Robert Şerban

 

 

 

(Rumänien)

 

 

(aus dem Gedichtband Moartea parafină)

 

 

Der Tod Paraffin

 

 

 

 

Die Vorbereitung

 

Ich schneide die Wörter
aus dem Gedicht
mit der Hartnäckigkeit
mit der mein Großvater
die Stücke Holzes mit der Axt
von einem Pfahl schlug
bis er ihn so zugespitzt hatte
dass er ihn mit einem Ruck
zwischen die Rippen des Keilers
in den Bauch des Wolfs
des Iltisses stoßen konnte

ich schneide aus dem Gedicht
ganze Verszeilen
und
Wörter
eins
nach
dem anderen
ich bereite es vor
spitze es
zu

 

 

Sie kam mir arm vor

Sie bekreuzigte sich
an jeder Kreuzung
ich wusste nicht wie sie heißt
sie war Anhalterin
ich hatte sie mitgenommen
weil sie mir arm vorkam

sie betrachtete mich aus den Augenwinkeln
eigentlich musterte sie mich
weil sie entweder Angst hatte
oder neugierig war
so dass ich über mich
zu reden begann

ich kann sehr gut reden
obwohl ich mich keineswegs kenne
ich fing mit der Kindheit an
mit den Geschichten von den Heuschobern und Dachböden
dem Geflügelstall dem Holzstoß
dem Maisfeld oder den pilzförmigen Äpfeln
sie beflügelten mich
ich nahm die Hände vom Lenkrad
um ihr zu zeigen
wie groß die Barbe gewesen war
die Freund Gorica
im Wasser des Schils gefangen hatte
oder wie lang der Pfeil aus Weidenholz
mit dem ich nach den Hasen
aus meinem Kindskopf geschossen

keinen Augenblick lang
blickte sie mir ins Gesicht
und an den Kreuzungen
bekreuzigte sie sich sparsam
nach etwa sieben Stunden
fragte ich sie
halbherzig
wohin sie fahren wolle

 

 

Das Glück verheißende Sternbild des Hundes

Kurz nachdem Samantha geworfen hatte
gebot mir Großmutter eines der Hündchen
auszusuchen das es zu halten galt
die anderen wurden in einen Sack gesteckt
und zum Fluss oder in den Hain verbracht

einige Tage zog ich es immer hinaus
sagte ihr wie schwer es mir fiele
bloß eines auszuwählen
weil sie doch alle gleich hübsch wären
und einander zum Verwechseln ähnlich
ich sah ihr dabei in die Augen
und belog sie ohne mit der Wimper zu zucken
wie es sich gehört dem Tod entgegen zu sehen
und ihn zu hintergehen

 

 

Die Welt der Ausgezeichneten

Fast die ganzen Sommerferien über
suchte ich auf dem Dachboden
die Zeugnisse der Großmutter
sie hatte mir gesagt
sie hätte in der Schule zu den Preisträgern gehört
doch das kam mir nun wirklich nicht zu glauben

jeden Tag
stöberte ich zwischen Gegenständen
die ihren Geruch verloren hatten
als wären sie
aus einer anderen Welt gefallen
einer Welt mit einer Sonne
die sich durch verborgene Winkel schlich
und dann verwandelte
in große gelbe Scheiben von Schweizerkäse

so oft ich sie durchflog
schmal wie ein Falter ohne Flügel
erhob sich hinter mir der Pollen
und die Welt
kehrte vom Tod zurück
und blieb auf halbem Weg stehen

ich bewegte mich langsam
war um einige Mal leichter als
die Dinge die ich anfasste
und die mich dort festhielten
wie Anker
aus Holz
aus Lehm
aus Glas
aus Wachs

 

 

Das Herz der Finsternis

Manchmal fühlst du dass jemand
das Licht aus dir löscht
und mit ihm verschwindet
viel zu schnell als dass du ihn an der Hand nehmen
und erkennen könntest

einige Augenblicke lang erstarrst du auf der Stelle
fängst dann plötzlich an laut zu sprechen
grundlos zu lachen
wie Geflügel um sich schlägt
nachdem man ihm den Kopf abtrennt

was kannst du im Dunkeln machen?
was hast du in so vielen Stunden gelernt
wie weit in das Herz der Finsternis geblickt?
Worte?

sind zu nicht nutze
als wären es die eines Alten
den die Krankheit
zum Schein vergessen hat
um zu erfahren was sein Mund von sich gibt

 

 

