Poésie, diese rätselhafte Verstärkung… INTERVIEW mit DINU FLAMAND

 

 

(Rumänien – Frankreich)

 

 

 

 

 

 

Das Bârgau-Gebirge in Moldavien (Munții Bârgău)

 

 

 

Anchidim Flămînd (literarisches Pseudonym: Dinu Flamând) ist ein rumänischer Autor und Journalist, geboren am 24. Juni 1947 in Susenii Bîrgăului, einem kleinen Dorf im Norden Transsylvaniens. Er studierte an der literarischen Fakultät in Cluj Napoca und erhielt 1970 sein Diplom.

 

 

 

Dinu Flămând, Die Poésie der Erde

 

 

 

In den 1970er Jahren beteiligte er sich an der Gründung der literarischen Revue Equinoxe, die am Anfang einer der wichtigsten kulturellen Bewegungen seines Landes stand.

 

 

 

Dinu F. und der Schriftsteller Ion Pop in den 1970er Jahren

 

 

 

Angezogen von Bukarest, arbeitet er für verschiedene Verlage und Zeitschriften, besonders Amphithéâtre und Le 21-e Siècle. Er veröffentlicht Essays, Gedichte und Übersetzungen in den meisten Literaturzeitschriften jener Zeit. Seine ersten Gedichte erscheinen ab 1971: zuerst Apeiron, gefolgt von Poésies (1974).

 

 

 

DF, die Autoren Cezar Ivanescu und Gabriela Melinescu in den 1970er Jahren

 

 

 

Aber Greffons (1976) und vor allem Etat de siège/ Belagerungszustand (1983), zeigen eine wichtige Entwicklung im Werk des Dichters, dessen Ton entschieden polemisch wird. Die Gedichte werden verboten, zensiert und ganze Abschnitte werden gestrichen oder ersetzt. Während die staatlichen Autoritäten eine zu offensichtliche Anspielung an die Repressionen während des Kriegsrechts in Polen vermuten, wendet sich seine Dichtung in Wahrheit gegen sein eigenes Land, Rumänien, in dem sich die Situation mehr und mehr verschlechtert. Ein Teil der Sammlung erschien im darauf folgenden Jahr in Spanien unter dem gleichen Titel: Estado de sitio.

 

 

 

DF und der große Romancier Marin Preda à Mogosoaia, in Rumänien

 

 

 

Parallel dazu entfaltet Dinu Flamând eine intensive Aktivität als Chronist, Journalist und Literaturkritiker. Er redigiert die Einführung in das Werk des großen rumänischen Nationaldichters G. Bacovia (1981), den er später in einem Artikel  mit dem portugisischen Dichter Pessanha vergleicht (in der portugisischen Revue Nova Renascença, vol. IX, 1989).

Dinu Flamând publiziert im Jahr 1985 auch L’intimité du texte. Auf dem Gebiet der Übersetzung: Le pollen insidieux (1977) von Martin Booth, in Zusammenarbeit mit Liliana Ursu und die Anthologie Vingt poètes latino-américains contemporains (1983) gemeinsam mit dem chilenischen Dichter Omar Lara, der in jener Zeit in Bukarest im Exil lebte. Konfrontiert mit einem immer engstirnigeren ideologischen Klima, sah sich Dinu Flamând gezwungen, seine Aktivität auf Kritiken und Übersetzungen zu beschränken.

 

 

 

DF und der große rumänische Dichter Nichita Stanescu (1983)

 

 

 

Er entdeckt nun die Dichter Portugals, Lateinamerikas, Spaniens, Italiens und Frankreichs, die ihn vor dem Niedergang im Sozialismus schützen: Fernando Pessoa, Miguel Torga, Sophia de Mello Breyner Andressen, Jorge de Sena, Herberto Helder, Fernando Assis Pacheco, Al Berto, aber auch Carlos Drummond de Andrade, Umberto Saba, Samuel Beckett, Lautréamont, César Vallejo oder Pablo Neruda, den er beginnt zu übersetzen. Eine beeindruckende Anzahl von Anthologien erschien übrigens in Rumänien (erst kürzlich der Spanier Antonio Gamoneda, und ein vierter Band der Werke von Fernando Pessoa).

Das Stipendiums Gulbenkian erleichtert 1985 seinen ersten Kontakt mit Portugal. Auf dem Rückweg seiner zweiten Reise nach Portugal, auf einem Kongress der portugisisch-sprachigen Autoren, beantragt er politisches Asyl in Frankreich.

Von Mai 1989 bis zum April 2010 arbeitet Dinu Flamând als bi-lingualer Journalist bei Radio France Internationale in Paris.

Seit 2011, zurückgekehrt nach Rumänien, produziert und präsentiert er eine wöchentliche Fernsehsendung über soziale und politische Themen im In- und Ausland. Gegenwärtig arbeitet er im rumänischen Außenministerium.

Die Sammlung Vie à l’essai (1989), veröffentlicht in Rumänien, markiert den Moment seiner Re-Integration im literarischen Leben nach der Revolution. Es folgt die zweisprachige Ausgabe von De l’autre côté (2000), übersetzt aus dem Rumänischen ins Französische von Pierre Drogi, mit Illustrationen von Neculai Paduraru, wie auch in der Anthologie La migration des pierres (2001, 2004) und Tags (2002). Letztgenanntes Buch erhielt den Nationalpreis für Poesie des rumänischen Schriftstellerverbandes. Poèmes en apnée in der Übersetzung von Pierre Drogi wurde im Pariser Verlag La Différence herausgegeben (2004). Eine weitere zweisprachige Ausgabe, Havera vida antes da morte?, veröffentlicht 2007 bei Quase in der Übersetzung von Teresa Leitão, mit einer Einführung von António Lobo Antunes, ist in Portugal erhältlich.

 

 

 

DF auf der Schriftsteller-Residenz in Itaparica, Quinta

 

 

 

Die éditions Palomar im italienischen Bari geben im Jahr 2010 die Anthologie La luce delle pietre (Übersetzung Giovanni Magliocco) heraus, die eine Zeitspanne von 1998-2009 umfasst. Im gleichen Jahr erkennt ihm die rumänische Universität Vasile Goldis den Ehrendoktortitel zu. Für sein gesamtes dichterisches Werk erhält er im Jahr 2011 den großen Nationalpreis «Mihai Eminescu».

Zuletzt erschien das Buch En la cuerda de tender in der Übersetzung aus dem Rumänischen von Catalina Iliescu, Ediciones Linteo, Spanien, 2012.

