Rodica Draghincescu

 

 

 

(Rumänien-Frankreich)

 

 

GÖRENHIRN

 

Es war einmal, ein Mal, das meine Familie „das erste Mal“ nennt. Meins, wie ein privater Fehler. Mein Sie, wie das meines Namens, denn diesen Namen, »ich ihn nicht« auswendig, „ich ihn nicht“ ganz. Er ist sie. Er ist ich, und sie allein ist nicht das, was man annäherungsweise einen oder eine Jemand nennt. Einen Jemand, der »du« heißt, eine, dich ich rufe, rufe, vergeblich „ich“ nenne, oder schlimmer, umgedreht : „hör auf, das gespielte Ich zu spielen, das vernichtet mich !“ Es war einmal ein oder eine Jemand. Und bekam was (er oder sie), einen halben Namen, noch keinen richtigen Namen. Ein und eine Jemand werden Hälften des Inhalts eines einzigen richtigen Namens. Des meinen (misch, tisch, abgedeckt). Selbstmörderischer Inhalt der Hälfte. Der Täuschung. Dieselbe oder derselbe geheimnisvolle Jemand, ohne vollständigen Namen (er und sie, sehn sich fast nie). Ein und eine Jemand wächst immer mehr (er und er und er). Ein und eine Jemand, worin ich wuchs, gewachsen bin, auf jedermanns Kosten (halb lau, um besser zu spielen). Und ich genoß es. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Sah von Zeit zu Zeit Zehen (Zärtlichkeit, Zehen zeigten Fehlen). Morgen, Mittag, Abenddämmerung, Nächte, Vollmond, Hände. Sie alle machten mich glücklich (sie, ich, sachte, mit Rücksicht). Durch das Ganze hindurch, alles war so über, so groß, dann kleiner, so klein, und niedlicher, in Höhe der Sandalen und ihrer Schnallen. Glücklich, Rücksicht, darüber flogen zerrissene Falbeln, von Mäuschen zernagt, Schmetterlinge, Grashalme, denn Fläschchen und Milch waren Ebeneweiß, wo die Sonne soeben untergegangen war, von wo Mond zu sehen war, unbestimmtes Lichtlein im kleinen Hirn des großen Säuglings (Spielwut, viel Blut zwischen ihr und ihm). Hatte Fäden, zwei (sie, sie, Hände) aus Knochen. Hingen an mir (zwei Wildenten, geflügelte Ewigkeiten, Irrlicht, pardon, irdisch, um mich her), rauf und runter (außerhalb des Körpers, Hände, was anderes), wie kleine Windmühlen, heiter, bedächtig schnell. Genoß es, ohne einem oder einer Jemand wehzutun (stummig, stumm, Tal der Qual, Triebe und Liebe, Unschuld des Leibes). Genoß es. Diesen schmerzlichen Augenblick. Kurz, der Saum der Traumzeit, das Fest nach dem Schnippschnapp, Schnitt, Büschel Haare, schnippschnapp, sonniger Nachmittag, wo zeitloses Huhn seine Eier auf dem Haus ausbrütete und die ersten Küken ausschlüpften. Jemand, das war Noutza (sie, Oma, die Alte). Es schneite. Jenes Jahr zum ersten Mal gekommener Schnee (an und für, wieder und weder) ; verirrte sich, Pfützen, Gräben, Straße geschmolzen. Noutza bewahrt graue Papiere über Ausschlüpfen der Küken, Eier, 1963, Outza ist tot, 1998 ; es geht, in kleinen Buchstaben, das Übrige in großen Buchstaben ; „brütende, legende Hühner, Jahr 1963“, rotes Kreuz, malvenfarbene Linien, verschiedene Zeichen, Ziffern, Küken in meinem Zimmer, Noutza). Hatte gespuckt : Flügel, Altweiberheilmittel, der Sperber fängt sie nie, Krallen, Fuchs mag sie nicht mehr, Schnabel, Schlangenaugen, manche Leute tun nicht mehr weh. Ein Dutzend (Dutzend, putzig, nutzend ich, schluchzend vor baldigem Unglück). Großes Nest in einer Schachtel, Küken scheinbar eingeschlafen, auf einmal allein, fingen piepsen, picken, zwitschern an, Noutzas Bett, genoß es. Streckte rechte Hand aus, linke (sie, ich, sie ist ich) auch. Aufgerissen, Augen auf zwölf gelbe Küken. Genoß es (ich mich, feucht). Drang in sie ein, zitterte, Vergnügen zu. Genoß es. Wasserkaraffe (ich, sie, sie, sie), ertränkte sie, taufte sie. Zitterte, Vergnügen (ich, er, ihn). War außer ihrer Religion, der frühzeitigen. Sprach ziemlich gut, ging, rollte in meinem Zimmer, kroch auf Bauch, vor, zurück, kletterte überall hin, hob Hände übern Kopf, fing, was mir verboten war zu. Hab sie gefangen. Hab sie aus der Watte geholt. Diese Geste. Hab getan. Eine von zahlreichen. Der Macht und der Liebe. Durchdringend bis aufs Mark (sie, Knochen dieses Ichs, sie). Hab umfaßt, hatte umfaßt, umfaßte, umfasse noch Küken, erste, dieses Lebens (komm, kommt, mich nicht sehn, bitte, mich !). Hab sie ertränkt. »Solln Wasser trinkn ! Solln Wasser trinkn!« Zwölf. Weiße Augen (24), blind (24), nasse Flügel (24), gefleckt Art Fett (weiß von ihr und gelb von ihm). Zwölf. Tot. Ich hab gelacht, hab geschrien, hab Mama gerufen, Spitzenrock ausgezogen, nackt, bis zum Kopf, bin gegangen, große Schritte kleine (mehr „Nein !“ als „ja !»). Outza, Teil Papa, Noutza, Teil Mama, Tracht Winterprügel, links und rechts, nackter Arsch, rot und kalt, verflixte Omas (Mama, wo warst du, Mam’, ich größer ? !), alte Omas, genau. „Was hast gemacht ? Oh Gott, was hat sie gemacht ? Die Jungen ertränkt, hast sie umgebracht (sie und ich, du augeregt, mag das). Die Omas, Junge gestorben, weinte auf meinen Nerven, Schluchzen (ich, ins Leben gelassen, beschloß gelassen, Leben den andern zu lassen). Alte Frauen legten Tote auf Bett, zählten Ertrunkene, kümmerten sich nicht um mich, hab mich umgedreht, Kopf nach unten, hab mich losgelassen, bin gerutscht, bin gefallen, Kopf auf Fußboden (zwölf Ich, zwölf Du, zwölf zwölf), willig, bum, er, ich, bum, du, dich, Grade, seitlich, bum, ich, mich, sie, sie,. sie, nicht sehr überzeugend, Omas hatten andere Sorgen, hatten Erfahrung, Diplom für Lappalien, warum nicht schreien ? Und du, im Stich gelassen, Tränen „gib deine Leben, geb sie dir morgen zurück“. Ich, wußte nicht, was „Hatsieumgebracht“ heißt, verstand nicht Läuten, scharfe Sprache. Wort „umgebracht“ grollte, schrie, wütete, machte Schwarz um sich her (um, mich, um). Und ich, war drin, Schwärze, hatte Angst, war bang, ganz lang, Strang von schwarzen Lichtern. Rückwärts geschlichen (rrrrrrrrrrrr), gekauert gegen Haufen Kohle (ich, hole, Haus zu verbrennen) für gutes Feuer. Schien so, als hätte ich ihnen Freude gebracht. Zu große. Begreifen fror (Rohr und Ohr von der „Begreifst du diese Geschichte ?“). Irgendwo, damals, Wort „umgebracht“ hört auf „Görenhirn“ zu bedeuten. Mich selber umbringen, später, größere Lebenslust, in Watte, in Schachtel meines Lebens. Ist wie ich, sie, Art Haubensperber.