Der 23. Dezember 1989

Eine Handvoll Münzen
habe ich in die Tasche
über dem Herz gesteckt
das brachte meine metallene Brust
zum Zucken
wie jene einer Frau die sich zur Liebe
bereit macht

mit den eigenen Augen hatte ich eine angeschossene
Münze gesehen und sie war gültig
die Verkäuferin nahm sie an
wenn sie sie auch mehrmals
hin und her wendete
die Kugel kommt da nicht durch
kommt da nicht durch
wiederholte ich wieder und wieder
und das Herz schien mir vor Mut zu scheppern

wie Großvater sagte
wenn er sich an Fronteinsätze erinnerte
sickerte der Schweiß langsam und kalt
die Wirbelsäule entlang
wie ein an der Haut angenähter Reißverschluss

in die Brusttasche rechts
hatte ich einen Papierfetzen gestopft
auf den ich hastig eine Zeile geschrieben
in der Überzeugung es sei meine letzte
doch der Retter jener Seiten
aus dem mit einer Drahtspirale zusammengehaltenen Heft
in dem ich wie jeder Jüngling erzählte
wie ich mich für die Liebe
und sonst nichts vorbereitete

 

 

Ich möchte mich kurz vorstellen

Ich komme aus einem Land
in dem in den Achselhöhlen
der Kreuze
keine Spinnen
hocken

 

 

Man schaut mich an

Auf einmal
spüre ich dass man mich anschaut
ich bleibe stehen
sehe mich um
sogar nach oben

eine Ameise kriecht mir
unter der Sohle hervor
und setzt ihren Weg

fort

 

 

Inkognito

Manches Mal habe ich mir gewünscht
mir eine Perücke aufzusetzen und eine Sonnenbrille
dass mich niemand erkennt
ich mich dann in ein Schaufenster setze
reglos
wie ein Mannequin
über den die Leute
ihre Blicke gleiten lassen
als entdeckten sie
an einem frischen Grab
einen Stein auf dem
nichts
geschrieben steht

 

 

Ein Bündel

Ich bewahre in einer Schublade
ein Bündel Briefe auf
mit Bindfaden fest verschnürt
so wie manche Kranke festgebunden werden
dass sie sich nicht wehtun

vor Zeiten öffnete ich sie
trug daraus vor und amüsierte mich
sie waren voller Fehler
naiv
ihre Absender sind mittlerweile fett geworden
oder verschwunden

jetzt sehe ich dass alle Briefe
in Herzenshöhe
je ein Wundmal tragen

mein Kind hat
heimlich
seinen ersten Briefordner angelegt

 

 

 

 

(ins Deutsche übertragen von Hellmut Seiler)

 

 

 

 

 

 

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Robert Şerban wurde am 4. Oktober 1970 in Turnu Severin geboren. Er lebt in Temeswar. Er ist Schriftsteller und Journalist, Regisseur und Moderator der Fernsehsendung „Das fünfte Rad“ (Analog TV, Temeswar), Redakteur der Zeitschrift „Orizont“, Direktor des Brumar-Verlags.
Er debütierte 1994 mit dem Gedichtband Natürlich übertreibe ich (Debütantenpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes). Es folgten Odyssex (Gedichte, 1996), Pfeffer auf der Zunge(Interviews, 1999, Preis der Temeswarer Filiale des Schriftstellerverbandes), Pe urmele marelui fluviu / Auf den Spuren des großen Stroms (Koautor, zusammen mit Nora Iuga, Ioan Es. Pop, Werner Lutz und Kurt Aebli, Gedichte und Prosa, 2002), Temesvar – eine Dreierfreundschaft (Koautor, zusammen mit Dan Mircea Cipariu und Mihai Zgondoiu, Gedichte, 2003, Preis der Zeitschrift „Poesis”), Das rosa Buch des Kommunismus (Memorialistik, Koautor, 2004), Das fünfte Rad (Interviews, 2004, Preis der Temeswarer Filiale des Schriftstellerverbandes), Barzaconii / Anus dazumal (Prosa, 2005), Heimkino, bei mir (Poesie, 2006, Preis der Zeitschrift „Observator cultural” für den besten Gedichtband des Jahres 2006, Preis der Temeswarer Filiale des Schriftstellerverbandes), Athénée Palace Hotel (Koautor, zusammen mit Alexander Hausvater, Theater, 2007), Das Auge mit der Rinne (Publizistik, 2007), o căruţă încărcată cu nimic / ein karren beladen mit nichts (Koautor, zusammen mit Ioan Es. Pop und Peter Sragher, Poesie, 2008). 2004 wurde dem Autor von der rumänischen Präsidentschaft der Orden für kulturelle Verdienste im Rang des Ritters verliehen.

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