Rita Kuczynski

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Was glaubst du eigentlich? – Weltsicht ohne Religion

193 Seiten;  (2013); ISBN 978-3-86153-743-4.

 

 

 

 

„Der Glaube der Menschen, er wächst. Er wächst nicht? Er wächst? Seit Jahren streiten Gelehrte aller Länder in der »nordatlantischen Welt« – also zwischen Nordamerika und Europa – darüber, ob die Säkularisierung eher ein europäisches Phänomen ist oder ob sich die Verweltlichung global durchsetzen wird. Gegenwärtig neigt sich die Waage wieder zugunsten der Einschätzung: »Vorübergehend«! Säkularisierungsforscher wie Barry Kosmin beobachten allerdings mit Interesse, dass selbst in den Vereinigten Staaten die Kirchen jährlich etwa eine Million Mitglieder verlieren.1 Und eine 2013 erschienene Studie zeigt, dass die »nones«, die neuen Religionslosen in den USA, schon 24 Prozent der Demokraten stellen, die Obama wählten.2

 

 

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Da nicht nur Barry Kosmin in den Ostdeutschen die Trendsetter unter den Religionslosen sieht, – immerhin gehören 73 Prozent keiner Konfession an – habe ich mit 40 Konfessionslosen aus der ehemaligen DDR Interviews geführt. Das Anliegen dieses Buches ist es, die sogenannten “Ungläubigen“ selbst zu Wort kommen zu lassen. Also weniger über sie, sondern mit ihnen zu sprechen. Daher habe ich sie gefragt, woran sie glauben, wenn sie nicht an Gott glauben. Woran sie sie ihr Handeln messen? Wie sie ihren Wertekanon bilden? Wo und wie sie Sinn für ihr Leben finden? In welchen Gemeinschaften sie sich geborgen fühlen? Und: Wer und was sie trösten kann?

Um ihre Antworten vergleichen zu können, führte ich auch Interviews mit 40 Religionslosen aus der alten Bundesrepublik. Das Erstaunliche  bestand darin, dass an Hand der Antworten beider Gruppen die unterschiedliche Sozialisierung der Konfessionslosen  zu Tage trat. So antworteten die Ostdeutschen, geprägt durch die sozialistische und atheistische Erziehung auf die Fragen, woran sie glauben recht unbefangen von religiösen Parametern. Sie haben Gott als ein transzendentes Wesen salopp gesagt, gar nicht mehr auf ihrem Bildschirm. Für sie war die Frage nach ihrem Glauben längst von kirchlichen Bezügen entgrenzt. Die Mehrheit unter ihnen glaubt, dass es in weiterer Zukunft gerechter und humaner zugehen wird in der Welt. Eigentlich glauben sie an den „guten Willen aller,“ der sich auch mit ihrer Hilfe, irgendwann einmal durchsetzen wird.

Anders die Interviewpartner aus der alten Bundesrepublik. Aufgewachsen zumeist unter dem Einfluss christlicher Erziehung kamen sie über den Weg des Zweifelns zu dem Schluss, dass für sie der Glaube an Gott nicht mehr möglich war und traten zumindest aus der Kirche aus. Für ihr Leben blieb Gott keine Option. Sie glauben mehrheitlich daran, dass sie ihr Leben in freier Selbstbestimmung zu verantworten haben. Sie sind geprägt durch die in Europa und den USA stattgefundene kulturelle Revolution der 60 Jahre oder genauer durch die »individualisierenden Revolution« (Charles Taylor), in der massenhaft nach authentischer Lebensweise gesucht wurde und noch immer gesucht wird.  Diese massenhafte Suche führte zu diversen Formen des spirituellen Fühlens und Denkens, die keineswegs mehr im kirchlichen Raum ihren Entstehungsort haben.“ 3

Die beruhigende Nachricht, die sich aus den Interviews ablesen lässt, ist also: Die Konfessionslosen auch in Deutschland haben Wertevorstellungen. Sie lösen ihre Gewissensentscheidungen. Sie haben Ansichten zum Sinn ihres Lebens und beantworten ihre Fragen, auch die nach den »letzten Dingen« auf eigene Weise. Dabei liegen ihre Wertevorstellungen  nicht weit von den Christen entfernt.

Und die gute Nachricht ist, dass heute viele Quellen vorhanden sind, aus denen moralische Werte geschöpft und gebildet werden können. Sie anzuerkennen und ihre Mehrstimmigkeit zu nutzen, kann durchaus eine Bereicherung sittlichen Handelns sein.