 

 

Aus dem Französisch: Rüdiger Fischer

 

 

 

 

Der vierhändige Schatten

 

(Manifest für die Erneuerung des poetischen Kilometrierens)

 

 

 

 

Für Friedrich Schiller, in rotem Französisch geschrieben

 

 

 

 

Motto:

Um ein Wort herum wie um eine Lampe (…).

Nie für einen Gedanken, aber für ein Wort.

Edmond Jabès, Les mots tracent (Die Wörter zeichnen)

 

 

 

 

Tastend. Warte darauf, dass es der Sprache beliebt.

 

Kulissen, Personen, Vorhang, genaue Zeit, Auftritte, Alarm, Notausgänge in den Fortsetzungen. Auf die Silben achten. Eine ist verdorben, die Pfeiler des Hauptmundes stammen von 1750, die des Nebenmundes sind so weit auseinander und so neu, ich bin nackt und hochnäsig.

 

Entflechte lange Haare, und aus dem Knoten fallen Zettel (an die hundert), die ich mit gesenktem Kopf und geziert zu lesen beginne:

 

schädliche Luft, schädliches Licht, schädliches Wasser, schädliche Lebensmittel, schädliche Häuser, schädliches Spielzeug, schädliche Freunde, schädliche Tiere, schädlicher Trost, schädliche Staatsangehörigkeit, schädliche Sprache, schädliches Land, schädliche Liebe, Eltern, Möbel, Kleider und Absolutes natürlich. Absolut ich.

 

Gehe, marschiere vorbei, zähle meine Finger, erinnere mich vielmehr gutmütig an etwas. Stelle mich mir selber, der Ehrengarde vor.

 

Die Verhandlungen zwischen dem taubstummen und dem sprechenden Ich verlaufen zufriedenstellend. Auftrag, Leiden fortzusetzen oder Substanz jener hundert Zettel aus dem Haarknoten.

 

Finde schwarzes Hemd auf dem Boden. Schaue schwarze Fliesen an, wahre Geheimnis der Farbe. Färbt nichts weiß. Ich werde von unten nach oben beleuchten. Er wird schwarz zu uns passen, zu mir der Blonden und zu euch Völkern Derridas.

 

Schwarzer Körper fehlt seinem schwarzen Blut. Und das Schwarz dreht Däumchen.

 

Kniend, als drehte ich einen Pornofilm über die Polysemie. Brauche eine Rasierklinge, damit haarige, jungfräuliche Null besser französisch flambiert werde.

 

Der kalte Wind trägt Echo heran:

– Angeklagte, ein Videoprojektor wird deine Hände hervorheben!

 

Das Echo wirft Kieselsteine in meine Stimme:

– Wer ist da? Wen hab ich gerufen?

 

Zünde Zigarette an, halte mich an der Leine.