In Frankreich erschien zuletzt: Inattention de l’attention, La Passe du vent, 2013, in Übersetzung von Ana Flamînd, mit einemVorwort von Jean-Pierre Siméon.

 

 

 

 

 

 

RD: – Dinu Flamând, Dichter, Literaturkritiker, Journalist, Übersetzer der großen Namen der lateinamerikanischen Poesie, häufig in Rumänien gedruckt, momentan beratender Minister und Repräsentant der Frankophonie an der rumänischen Botschaft in Paris…., vielen Dank, dass Sie die Einladung zu diesem Interview für die 10. Ausgabe unserer Levure littéraire angenommen haben. Ich würde unser Gespräch gern mit einer untypischen Bemerkung beginnen!


 

 

 

 

 

 

Dinu Flamând: Sehr gut, fangen wir also an!

 

RD: – Was bedeutet für Sie das Wort «levure» (auf Deutsch „Hefe“)

DF: – Zunächst möchte ich sagen, dass ich beim ersten Kontakt mit der Webseite dieser prickelnden, stimulierenden Revue beinahe den Geschmack von Hefe fühlte. Ja, man könnte direkt sagen, dass eine mysteriöse Hefe unsere Poesie stimuliert, sie aufgehen lässt; eine undefinierte Materie, die unsere Gefühle, unsere Erinnerungen, unsere Träume erweitert; etwas wie diese Substanz…

 

RD: – Ja, eine Art substanzielles Mark des Textes, und dann ein Entflammen des Imaginären, wie es François Rabelais ausgedrückt hätte…

 

DF: – Ja, ist die Kreativität erst einmal entflammt, wird aus der Poesie im besten Fall auch gutes Brot. Ein edles Handwerk, das jedoch manchmal getrübt wird durch falsche Bewegungen, Entscheidungen, Vorbereitungen, Zutaten oder falsche Mengen, ja schlimmer noch, verdorbene Margarine usw., daher, ein angebranntes, misslungenes, definitiv miserables Ergebnis, selbst wenn wir das Triebmittel mit den besten Absichten verwendet haben…

 

 

 

DF an der Seine in Paris

 

 

 

RD: Ich sehe, dass Sie in gewisser Weise den Geschmack von Hefe (levure) kennen!

 

DF: – Ich kenne den Geschmack, meine Mutter schickte mich früher, als jede Familie noch die wichtigsten Lebensmittel selbst herstellte, in unsere kleine Dorfgenossenschaft, um diese Substanz zu kaufen. Und in meiner Erinnerung sehe ich immer noch das kleine grünlich-graue Stück, das schrumpfte und immer kleiner wurde, je mehr ich mich zu Fuß dem Haus näherte, wo diejenige, die für meine Geburt verantwortlich war, bereits einige Zeit darauf wartete, dass ich ihr das Ferment bringe, um die zehn großen Brote pro Woche für die Familie zu backen. Ich liebte es, diese Hefe zu essen! Mein Appetit auf rohe Hefe, deren Geschmack ich bis zum heutigen Tag nicht genau definieren kann, endete jedes Mal mit seltsamen kleinen Verdauungsstörungen. Später, schon etwas klüger, hörte ich auf, Hefe zu essen.

 

RD : – Die Hefe Ihrer Erinnerungen und der Vergangenheit als Triebmittel Ihrer Lebenserfahrung…

 

DF: – Ich halte an der Hoffnung fest, dass der Verkäufer unseres Dorfes immer noch ein paar kleine Hefe-Päckchen vorrätig hat, um das Dorf meiner Phantasie zu versorgen; aber auch um mir zu helfen, den Teig meiner Texte aufgehen zu lassen. Machen wir weiter mit der Levure

 

RD : – Ja, ich sehe, die Hefe hat ein schönes Gespräch in Gang gebracht.

 

DF : – Es ist eines jener Worte, die sich entmaterialisieren.

 

RD : – Mit welchem Ergebnis?

 

DF : – Wissen Sie, die industrielle Lebensmittelchemie verdeckt ihre edle und schwache Konsistenz, den leicht schimmeligen Geschmack, der dazugehörige Geruch ist fast verschwunden bei einem Fertigprodukt, das nichts mehr über seine Geschichte verrät. Es ist wie die Milch ohne Kuh, die heutigen Generationen, die nicht mehr wissen, dass Milch aus der Kuh kommt und nicht als Pulver aus der Fabrik. Es ist wie Poesie ohne Seele. Und wir können nichts dagegen tun, in jeder Epoche gibt es Wörter, die auf der Strecke bleiben.

 

RD : – Die Hefe der Autoren, absorbiert uns in ihrer, bleiben wir bei der Metapher, Teigmasse, von den linguistischen, philosophischen und poetischen Fermenten!

 

DF: – Daher rührt die hauptsächliche Schwierigkeit für den Poesie-Leser, dass er nicht aus seiner unmittelbaren Erfahrung die Wörter und ihren Kontext identifizieren kann, den die Poesie ihm vorschlägt. Er muss ins Museum gehen, um mit eigenen Augen die Form und das Material der antiken Beinschienen zu sehen, wenn er beispielsweise eine ungefähre Vorstellung über diese Hopliten (Angehörige des antiken griechischen Heeres) haben will, die die Epen und anderen großen antiken Texte zum straucheln bringen. Genau das setzt die partizipative Lektüre voraus, unabdingbare Voraussetzung jeder Leseerfahrung, wenn es im Leben um die Poesie geht. Über die Schwierigkeiten der Übertragung, die vom Dichter abverlangt werden, sprechen wir lieber nicht mehr. Er kann sich glücklich schätzen, wenn ihm sein Instinkt und seine Erfahrung helfen, jene Worte und Formulierungen zu vermeiden, die von einer schleichenden Erosion angegriffen wurden. Die „Neophyten“ stellen sich vor, dass jede Epoche ihren eigenen Stil, ihren Wortschatz, ihre typischen Redewendungen und „ismen“ definiert.  Aber von Sappho bis Sylvia Plath, bis hin zu Mariana Alcoforado, Gabriela Mistral oder Emily Dickinson, werden die Leidenschaften, Ängste und Ekstasen in der gleichen zeitlosen Sprache ausgedrückt.

 

 

 

DF und Jorge Semprun im Donaudelta, Rumänien 2002

 

 

 

RD : – Entwickelt sich die Poesie im Laufe der Zeit?

 

DF: Die Poésie kennt keine Evolution. Sie verlangt den Stillstand ihres eigenen Triebmittels.

