Rodica Draghincescu

 

 

(Rumänien-Frankreich)

 

 

 

blicke zurück, bild um bild

 

 

ich sitze in der kiste mit den fotografien wie in einem obstgarten der dunkelkammer.

von jedem zweig hängt eine drehschaukel in welche die würmer der zeit namen von mädchen einritzen die sich aus einem fass ergießen wo das auge ins herz fließt fängt eine sonnenfinsternis aus dämpfen an die aus der bindehaut und der netzhaut herabsteigt und sich wie im champagner eines illusionskünstlers wälzt

von hand zu hand ein bild dicker bauch voller winziger tritte zwischen den fingern sieht man die nabelschnur welche die hebamme mit einem messer durchtrennt auf dem rücken verdeckt jemand die hüften der wöchnerin mit einem fächer  auf dem scheitel in einem knoten eingefasst das haar der gebärerin verworren wie ein zwischen den drähten eines strommastes liegendes storchennest aus dem ein junges fehlt man sagt die abwesenden jungen oder alten hätten sich holterdiepolter auf stelzen davongemacht die kleinste klammert sich an den langen faltenrock der schwester fällt beinah auch hin den umständen zum opfer wo man nie weiß warum keiner von hinten mehr ankommt obwohl alle zusammen aufbrechen früher oder später entledigt die schwester sich des umhangs vor dem auge des fotografen und steht nackt da in lehmigen schuhen  der opa mit einer halben angesteckten zigarette im spiegel weint ein säugling in den armen seiner toten mutter während der beerdigungszug der mutter an einem schwarzen wald vorbeizieht der auf dem boden der kiste klebt eine damenschneiderei deren türen abgerissen worden sind blütenblatt für blütenblatt laufen drei frauen die röcke überm kopf ihre unterröcke blähen sich auf den schultern der menge beim leichenschmaus  ein schäfer steht auf einem brett irgendjemand hat mit wasserfestem stift in die luft geschrieben der „erleuchtete“ petrache lupu in der volkstracht 1935 am angegebenen ort hat gottvater höchstselbst erfahren in erscheinungen die beflecken und dir nicht mehr von der seele weichen nicht einmal nachdem die oma utza sich mit asche eingerieben 30 jahre lang dass diese postkarte aus dem kurort baile herculane ihrem gedächtnis entschwindet: liebe utzi ich habe deinen taubstummen gesehen  ich glaube er ist weder taub noch stumm ich habe ihn gehört wie er im park mit dem sauren wasser zu der menge sprach  deine tante

von maglavit bis nach buzias hat utza sieben kleine kreuze in das brett des schäfers getrieben und drei zündhölzer im weinglas abgebrannt: am freitag zeigt sich ihr ein übel riechender oheim unterwegs (welcher nicht ihr blutsverwandter oheim ist) und er übergab ihr gebote für die menschheit zur verbüßung der buße

es war schwer ans ende des glaubens mit meiner oma zu gelangen die seit ihrem siebten allein aufgewachsen und ebenfalls allein hat sie alles dem teufel anheimgegeben was ihre mutter umgebracht und dann hat sie in abwesenheit des vaters der sich in budapest verheiratet und in der schweiz wiederverheiratet hatte unter tränen alle beschworen halt wenn mich der teufel reitet schneidet mir die zunge mit einer bajonette aus solingen ab! niemals ist sie zu doktoren feldschern schustern schon gar nicht zu fotografen gegangen oder hätte in zweifelhafter absicht  in den eingeweiden anderer gewühlt  sie ist nur klein und leicht verstohlen ins leben getreten ihre eltern zu suchen

 

 

(ins Deutsche übertragen von Hellmut Seiler)

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 
Rodica Draghincescu ist eine in Rumänien geborene französische Linguistin, Kulturvermittlerin und Autorin. Rodica Draghincescu gehört zur Generation der nicht konformistischen Autoren Rumäniens, die aus dem Fall des Ceaușescu-Regimes (1989) hervorgingen und wurde von der Kritik als die „Fahnenträgerin der Generation ‚90‘“ bekannt. Ihr Stil etablierte einen neuen literarischen Trend in der rumänischen Literatur. Die Literaturkritik bezeichnete sie auch als „rumänische Nathalie Sarraute“ oder „postmoderne Simone de Beauvoir“ und verglich sie mit Michael Butor.

Als zweisprachige Autorin (Rumänisch-Französich) veröffentlichte sie Gedichte, Romane und Essays in Rumänien, Deutschland, Frankreich, Kanada, Amerika, Luxemburg und in Belgien. Übersetzungen ihrer Werke erschienen u.a. auf Englisch, Italienisch, Schwedisch, Deutsch (insgesamt 18 Sprachen). Sie erhielt wichtige Literaturpreise in Rumänien, Frankreich und Italien. Sie wurde mit dem „Géo Bogza“ Preis für neue anvantgardistische Lyrik (1999), dem Großen Preis der Union Rumänischer Schriftsteller und der Schriftstellervereinigung Bukarests (2001), und 2012 mit dem Lyrikpreis „Virgile“ in Paris ausgezeichnet, usw.