– Wenn nur du es bist, nur zu, tritt näher, der Zusammenstoß wird uns glücklich machen.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

– Ich am 29. geboren, er am 1o., in einem Abstand von zweihundert Jahren. Friedrich der blonde, mit fleischigen Lippen, Adlernase, Spitzen, Sonnenwimpern, geneigtem Kopf, zu jedem Grübchen bereitem Denken.

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER:

Jene, bin mal mager, mal mollig, braunhaarig, Frisur à la Jeanne d’Arc.

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN:

Wenn nur du es bist, nur zu, tritt näher!

 

Mein Haare wachsen beim Klang einer Leier:

 

Rosa Wasser, Frühlingsluft, 4 Zimmer, Sommerfreunde, blödes Spielzeug, an die hundert Tiere, keine Staatsangehörigkeit, komplizierte Sprache, Liebe zum Schwarzbrot mit Marmelade.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

Auf dem Land, zwischen Ziegen, Kühen, Schafen, Pferden, Gänsen, Enten, Schweinen, Truthähnen, Hühnern, Spatzen, Tauben, Stieren mögest du Bäurin sein!

 

Und er, Sohn des Kaspar, Offizier, und der Dorothea, fromme Lutheranerin, die hofft, aus F. werde ein gläubiger Doktor oder ein Priester. Trotz der väterlichen Bemühungen schreibt Friedrich Gedichte.

 

Tochter von Kleinstern. Und von Pawel ich. Sie, Mama, Tochter von Nutza und Aurel. Nutza Flüchtlingstochter. Von Maria B., aus dem bluttriefenden Transsylvanien, im rumänischen Banat. Geflohen, Hunger, Krieg, Marie, doppelte Staatsangehörigkeit, braunhaarig, schön, äußerst bewegliche Lippen, Spaß am Klatsch über Nutzy, getreue Kopie. Aurelius, von Rosa, der rundlichen, 1,60, geborene Nan, Pfarrersfrau. Aurelius Opa, der große mit den Hängeohren. Macht im Winter samstags die Show „Fliegende Ohren, Zähne am Wachsen!“, plumps pardauz, flatter, zentimeterweise Wunder. Opaohren schlagen mit Flügelspitzen. Jeden Augenblick stehen vier verstorbene Zähne an ihrer Stelle wieder auf. Abrakadabra, und hopp, Minute, ein Zahn, zwei, drei, vier. Lacht sich ins Fäustchen. Abrakadabra! Und hopp! Ende der Show, Schießpulver aus Kernen, rote Zucchini, jüdische Lakscha, auf kleiner Flamme. Mit vollem Mund gibt Aurelius in Latten, Mist, Latein. Und ding dong, die tote Sprache gebar Italienisch, Französisch, Spanisch. In meinem Kinderkopf hängen riesige Münder, essen dies Gericht mit Ziegenmilch. Bunte Kilos, gezuckert, Opazungen schaukeln auf dem Tisch. Legt plötzlich rechte Hand auf eine Scheibe Französisch. Isst sie.

 

Bukaresterin A., Tante, Winter 1970, lädt mich in ihr Haus ein, Musik studieren, Malerei, Ballett. Singe, spiele Akkordeon und Mandoline, bemale Wände, Fensterscheiben, Töpfe des Hauses mit grellen Farben. Will nie weg. Weine Tag und Nacht vor Angst, Familie (Eltern, Omas, Opas, Nachbarn, Entchen Franz) könnten den Geist aufgeben, Blumen könnten verwelken, Schwalben und Spatzen explodieren wegen schwarzen Brombeeren, Fannymaus könnte in Schrank kommen, da ist Opas Mäusefalle. Tante A. schreibt unten auf Seite: „Schade, Kleine könnte Welt regieren! Nicht gegen Talent anpinkeln! Auf euch böse. Ich, Anne“

 

Eines Tages, 1768, Karl II. (Herzog Karl-Eugen) nimmt sie mit nach Stuttgart, Waffen und Theologie studieren, in Militärakademie.

 

DIESER REGIERENDE KÖRPER:

Lange Hose, langes rotes Hemd, mein Körper erzählt sich Gerüche und Geschmäcke, Himbeeren und Brombeeren, Pflaumen und Quitten. Verschiedene Gärten beflecken mich von Mund bis Auge, von Mund bis Fuß. Schwarzer Saft.

 

Immer Kopf gesenkt, Fortsetzung folgt. Blatt Nummer 40. Schwarzer Körper kommt näher.

 

Befreundet sich (Friedrich) mit Braven und Reichen von Marbach.

 

Blatt 40, Rodica, im rumänischen Banat. Das 41. in Stuttgart, Deutschland. Entferne mich, mit gesenktem Kopf.

 

DER REGIERENDE KÖRPER:

Freundschaft mit Stern, Mama, mit Lucie, blond, weich, Friedhofstraße, mit Dorine, klammert sich an Ziehbrunnen, um Wasser zu berühren (ihre Gebrauchtpuppen sind einarmig, kleine Spanprothesen in den Löchern an den Schultern), und mit Rika, Kuchendiebin, verdrischt den eigenen Vater, von der Zentralkonfiserie. „Ich hab Hunger! Ich hab Hunger!“, ihre großmäuligen Puppen in ihren Kartonschachteln sind daran schuld.

 

BEWEGGRUND ÄSTHETISCHER ART. JEMAND VON BLATT 41:

Kannst du nicht mal still sein?

