Reinhard Knodt

 

FOTOGRAF: privat, 2008 Motiv: Reinhard Knodt in  Abenberg

 

(Deutschland)

 

 

 

Die Lieder der Könige

 

 

Auf der Busfahrt von der Lakehurst nach New York, schlief eine wildfremde junge Frau mit mir. Anders lässt es sich nicht ausdrücken. Sie kam in den Bus, setzte die Sonnenbrille ab, steckte sie in eine Handtasche, ließ sich nach einem prüfenden Blick neben mir nieder, zog die Beine an und lehnte sich an mich, als würde sie mich seit Jahren kennen.

 

Ihr Oberkörper lag, angewinkelt neben mir, Kopf und Wange ruhten an meiner Schulter,  die Knöchel ihrer Hand berührten leicht  meinem Arm…-  Ich war zunächst verblüfft, als sie sich so zurechtlegte, rührte mich aber nicht, teils um nicht unhöflich zu sein, teils, weil ich es natürlich nicht unangenehm fand.  Langes Busfahren macht schläfrig, und so fuhren wir also dahin, ich zunächst noch mit den Gedanken an ein paar gerade absolvierte Recherchen, dann aber doch immer mehr mit dieser beinahe auf mir liegenden Frau beschäftigt, die eine Koreanerin sein mochte, oder nicht ganz, aber doch jedenfalls aus dieser Richtung, wie ich dachte; dann absinkend in den Vibrationen des Busses im Gefühl des Gefahren- und Getragen- Werdens, das sich nach und nach auch in eine Art Nebeneinandergefühl wandelte, ein zwischen Wachen und Schlafen und Lichtreflexen hinpendelndes Bewusstsein der Gemeinsamkeit voll eigenartigster Inhalte, das sich im Laufe der Reise, vielleicht, wer weiß, immer mehr ähnelte und schließlich eins wurde – zeitweise.  Ich hatte jedenfalls zum Beispiel einige Minuten lang das Gefühl, in einer offenen Kutsche zu fahren, unter einem Blätterdach und Sonnenblitzen, eine Pagode zu sehen, in einer asiatischen Stadt, in der ich noch nie im Leben gewesen sein konnte und einen Zigarettenverkäufer zu sehen vor einem einen Stand mit Papageien. Die Frau neben mir war aus Seoul, so stellte ich mir jetzt vor. – Dass sich unsere Körper zusammenschaukelnd aneinander rieben, erzeugte gewisse Vorstellungen, und schließlich bei mir das Bedürfnis, die Augen zu öffnen.

 

Ich roch den Duft ihrer Haare. Ihr Kopf war klein, und ich wunderte mich auch, wie er wiegend mir auf dem Oberarm lag und sich weder aufrichtete noch weiter nach unten glitt, was eigentlich hätte geschehen müssen, wenn sie einfach nur geschlafen hätte. Aber sie schlief nicht. Sie musste, so war mir bald klar, hinter ihren geschlossenen Augen merken, dass ich sie ansah, oder sie musste überhaupt im Taumel ihres eigenen Wachens und Schlafens darauf drängen, dass es so blieb – oder anders, das es noch besser wurde zwischen uns, brüderlich, geschwisterlich, liebevoll, – ich zur Seite gelehnt und sie halb auf mir, ich auf sie blickend in den Lichtreflexen der Busfahrt, und sie atmend an meiner Schulter, und wir beide nun fahrend auf schaukelnden Polstern durch Eichenwälder zwischen Lakehurst und Freehold und Amboy, dem dunklen Lincoln- Tunnel vor Manhattan entgegen.

