Regine Kress-Fricke

 

Regine Kress-Fricke

 

(Deutschland)

 

 

 

Lauenburger Rufer

 

 

Eben noch floss die Elbe verkehrt herum. Eisbrocken warfen sich den Fluten entge- gen. Eine Barriere entstand aus blauweißen Schollen. Stoßen und Schieben. Die Luft füllte sich mit Zirpen, Knirschen und Silbertönen sich auftürmender Eisscheiben. Ein gläsernes Konzert. Schon schwamm der Strom wieder dem Meer entgegen. An klei- nen, am Ufer hingestreckten Ortschaften vorüber. Am Zusammenfluss von 600 Jah- ren Kanalgeschichte zögerte der Elbstrom, vermischte sich dominierend mit den Was- sern des Elbe-Lübeck-Kanals, der in seinen Tiefen die Geschichte der Stecknitzfahrt in sich trägt: Bilder von Menschen, die über lange Strecken Boote über Land schlepp- ten bis zur nächsten schiffbaren Stelle. Und dort am Vereinigungspunkt grüßten die roten Ziegelbauten der alten Schifferstadt, die Werft und später der Lauenburger Ru- fer.

 

Die untergehende Sonne steckte mit ihrem Abendfeuer die Hitzler Werft in Brand. Und am nächsten Morgen – Fatamorgana – stand sie wieder. Leute bewegten sich vor- wärts und rückwärts. Arbeiter gingen in die Werfthallen, andere traten heraus. Und drinnen ergriffen sie ihr Werkzeug. Bearbeiteten mit schweren Schlägen Metall, das in Basstönen aufstöhnte oder mit dünnerer Stimme sang. Im Rhythmus schwangen sie Hämmer und Bolzen. Der eine hämmerte Kö-ni-gin-nen, Kö-ni-gin-nen, ein ande- rer Ho-ho-tschi-minh und andere To-le-ranz, To-le-ranz. Im wilden Schlag rissen die Rhythmen alles und jeden in ihren Bann. Schlepper und Tanker entanden im Drei- und Viervierteltakt.

 

Da erwachte Thea. Niemand brauchte sie zu wecken. Sie kannte die Geräusche und die dazu gehörige Zeit. Die Kleider flogen ihr an den Körper. Strümpfe und Schuhe sprangen an die Füße. So war sie bereit. Sie eilte aus dem verwaisten Haus, das vom Apotheker verlassen, museal vor sich hinträumte. Die Elbstraße rief. Die Backstein- bauten. Alt und bucklig. Mit Charakter. Sie kam am herrschaftlichen Kaufmannshaus und an der Töpferei vorüber, wo sie mit der Inhaberin ein kurzes Gespräch begann:

„Wie war der Töpfermarkt? Gut verkauft? Reicht es zum Überleben?“ Thea bewun- derte einige blaue Krüge mit dem Lauenburger Traditionsmuster von 1694. Die ge- langen der Töpferin immer besonders gut. Weiter schlenderte Thea am alten Rathaus, geöffneten Fenstern, an Morgengrüßen vorbei zur Himmelsstiege. Hinauf. Hinauf.

Wieviele Stufen zum Himmel? Zweihundert? Dreihundert? Dazwischen Atem holen. Terrassengärten mit blühendem Gehölz, Christrosen, späten Schneeglöckchen und Krokussen.

Ein verkleideter Heiliger kam Thea entgegen. Die Augen auf den Weg geheftet, schritt er abwärts zur Altstadt. Er war fast vorbei, da erkannte sie ihn. Sie rief seinen Namen. Einmal. Zweimal. Er reagierte nicht, sondern schritt unbeirrt weiter. Sie aber stand da mit Bildern im Kopf. Aus fernen Tagen. Sie irrte sich nicht. Das war er. Ihr Tänzer. Der Mann, der ihr beigestanden hatte, als es ihr das erste und einzige Mal auf einem Fest speiübel geworden war. Der Mann, der ihr Herzrasen verursacht hatte.

