Nora Schmidt

 

 

(Deutschland)

 

 




Sieben Tage Suggestion

Nur die Selbstmitleidigen blicken zurück. An Flughäfen darf man nicht weinen. Jeder Abschied ist ein Anfang. Jetzt sitzt Carolin im Dunkeln auf der Matratze in Abu Rasheeds Haus, wo du gestern und die Tage davor neben ihr aufgewacht bist. Gestern bist du weg gefahren und kaum dass die Stadt Daraa dich wiederhatte, ist ihre Tür ins Schloss gefallen. Die Stadt ist nicht mehr nur umstellt, jetzt rollen Panzer durch die Straßen deiner Kindheit, auf die du Carolin geführt hast. Sie erinnert sich. Du warst es, der darauf bestand, dass sie das Lager besucht und mit deiner Mutter und deinem großen Bruder zu Mittag isst. Ihr alle streicheltet ihr die Hände, als wären alle einverstanden mit deiner Liebe zu diesem blonden Mädchen, als ging es nicht mehr nur um Kennenlernen, sondern um alles Ernste, um Heirat vielleicht, um Zukunft. Was für ein sinnloses Vertrauen Carolin gestiftet hat! Was für eine fahrlässige Eitelkeit!

Die speckigen Wolldecken, unter denen du geschlafen hast, haben deinen Geruch nicht bewahrt. Trotzdem bist du gegenwärtig in diesem Zimmer, denn schließlich ist Carolin deinetwegen hier. Hin und wieder gehen Touristen an ihrem Fenster vorbei zum Museum im Azm Palast gegenüber. Sie sprechen in italienisch, französisch, englisch, deutsch über die ungewöhnliche Hitze in diesem März und die Andenken, die sie noch kaufen müssen. Einige bleiben stehen und sehen sich die Zeichnungen an, die Abu Rasheeds Nachbar auf der Straße ausstellt. Einige wissen von Gerüchten über mit Waffen beladenen Autos oder Scharfschützen auf den Dächern über dem Abbassidenplatz. Die meisten wundern sich, denn sie haben alle die Menschenmenge gesehen, die doch schließlich für den Präsidenten demonstrierte. Das waren tausende, während die Nachrichten jeden Morgen von einem oder zwei Toten in Damaskus berichten. Es sind nicht die Opfer gewalttätiger Demonstrationen, sondern einzelne Damaszener, die mit zerschossenen Köpfen plötzlich auf der Straße hinfallen. Jeden Tag einer, manchmal zwei. Die Taxifahrer beklagen sich über die Flaute dieses Frühlings. Einige haben bereits Bankrott erklärt. Die Hotels und Restaurants finden keine Besucher, nur die Supermärkte werden leer gekauft. Carolin denkt: Wie haben wir uns verabschiedet? Denkt: Was wenn…? Das blaue Glimmen des Mobiltelefons unterbricht die Befürchtung. Du schreibst:

Hi Liebling, mir geht’s gut. Die Stadt ist im Chaos. Sie haben das Internet gekappt und          
Anrufe werden unterbrochen. Nicht sicher, ob du diese Nachricht bekommst. Ich liebe dich, xxx

Jetzt schleppt sie sich durch die Straße zu ihrem Internetcafé um die Ecke. Sie kauft eine Schachtel Zigaretten und wirft einen Blick auf die Schlagzeilen der Zeitungen. Schon hier liest Carolin die Nachrichten als täte sie etwas Verbotenes. Sie versichert sich, wie das wohl alle machen, dass man Emails und Briefe lesen kann, Gedanken aber nicht.

Liebling, mir geht’s gut, das Netz ist immernoch unterbrochen in Daraa. Daraa bekämpft    
das Regime allein. Andere Städte machen nichts. Vielleicht warten sie bis Freitag, vermisse          
dich.

Heute wurde ein Massengrab in deiner Stadt aufgefunden. Du bist seit knapp einer Woche eingeschlossen. Fünfzig junge und alte Männer und Frauen lagen in einer Grube begraben wäre zu viel gesagt, zugedeckt, verscharrt. Carolin lässt die Nachrichten der ARD und FAZ ihren Bildschirm passieren. Sie liest nichts als Spekulationen darüber, ob die Leichen in Daraa nachträglich verstümmelt wurden, um ihre Identifizierung zu erschweren oder ob die zerschellten Gesichter, abgeschlagenen Beine, Hände und Arme die Folge von Folterungen waren, als wären das die entscheidenden Fragen! Wieder leuchtet ihr Telefon:

happy birthday Liebling, ich hoffe, du hast einen schönen Tag und wünschte ich wäre bei dir.

