Ólafur Gunnarsson

 

 

 

(Island)

 

 

Cadillac Eldorado Brougham 1957

 

Sie waren am frühen Morgen aus Stuttgart losgefahren. Sie befanden sich auf dem Weg nach Neapel, wo der Mann einen Cadillac in Augenschein nehmen wollte, den er gern für seine Autosammlung kaufen würde. Nach drei Stunden Fahrt bog er von der Autobahn ab und hielt auf einem Rastplatz unweit eines Holztisches, der unter hohen Fichten stand. In der Ferne konnte man die Alpen sehen. Er streckte seine Glieder, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete den Wagen, mit dem sie unterwegs waren. Es war eines seiner Sammelstücke, ein Cadillac DeVille, Modell 1973. Die Frau nahm auf der Holzbank Platz und wartete darauf, dass er den Proviantkorb mit den Sandwichs brachte. Er verfolgte, wie ein 1998er Mercedes ein paar Meter weiter anhielt und der Fahrer ausstieg. Der Fremde öffnete den Kofferraum, holte eine Art Bündel oder längliches Paket hervor und legte es auf den Nachbartisch. Die Frau nahm ihre Sonnenbrille ab.
„Was macht er da?“ fragte der Mann und setzte sich zu ihr.
„Er baut ein Gewehr zusammen.“
„Ein Gewehr? Hier? Jetzt? Und wieso?“
„Jetzt ist Jagdsaison“, gab die Frau zurück.
Der Fremde schraubte den Lauf am Schaft fest.
„Er will sicherlich im Wald nur ein paar Vögel schießen. Mach dir keine Sorgen seinetwegen. Ich hole unser Essen aus dem Auto.“
„Nein, wir fahren besser ein Stück weiter.“
„Aber warum? Hier ist es doch wunderschön.“ Sie schaute sich um. Hinter Büschen versteckt lag die Autobahn, auf der dichter Verkehr brauste. „Mein Mann“, setzte sie an, „ging zu dieser Jahreszeit immer auf Vogeljagd, und ich mochte das überhaupt nicht!“ Sie legte ihre warme Hand für einen Augenblick auf seinen Handrücken. „Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemandem anderen als dir über diese Jahre zu sprechen!“ Sie hielt kurz inne, als wollte sie noch etwas hinzufügen, behielt es dann aber für sich.
Er fixierte sie und bemerkte den trotzigen Blick, den sie immer aufsetzte, wenn von ihrem Ex-Mann die Rede war. Er ging zum Auto und holte das Essen aus dem Kofferraum. Gleich würde sie loslegen, ihn zu beknien, sich scheiden zu lassen, aber er dachte nicht im Traum daran. Es ging nicht. Er hatte drei Kinder mit seiner Frau.
Sie nahm die Sandwichs aus dem Korb und legte sie auf Servietten, die sie zuvor auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Sie hatten sich in Frankfurt kennen gelernt, als sie beide für die gleiche Firma arbeiteten – einen Buchverlag, der der Familie seiner Frau gehörte. Kurze Zeit später trennte sie sich von ihrem Mann. Sie hatte keine Kinder.
Als alles bereit stand, war ihm der Appetit auf Sandwichs vergangen, und er wollte lieber ins Restaurant. Sie bestellten sich jeder ein warmes Gericht und ein Glas Bier. Sie hatten gerade angefangen zu essen, als die Frau urplötzlich herausplatzte: „Ich bin schwanger.“
Er aß stur weiter, obwohl er keinen Geschmack mehr am Essen fand. Das war ihr letzter Ausweg, um ihn von den Fesseln seiner Ehe freizubekommen. Sie hatte ihn in den zurückliegenden zwei Jahren heftig unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen. Er hatte die verschiedensten Ausflüchte vorgebracht, aber die Wahrheit war ganz einfach die, dass er sich dann auch von seinen Autos trennen müsste. Ihnen galt immer sein erster Gedanke, auch wenn er es nie so deutlich zum Ausdruck brachte und er es sich selbst kaum eingestehen wollte. Um Autos sammeln zu können, musste man schon finanzkräftig sein. Er besaß dreiundzwanzig Cadillacs und wollte sich jetzt den vierundzwanzigsten ansehen. Auch wenn das in den Augen vieler eine ansehnliche Zahl war, so war das nichts im Vergleich mit echten Liebhabern. Er kannte ein paar Amerikaner, die Hunderte von Autos besaßen.
