm an, du Viper?

 

DER KÖRPER TRITT NÄHER, DIE WIRKLICHKEIT IST VERHÜLLT:

Oden aus Freude, er, Oden wegen Verlust der Freude, ich. Studiert Latein, Philosophie, Medizin, Pferde und Waffen, F. Ich, Latein, Latten, Lakscha, Lokomotiven, Töpferrad, Marmeladearten, Theater mit geschlossenen Augen, schwarze Philosophie.

 

Gemeinsam: Die Jungfrau von Orléans. Visionen der Hirtin. Schönes Hochzeitskleid, zweimal angezogen, R., Maria Stuart hat schließlich kein solches gehabt, ich, sie, er, er schreibt das Drama „Maria Stuart“ (1800), schuftet mit Goethe, ich nur mit mir gegen mich. Charlotte von Lengefeldt heiratet ihn, bin verheiratet mit Singer – ich.

 

Lungenentzündung, Rippenfellentzündung hat er. Ich krank aufs Geratewohl, Magen, Leber, Brust, Magen, Brust.

Von Kant beeinflusst, F., von Platon verhext, R., lernen uns 200 Jahre nach dem 9. Mai 1805 kennen, in Weimar, sein Tod, sieht mich am 1. Oktober 2000 in seinem Militärsessel schlafen, in Stuttgart, postmodern in einer Zementschachtel. Nummer 30.

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN SCHREIT, TÄUSCHT LOGIK VOR:

– Die 30! Schlafen zusammen, schließen jeder die Augen anders, sprechen gleichzeitig verschiedene Sprachen, verstehen sich nie! Wahnsinnig!

 

ENDE EINES VORSCHLAGS. SEHR BEKANNTE STIMME:

– Was ist haarige Null, Frau Angeklagte?

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER HÄLT MEHRERE DOKUMENTE IN DER HAND

 

Betrachtet mich lange, lasse ihn aus meiner Zisterne mit Tränenmarmelade löffeln. Hört mir lange zu, lasse ihm Ohren, Hände, Herz abschneiden, genehmige mir das Übrige (Füße, Möbel, Schreibergegenstände, Hoffnungsstimme, Schweigen, Hof und Schlossformen „Übergangsstil“), lasse ihm nichts übrig, außer dem Rumänienbild des Auslands, von dem niemand mehr etwas hören will.

 

DER HAUPTMUND IST SEIT 1750  ZU HÖREN. ZÄHNEKLAPPERND:

– Lackierte Larve!

 

Sein Echo:

– Wir sind gegen Geschriebenes!

 

– Lackierte Larve!

 

Sein Echo:

– Wir mögen keine Poesie!

 

– Lackierte Larven!

 

Sein Echo:

– Wir schämen uns der Dichter! Erden und Himmel verderben wegen!

 

– Nieder mit Schläfer im Tal!

 

Sein Echo:

– Nieder mit lackierten Larven!

 

NEBENMUND NICHT ZU HÖREN, ERKLÄRT ABER:

 

– Die Symmetrie Schwarz-Weiß, Leben-Tod, Sieg-Niederlage, Freund-Feind, links-rechts, sauber-schmutzig, Ordnung-Unordnung – haarige Null!!!!!!!!

Ich richte einen Bogen auf meine Stirn: „Nehmt meinen Kopf! Sonst tu ich es selbst. Bin Schütze.“

 

– Ist Poetisieren nicht idealisieren? Ist Idealisieren kein Leichenschmaus?

 

Schaut meine Handteller an. Sucht Streit.

 

– Und Idealisieren ist kein Leichenschmaus?

 

Dringende Hilfe, antworte mir nie, binde mich an einen Pflock der Erinnerung.

 

DIE ERINNERUNG:

– Zitiere dich selber: „Das Nullgewicht der Frau, die jetzt über die entgegengesetzte Symmetrie schreibt, Trick eines uralten Partikels, schreibt Peter Higs, von neuem dieser zeitliche Mechanismus, der spontan Symmetrien-Symptome durchbricht, reden wir nicht mehr von ihren gemeinsamen Zügen.“ Zitiere das und haue ab!

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN ZEIGT MIR SEINE KLEINEN FINGER:

Im Hintergrund, wieder aufrecht, Schiller in schwarzen Spitzen, schwarze Rosen in der Hand, verlässt schwarzes Poster. Im Bildausschnitt schleift haarige Null mich während dieser Wälder aus Haaren und Borsten.

 

DIE HAARIGE NULL:

keine Luft, kein Licht, kein Wasser, keine Lebensmittel, kein Haus, kein Spielzeug, kein Land, keine Sprache, kein Absolutes, nur diese Scheibe rotes Französisch.

 

ANMERKUNG: Zwischen 2000 und 2002 war ich Literaturstipendiatin in Stuttgart, in einer internationalen Akademie, einem alten Schloss des Herzogs Karl-Eugen von Württemberg, wo früher der Dichter und der Philosoph Friedrich Schiller militärische Studien absolvierten.

Stuttgart, Januar 2oo4

Aus dem Französisch: Rüdiger Fischer

Homepage : www.draghincescu.com

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