Wir werden daher in naher Zukunft gemeinschaftlicher lernen müssen, „die Vielstimmigkeit der verschiedenen Lebens- und Weltanschauungen auszuhalten, um ein Höchstmaß an Freiheit und Gleichheit durch unser aller demokratisches Handeln zu garantieren.“ Gerade weil Gott als letzte moralische Instanz seine Universalität längst verloren hat, ist es umso wichtiger dieses Höchstmaß an Freiheit und Gleichheit zwischen den Lebens-und Weltanschauungen zu sichern. Denn  es wäre mehr als tollkühn zu glauben, dass die menschliche Natur mittels wissenschaftlicher Vernunft von Gott je »geheilt« werden könnte. Die Menschen werden nicht aufhören, über ihre

eigenen Daseinszwecke nachzudenken. Sie werden nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Sie werden wissen wollen, was nach dem Tod kommt und sich erklären wollen, warum ausgerechnet ihnen beziehungsweise ihren Freunden dieses oder jenes Unglück widerfährt. Und sie werden, wie Generationen vor ihnen, immer nur Antworten finden, die zu neuen Fragen führen, Fragen, auf die sie keine endgültigen Antworten haben.

 

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1 Kosmin, The Future of Irreligion, S. 8.

2 http://www.pewforum.org/Unaffiliated/nones-on-the-rise.aspx;

http://www.gallup.com/poll/159785/rise-religious-nones-slows-2012.aspx (18. Juni 2013)

3 ( Ch. Taylor, Formen des Religiösen, S. 72.)

 

 

 

Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion (2013)

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

25.02.1944 geboren in Neidenburg\Ostpreußen
1972 Eheschließung mit Thomas Kuczynski

1991 – Trennung von Thomas Kuczynski

1950-1963 Besuch der Grund- und Oberschule in Berlin, Abitur
1956-1962 Studium der Musik (Klavier und Orgel)
1964-1965 Gelegenheitsjobs
1965-1970 Studium der Philosophie in Leipzig und Berlin
1971-1975 Assistentin am Institut für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin
1975 Promotion zu G. F. W. Hegel: « Die Wissenschaft der Logik und der gesellschaftshistorische Hintergrund ihrer kategorialen Entwicklung » Doktor der Philosophie (Dr. phil.)
1975-1981 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften
1981-1990 Freiberufliche Schriftstellerin
1987 Gastprofessur für Philosophie und Literatur an der University of Buffalo, Faculty of Social Sciences;

Vorlesungen und Lesungen an:

Columbia University, New York; University of Minnesota, Department of German Language; University of Maryland, Department of History;

German Studies Association: Anual conference in St. Louis, Missouri

1991 Gastprofessur für Literatur in Chile:

Universidad de Concepción, Departamento de Lenguas; Universidad de Chile (Santiago de Chile), Departamento de Lenguas.

Studienreise zur Vorbereitung einer Monographie zu Gabriela Mistral (Santiago de Chile, Concepción, La Serena, Vicuña, Montegrande)

1992 Teilnahme an der Konferenz: l`Allemagne dans tous ses états: de l’Allemagne de l’Est a l’est de l’Allemagne, an den Ecoles Normales Supérieures d’Ulm-Sèvres und de Fontenay-St.Cloud, Paris,Frankreich
1993 Arbeitsstipendium für Berliner Schriftstellerinnen und Schriftsteller vom Berliner Senat
1994 Stipendium des Deutschen Kulturfonds
1995 Autorenförderung der Berliner Künstlerförderung
1995 Stipendium des Council for European Studies Columbia University, New York.

Stipendium der University at Buffalo, Department of History and Department of Modern Languages and Literatures.

1998 Literatur-Stipendium der Stiftung Preußischen Seehandlung
seit 1998 Freie Journalistin vornehmlich für die “Süddeutsche Zeitung”
und die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”
2001 The Johns Hopkins University – The American Institute for Contemporary German Studies,

Visiting Fellow 2001 – Writer

2002 Literaturpreis der Zeitung “China-Time” Taiwan 2001
2008 Senior Fellow an der Johns Hopkins University – The American Institut for Contemporary German Studies

 

 

 

Siehe auch:

www.rita-kuczynski.de

https://www.facebook.com/rita.kuczynski

http://de.wikipedia.org/wiki/Rita_Kuczynski

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