Rodica Draghincescu ist Herausgeberin der Internationalen Revue für Information und kulturelle Bildung Levure littéraire (Frankreich-USA-Deutschland-Rumänien). Mitglied u.a. des Pariser Maison des Écrivains und der Internationalen Vereinigung für vergleichende Literatur DIE KOGGE (Minden). In Deutschland war sie zwischen 2000 und 2002 Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude und des Stuttgarter Schriftstellerhauses.

 

In deutscher Sprache erschien bisher u.a.: „Phänomenologie des geflügelten Geschlechts“, Gedichte, zweisprachig deutsch-rumänisch, Edition Solitude 2001; „Morgen und Abend“, Gedichte, Ithaka Verlag 2003, Neuausgabe: Pop Verlag 2004; „Schreibenleben“, Interviews, Pop Verlag 2005; „Sag nie wieder“, Gedichte, H. Schiler Verlag, 2011, „Du bist ich. Töte mich. Gedichtzyklus, KLAK Verlag 2018, „Die Fee der Teufel. Das Tagebuch, das seine Leser tötet“, Roman, KLAK Verlag 2018

 

Pressestimmen: 

„Man muss Rodica Draghincescu auf der Bühne erleben! Sie ist nicht nur eine Schriftstellerin. Sie ist nicht nur eine Dichterin. Sie ist auch eine überzeugende Schauspielerin. Ihr Gesicht ist so ausdrucksstark wir ihre Worte, ihre Haltung, ihre Bewegung, alles an ihr spricht!“

Sandrine Rotil-Tiefenbach, Cherche midi éditeur, Paris

 

„Die Autorin ist klug, klangvoll und leidenschaftlich, kennt sich mit den Formen und Bildern der Moderne und der Postmoderne aus, kann damit artistisch jonglierend umspringen, verfällt dennoch nicht der artifiziellen Show, sondern bleibt subjektiv, ehrlich, verletzbar, verletzend und heilend. Dass Connaisseure in Frankreich sie schätzen, ist erklärlich; sind doch die Spuren der Surrealisten, Symbolisten, sogar Dadaisten in ihren Texten von keinem Wind verweht. Sie nutzt alle lyrischen Mittel des Zwanzigsten Jahrhunderts zwischen Expressionismus und nüchtern beschreibenden Zeilen, bringt sie für das Einundzwanzigste neu zusammen, beschert damit Lesern für Intellekt wie für alle Sinne Abenteuer.“

Karlhans Frank, Der Literat, Berlin, 2003

 

Weitere Informationen:

www.draghincescu.com

www.levurelitteraire.com

 

 

Bei KLAK Verlag (Berlin)  erschienen:

Rodica Draghincescu, Die Fee der Teufel. Das Tagebuch, das seine Leser tötet. Roman, 2018

Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme

 

Rodica Draghincescu, Du bist ich. Töte mich. Gedichtzyklus.

Aus dem Französischen von Sabine Schiffner und Christina Gumz

 

Rodica Draghincescu (Hrsg.), Grenzporträts. Gegenwartslyrik International. Anthologie Deutsch-Rumänisch, 2018

 

 

 

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BIO

Hellmut Seiler

 

 

Geboren 1953 in Rupea/Rumänien, Studium der Germanistik und Anglistik. Gymnasiallehrer.

1985-88 in Rumänien Berufs- und Publikationsverbot, seither in der Bundesrepublik.

Mitglied im VS und im Internationalen P.E.N. Club, Zentrum deutschsprachiger Autoren.

 

Veröffentlichungen

  • die einsamkeit der stühle, Gedichte, Dacia Verlag 1982
  • siebenbürgische endzeitlose, Gedichte, dipa Verlag, Frankfurt a.M. 1994
  • Grenzen, Gänge, Gedichte, lyrik2000, München 2001
  • Glück hat viele Namen, Prosasatiren, Verlag der Künstlergilde, Esslingen 2003
  • Zahlreiche Beiträge (Lyrik, Aphorismen und Satiren) in Anthologien, Zeitungen und Literaturzeitschriften
  • Übersetzung von Romanen von Rodica Draghincescu (aus dem Rumänischen): Die Distanz zwischen einem bekleideten Mann und der Frau wie sie IST und Streuner.

 

Preise und Auszeichnungen

  • Adam-Müller-Guttenbrunn-Preis 1984
  • Literaturpreis der Künstlergilde, Esslingen, für Prosa 1998
  • Literaturpreis der Künstlergilde 1999 (1. Preis für Lyrik)
  • Stipendium des « Writers’ and Translators’ Centre of Rhodes », Mai-Juni 2000
  • Würth-Literaturpreis der Tübinger Poetik-Dozentur 2000

 

 

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