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER:

Luft aus Karton, Licht aus Karton, Wasser aus Karton, Lebensmittel aus Karton, Häuser aus Karton, Spielzeug aus Karton, Tiere aus Karton, Land aus Karton, Staatsangehörigkeit aus Karton, Sprache aus Karton, Möbel, Kleider und Absolutes Karton. Absolut Puzzle.

 

(Dieser Refrain hat Zugang zum Wirklichkeitscode.)

 

EINE STIMME VOM 41.:

– Und ihm, deiner Lieblingstrage, was tust du ihm an, du Viper?

 

DER KÖRPER TRITT NÄHER, DIE WIRKLICHKEIT IST VERHÜLLT:

Oden aus Freude, er, Oden wegen Verlust der Freude, ich. Studiert Latein, Philosophie, Medizin, Pferde und Waffen, F. Ich, Latein, Latten, Lakscha, Lokomotiven, Töpferrad, Marmeladearten, Theater mit geschlossenen Augen, schwarze Philosophie.

 

Gemeinsam: Die Jungfrau von Orléans. Visionen der Hirtin. Schönes Hochzeitskleid, zweimal angezogen, R., Maria Stuart hat schließlich kein solches gehabt, ich, sie, er, er schreibt das Drama „Maria Stuart“ (1800), schuftet mit Goethe, ich nur mit mir gegen mich. Charlotte von Lengefeldt heiratet ihn, bin verheiratet mit Singer – ich.

 

Lungenentzündung, Rippenfellentzündung hat er. Ich krank aufs Geratewohl, Magen, Leber, Brust, Magen, Brust.

Von Kant beeinflusst, F., von Platon verhext, R., lernen uns 200 Jahre nach dem 9. Mai 1805 kennen, in Weimar, sein Tod, sieht mich am 1. Oktober 2000 in seinem Militärsessel schlafen, in Stuttgart, postmodern in einer Zementschachtel. Nummer 30.

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN SCHREIT, TÄUSCHT LOGIK VOR:

– Die 30! Schlafen zusammen, schließen jeder die Augen anders, sprechen gleichzeitig verschiedene Sprachen, verstehen sich nie! Wahnsinnig!

 

ENDE EINES VORSCHLAGS. SEHR BEKANNTE STIMME:

– Was ist haarige Null, Frau Angeklagte?

 

DER NÄHERTRETENDE KÖRPER HÄLT MEHRERE DOKUMENTE IN DER HAND

 

Betrachtet mich lange, lasse ihn aus meiner Zisterne mit Tränenmarmelade löffeln. Hört mir lange zu, lasse ihm Ohren, Hände, Herz abschneiden, genehmige mir das Übrige (Füße, Möbel, Schreibergegenstände, Hoffnungsstimme, Schweigen, Hof und Schlossformen „Übergangsstil“), lasse ihm nichts übrig, außer dem Rumänienbild des Auslands, von dem niemand mehr etwas hören will.

 

DER HAUPTMUND IST SEIT 1750  ZU HÖREN. ZÄHNEKLAPPERND:

– Lackierte Larve!

 

Sein Echo:

– Wir sind gegen Geschriebenes!

 

– Lackierte Larve!

 

Sein Echo:

– Wir mögen keine Poesie!

 

– Lackierte Larven!

 

Sein Echo:

– Wir schämen uns der Dichter! Erden und Himmel verderben wegen!

 

– Nieder mit Schläfer im Tal!

 

Sein Echo:

– Nieder mit lackierten Larven!

 

NEBENMUND NICHT ZU HÖREN, ERKLÄRT ABER:

 

– Die Symmetrie Schwarz-Weiß, Leben-Tod, Sieg-Niederlage, Freund-Feind, links-rechts, sauber-schmutzig, Ordnung-Unordnung – haarige Null!!!!!!!!

Ich richte einen Bogen auf meine Stirn: „Nehmt meinen Kopf! Sonst tu ich es selbst. Bin Schütze.“

 

– Ist Poetisieren nicht idealisieren? Ist Idealisieren kein Leichenschmaus?

 

Schaut meine Handteller an. Sucht Streit.

 

– Und Idealisieren ist kein Leichenschmaus?

 

Dringende Hilfe, antworte mir nie, binde mich an einen Pflock der Erinnerung.

 

DIE ERINNERUNG:

– Zitiere dich selber: „Das Nullgewicht der Frau, die jetzt über die entgegengesetzte Symmetrie schreibt, Trick eines uralten Partikels, schreibt Peter Higs, von neuem dieser zeitliche Mechanismus, der spontan Symmetrien-Symptome durchbricht, reden wir nicht mehr von ihren gemeinsamen Zügen.“ Zitiere das und haue ab!

 

DER VIERHÄNDIGE SCHATTEN ZEIGT MIR SEINE KLEINEN FINGER:

Im Hintergrund, wieder aufrecht, Schiller in schwarzen Spitzen, schwarze Rosen in der Hand, verlässt schwarzes Poster. Im Bildausschnitt schleift haarige Null mich während dieser Wälder aus Haaren und Borsten.

 

DIE HAARIGE NULL:

keine Luft, kein Licht, kein Wasser, keine Lebensmittel, kein Haus, kein Spielzeug, kein Land, keine Sprache, kein Absolutes, nur diese Scheibe rotes Französisch.

 

ANMERKUNG: Zwischen 2000 und 2002 war ich Literaturstipendiatin in Stuttgart, in einer internationalen Akademie, einem alten Schloss des Herzogs Karl-Eugen von Württemberg, wo früher der Dichter und der Philosoph Friedrich Schiller militärische Studien absolvierten.