 

RD : – Das sind ja schöne autobiographische Pirouetten um den Begriff „Hefe-Levure“ und sein interdisziplinäres Universum. Gehen wir etwas weiter… Lassen wir den Autor zu Wort kommen. Dinu, Sie haben sich in der literarischen Szene Rumäniens durch einen robusten Stil eingeführt, direkt, schneidend, als Dichter des „bissigen Verbes“. Stimmen Sie mir zu?

 

DF : Ich würde es gern glauben. Besonders, wenn wir von „eingeführt“ reden! Es ist wohl wahr, dass ich durch die Vereinfachung der Dinge vorankomme…

 

RD : – Manierist, will man der Kritik glauben?

 

DF : – (…)  es passiert mir manchmal, in meinem bezeichnenden, endgültigen und leicht verächtlichen „Manierismus“, den die industrialisierte Literaturkritik für mich reserviert hat, dass ich zubeiße.

 

RD : – Zubeißen? Wie kommt das?

 

DF : – (…) sagen wir es so, um die Angelegenheit besser zu symbolisieren, es handelt sich oft um Selbst-Kannibalismus.

 

RD : – Ziemlich gefährlich…

 

DF : – Ich bewerte mich selbst nicht auf diese Weise, die Übung nährt mich schemenhaft und gegen den eigenen Willen. Ich liebe den üppigen Stil, Sätze mit Balkonen und Dachböden, reich mit wucherndem Efeu berankt, der die Fassade ausreichend schmückt, um das Geheimnis der tiefen Kammern zu verbergen, in denen sich die Dramen der Zeit abspielen. Es ist das, was Pessoa veranlasste, die Prosa zu zelebrieren – ihm zufolge die höchste Kunst – mehr als die Poesie, eine schlimme Gotteslästerung, die man ihm zugesteht, aber nur ihm allein (und wenigen Anderen, angefangen mit Lautréamont).

 

RD : – Gestern und heute. Der Autor und der Leser. Und morgen? Das Morgen unserer Bücher… wie wird es sein?

 

 

 

DF bei einer öffentlichen Lesung, Alicante, Spanien 2014

 

 

 

DF : – Sie werden immer weniger, die Leser unserer Poesie, die davon ausgehen, dass die Stilregeln, die für mich auch einen Respekt dem Leser gegenüber, als auch eine Strategie zur Besänftigung meiner Ängste sind, sich nicht von wirklicher Empathie und Gemeinschaft trennen lassen. Das „Langlebige“, ist auf lange Sicht ebenso wichtig für das Schreiben und das Die Poesie leben, wie der Leser. Ich weiß nicht, was sich aus dieser neuen Mode, dieser oberflächlichen Art zu lesen, entwickeln wird – dieses Lesen auf die Schnelle, von Textfragmenten, Zusammenfassungen, verarmten Abfällen einer exoterischen Produktion, die das Geheimnis ausradiert, und das Relief des Unbekannten verflacht. Nun, ich nehme den Kampf an und reagiere mit rohen Worten. Aber um in das Herz einiger Knoten-Dilemmata vorzudringen, die es wert sind materialisiert zu werden, ist eine lange Vor-Arbeit nötig. Man muss den Weg für die Wörter frei machen, unsichtbar und lautlos.

 

RD : Der Schriftsteller-Gladiator, der nicht kämpft um sich zu verteidigen, der seine Lanze oder seine Axt nicht lanciert um zu töten, um sein Vergessen und seine heimlichen, also metaphysischen, Schmerzen zu spalten. Dinu, ich haben in Ihnen immer einen großen Verfechter des Verbes „vergessen“ gesehen! Ist Ihr Schreiben ein Vergessen von (…) oder ein Aufwachen zu (…)?

 

DF : – Voilà, eine Stange, um die Flagge der Selbstzufriedenheit zu hissen. Danke! Sehr verführerisch diese Drehung ins Vergessen. Ich stimme zu, weil diese Diagnose der Wirklichkeit nahe kommt. Abgesehen davon, dass ich diesen „Gladiator » mit all seinem männlichen Arsenal eliminiere.

 

RD : – Keine Waffen, nur Seelen, auf die man zielt!

 

DF : Ja, in diesem Sinne… in meiner Erinnerung findet sich noch eine wunderschöne Stelle von Fernando Pessoa…

 

RD : – Sie übersetzen und begleiten voller Leidenschaft Pessoas literarisches Werk.

 

DF : – Ja, und noch vor kurzem habe ich es übersetzt… und habe diese wunderbare Passage im Gedächtnis behalten, die so schön von einem selbstmörderischen Stoiker, dem Baron de Teive, in seiner letzten Stunde, spricht, der sich mit dem Schwert das Leben nimmt in der Arena, jener Arena, die gleichermaßen die Welt symbolisiert!

 

RD : – Aber leider, ist das nicht Ihre Rolle…, sie scheinen ein erfolgreiches Leben und eine gute Feder zu haben.

 

DF : Ja und Nein, aber gut, es ist besser Nein zu sagen, wir sind uns einig, es ist nicht mein Fall. Ich liebkose und bekämpfe das Vergessen. Wir kommen beide, Sie und ich, aus diesem komplexen, unbekannten und metaphysischen Transsylvanien (Platon höchstpersönlich hätte diesen Namen wählen können!), wir wissen nur zu gut, dass dort jede Familie ihre eigenen Geschichten hat, die auf ihre Weise Prüfungen und Schrecknisse hervorgebracht haben.

 

RD : – Sie wurden in einer traditionellen Familie geboren, deren Wurzeln ihre Energie aus der siebenbürgischen Erde ziehen!

 

 

 

Dinu’s Eltern, Livia und Traian

 

 

 

DF : Die Tatsache, dass ich meine Kindheit in einer traditionellen Familie verbrachte, wo drei Generationen unter einem Dach lebten, und ich die wahren Geschichten vom ersten und zweiten Weltenbrand hörte, dessen Protagonisten meinen Großvater, meinen eigenen Vater und auch die Nachbarn heimsuchten, hat in meinen Genen definitiv die Unmöglichkeit zu vergessen fixiert.

 

RD : – Ich ahnte es…

 

 

 

DF und der große Schriftsteller Jorge Amado, Lissabon, 1984

 

 

 

DF : – Und wissen Sie, die kommunistische Zeit habe ich wie einen dritten Krieg wahrgenommen, machtlos, meinem Großvater diese neuerliche ungerechte Prüfung zu ersparen. Ich verstehe immer noch nicht, wie die anderen es schaffen, sich so schnell von der Vergangenheit zu befreien. Ich bin immer noch dabei, mit meiner heimlichen Redegewandtheit, diese zwanghafte Vergangenheit zu korrigieren und zu verbessern. Sagen Sie mir nicht, dass es unmöglich, ja unnötig, kontraproduktiv oder gar „belästigend“ sei. Verdammt!