 

Als ich nach einiger Zeit unseres zweideutigen Neben- und Ineinanders wieder einmal die Augen aufschlug, hatte sie sie auch aufgeschlagen und blickte mich an. Wir blickten uns also an und rührten uns nicht. Ich bemerkte nur, dass sie jetzt einen ihrer Schuhe ausgezogen und den Fuß ganz auf dem Sitz untergebracht hatte. Den Arm hielt sie angewinkelt, einige Haarsträhnen waren aus einem glitzernden Gummiband gerutscht, das sie bisher zusammengehalten hatte…

 

Zugestiegen war sie vor Freehold an einer Tankstelle mit Restaurant; allein, wie sie es vielleicht jeden Tag tat, oder jeden Sonntag um dieselbe Zeit. So stellte ich mir das jetzt wenigstens vor und malte mir aus, dass sie sich jedes Mal einen Reisenden aussuchte, sich sofort an ihn lehnte, sich entschieden an ihn schmiegte – und dass es ihr höchstwahrscheinlich fast immer gelang, gerade weil ihr Tun so unwahrscheinlich war. Ihre Augen sahen mich für einen Moment wie durch den Schleier des Schlafes hindurch und schlossen sich wieder nach langen Sekunden, in denen ich mir nicht klar darüber war, ob sie nun eben verstohlen gelächelt hatte oder ganz ruhig den Blick nur auf mir ruhen lassend, mich musterte, um jetzt – im Inneren ihrer warm und dunkel geschlossenen Augen – über das Bild nachzusinnen, das sie empfangen hatte. Ihre Knie drückten ab und an merklich gegen meine, ihre Hand, unabsichtlich oder absichtlich, das war nicht festliegend, griff fast nach meinem Ellbogen  – und ich – ließ es zu? Ich hatte nicht eine Sekunde gezögert, war nicht distanzschaffend zur Seite gerückt, ganz am Anfang, was ja vielleicht alles verändert hätte. Sie hatte es jedenfalls wie durch einen ersten sekundenschnellen Zauber fertiggebracht, dass ich diese unwillkürliche kleine Bewegung nicht machte, indem sie sich, wie als ob es sich so gehörte, an mich gelehnt hatte, oder anders, ich war von dieser Bewegung des Während-des-Hinsetztens-sich-bereits-an-mich-Lehnens an gebannt gewesen und hatte keine Sekunde lang an eine Korrektur meiner Sitzhaltung gedacht; oder noch anders, diese Korrektur stand bis jetzt aus, denn eigentlich hätte ich sie ja immer noch durchführen können, mich einfach zur Seite bewegen, zwei Zentimeter, ein wenig aufrichten, doch das ging eben nicht, da ihr Gewicht schon eine Spur zu selbstverständlich auf mir lag – ich hatte mich sozusagen in den ersten Sekunden darauf eingelassen und war nun eben gefangen in der unglaublichsten Selbstverständlichkeit ihrer ersten Bewegung, die jetzt im Summen des Busses in Tasten und Schaukeln sich auflöste oder aufschaukelte, wie man will, jedenfalls gab es ständig eine Art wogende Verständigung und Verstärkung des einen oder anderen Druckes unserer Körper aneinander, und wir gerieten so tatsächlich durch sie, durch mich, wer weiß es genau, immer weiter in den Sog einer dunklen, schützenden Welt der Berührung, der Mütterlichkeit, der Geschwisterlichkeit, der fürsorgenden Zärtlichkeit, und des darunter schlummernden Reizes und des Lächelns, in den wir zugleich, wie in einen Halbschlaf – in eine Art sich bewegende körperliche Phantasie einmündeten und uns sozusagen vermischten.

 

Wer weiß, wie oft diese Frau diese Reise gemacht hat, dachte ich gelegentlich auftauchend aus meinem undeutlichen Taumel, aber dann verschwamm wieder alles, denn sie war ganz offenbar eine Meisterin der mikroskopisch feinen Bewegung. – Dem Rhythmus des Busses folgend, aber nicht entsprechend, unmerklich synkopierend hier und da, stärker andrängend, Muskeln anspannend und sie wieder zurücknehmend, im Halbschlaf mir Fantasien und Fragen durch kleinste Bewegungen und Muskelspiele einflößend und im Hellwachen der Ahnungen Vorstellungen erzeugend von ihrem Körperbau, dem Duft ihrer Haare, ihren Fußknöcheln, den Hüften. Gezielt und ruhig arbeitete sie im Geheimen, bis ich mich fragte, wie ihre Schenkel aussehen mochten oder ihr Mund oder die Innenseiten Ihrer Arme, die Achselhöhlen unter dem Stoff. . –