 

 

Aus dem Französisch: Rüdiger Fischer

 

Stuttgart, zwischen dem 21. Dezember 2oo3 und dem 1. Januar 2oo4

 

 

 

 

SCHWARZE FREIHEIT I

(Frühlingsbriefe)

 

Dreh dich um. Ich schick dir ohne Unterbrechung nach und nach einen Brief. Darüber, wie ich hier reingekommen, hier angekommen bin, kühn hier sitze.

 

Es läuft. Klingt wie Selbstverhöhnung: „Herz, wozu ein Herz, mein Herz?“ Pleonasmen, die mir helfen, mich nicht allein zu fühlen, autistisch, wie die Autisten von mir sagen.

 

Selbstbefragungen. Und ich springe. Sprachlicher Stabhochsprung unter dem mnesischen Stabhochsprung. Stabhochsprung der Frage über den Fehler, den man immer unter dem Sprung erwartet, als Antwort.

 

Tintenherz. Dummheiten.

 

Leben, nein, Tintenfaß, nein, Herz, nein, Feuer, kleines herzliches Ding, schwarzblauroter, klopfender Arbeiter. Das klingt nicht gut, aber in diesem Fall findet man sie ineinander, die andern draußen, aber im eigenen Innen. Dies Herz, Verzeihung, der Herzsturz, dies umgekehrte „Leben“ ergibt „Nebel“. Bist du Nebel, im Nebel, oder am Leben?

 

Das Wesen, das du mir beschreibst, Brief, den ich nicht schreibe, aber auswendig kenne.

 

Mein Herz lernt das Leben auswendig. Es klettert au ( … ). Es hat Steigeisen zum Klettern. An die Felsen der Zeit geklammert, ist es noch eine Sensation, mein Großes, es pflückt die Immortellen der >Briefe und nicht die Immortellen der Schneefelder.

 

Wo die Laute die Farben kreuzen, hat das Wesen, das du in farbigen Sprachen beschreibst, etwas von einem klingenden Winkel. Das Wesen, das ich mir durchs Blut schicke, als Blutbrief, sieht im Winkel der Briefe das Wesen vor, das du nicht gewesen bist, aber in der bekannten Ferne erlebt hattest.

 

Ich horche dort. Allein, zögerndes Klischee

 

Die Gegenwart der Ferne erstaunt, wie das Grollen fernen, aber zu hörenden Kanonenfeuers. Die Ferne schießt auf die Gegenwart.

 

Hast du die Kanonen der Ferne je gehört oder erlebt? Die Kanonen des Herzens eines Fernen, bumm, eines Gegenwärtigen, bumm, fern! ticktackticktack, bumm, im eigenen erweiterten Staunen, bumm! Der tönende Brief eines Fernen, die Töne eines Fernen, an den Ohren jener, die ihn von ern rufen. Ungefähr so: gehört, gekannt, gesehen, wiedererkannt, viermal, als hättest du nie Ferne über der Ferne gehabt, als hättest du nie die Ferne gehört, belauscht, wieder losgelassen, an die Ferne bvon was auch immer geglaubt.

 

Die Wörter lassen Wörter als Wachen bei Wörtern zurück.

 

Ich briefe mein Leben, ich schrebe, in einem Boot mit papiernen Segeln.

 

Brief, im Wasser geschrieben, Brief ans Wasser, ich, Eigentümerin und Verliererin, im Wasser, Wasser in der Eigentümerin und der Verliererin, das Wasser des Briefes, das Wasser in Tränen, nein, das Tintenfaß der Tränen. Pfui! Das Leben ist ein Märchen, für das man sich in Todesnähe schämt. Es lohnt sich nicht, allzuviel nachzudenken.

 

Ich bin allein da, zögerndes Papier.

 

Dies Ich, Eigentümerin des Briefes, Eigentümerin ihres Eigentümers, diese uneigentliche Eigentümerin, dieses unaufhörliche Gebet, zugeschnürte Zunge.

 

Nicht dabei stehenbleiben. Raus aus diesem sprachlichen Nebel, aus dem Leben der Wörter. Der Brief erwartet das Wesen zum Sagen oder zum Lesen.

 

Brief. Vor lauter. Reden im Chor eines. Herzen eines sprechenden Chores, im Takt der Briefe eines. Lieds über die Kurven des Wesens. Kuren über die Kurven des Wesens. Herzlos beim Nichtbeherzigen der Herzen der andern.

 

Ein Brief. Chor der Töne, das Herz des Briefes / im Brief nachahmend, das Herz der Briefschreiberin. Trauriger Brief, trauriges Herz, trauriger Chor, von dem wir reden. Bleiben wir dabei stehen.

 

Über alles und vor allem geschriebene Schrift, im Gegensatz zu allem und vor allem, und selten dieselbe Schrift. Immer anderer Brief, Schrift des Herzens, auf alles und im Gegensatz zu allem geschrieben, was ich dir schreibe, wenn ich mich schreibe ( … ).

 

Jetzt schreib ich über dieses Jetzt, denk an dieses Gestern, gewonnener, verlorener Brief usw Ich schreib über dieses Gestern, denk an dieses Jetzt, wiedergefundener, verlorener Brief. Die Zukunft, zu verlierende Sprache: zu lang, zu breit, zu schwer, verlorener, nie gewonnener Raum. Ich habe Angst davor, aber ich rede!

 

Ich schreib dir über dieses Jetzt der Angst, über das der Sprache. Angst vor der Sprache, lange Zeit anstelle des Herzens benutzt.