 

RD : – Ihre Vergangenheit wirkt immer noch nach, und, wie ich sehe, wühlt sie immer noch auf!

 

DF : Der Poesie gelingt es manchmal, diese schmutzige Arbeit zu tun. Zumindest habe ich diesen Eindruck. Und wenn es uns tatsächlich gelingt, aus dem Innern einen Text hervorzubringen, der uns ob seiner Wahrheit anwidert und zum Erbrechen bringt, mit unserer ganzen reaktivierten Ohnmacht und wunden Seele, dann kann es vorkommen, dass ein Leser kommt um uns zu unterstützen, uns zu schultern.

 

RD : – Glauben Sie noch an den Leser der Poesie?

 

DF : – Ja, mir ist im letzten Jahr auf der Buchmesse im schwedischen Göteborg etwas Besonders passiert. Auf einer öffentlichen Lesung mit meinem schwedischen Übersetzer las ich ein kleines Gedicht, in dem ich etwas über meine Vergangenheit erzählte: über die traurige Schlauheit meines Großvaters, in der Dorfkneipe so zu tun, als ob er nicht ganz gesund im Geiste sei, einzig um des Vergnügens willen, Stalin lautstark beleidigen zu können, mitten in der intensiven Periode des Großen Terrors. Und vor mir begann eine Schwedin zu weinen, sichtbar leidend, weil sie mit Herz und Seele an meinem Schmerz teilnahm.

 

RD : – Das berührte Sie…

 

DF : – Einen solchen Augenblick, ein solches Erlebnis und solche emotionale Teilhabe darf man nicht vergessen…

 

RD : Beunruhigt Sie der Sinn ihres Daseins?

 

DF : Ehrlich in der Welt der Poesie zu leben, bedeutet die Dinge zu somatisieren, d.h. auf die körperliche Ebene zu verlagern. Das betrifft natürlich auch die Ängste. Ich liebe jene Dichter, die auf gewisse Weise ihre Poesie somatisiert haben: Vallejo, Bacovia, Holan, Sylvia Plath, Saba, Carlos Drummond und Andrade, aber auch der paradoxe Pessoa.

 

 

 

DF neben der Skulptur von Carlos Drummond de Andrade, am Strand der Copacabana

 

 

 

RD : – Sie nennen diese Dichter in einem Atemzug, um das lyrische Zelt der Vergangenheit aufzurichten…

 

DF : – Ich weiß, es kann überraschen, sie alle zu vereinen. Niemand scheint mir körperloser, immaterieller zu sein, als Pessoa. … Aber ich denke, sie sind alle gegenwärtig, leidend oder sich mit ihren Körpern in ihren Texten erfreuend, durch die fast fleischige Textur der Emotion; und es kann ebenso sein, dass die Vibrationen ihrer Gedichte ihren Körpern zu Lebzeiten Stromstöße versetzt haben.

 

RD: – Die Poesie somatisieren?

 

DF : – Ich kann hier nicht ausführlicher darlegen, was „die Poesie somatisieren“ eigentlich bedeuten soll, aber ich bewahre die Hoffnung, mich in einem Buch erklären zu können (für das ich fortfahre, meine Reflexionen zu sammeln und zu klären). Noch schwerer fällt es mir, den Sinn des Lebens zu erhellen, wenn ich mal die Poesie beiseite lasse…

 

 

 

DF mit dem bekannten rumänischen Schriftsteller GELLU NAUM

 

 

 

RD : – Was bedeutet Ihnen das geschriebene Wort und warum über allem die Poesie?

 

DF : – Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Aber ich habe den Aberglauben an meine Intuition. Schreiben (also Die Poesie leben) ist eine seltsame Erfahrung, die die Intensität offenbart – ein anderes Wort für Gefühl. Manchmal ist das Material schlecht und verhöhnt das Kriterium der Vielfalt, das unserer Epoche so lieb und teuer ist. Aber die Intensität sollte immer maximal sein, unerträglich, eine Spitze im Diagramm des Flachreliefs unseres Lebens. Alles ist riesig in der Poesie – diese obskure Verstärkung…schläfrig in ihrer Gebärmutter, weil sie sich allmählich akkumuliert. Und jedesmal, wenn sie groß ist, wird es eine heftige Offenbarung, eine halluzinatorische Klarheit. Schreiben schließt unser Inneres mit ein, die Essenz unsers Seins beginnt mit dem Inneren. Aber die Annäherung, durch oder für einen Text, ist eine Art unerwartetes Geschenk von außen, von einer privilegierten Position aus. Man sieht sich selbst den Text führen und sieht, wie man durch ihn geführt wird. Die Zeit wird greifbar, das Unglück gelindert, die Angst zeigt sich von freundschaftlicher Schönheit, das gefühlte Glück findet seinen Ausdruck, eine wunderbare virtuelle Musik erneuert die Welt.

 

RD : Und die Realität? Welche Rolle spielt sie dabei?

 

DF : – Man arbeitet nicht im direkten Einklang mit der Realität. Unsere Intelligenz und unsere Seele elaborieren intensiv jene Momente der Synthese von Erfahrungen und Möglichkeiten, um auf eine Frage zu antworten: Wie soll man leben auf der Welt?

 

RD : – Ja, wie soll man in und mit der Welt SEIN?

 

DF : – Wie der taoistische Kalligraph, der die in seinem Gedächtnis verarbeitete Landschaft wiedergibt, wohl wissend, dass er sich intensiv vorbereiten und den günstigen Zeitpunkt hervorrufen muss, um eine einzige Linie zu Papier zu bringen, der Poet sucht für sich und die anderen dieses, wie Drummond sagte, „Gefühl der Welt“ zu definieren. Ein Ideogramm, ein Schriftzeichen in ständiger Bewegung … Der wunderbare Su Shi (1036-1101) sagte: „Die Idee geht dem Pinsel voraus.“ Der Poesie muss eine dichterische Erkenntnis vorausgehen. Um dorthin zu gelangen, ist die Erfahrung eines Lebens nicht genug.

 

RD : – Das unendliche Leben, das dennoch früher oder später an sein Ende kommt.

 

DF: Ja absolut…….