 

Mehrfach suchte ich, ihr ins Gesicht zu sehen bei der einen oder anderen Berührung. Mehrfach spürte sie es, da sie immer nach einigen Sekunden ihrerseits die Augen aufschlug und mich ansah oder vielmehr nicht ansah, da dieses direkte Ansehen eine zu deutliche, verräterische Bewegung ihrer Pupillen oder ein Lächeln erfordert hätte, womit ihr Blick also fast starr war, wie eine Maske, hinter der sich die Augen öffneten, so dass ich eigentlich das Gefühl einer verschleierten Frau hatte. Sie war zwar nicht verschleiert – und ansonsten musste ich mich natürlich auch fragen, welcher Religion sie zum Beispiel angehören mochte. Aber es war etwas wie ein Schleier über ihren Augen, ein Schleier wie er gelegentlich über den Augen eines Indischen Freundes lag, mit Olivfarbener Haut und diesen Augen eben, die so dunkel sind, dass sie wie der reine Ausdruck des Auges, nicht aber des Sehens den anderen bannen können. – Aber bald schlossen sich ihre Augen dann wieder und ich vermeinte zu verstehen, sie würden sich in einer Art verschmitzten Verstellung, wer weiß, auch unmerklich lächelnd schließen, wobei dieser Hauch eines Lächelns, doch so schnell wieder verschwand, dass es nicht als pures Lächeln ausgelegt werden und mich aus dem Bann dieser eigenartigen Situation hätte reißen können.  Denn- es war ja immer noch alles im Raum der Interpretation, und das Wenigste war unmissverständlich, auch nicht ihr sich leicht im Schlaf, oder besser Halbschlaf öffnender Mund, mit dem sie jetzt von sich erzählte. –

 

Sie erzählte von ihrer Kindheit in einem Land, in dem man offenbar im offenen Wagen an Pagoden vorbeifahren konnte im großstädtischen Sonnenblitzen, vorbei an Erdnussverkäufern und Vogelkäfigen, dem Haus, ach was Haus; der Abteilung Beton in einem langgestreckten, acht Stockwerke hohen Gebäude, das vielfach unterbrochen und unterhöhlt und von Geschäften durchdrungen ein Labyrinth des Lebens, der Geräusche, der Gerüche, der Hoffnungen und Ängste darstellte, wie es in Seoul Hunderte gibt; und von Ihren Eltern im Gewimmel des Verkehrs, dem Vater, Zigarettenhändler in vierzehn Straßen des Bezirks und dem Onkel, der geschrieben hatte, sagen wir von Lakehurst, aus der Nähe Lakehursts, wo er ein Restaurant betrieb, ein gutes Restaurant, einen gepflegten Imbiss auf dem Land, wie es im Brief stand, – und von ihren Hoffnungen, eben dorthin zu kommen aus dem Betonschacht, ohne Fensterglas, in dem sie lebte wie in einer Höhle, in die das Neonlicht flackernd schlug und durch die der Curryduft einer Gaststätte zog und das Geschrei der Nachbarn,… von ihrer Sehnsucht, die sie in dieses neue Zimmer getrieben hatte, in dieses Zimmer, in dem sie jetzt wohnte, über der Tankstelle mit Mc Nuggets Imbissstation, in der sie ein kleines Zimmer mit Bett und Dusche hatte, in welches der Lastwagenverkehr schallte und in das sie sich hinauftastete nach zehn Stunden Arbeit und – wenn sie das Fenster öffnete – eine Neonreklame davor.