Das erste Mal. Theologie und Mathematik hatte er studiert. Bei seiner mündlichen Prüfung hatte sie in der Mensa auf ihn gewartet. Die Glückwünsche. Eine heftige Umarmung und später im urigen Weinlokal die Feier bei Bordeaux und Rotspon.

 

Der Aufstieg auf der Himmelsstiege brauchte Muskeln und Puste. Die Steine waren unregelmäßig, manche sehr hoch. Thea nahm gelegentlich zwei Stufen auf einmal. Endlich am Ziel, rang sie nach Atem. Die Verheißung einer Himmelsstiege erfüllte sich: der Blick hinunter auf die Elbe, auf Lauenburger Stadtgeschichte. Ein Ausflugs- dampfer stampfte durch den Strom, blökte, tutete aus vollem Schornstein. Wie war das Musik in den Ohren der Lauenburger. Wer konnte, trat ans Fenster oder auf die Terrasse. Ein letzer Burmester hielt sein Schiff auf Kurs. Wie lange noch? Die Ge- schichte einer Reederfamilie. Burmester, begonnen im 19. Jahrhundert. Eine lange, vielseitige Lehrzeit war das beste Kapital des Gründers gewesen. Dazu dessen Wage- mut und Durchhaltevermögen. Höhepunkte erreichte das Unternehmen mit Fracht- fahrten, eigenen Schiffen und Routen. Aber auch Talfahrten gehörten dazu. Gestran- dete Schiffe. Überlebenskampf. Niedergang der Aufträge. Bröckelnder Putz am stol- zen Sitz der Unternehmer.

In dem nahe gelegenen Schulhaus spielte jemand eine Melodie auf dem Klavier. Bei der Wiederholung dann der Einsatz der Kinderstimmen „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“. Thea summte mit. Von „Rösslein einspannen“ war hier im Ort nichts mehr zu sehen, ging ihr durch den Kopf. Hier griffen nur noch Wenige selbst zu Hacke und Spaten wie die Alte am Hang. Dorthin machte sich Thea auf. Zum Phi- losophenberg. Aber nicht die Kants und Schopenhauer hatten dort Zutritt. Das war der Boden der Naturphilosophen. Mit der Sense machte sich die Alte zu schaffen, si- chelte das wadenhohe Gras. Als Thea auftauchte, hielt sie inne. Begrüßte sie erfreut. Sie kannten sich schon lange. Stundenlang hatten sie bei Wind und Wetter draußen stehend Gedanken ausgetauscht. Manchmal, nach getaner Arbeit, lud die Alte auch zu einer Tasse Kräutertee vom eigenen Acker.

Von ihrer Begegnung auf der Himmelsstiege erzählte Thea. Nannte den Namen und fragte nach den Lebensumständen des ehemaligen Freundes. Die Alte kannte alle Ge- schichten und Dramen am Ort. Ihr Anwesen, sie selbst waren schon Geschichte. Vie- le Jahre sei er der Pfarrer des Ortes gewesen, erfuhr sie. Tatkräftig. Von der Gemein- de verehrt, vielleicht sogar geliebt. Viele soziale Projekte habe er angestoßen. Bei Problemen in den Familien sei er immer vermittelnd oder tröstend zur Stelle gewe- sen, bis….         Die Bäuerin sprach nicht weiter, sondern begann, im Gemüsebeet Un- kraut zu hacken. Obwohl Thea darauf brannte, mehr zu erfahren, drängelt sie nicht.