 

Sprache des Herzens, der Angst. Sie spricht nicht von der Zukunft, wartet nur.

 

Der Sprache, der Angst, des Herzens, der Sprache der Angst des Herzens. Die Genitive sind nicht angebracht, aber ich benutze sie, um meinen Rock zu schürzen. Warm. Die Sprache des Körpers redet nicht von ihrem Körper, wartet nur auf ihn.

 

Ich schreib dir über das „Gestern“ des Herzens und die Angst vor der Sprache. Das Herz meiner Sprache spricht weder rot, noch schwarz, noch blau, es spricht vom Warten. Und seine Angst kann nichts dafür. Zu groß und zu schwer. Wartet aufs Warten aufs Weggehn.

 

Mein Wesen verzehrt sich vor Warten (nicht vor Liebe zum Warten; beim Warten ist die Liebe ein abzunutzender Stein).

 

Ich schreib hier im Innern dieses flüchtigen Jetzt, in diesem flüchtigen Brief sitzend. Und das Jetzt schreibt dir über mich, schreibt mich mit der Hand des Gestern, wobei die rechte Hand eine gebogene Energie verströmt, die der Geschichte der Linken nicht bekannt ist, die Linke eine zinnenbewehrte Schrift zuläßt, auch Schriftzinne genannt, die der Rechten nicht bekannt ist, die unterwegs zur Linken ist. Mit unbekannter Hand bewältigen zwei bekannte Hände ihre Aufgabe, stempeln ein erprobtes Herzblatt. Scheiße. Die? Hände schreiben sich gegenseitig.

 

Hast du geliebt? Wer liebt dich?

 

Hier sitz ich so, spät, kühn, Brief in einem von Liebe erfüllten Kopf. Wie lange? Und bis wann? Scheideweg! Scheintod! Scheiße!

 

Nein?

 

Bist du bei mir angekommen oder von mir weggegangen? Genau bei mir oder genau von mir? Und? Da bei mir (…). Ach ja, nein! Und? Auf den Brief schießen, den Absender und den Empfänger? Aber es gibt nichts mehr zu bestimmen. Es riecht nach Rauch. Brief, Wesen, Herz, Chor, Hände, Nichts. Ich gebe nicht auf, obwohl ich vergeblich diesen Brand riskiere, dieses Leben. Es ist nicht verboten, weiterzumachen oder aufzuhören. Die Seiten rauchen, am Grund des Rauchs ist jemand, ist etwas, eilt atemlos herbei. Ich zögere nicht, ich warte auf die praktische Seite dieses Briefplans. Ich lebe im Überfluß der Ferne, erkläre mich quer zur Ferne, schenke der Ferne die Freiheit, weiche nicht vor dieser Briefwelt. Es wird Abend, der Brief brennt weiter, das Wesen fällt, die Ferne kommt wieder, ich trauere nicht darüber.

 

Ich entspanne mich in mir, ganz schwarze Freiheit.

 

Ich schreib dir über das Abgeschicktwerden und über das Ankommen eines Briefes, einer Briefschreiberin. Trauriger Brief. Verbrannter Brief, geräucherter Brief.

 

Schreib dir, und kann nicht schreiben.

 

Spreche, und kann nicht sprechen.

 

Bin ich jene, die spürt, daß du bist, daß du es nicht bist, wenn du hast, wenn du nicht hast, was (…) etc

 

Vom Hundertsten ins Tausendste.

 

Bemühen, rote, schwarze, blaue Zeichen an den Himmel eines Briefes zu malen, den ich Dudu nenne, doppelte Persönlichkeit. Mein Blauer, Ichich, ohne je die Möglichkeit zu haben, dich zu berühren, ich! Aber wenn Brief sich selber schreibt, wozu dermaßen egoistisch und intelligent sein?

 

Tag und Nacht, gestern und jetzt. Du bist der Inhalt dieses Briefes, aber ich kann dich nicht öffnen, nicht hineingelangen, kann nicht schreiben, lesen, leben, ganz zu schweigen von allem anderen. Dies Sprechen vom selben Kaliber wie ich.

 

An die schwarze Freiheit glauben? Eine wahre Walze.

 

 

Stuttgart, 9. / 12. März 2oo3

 

 

 

 

SCHWARZE FREIHEIT II

(Frühlingsbriefe)

 

DER ANTIKE CHOR:

 

„Ich liebe dich nicht, ich liebe dich tödlich. Ich habe Angst davor.“

 

Mein Mund berührt die Mauern, an die er sich gelehnt hat, um Atem zu holen und seinen Schrei anzufüllen. Meine Angst drängt und ersetzt seine, wird Hütte anderer Münder, fruchtbares Opfer.

 

DER MODERNE CHOR:

 

„Ich dringe in mich selbst ein, bis zu meinen Kindheitsträumen. Höre einen wütenden Fluß.“

 

DER POSTMODERNE CHOR:

 

„Ich bin fortgegangen. In „ich bin fortgegangen“ werde ich eines Tages fortgehen und von da aus werde ich vor dem Vorgestern wiederkommen. Stirb nicht inzwischen. Vor dem Sterben hab ich dir liebevoll das Sprechen in der Zukunft beigebracht. Paßt dir das?