 

 

 

DF am Museum für Vladimir Holan in Prag

 

 

 

RD : – … Seien wir optimistisch… Dinu, mögen Sie immer noch Sport? Ich weiß, dass Sie in ihrer Vergangenheit mit dem Sport geliebäugelt haben… Diese sportliche Phase hat ihre Spuren hinterlassen. Sie sind ein athletischer Poet… Ihre Gedichte sind wie die Laufbahnen der Athleten. Mit dem Unterschied, dass wir auf diesen Pisten rückwärts laufen…, man wird initiiert wie in einem keltischen Tanz, man entdeckt den Tod wie eine neue Geburt!

 

DF : – Körperliche Anstrengung ist wunderbar. Die inspirierten Weisen im antiken Griechenland sahen darin eine befreiende poetische Kunst. Sie waren die ersten, die verstanden hatten, dass eine Kampfleistung auch eine metaphysische Anstrengung erfordert. Wir kämpfen gegen unsere Grenzen, selbst wenn die Philister nur die stolze Kampfeslust und die Eitelkeit schätzen, die der abstrakte Schatten des Lorbeer auf unsere Stirn wirft. Heute jedoch fällt es uns schwer zu verstehen, dass große Sportler schwitzten und von der höchsten Auszeichnung träumten, einer Ode von Pindar! Ich begann die körperlichen Prüfungen während der schweren Arbeit auf dem elterlichen Bauernhof zu akzeptieren, als ich merkte, dass ich die Herausforderung liebte. Es gibt ja das Gegenteil des Hindernislaufs – den Rückwärtslauf, wie Sie sagen, liebe Rodica. Aber alle psychologischen, anthropologischen und sogar poetischen Raffinessen sind nicht in der Lage uns zu lehren, wie man den großen Wendepunkt verhandelt.

 

RD : – In der Leichtathletik ist es die Laufbahn, die die Füße des trainierten Läufers zu seinem Ziel trägt. In der Poesie sind es die Wörter der Strophen, die das Imaginäre und die ästhetische Schönheit führen und hervorrufen. Zwischen den Laufbahnen und den Strophen gibt es eine Gemeinsamkeit auf der Ebene des Atems, weil beide, der Dichter und der Athlet im Namen eines nahen oder fernen Ideals ihren Körper ins Spiel bringen. Der Athlet und der Dichter messen ihre schöpferischen Rekorde durch den Ausdruck der Einmaligkeit oder Besonderheit des Rhythmus und des Bildes! Ihr ganzer Parcours, zwischen Geist und Körper, ist eine ständige Zeremonie der Öffnung und des Schließens des Selbst, eine große emotionale Intensität! Wer erwartete sie in der Vergangenheit ihrer Gedichte? Und in der Gegenwart?

 

DF : – Unsere Welt akkumuliert so viele mehr oder weniger bedeutende Symbole, um sie anschließend mit Nichtigkeiten zu füllen. Gerade vor kurzem hat eine kommerzielle Marke, die gestreifte T-Shirts anbietet, mich belehrt, dass die französische Marine die Zahl der Streifen anhand der Anzahl von Napoleons Siegen festgelegt hatte. Die symbolistischen Dichter integrierten besser als wir die Verbindungen der Welt, die uns umgibt, und ihr Wald von Symbolen zitterte unter dem wirklichen Wind, der in den wirklichen Wäldern von Arden tobte. Oder irre ich mich da? Sie sind zu schön Ihre Assoziationen!

 

RD : Danke !

 

DF : – Sie könnten dazu dienen, die Deckungsgleichheit von Freiheit und Exaktheit dieser strengen Form, die das Sonett ist, zu erklären, jener kleinen profanen Kantate, die die faule Disziplinlosigkeit unserer Zeit leichtfertig im Museum der Poesie abstellt. Ich wusste nicht, was mich in der Vergangenheit meiner Poesie erwarten würde. Ich weiß es jetzt – es ist das Kind, das ich weiter am Über-Leben halte. Ansonsten sehe ich jetzt eine weitere Zeugin, weniger lustig, weniger physisch, eher symbolisch: Die Eitelkeit, die mich in die Irre führt, und mir manchmal die Illusion vorspielt, dass ich diesen oder jenen Text gut gedeichselt habe. Schlimmer als der Körper, weiß der Geist nicht, wie er die Mittelmäßigkeit vermeiden kann.

 

RD : – Sie haben ihr ganzes Leben den Büchern gewidmet. Welche Bücher haben Ihnen als Kopfkissen gedient? Welche Lehre haben Sie empfangen?

 

DF : – Ich habe nie im Bett gelesen und gewöhnlich verwende ich geeignetere Kissen. Aber auch wenn ich woanders lese, waren und bleiben die Bücher meine erste Quelle der Freiheit. All meine Bücher haben große Bedeutung für mich, auch die schlechten.

 

RD : – Die Bücher- und die Lebenserfahrung, das Leben das sich ausliefert, das Leben das sich liest, das Buch das lebt, wie die Textualisten sagen…

 

DF : – Was man heutzutage „Büchererfahrung“ nennt, scheint mir ein Schimpfwort zu sein. Als ob die Bücher uns am Leben hindern! Als ob das Leben der Bücher nicht das wahre Leben sei. Schon die klassischen totalitären Systeme verwendeten den Gegensatz Bücherweisheit/ Lebenserfahrung. Die Kommunisten zwangen uns auf die Baustellen der patriotischen Arbeit, niemals in die Bibliotheken. Ich konstatiere mit Schrecken diese neue und hinterhältige gesellschaftliche Heuchelei, die die Lektüre marginalisiert – das heißt die Vernetzung des Wissens, der Gefühle, und anderer Exerzitien der Weisheit mittels der traditionellen Lektüre.

 

RD : – Die Konkurrenz des Virtuellen, der Internethandel…

 

DF : – Was nützt es, wenn die Informationen in den großen digitalen Beständen für jedermann zugänglich abgelegt werden? Man reduziert das Lesen auf die Kumulierung: entsprechend dem herrschenden kommerziellen Geist, liefert man uns jede Information auf Bestellung (und im Handel muss man die Lager schnell leerräumen). Man spricht fast gar nicht vom überzeitlichen oder generationenübergreifenden Dialog, der der wahre und notwendige Austausch über jeden historischen Text wäre, Fiktion oder nicht. Aber ich sehe auch, dass meine Zeitgenossen weiterhin Bücher kaufen, viel mehr als in der Vergangenheit. Lesen Sie diese oder begnügen Sie sich damit, sie irgendwo in ihren Häusern zu stapeln? Ich glaube, dass sie lesen. Also, warum diese schizophrene Diskussion zum Thema „man liest nicht mehr“?