Sie kannte die alte Frau gut genug. Wenn sie nicht wollte, war ihr kein Wort mehr abzuringen. Nach einer Weile wechselte die Alte zusammenhanglos das Thema. Auf die Hacke gestützt, sprach sie weiter: „Hier stehen die Interessenten Schlange. Bestes Bauland. Wollen das Gebäude abreißen.“ „Aber ist es für sie nicht gefährlich im Haus? Die Löcher im Dach? Die bröckelnden Kamine“, warf Thea ein. „Nein,“ schüt- telte ihr Gegenüber den Kopf, „hören sie nicht, wie der Wind um die Kamine singt? Mit neuem Anlauf in verschiedenen Tonhöhen durch die Ziegel pfeift? Da kann mir nichts passieren.“ Wieder schüttelte sie den Kopf, und ein breites, zufriedenes Lachen lag auf ihrem Gesicht. „Solange ich lebe, wird hier nichts anderes angebaut als Gemü-se und Blumen, und der Luftschiffer hat freie Fahrt.“ Unvermittelt ergänzte sie: „Da- rin hat er mich bestärkt, als er noch im Amt war. Unser Pfarrer. Bis…. bis zu dem Un- fall. Er verlor auf einen Schlag seine Frau und zwei Kinder. Seitdem trinkt er.“ Beide standen sie wortlos beieinander. Die Bäuerin, deren Eltern hier schon, deren Vorfah- ren auch, das Land beackert hatten und eine Stadt als Familiennamen trugen und Thea, insichgekehrt. Als die Alte zum Haus ging, blieb sie nochmals stehen: „Keine Sorge, wenn der Wind im Frühjahr unterm Dach singt, fährt er auf der anderen Seite wieder raus. Und trägt er das Dach fort, fliege ich mit.“ Thea schaute ihr nach und ih- re Gedanken wanderten weiter. Sie wusste nun, wohin sie zu gehen hatte. Da brauch- te sie jemand.

Als sie sich abwandte, sah sie in Gedanken schon junge Skater, die lederne Großmut- ter abholen. Das Land sondieren, Fenster und Türen aus den Scharnieren heben. Freie Fahrt für die Neuzeit. Ein Turmbau in Planung. Hinter ihr fuhr eine Orkanböe zwi- schen die Ziegel des Hauses, das lose Mauerwerk und schaufelte ein Grab.

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO:

 

Ihre Arbeit wurde durch längere Aufenthalte in Mexiko und den USA beeinflusst. Sie veröffentlich- te zahlreiche Bücher (Lyrik & Prosa) sowie Essays, Features und satirische Texte im Funk, in Ma- gazinen und Zeitungen. Die Autorin ist auch als (Mit-)Herausgeberin zweisprachiger Ausgaben tä- tig, zuletzt DIE HALBE HERRLICHKEIT DEN FRAUEN / COMPARTIR EL SENORÍO CON LAS MUJERES und demnächst im Frühling 2015 CERCANA DISTANCIA / NAHE FERNE hrsg. von Margarito Cuéllar, Graciela Salazar Reyna, Regine Kress-Fricke, Universitätsverlag der Uni- versidad Autónoma Nuevo León (UANL), Mexiko.

 

Sie erhielt mehrere Auszeichnungen u.a.: Literaturstipendium der Kunststiftung Baden-Württem- berg; einjähriges Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Lauenburg / Elbe; Elle-Hoffmann-Preis (GEDOK); Stipendium des Franz. Ministeriums für Kultur und Kommunikation & der DRAC; Mit- glied im PEN-Zentrum Deutschland, DIE KOGGE, VS, GEDOK.

 

Letzte Buchpublikation: *TICKEN IM EIGENEN RHYTHMUS, Lyrik, Pop Verlag Ludwigsburg, Dez. 2012

Frühere Veröffentlichungen (Auswahl):

*WortLAUT und leise, Gedicht, mit Bildern von Guntram Prochaska und Fotos von Richard Jesch- ke, bibliophile Ausgabe, Zeitschnur Verlag, Grötzingen

*KÜNSTLERBÜCHER „Elbe“, „Seevogel“, „Zauberbaum“ etc.

*LE JOUR OÚ LE DIEU DE LA PLUIE REFUSA L’EAU DU CIEL (zweisprachig)

*LA VACHE SUR LE TOIT (petit roman)

*DIE KUH AUF DEM DACH (Novelle)

*WENN HANSEMANN KOMMT (Roman) etc…….

 

Homepage: http://www.reginekressfricke.kulturserver-bawue.de

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