 

DER ZEITLOSE CHOR:

 

„Sechzehn Jahre der Ferne, an deine Mauern gelehnt. Die allreichste Zeit. Wir habwen zusammen gelebt: sechzehn Jahre gewöhnliche, gemeine Ferne. Wir haben diese Unmöglichkeit zusammen erlebt.“

 

DER PRIVATE CHOR:

 

„Hab keine Angst, du wirst in dir selber sterben, nicht in mir, aber du wirst mein Leben nach deiner Art von neuem leben. Was für ein unanständiges Wort, „Leben“ auf französisch, „vie“, das deutsche „wie“ klingt genauso. Mein Leben, nach deiner Art. Die Du-Welt, mit meiner Seele spielend. Was für ein unanständiges Wort, die deutsche „Seele“ ergibt im Französischen nichts, aber mit ein paar Veränderungen am Teutonischen hat man „selle“, „Sattel“ zum Reiten auf der Seele, dann das rumänische „suflet“, nahe beim französischen „soufflée“, hat aber nichts damit zu tun, außer der Lust zu schlucken.“

 

Spiel mit deiner Seele, du wirst sie nicht hergeben. Sie ist eine Schweinsblase. Ich spiele mit deiner Seele. Fang mich.

 

Bin fort, in der Hand deine Seele. Hab keine Angst. Deine Seele ist wie die Schweinsblase. Ich bin erwachsen und doch noch Kind. Die erwachsenen kleinen Bauern haben keinen Ball, aber im Winter schneidet man ihnen Schweine auf. Aus all ihren Blasen macht man Spielbälle.

 

Ich spiele Ball, spiele mit deiner Seele, Harnblase eines Schweins! Deine Ferne und deine Schweinereien begleiten mich. Ich bin der heilige Kreis, teuflisch heilig, um dich, Harnblase eines Engels, teuflisch um dich, rosa Null, teuflisch um dich, Rose ohne Blütenblätter. Du ziehst dich als schwarze Rose an, wie die intelligenten Schürzenjäger.

 

Pfui!

 

Sechzehn Monate Gegenwart. An deine Mauern gelehnt. Die allerärmste Zeit. Diese Möglichkeit haben wir zusammen erlebt. Sechzehn Monate gewöhnliche, gemeine Gegenwart. Kometen oder Kommerz der Gegenwart? Sechzehn Monate Possen.

Für dich haben alle Dinge und alle Lebewesen dieselbe Form, dasselbe Alter, dieselbe Farbe, dieselbe Stellung, denselben Preis, bezogen auf den Körperraum, den du einnimmst.

 

So mager. Ich spiele mit deinen Knochen. Hab keine Angst, du wirst die Seele nicht hergeben, du hast keine Seele mehr, die Kinder in unserer Straße haben sie draußen vergessen. Sie hat sich im Dreck eines warmen Winters vervielfacht. So schmutzig bist du jetzt, kleiner zu stechender Ball.

 

Du siehst, ich habe eine scharfe Zunge, aber ich schreibe nicht mit der Zunge. Deine Knochen sind meine Bleistifte. Ich spitze sie neunmal am Tag. Schrei nicht, murr nicht, bezieh dich auf den Raum, den du einnimmst. Jede Gewalttätigkeit, jeder Schrei wird deine Blase erweichen.

 

Berühr dich selbst, du erhältst etwas anderes, wirst ein bißchen Weisheit dazugewinnen, du wurst es kaum erwarten können, dich nicht mehr in derselben Hühnerhaut wiederzusehen oder in der Hühnerhaut anderer (von Damen, Fräulein, jungen Herren, Typen, sie sind zu abgenutzt, ihre Öffnungen öffentlicher Markt). Die Gymnastik des Gehirns wird deinen Körper stärken. Ich schick dir meine Hände. Wahre Verstärkung.

 

Ich fehle in deinen Berechnungen. Ich liebe dich tödlich, und ich liebe dich nicht. Ich kann dir im Reagensglas Söhne und Töchter schenken. 1989 ist mein Schoß von den Leuten der Securitate Nationale zugenäht worden. Ich kann dir im Reagensglas Söhne und Töchter schenken. Meine Liebesnegationen sind positiv. Das paßt dir. Ich mach mir Sorgen um dich.

 

Die Liebe ist ein Festmahl, eine kleine Fabrik für Eier und Samenzellen, nie ein Irrenhaus.

 

Das sozialistisch-kommunistische Regime hatte mich gelehrt, keine Einzelheit zu vernachlässigen.

 

Das war gar nicht so übel.

 

Ich kann dir ultra-intelligente, schöne, herzliche Kinder schenken, die mehrere Sprachen sprechen, vernünftig lachen, Kinder im Reagenszglas, die Arbeit und Heimat lieben, siegreiche, arbeitsame Kinder, die Töchter russische Puppen, die Söhne Hephästos, ich könnte 3, 4, 5, 6, 17 bekommen, bei bester monatlicher Nahrungsration. Bestem Recht aufs Fressen. Erinnerst du dich? Schöne Fünfjahrestypen, blutrote Krawatten, schneeige Hemden, löchrige Schnürstiefel, Freunde und Freundinne, die zu heiraten waren, in Wasser getauchter Zwieback? Wir haben noch sehr kleine Größen.

 

Du lebst westlich waagrecht. Ich lebe nicht, ich schreibe, mir wird schwindlig auf der Senkrechten einer aktiven Pause. Von weitem ist dein Leben ein flacher, farbloser, unbequemer, labiler, von der Euglena viridis der Luft überflogener Punkt.