 

RD : Warum sollte man noch lesen? Die Unwissenheit ist im Einklang mit der Zeit…

 

DF : – Ich sah in einer Buchhandlung einen jungen Mann, völlig in die Lektüre des Totenbuch Ägyptens versunken. Ich vermute, dass er seine Seele bereits an die ersten harten Fragen über den Tod gewöhnt hatte. Der Zufall hatte ihn gelehrt, dass eine große terrestrische Zivilisation sich über mehrere Jahrhunderte gezwungen hatte, Pyramiden aus Stein zu bauen, um der Ewigkeit eine Falle zu stellen. Er ging zurück an die Quelle. Er ist der große Leser von morgen, dessen bin ich ganz sicher.

 

RD : Beginnen Ihre eigenen Schriften mit einem Wort oder einem Gefühl zu existieren? Was lässt Sie in die schwarzen Wasser der Tinte eintauchen?

 

DF : – Ich warte immer auf den Moment, in dem meine Emotionen kumulieren. Aber einzutauchen bleibt ein schwieriger Moment, gestört durch Zweifel, Dürreperioden, Nihilismus und die üblichen parasitären Verdächtigen. Im Schweigen sind wir authentischer als in der Eitelkeit, das eigene Ego ins Spiel zu bringen. Ich beneide die Arbeit des Prosa-Autoren, der hinter seinem Tisch am Stuhl klebt und den Verbrennungsvorgang erzwingt, durch die Regelmäßigkeit der täglichen Arbeit. Die Poeten sind viel instabiler und ich bin keine Ausnahme. Was mir anzufangen hilft, ist die Lektüre anderer Poeten. Nicht so sehr die Lektüre klassischer oder moderner Gedichte, sondern eher die Ausführung einer bestimmten Melodie, der Empfang einer gewissen „Rechtmäßigeit“. Eine Übertragung der Kontrolle, wie bei dieser herrlichen athletischen Übung, die uns zwingt loszurennen, bevor wir losrennen.

 

RD: – Der Philosoph Gilbert Durant meinte, dass die Poesie besonders die Anwesenheit des Abwesenden suggeriert. Und diese Anwesenheit bringt das Leben des Poeten in „magische Gefahr“. In ihrem Buch Inattention de l’attention (Unachtsamkeit der Achtsamkeit) schreiben Sie: „und jetzt da deine Abwesenheit für immer/ ihre Wurzeln zu schlagen beginnt/ in der einfachen Vergangenheit/ wie im Myzelium der Wände verlassener Häuser/ alles begehrt auf vor der Hartnäckigkeit mit der Du Dich verneinst“ (… – à mon père/ an meinen Vater, ‚S. 84, éditions La passe du vent, 2013).

Der Dichter, ist er ein Beduine in der Wüste der Dinge?

 

DF : – Ich habe schlichtweg nicht die Erfahrung der „Wüste der Dinge“ – der allgemeinen Abwesenheit, wenn ich es richtig deute. Jede Abwesenheit bestimmt mein Leben auf eigene Art; und bei jeder Offenbarung ihrer Gegenwart befällt mich aufs Neue eine erstaunliche Lähmung. Es ist unglaublich, in welchem Moment jede neue Abwesenheit sich reich mit unerwarteten Leiden offenbart, was mich, der von der Abwesenheit angegriffen wird, einer Prüfung aussetzt. Die Abwesenheit, hervorgerufen durch den Tod, aber auch verursacht durch einen Verrat, im schlimmsten Fall in der Liebe, durch die Tatsache nicht mehr geliebt zu werden oder nicht mehr zu lieben. Die Wunden schließen sich nie. Schlimmer noch, es gibt keine „nützliche“ Erfahrung eines früheren Leidens, das uns helfen könnte, das Kap der Hoffnungslosigkeit zu umschiffen. Alles beginnt von vorn. Aber schon Augustinus schloss eine robuste Freundschaft mit der Tyrannei der Erinnerung und der Leere der Abwesenheit in der Wüste von Hippo.

 

 

 

1989, DF und Sophia de Mello

 

 

 

RD: Was können wir Neues über die Bedingung und die Mission der heutigen Dichter sagen?

 

D.F. – Es liegt an ihnen zu überzeugen, ob sie eine Mission haben oder nicht. Und sie müssen diese Mission präzisieren, ihre Konditionen, ohne sich in großen Illusionen zu wiegen. Heutzutage, Gottseidank, ist die Poesie keine Institution mehr. Aber die Dichter sollten ihr Recht auf das Wort geltend machen, vermittels der institutionalisierten Initiativen, die dieses Recht gewährleisten. Verwechseln wir nicht dieses Recht mit den Formen der Entschädigung durch das „Prestige“, wie es die Politiker tun, die sich aus diesem Recht ein Vergnügen machen. Poesie kann und sollte als eine stärkere Stimme über den Aufregungen des täglichen „Spektakels“ zu hören sein. Ich habe die Überraschung genossen, in den spanischen Buchhandlungen eine aktuelle zeitkritische Anthologie zu finden, am Anfang dieser schweren Periode, in der Fassungslosigkeit der ökonomischen Krise, die dieses stolze Land durchlebte. Man hatte für das Buch den passenden Titel gefunden: En légitime défense (In rechtmässiger Verteidigung). Der große und immer rebellische Poet Antonio Gamoneda hat das Vorwort dieses kollektiven Protests geschrieben. Ein anderer Cervantés-Preisträger – José Manuel Caballero Bonald – beteiligte sich. Ich öffne spontan die Seite mit dem Gedicht von Joan Masip: „Was geschieht/…/ in dieser Welt geführt von dummen Apokalyptikern“. En légitime défense …das ist eine wunderbare Radiographie des Augenblicks!

 

 

 

DF und Antonio Lobo Antunes, Lissabon

 

 

 

RD : Man spricht häufig von den Dichtern, dem poetischen Schreiben, aber selten von der poetischen Übersetzung… Dinu, Sie sind Übersetzer wichtiger Bücher der universellen Poesie! Erzählen Sie uns bitte von ihrer Arbeit als Übersetzer. Welches Wissen brauchen wir, um die Dichter nicht zu verraten? Während der Übersetzung begleiten Sie sie in eine andere Sprache.