 

Sie bediene wochentags, so erzählte mir ihr offener Mund – um dann nach New York zu fahren, Sonntags, heute eben – zu einer älteren Freundin namens Schuong, einer jungen Literaturprofessorin mit der Vorliebe für Frauen und zärtliche Tänze in bestimmten Kneipen des Village.  – Ich sage Schuong, weil ich eine Koreanerin namens Shuong kenne, im New Yorker Village, die an einer der vielen kleinen New Yorker Universitäten für Koreanische Liebeslyrik des Mittelalters zuständig ist und gerade ein Buch über die Königsgesänge des 12. Jh. verfasst hat und die vielleicht, nun ja, auch hier neben mir liegen könnte im Bus, so schwesterlich, wie mir eben aus vielen Treffen bekannt, von denen nicht einmal ich selber weiß, und wüsste ich, es mir verbieten würde, mich je zu erinnern. – Natürlich gehört das nicht hierher, oder doch, denn auch Shuong hatte mich mehrfach angesehen, wie diese Frau auf dem Nebensitz jetzt, oder besser an meiner Seite. Bei Shuong war es allerdings im Stiegenhaus zu einem Gästezimmer der Universität und dann noch einmal im mexikanischen Restaurant gewesen. – Und ich hatte mich auch bei Shuong sofort so eigenartig schwebend zwischen Anziehung und Abweisung gefunden, so als wäre der Blick und der Schleier darüber dasselbe,  eine Art bittender Bann, dem nicht beizukommen war…zwischen Gebäck, das man in scharfe Soßen eintauchen musste und ihren nächtlichen Fragen nach meinen New Yorker Unternehmungen.

 

„…Interviews! – uf den Spuren der Einwanderer!“ – erläuterte ich, und sie philosophierte spöttisch darüber, daß diese offenbar immer dieselben seien, nach Mc Donalds riechen würden, in nächtlichen Stunden in Einzimmerappartments endeten, in die das Licht der Stadt und der Verkehr umschlagen würden. « Meine Eingewanderte hatte einen beauty-shop und trug 64 Jahre lang ein Blatt mit sich herum, den Brief des Vaters, in den vom vielen Falten ein viereckiges Schnipsel im oberen Teil sich gelöst und Loch hinterlassen hatte.

Durch dieses Loch, so erfand ich nun weiter, blickte sie gelegentlich im kleinen Büro ihres Beauty-shops in der 94. Straße und sann darüber nach, wie ihr Vater in einem jetzt polnischen Städchen sitzend in einer Schmiede über seine nach Amerika ausgewanderte junge Tochter geweint haben mochte.  Wie gesagt, ein Schmied in einem Ort namens Hermannstal kurz nach dem Krieg weinend über den Verlust seiner Familie, der Tochter schreibend in Amerika. Sie war Hausmädchen bei einer jüdischen Familie, ergänzte ich und wollte erzählen vom Schicksal deutscher Hausmädchen in New Yorker jüdischen Familien zu Kriegsbeginn und dem Beauty-shop meiner alten New-Yorker Tante  « …und das Eigenartige », fuhr nun Shuong fort, ohne sich wegen meiner Geschichte überhaupt zu unterbrechen – « sie haben alle das Gefühl, eigentlich immer schon hierher gehört zu haben in die Vereinigten Staaten, in den Westen und nur durch ihr bisheriges Schicksal zufällig abgehalten gewesen zu sein, verurteilt, in der Provinz der sonstigen Welt zu leben oder gar gehalten durch Not. Wer Not leidet, wandert nicht aus. Nur wer entsetzliche Not leidet, wandert aus denn jeder fürchtet sich vor dem Gefühl, diesen Zementsack im Magen zu haben im fremden Land an fremden Sonntagnachmittagen irgendwo. – ”Ich fühle mich nicht verurteilt in der „sonstigen Welt“ zu leben, erwiderte ich und wollte ihr von schneedurchwehten Dörfern erzählen und einem Fluß in Franken und Holzrauch und Menschen, deren Gesichtszüge und Augen so sehnsuchtslos seien, als hätte man ihnen schon als Kindern jede Hoffnung auf das Größere genommen

 

Aber Shuong hörte mir nicht zu. – Sie  stippte diese Chips in die mexikanische Soße und war vor zehn Jahren nach NY gekommen, war inzwischen verheiratet – natürlich mit einem Koreaner und hatte eine eigene Wohnung, die sie zwei Tage in der Woche aufsuchte um dort zu schreiben.  Liebesgeschichten. – „In einem kleinen Appartment in einer der Metropole der Welt Geschichten zu schreiben – das ist der Traum aller Schriftsteller der Welt“, sagte sie. Deswegen habe sie es ausprobiert  und ansonsten bekäme sie am Sonntag Besuch vom Land, eine kleine Freundin, wie sie schwärmend sagte und mich anblickte in diesem Moment, oder auch mehrdeutig, wer weiß das schon. Ich wusste jedenfalls nicht wie ich ihre Worte deuten sollte, damals. –