Sein vierundzwanzigster Wagen war ein Modell, nach dem er sehr lange gesucht hatte: ein Cadillac Eldorado Brougham von 1957. Sie waren von Hand gefertigt, in sehr geringer Zahl, und sie wurden äußerst selten gehandelt. Ganze 400 Stück waren seinerzeit bei General Motors produziert worden. Knapp die Hälfte dieser Edelkarossen war inzwischen unwiederbringlich verloren. Ihm war klar, wenn es zur Scheidung käme, könnte er seine Sammlung nicht mehr halten, geschweige denn sich noch diesen zulegen, der ganz überraschend zum Verkauf angeboten wurde.
Als sie das Restaurant verließen, wollte die Frau weiterfahren. Er hatte ihr noch nie gestattet, einen seiner kostbaren Wagen zu lenken. Aber jetzt erlaubte er es ihr, ohne sich vorher lange zu sträuben. Sie setzte sich ans Steuer und fuhr ohne Unterbrechung bis zu den Alpen und dann in den Tunnel hinein, der unter dem Brennerpass nach Italien führt. Hin und wieder warf er einen Blick auf die Kraftstoffanzeige. Hier und da tropfte Wasser aus Ritzen an der Tunneldecke.
Sie verließen den Tunnel, und sie überholte einen großen, weißen Lastkraftwagen mit einem Schornstein über dem Motorblock und einer breiten, verchromten Stoßstange. Jetzt war es nicht mehr weit bis zur italienischen Grenze. Er sah zur Tankanzeige. Sie trug flache Sandalen, ein schmaler Riemen über dem großen Zeh verlieh dem Schuh Halt am Fuß. Über der Fußsohle verlief eine tiefblaue Ader. Er hörte eine Hupe, und auf der linken Fahrbahn schob sich der Laster langsam neben sie.
„Hast du nichts dazu zu sagen, was ich dir vorhin im Restaurant eröffnet habe?“ Sie warf ihm einen kurzen Blick über den Rand ihrer Sonnenbrille zu.
Er schwieg.
„Jetzt trennt sie sich von dir“, sagte die Frau. „Jetzt lässt sie sich endlich scheiden.“
Er hüllte sich immer noch in Schweigen.
„Mein Mann konnte wenigstens eine Entscheidung treffen, wenn es nötig war.“
Bevor er überhaupt wusste, was er tat, war ihm die Hand ausgerutscht, und er versetzte ihr einen Schlag ins Gesicht. Sie machte einen plötzlichen Schwenk nach links, rammte den Laster und riss ihm die Stoßstange ab. Sie kollidierte ein zweites Mal mit dem Laster, ihr Haar flatterte wie wild im Luftstrom, als die Windschutzscheibe zersplitterte und die Stoßstange sich im nächsten Moment in ihre Brust bohrte.
Der Fahrer des Lastkraftwagens hatte versucht, den Zusammenprall zu verhindern. Während sein Fahrzeug auf die Seite kippte, überschlug sich der Cadillac einmal und kam dann quer zur Fahrbahn auf seinen vier Rädern zum Stehen.
Der Mann hatte keine Kraft, zur Führerkabine des Lasters hochzuklettern und nach dem Befinden des Fahrers zu sehen. Jeden Augenblick würden Unfallhelfer da sein. Er musste schnellstens die Autobahn verlassen. Er taumelte auf eine Böschung zu, auf der hohe Bäume wuchsen. Er erklomm die Anhöhe und fand es erstaunlich, wie lange er nicht mehr durch Gras gelaufen war.
Hinter sich vernahm er Bremsgeräusche.
Jenseits des Abhangs befand sich eine kleine Senke. Hier wuchsen hohe Kiefern, es war warm und still, nirgends waren Berge zu sehen. Er bemerkte, dass aus seiner Handfläche Blut strömte. Er kümmerte sich nicht darum, sondern ging weiter. Ab und zu lehnte er sich gegen einen Baum. Überall im Wald zwitscherten Vögel.
Und dort in der Senke stieß er auf eine klare, von Schilf umgebene Quelle, und er legte sich ins Gras. Er tauchte die Hand ins Wasser und sah zu, wie das Blut aus der Wunde in seiner Handfläche hervorquoll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ólafur Gunnarsson (18 JULI 1048 in REYKJAVIK) ist ein isländischer Autor.
Ólafur Gunnarsson arbeitete in der Wirtschaft und als Fahrer eines Rettungswagens. Seit 1974 schreibt er Romane, Geschichten, Kinderbücher und Gedichte.

Für seinen Roman „Öxin og jörðin » (Niemand wie ich) wurde er mit den wichtigsten Literaturpreisen seines Landes ausgezeichnet. Der Stoff wurde für ein Theaterstück adaptiert und wird verfilmt.

 

Aus dem Isländischen von Hartmut Mittelstädt

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