 

DF : – Man muss ganz in seiner Muttersprache und gleichermaßen in der Welt der literarischen Arbeit zu Hause sein, was sich von unserer gewöhnlichen Art zu kommunizieren unterscheidet, mit der wir die geschriebene Sprache missbrauchen. Du wirst der Avatar des Dichters, den du übersetzt. Du versuchst, seine Ideen und Gefühle nicht zu verraten, im Bewusstsein, eine noch schwierigere Aufgabe akzeptiert zu haben: die Lebendigkeit seiner Poesie in deiner Sprache zu gewährleisten. Du wirst in deiner Muttersprache verantwortlich für den Erfolg seines harten linguistischen Asyls. Wenn dies sich als unmöglich erweist, sollte man es zugeben. Du solltest erklären ohne zu erklären, um den Leser an das gesellschaftliche und intime Universum deines literarischen Flüchtlings zu gewöhnen, und dabei diese fremde Schönheit wiederherstellen, die jene in einer Fremdsprache gelesene Poesie verschönert. Die Liste der Tipps und Tricks ist lang… Auf jeden Fall zwei Empfehlungen: Man muss intensiv mit dem Charakter und der Struktur des Satzes arbeiten. Offenbar verlangt die rumänische Sprache nicht die Zeitenfolge. Offenbar … letztendlich sollte eine Übersetzung in unseren Ohren nicht wie eine Übersetzung klingen.

 

RD : Was war ihre schönste Erfahrung als Übersetzer ?

 

DF : – Ricardo Reis, das horazische Héteronym von Fernando Pessoa, schloss die Tür vor meiner Nase. Es gelang mir nicht, mich ihm zu nähern. Weil es so unendlich schwerer ist, unter die Haut eines antiken Dichters zu gelangen, als mit Michaux Bruderschaft zu trinken oder mit dem wortkargen Beckett. Jetzt weiß ich es, die Fülle der mythologischen Anspielungen bildete eine Trennwand zwischen uns. Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, dass jede Referenz an Cronos, Cérès, Apollon, Kekrops, und die Schicksalsgöttinnen nicht mit den gewöhnlich benutzten Begriffen korrespondierte. Als ich begriffen hatte, dass die Oden von Reis auf etwas anderes als die Beschwörung des antiken Panthéon fokussierten, fand ich auch die angemessene Tonalität im Wechselspiel von Hexameter und Pentameter, sowie reiche Entsprechungen in der rumänischen Volkspoesie. Noch erstaunlicher war, dass ich anschließend zum ersten Mal die großen Oden von Horaz gelesen habe, ja, ich habe sogar mehrere Monate damit verbracht, die geheimnisvollste unter ihnen zu verstehen und ins Rumänische zu übertragen – die unglaubliche Ode von Archytas (I, 28), jenem Geometer, der glaubte, dass er den Geist von Pythagoras verkörpere. Aber in der Ode wird der Geist eines ertrunkenen Seemanns in Szene gesetzt, der um eine Handvoll Erde bettelt, um endlich im Meereswasser seinen Frieden zu finden. Das ist ein wunderbarer Text, der Fluten von Mehrdeutigkeit hervorruft in der Hitze des antiken Italien, an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

 

RD : – Dinu, Sie kennen den Weg ins Exil. Was hat das Exil ihnen genommen, und was hat es ihnen im Gegenzug geboten?

 

DF : – Ich habe geglaubt, dass mein Exil bald nach der Revolution, die mein Land erschütterte, enden würde. Aber die zweite Reihe derselben Machthaber hat sehr schnell die Ränge eingenommen. Die Veränderungen waren so oberflächlich, ohne dass der Westen davon etwas verstehen und reagieren konnte. Eine lähmende Verzweiflung bemächtigte sich meiner für sehr lange Zeit. In jener Phase hat mir das Exil den härtesten Schlag versetzt. Ich war nicht in Rumänien, um zu kämpfen (alle Rückkehrer waren verdächtig, und die meisten trugen lediglich ihren Teil zu allen möglichen Manipulationen bei), der Westen wiederum konnte mich nicht mehr vor dem schwarzen Fatalismus beschützen, der an mir nagte. Ich konnte weder meine endgültige Ernüchterung, noch das Gefühl der Verschmutzung herausschreien, das mich überwältigte. Das Exil nahm mir alles und gab es mir in kleinen Dosen zurück, auf dass ich mich in gewisser Weise langsam wieder herstelle. Glücklicherweise kennt sich die Poesie mit der Langsamkeit aus. Und ich hatte das Glück, dass mir wahre Freunde in Frankreich geholfen haben, um dieses Überleben zu garantieren, von dem ich niemals in der Lage sein werde, mehr zu sagen.

 

 

 

DF in Matignon, 2006

 

 

 

RD : – Seit einiger Zeit repräsentieren Sie auf sehr hohem Niveau die rumänische Frankophonie in Paris. Wie und wovon leben, kulturell gesprochen, die frankophonen Rumänen in Rumänien? Und in Frankreich?

 

DF : –  Zwar gibt es weniger Frankophile als in den legendären Statistiken der Medien, aber die Rumänen bleiben praktizierende Frankophone, denn diese schöne Religion harmoniert gut mit ihren linguistischen Gaben. Wie wir wissen, entschieden sich in der Vergangenheit viele Rumänen für diese Sprache als literarisches Ausdrucksmittel. Das Phänomen wiederholt sich, in geringerem Ausmaß, unter neuen Bedingungen, jener der Wahl einer Sprache und einer Mehrsprachigkeit, geteilt von mehreren Generationen. Für viele junge Leute, auf ganz verschiedenen Gebieten, wurde die Frankophonie eine neue Erfahrung des Traums von der Diversität, jenes Traums ihrer Eltern, die hinter dem Eisernen Vorhang gelebt hatten. Ich vertrete mein Land in der Organisation Internationale de la Francophonie (OIE). Dazu ist zu sagen, dass diese renommierte Organisation nicht nur den Gebrauch der französischen Sprache im internationalen Leben, staatlich oder privat, fördert, sondern vor allem die Diversität der Sprachen, also der Kulturen verteidigt, angesichts der Reduktionisten, die eine globale Monokultur und Einsprachigkeit propagieren. Man hat verstanden, dass die Frankophonie nicht nur eine schwarzmalerische Antwort einiger, das Französische gebrauchender, Länder angesichts der Flutwelle des Englischen oder des Mandarin ist. In diesem Sinn verschafft die OIF nicht nur der Kultur ihrer Mitgliedsländer, darunter der rumänischen Kultur, Geltung; ich finde die Tatsache wichtig, dass diese Organisation kürzlich in Bukarest ein ständiges Büro eröffnet hat, um die Frankophonie in Zentral- und Osteuropa zu stärken. Die rumänische Kultur hat eine Menge Nachholbedarf, bevor sie in Europa und der frankophonen Welt Gesicht zeigen kann. Wir nutzen alle Möglichkeiten der OIF, und ich habe sogar den Ehrgeiz einige Initiativen in Rumänien zu verstetigen, z.B. möchte ich gern ein jährliches Festival der Musik und der Poesie gründen.