 

Diese Frau neben mir ist der Besuch vom Land für Schuong, dachte ich also jetzt im Bus und gewissermaßen an dieser Frau liegend und dass sie vielleicht einen kleinen Büstenhalter trug, der im Schaukeln des Halbschlafs unendlich nah und doch unberührbar zugleich war, denn es wäre ja immerhin möglich gewesen, dass sie die Augen nur im Schlaf gelegentlich öffnete, nichts sehend, ein Phänomen, von dem mir jemand erzählt hatte, und dass sie also gar nicht wusste, was sie mit ihrer linken Hand eben jetzt tat und entsetzt aufgesprungen wäre, hätte sie jemand bei klarem Bewusstsein mit dieser Tatsache und dem Ziel ihrer Bewegung konfrontiert, die zwar eine Tatsache war, aber doch nicht so, wie Tatsachen in dieser Welt des Ineinanderfließens und sich beiläufigen Kümmerns und der ineinanderflechtenden Hände, Träume und Hoffnungen sein hätten müssen. Nein, hier sah kein Wachender zu, wie sie immer wieder dazu aufforderte, doch ihren Bewegungen zu antworten, den Bewegungen des Busses folgend natürlich, aber eben auch geschickt und interpretationsbedürftig darüber hinausgehend, wie mir deutlich war und wie ihr dies auch meine Hand an ihrer Hüfte zwischen dem Stoff eines entdeckten sehr glatten seidenen Hemdes und der weichen Haut mitgeteilt hatte.  Sind wir inzwischen nicht doch unmissverständlich auf einem gemeinsamen Weg zu einem gemeinsamen Ziel, während der Bus an Richmond vorbei auf Jersey-City zufährt, oder könnte all dies zufällig so liegen und sich bewegen, noch, aber doch auch eigentlich schon nicht mehr? – Nein, das ist, doch – das ist gemeint, weiß ich jetzt, meine ich jetzt zu wissen, und die Polster des Busses verstärken jede Bewegung und Vorstellung, und der Lincoln Tunnel ist nicht mehr weit, und sie ist eine Meisterin der abgestuften Bewegung, und sie macht diese raffinierte Reise jede Woche, je nachdem, ob sie Shuongs Besuch vom Land ist oder nicht, denke ich jetzt – und bei der Zahlstation, über die der Bus nur kurz anhaltend zum Tunnel einfährt – grüßend der Fahrer – sieht sie mich wieder an mit halb geöffneten Augen und halboffenem Mund, in dessen Zahnreihen ich nun auch ihre rosa Zungenspitze entdecke. Wie triumphierend!, denke ich kurz, bevor ich einige Atemstöße lang spüre, dass sich ihre Hand verkrampft, was aber ja vielleicht auch eine Sekunde der Unsicherheit und des Erschreckens und das kurze Aufseufzen einer jetzt aus dem Reiseschlaf Erwachenden sein kann. Jedenfalls verflüchtigte sich alles sofort ins Dehnen und Strecken, als wir nach dem Tunnel ins Helle stoßen. Sie richtet sich auf, streift die Haare zurück, sieht mich an, beiläufig fast, sucht nach dem Gummiband, das die Haare zusammengehalten hatte, erhebt sich, nimmt die Handtasche, fischt nach ihrem Schuh – setzt die Sonnenbrille wieder auf und lächelt nickend, ganz unmerklich, – so als würde sie, sich verabschiedend, in einen Raum hinein grüßen, in dem sie schon nicht mehr ist.