 

Das bin ich, die dich da oben anquatscht, hinten, ein Quatschen zur Verteidigung, wenn dein Rest Welt mir Einzelheiten mitteilt, die jeden Mann und jede Frau von dir entfernen.

 

Die Welt, was für ein unanständiges Wort, „die „Welt“, die Welt braucht reine Schwäche, sie stößt sich nur an den Fehlerlosen, behält die Hilflosen, um die Starken und Unschuldigen in die Falle zu locken. Du bist fehlerhaft, mein großer kleiner Liebling, aber du hast keine Fehler!

 

Du läufst die Straßen entlang, bleibst auf der Stelle festgenagelt. Idiotisch, schwach, (un)empfindlich, prächtig, genial, ein Battler, ein Lügner, im Dunkeln prächtig, bewundernswert, immer mein. Wir konkurrieren miteinander.

 

Wohin gehen?

 

?

 

Angekommen. In „angekommen“ breche ich eines Tages auf, und von da breche ich vor dem Übermorgen auf. Lehn dich nicht länger an deine eigenen Mumien. Stirb nicht inzwischen. Bevor ich sterbe, bring ich dir in der Vergangenheit die Sprache des Ungestüms. Paßt dir das?

 

Ich quatsch zu mir selber, quatsch diese Liebe zu dir! Zum Teufel! Hau ab! Meine Liebe wird dich begleiten, wir sind quitt.

 

Ich atme selten. Um nicht zu sagen, daß ich leide. Du hast soviel wehgetan. Den Leuten (Eltern, Frauen, Kindern, schließlich dem Land). Dir selbst. Sie haben dir, mehr oder wenig absichtlich, soviel angetan. Das Böse umzingelt uns, man redet Schlechtes über uns. Ich mit dir? Du mit mir?

 

Bin ich das komplizierteste männlich-weibliche Wesen, der-die komplizierteste Mann-Frau deines Lebens? Am giftigsten? Am giftigsten süß?

 

Es regnet. Die Schneeglöckchen blühen. Jetzt spiel ich mit deiner Seele, ich blase sie auf. Sie ist noch keine Blume, aber sie wird eine. Das Schneeglöckchen der Schweinsblase. Ich rieche an dieser mehr oder weniger humanitären Mission.

 

Ich liebe dich. Als Vertreterin der Abgesandten des Teufels, obwohl Gott mich täglich inspiriert.

 

DER ANTIKE CHOR:

 

Der Teufel ist ein schwachsinniger Heiliger, Gott ist immer sechzehn Jahre alt. Oder sechzehn Monate. Immer an seine Wolken gelehnt. Die beiden streiten sich um unsre Liebe.

 

DER MODERNE CHOR:

 

Hab keine Angst, du wirst zu Hause sterben, nicht bei ihnen, aber du wirst ihr Leben von neuem leben, auf deine Art. Schmoll nicht länger. Schwatz nicht länger. Du bist knochenlos, seelenlos. Niemand interessiert sich für dich.

 

Schau mich an.

 

Ich dringe selber in mich ein, bis zu meinen Träumen. Bin nicht vulgär, eher heiter, wegen all dem, was mir weh oder gut tut.

 

DER POSTMODERNE CHOR:

 

Ich mag in der Weisheit oder dem Elend des Geistes keine Hure sein.

 

Ich mag die stabile, vierfüßige Freiheit (Teufel-Gott).

 

DER PRIVATE CHOR:

 

Das Leben an meiner Seite ist ein Leidensweg oder ein Eierstock der Schönheit. Du bist so veretufelt, so irgendwas.

 

Ich, so Monströs, monoton, monumental, morphologisch traurig und unveröffentlicht, mürrisch, tot, irgendwas. Seit unvordenklichen Zeiten, Moschee, motiviert, bösartig, malvenfarben unter der Zunge, bunt im übrigen Körper, wilde Brombeere in meinem Herzen, Most der Wahrheit, Mythologie meiner selbst, mit dem lebendigen, gründlich jüdischen Geist vermählt.

 

Ich atme selten. Meinem Haus, meinem Land entgegen. Ich kette mich an, lege mir Handschellen an. Auf der Suche nach der Liebe, durchsuche ich mich selbst.

 

Ich komme an. In „ich komme an“ werd ich eines Tages zurückkehren und von da aus in ebendiesem Augenblick aufbrechen. Mach das Zeichen deines Kreuzes, orthoxoer Heide! Ich mach was andres.

 

Guten Tag oder Lebwohl?

 

P.S.: Ich warte auf das Blühen der Briefbäume.

 

Anmerkung: Wenn ich schreibe „ich kann nicht schreiben“, heißt das immer „aber doch, ich kann!“ Wenn ich schreibe „ich schreibe“, heißt das immer „ich laufe Hals über Kopf davon“.

 

 

Aus dem Französisch: Rüdiger Fischer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Rodica Draghincescu

 

http://www.draghincescu.com

http://www.verlag-hans-schiler.de/index.php?title=Rodica+Draghincescu+Sag+nie+wieder&art_no=B0239

http://www.hotel-pension-berlin.net/exilium/

http://www.prolit.at/eventreader-sued-ost-europa/events/rodica-draghincescu-andrej-lasarew-exilangues.html

http://www.amazon.de/Ph%C3%A4nomenologie-gefl%C3%BCgelten-Geschlechts-Rodica-Draghincescu/dp/3929085682

http://www.literaturhaus-stuttgart.de/event/211-1-poesie-aus-der-stadt-gespraech-in-gedichten/

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