 

RD: Welche weiteren Missionen haben Sie in der Welt der Francophonie?

 

 

 

 

 

 

DF: – Ich entdecke, wie eine der bedeutenden internationalen Organisationen funktioniert, ich wachse hinein und verschaffe der Stimme meines Landes Gehör, seinen großen politischen, ökonomischen und kulturellen Entscheidungen. Die OIF bringt sich zunehmend ein, nicht nur in der Weltwirtschaft von morgen, angesichts der wachsenden strategischen Bedeutung der afrikanischen Länder, aber auch beim Schutz der politischen Interessen der assoziierten und Mitgliedsländer, die von Krisen geschüttelt werden, sei es die Zentralafrikanische Republik, die Ukraine oder Ägypten. Und jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bietet, krame ich einen kleinen Zettel hervor, um die Poesie und die Literatur zu verteidigen, eine Obsession, die von anderen nationalen Vertretern mit Symphatie gesehen wird.

 

RD: Rumänien ist eine frankophone Insel inmitten des Balkan, aber das Französische ist in Rumänien weder Mutter- noch Amtssprache. Worin bestehen die neuen privilegierten Beziehungen, die Rumänien so stark an Frankreich binden.

 

 

 

 

 

 

DF: – Der Fall von Bulgarien, aber auch Griechenland, Albanien oder der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien ist ähnlich gelagert. Zur Frankophonie kommt man durch Zuneigung, aber man wird erst akzeptiert, wenn man konkrete, institutionelle Beweise seiner Bereitschaft vorweisen kann, dass man sich dieser Familie anschließen will. Die französische Sprache konkurriert nicht mit der Landessprache, sie ist auserkoren, diese zu bereichern, indem sie frankophone Praktiken nahebringt, die sich bewährt haben. Die Mehrheit der frankophonen Länder hat Traditionen des französischen Modells in der Verwaltung, im Justiz- und Bildungswesen, in der notariellen Praxis, im Verfassungsrecht usw. übernommen. Sie sind der Auffassung, dass diese Modelle besser auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, als, in diesem Fall, das angelsächsische, und es ist ihre Wahl. Die OIF ist dazu da, ihnen dabei zu helfen. Wenn man das große universitäre Netzwerk näher betrachtet, das die frankophonen Länder vereint, das Mediennetzwerk, den Sport, die Handwerker und Künstler, die Frauen und die Jugend, dann merkt man, dass man zu einer großen und vielfältigen Familie gehört, die darauf verzichtet, die Sprache von Molière verbindlich den anderen aufzuerlegen, sei es in der afrikanischen Savanne oder in Armenien.

 

RD: – Fühlen Sie sich in ihrem Herzen frankophon oder eher lusophon (um an ihre zahlreichen Übersetzungen aus dem spanischen und portugiesischen zu erinnern)?

 

DF: – Ich  habe mein Französisch nach mehr als zwei Dekaden Aufenthalt in diesem Land verbessert, aber die Grenzen meines damaligen Lehrers halten sich beharrlich (meine Grenzen, denn ich war gezwungenermaßen ein Autodidakt!). Ich gebe mich damit zufrieden, flüssig in mehreren Sprachen lesen zu können, einige spreche ich, viel zufriedener damit, ihr kulturelles Erbe zu empfangen, als mich auf eine ungelenke Art in ihnen auszudrücken. Ich lebe mit dem Aberglauben, dass mich in den Tiefen meiner Muttersprache ungeahnte Lagerstätten erwarten, der einzige Ort, an dem ich autorisiert bin, diese auszuheben, wenn ich es noch schaffe.

 

RD : – In dem Gedicht „Nische » notieren Sie: „es genügt manchmal nur die Augen zu schließen bis zum Ende/ um den geheimen Stein zu finden der langsam aus der Mauer gleitet/ hinter der eine Glaskugel auf dich wartet seit Ewigkeiten »(S. 98). Dinu, wenn Sie die Augen schließen, was sehen Sie in ihrer Glaskugel?

 

DF: – Es ist das große Glück der Kontemplation, das sich materialisiert. An dieser Stelle sprach ich von einer unerwarteten Reminiszenz an meine Kindheit. Aber welch bedeutungslose Verwirrung – in der Tat ein großer Skandal – beschmutzte selbst den Namen der Poesie! Seit der Zeit der bedeutenden Poeme und Epen, hätte man niemals gewagt zu sagen, dass ein Sonnenuntergang poetisch oder dass Blumen verschenken eine romantische Geste sei.

 

RD: – Die Poesie folgt Ihnen überall hin… Ist ihre Murmel eine Blase, eine Kugel ?

 

 

 

 

 

 

DF: – Heutzutage käuen alle Ziegen poetisches Heu wieder. Und in der mechanischen Wiedergabe von Gemeinplätzen, begreift man die Poesie wie einen verschwommenen Spiegel, der die Welt einfängt, reduziert auf ihren ornamentalen Aspekt. Eigentlich empfängt man die Poesie niemals wie ein Objekt, man geht auf sie zu, man sucht und provoziert sie. In Momenten von seltener und scheuer Schönheit, zeigt sie sich, manchmal, unter einem funkelnden Symbol. Solch ein Spatz näherte sich dem Dichter Vladimir Holan auf einer Bahnstation, als er sein Bündel öffnete um den Proviant herauszuholen. Und der Dichter verstand, dass dieser Vogel ein Botschafter des Todes ist.

 

RD: – Und zum Schluss ein Gedanke für Sie selbst, für Ihre Freunde, für Ihre Leser…

 

DF : – Ich schreibe hier einen Satz für mich und meine vermutlichen Freunde, um ihn mit eigenen Augen wiederzufinden, sollte ich unglücklicherweise dem müden Zweifel erliegen: die Poesie ist eine geheimnisvolle Kraft, von Schönheit und Wahrheit; sie existiert vor dem Wort und wird weiterhin im Universum schwirren, es bereichert und verlassen zu haben. Ihren Weg zu kreuzen ist eine der größten Freuden, die dem Menschen vorbehalten ist, vorausgesetzt, dass er sich in aller Ehrlichkeit und Demut vor ihrer vermuteten Gegenwart öffnet.

 

RD : Danke für diese erhabenen lyrischen Momente!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Übersetzung aus dem Französischen: Jörg Becken

 

Interview : Rodica Draghincescu

http://www.draghincescu.com

 

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