 

Es bleibt wirklich alles unsicher, auch ihre Zungenbewegung hinter den geschlossenen Lippen, mit der sie vielleicht ein breites, erlösendes Lächeln verbirgt, das sie nun ja auch zeigen könnte, während sie mich doch bloß zwei Sekunden länger ansieht als normal. Aber, was ist normal? Was ist sicher? Ich bin mir nicht sicher, was das eben war. Sicher ist nur der Bus der Adirondak-Lines, die Selbstverständlichkeit des Fahrers, mit der er sich zwei Stunden auf sein Ziel zu bewegte und die eiserne Rampe der Station hinauffährt zum Gate 28, während ich mir hinter meiner Reisegefährtin stehend das Hemd in den Hosenbund stecke. –

 

Als ich im Dunkel des Lincoln Tunnels hätte schwören können, sie und mich, deutlich und sehr gemeinsam zu spüren, war es nämlich doch gleichzeitig auch, als hätte ich für wenige Sekunden das Bewusstsein verloren, oder – jetzt – die Erinnerung daran, oder als wäre ich völlig eingeschlafen gewesen. – Mir schien, als wäre der Punkt unserer höchsten gemeinsamen Verwunderung gleichzeitig der Moment völliger Reglosigkeit oder vielleicht auch Auflösung gewesen. Sicher war, wie gesagt, nichts. Nur die Türme Manhattans sah ich mit Sicherheit, als wir herauskamen, und an Schuong erinnerte ich mich natürlich, die in einer sonnigen Bar irgendwo im Village über unsere Unfähigkeit geredet hatte, die östliche Lyrik des Mittelalters zu verstehen. ”Gedichte als die eigentlichen Wohnplätze der Menschen” hatte sie gesagt, « stell’ Dir vor, eine Welt der Burgen, der Bilder und der halbwachen Träume als die einzige Wirklichkeit. – Die Welt als Traumhaus, die Wahrheiten ineinander verfließend, die Pflichten, die elenden Kämpfe, die sinnlosen Gespräche und die warmen Mauern der Stadt und die Hotels und der Regen und das Sonnenblitzen  zwischen den Zweigen der Platanen – und all dies nur wie ein feines, fernes Anbranden – und schwebend darüber – die Lieder der Könige… »

 

 

Aus dem Erzählband „Undinen – Unmögliche Liebesgeschichten“ in Vorbereitung bei PalmArtPress Berlin September 2015.

 

 

 

IV. H  – Ein technisches Lied

 

Aus:  Schmerz – Acht Miniaturen

 

 

Neulich, als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, völlig einsam zu sein. Es war mir, als hätte ich damit die eigentliche Wahrheit meines Lebens erreicht, seinen Zielzustand. – Ich bin Physiker. Das All ist in meinem Kopf. Da draußen ist nichts. Ihr seid da draußen! Ihr seht mich an. Ja, ja, das Leben auf einem Rollstuhl ist der beste Ausdruck unserer Zeit. Ich halte Euch bei Laune! Ich bin ein großer lachender Mund! Das letzte Mal, als ich gesprochen habe; als ich gespürt habe, dass ich gesprochen habe, da war mir noch keineswegs klar, dass man desto besser denkt, je weniger man  –  ist.

 

Mein Wissen geht nicht über das der Philosophen hinaus. Aber ich spreche eine Sprache, die ihr versteht. Ich singe ein technisches Lied! Ich spreche mit schnarrender Stimme. Aus einem Kästchen! Ich bin ein Fall! Das interessiert die Leute! Mein Wissen ist – nichts. Ich bin der Geringste unter den Geringen. Ich bin ein Genie. Für die Naiven sind wir Physiker die Weisen schlechthin. Wir erfinden die Zeit, sagt das Publikum. Wir würfeln mit Gott! Aber wir spielen nur mit den letzten Sätzen einer zu Ende gehenden Wissenschaft. Ja, sie geht zu Ende. Sie mündet in die Logik ihres Anfangs. Ihre physikalischen Sätze zum Beispiel spielen nur noch mit sich selbst. Gelegentlich sagen wir, wir hätten ein neues Teilchen entdeckt. Was für eine entsetzliche Lüge. Wir haben es hergestellt! Mit riesigen Maschinen.  Sehr wahrscheinlich jedenfalls! Aber, lächeln wir, wo liegt in unserer Art der Wissenschaft der Unterschied zwischen der Herstellung und der Entdeckung?

 

Ich weiß das alles und habe es zugleich vergessen und ich sinke in mich ein auf meinem Rollstuhl und klappere mit meinem Kästchen. Meine Rippen bewegen sich kaum beim Atmen und ich fühle mich wie ein Falter, der seine Puppe verlassen hat und sich nicht entfalten kann. – Ja, früher, da fühlte ich mich wie der schwächliche Thron kostbarster Gedanken – ein zerbrechliches Podest, auf dem das Wertvollste herumgereicht wurde auf den Parties der Welt. – Dass die Zeit nur der Zerfall einer Ordnung ist, war mein populärster Satz. Ich hatte ihn in die Sprache meines Kästchens übersetzt. Das verstanden die Leute.  – Jetzt bin ich ein Rest. Und ich bin auch wieder anderer Ansicht. Die Zeit ist eine Ordnung, denke ich jetzt, und dass Ordnung und Zerfall eines sei.

 

Ich bin ein großer Verführer! Gegen einen wie mich waren Wotan, Merkur und Merlin nur verliebter Sänger. Hildegard – ? Kenne ich nicht. Nein, ich bin anders! Ich bin der Musterschüler der physikalischen Kosmologie und zugleich das Geheimnis der Demut. Ich bin die Monstranz für die Mittelständler der Bildung und die große Verkrüppelung, die Erkenntnis, die wirklich brennt. Ich bin über ein Gestell hingebreitet, wie eine Kleiderpuppe. Ich bin das Gestell.

 

Ich schlafe nie. Wenn ich zu Bett gehe, dann ist das kein Versinken, sondern die Beruhigung meiner Nerven in einen Dämmerzustand hinein. Es schreit, wenn mich einer vom Stuhl hebt. Ich höre es nicht. Ich sehe nur in den Augen der Anderen, dass ich jetzt etwas wie einen Kinderschrei ausgestoßen habe.  – Ich wache davon auf, dass mir jemand den Speichel fortwischt. Ich entdecke mich auf dem Thron.

 

Neulich hatte ich beim Erwachen das kostbare Gefühl, völlig einsam zu sein. Es war beglückend – als hätte ich kurz vorher die Lichtgerade der Zeit erblickt. Einen niemals verlöschenden Blitz. Ich wollte meinen größten Satz widerrufen. Ich wusste, dass ich ihn nie ganz in die Sprache des Kästchens übersetzen würde können. Ich wand mich. Ich grinste in einem fort. Ja, ich hatte die größtmögliche Erkenntnis. Die Zeit ist nur der Zerfall einer Ordnung wiederholte ich, und Zerfall und Ordnung sind eins. – Aber ich wollte es jetzt anders verstanden wissen. Ganz anders! – Im Bild eines Blitzes. – Ich dachte, „ein niemals verlöschender Blitz…“

 

 

Das „technische Lied“ thematisiert anhand des im Rollstuhl sitzenden Atomphysikers J. Hawkins den ausweglosen Taumel zwischen technischer Herstellung der „Welt“ und Bilderdenken als ihrer scheinbaren Erklärung.  Er stammt aus  Reinhard Knodt „Schmerz – Acht Miniaturen“ Palm Art Press Berlin  ISBN 978 3 941524 39 2 .

 

 

 

http://www.amazon.de/Reinhard-Knodt/e/B001K1CENO

http://palmartpress.com/buecher/vorschau/undinen/

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Reinhard Knodt lehrte zunächst 12 Jahre Philosophie in Erlangen Nürnberg, Bayreuth, Dublin und den USA. Nach seiner Rückkehr wurde er 1992 Hausautor des Bayerischen Rundfunks. Seit 2006 hält er an der UDK Berlin Kunstphilosophische Seminare und pflegt ein von ihm 1995 begründetes Künstlerhaus in Süddeutschland. (Roman, Erzählung, philosophischer Essay, Kurzprosa) Literaturpreisträger der Bayerischen Akademie der schönen Künste u.a.m.

 

www.reinhard-knodt.de

Articles similaires

Tags

Partager