Du hast Recht! Carolin wird heute fünfundzwanzig Jahre alt. Schon kostet es sie Mühe, sich dein Gesicht zu vergegenwärtigen, deine Gesten, dein Wesen. Versucht sie es trotzdem, denkt sie nicht an die sieben Tage, die ihr in Damaskus zusammen ward, sondern an den Nachmittag in Daraa, als sie zwischen deiner Mutter und deinem Bruder auf dem Fußboden saß, eine Schale Foul in den Händen hielt, dir schmeichelte und Schmeicheleien empfing. Du ihr gegenüber, essend, kichernd wie ein Junge, der du hier sein durftest. Deine Mutter streichelte Carolin die Hand, wiegte ihren Kopf leise gurrend im Kreis, als sie die Antwort von der jungen Europäerin auf ihre Frage erhielt: „Was hälst du von meinem Sohn?“ Carolin pries deine Tugenden, bemüht um eine sprachliche Elaboriertheit. Dein Bruder, der Sprachlehrer, korrigierte ihre Aussprache, die Grammatik ihrer Sätze. Ihr alle strahlt in dieser Erinnerung. Wo bist du jetzt? Sitzt du noch dort auf deinen Füßen, eine Schale Bohnen in der Hand? Oder bist du auf den Straßen, auf denen du Carolin zum Busbahnhof brachtest? Sie erinnert sich nicht gern an diese Wege. Immer glaubte sie in dieser Welt zu stören. Sie glaubte, sie brächte dich in Gefahr.

Mir geht’s gut. Wir gewöhnen uns langsam an das hier. Morgen ist die Antwort für die alberne Rede dieses Idioten. Wie geht es dir? Ich vermiss dich so.

Mit acht Jahren hörtest du deine Schwester am Telefon mit einem Mann sprechen, der später ihr Ehemann werden sollte, was du damals nicht wissen konntest. Du wusstest nur, dass sie zu den schönsten Mädchen von Daraa gehörte und dass sie etwas Unerlaubtes tat. Also machtest du ihr das Leben schwer, weil du glaubtest es sei deine Pflicht ihr das Glück zu verderben. Du brülltest die an, wie du glaubtest, dass ein arabischer Mann ein Mädchen, das unerlaubter Weise mit einem Fremden am Telefon sprach anbrüllen musste. Du risst ihr den Hörer aus der Hand und beleidigtest den Verliebten in der Leitung. Du piesacktest deine Schwester noch Tage später, schlichst ihr nach wie ein listiger Dackel, warfst ihr ihre Unzüchtigkeit vor. Die Denunziation aus dem Mund eines Achtjährigen, ihres kleinen Bruders, der neun Jahre nach ihr geboren war, entehrte sie eigentlich. Später hast du dich bei ihr für deinen kindlichen Machismus entschuldigt. Sie lachte, hatte bereits zwei Kinder von dem Mann in der Leitung geboren, wischte deine Erklärungen weg, aber dir war es ernst. Du schämst dich noch immer.

Deine eigene „große Liebe“ hast du nicht heiraten dürfen, weil ihre Familie deinen Stand missbilligte. Ein Palästinenser, aus einem Flüchtlingslager, mit rottigen Kleidern und keinem Centime zu bieten! Du erklärtest, dass du sie liebtest. Noch ein halbes Jahr oder ein Jahr lang nahmst du dir vor, um sie zu kämpfen. Du glaubtest, du würdest ihre Familie umstimmen können, wenn du das jahrgangsbeste Examen in englischer Literatur vorzuweisen hättest. Du glaubtest an den Wert von Bildung. Du wusstest nicht um deine Perspektivlosigkeit, um die Wertlosigkeit deines Examens. Du hörtest, als man dir begreiflich gemacht hatte, dass du dir keine Chancen auf eine Stelle ausrechnen solltest lange mit dem Lesen auf. Wenn du überhaupt ein Buch öffnetest waren es die Gedichte deines Vaters. „Barrikaden im Himmel“. Dein Talent zur Rezitation hatte dir schon in der Grundschule im Lager den Beinahmen „der Dichter“ eingetragen, den du mit Stolz trugst, weil du stolz auf deinen Vater warst. Du hast begriffen, dass niemand im Lager und an der Universität an der Entwicklung deiner Talente interessiert war und du selbst hattest keinen Ehrgeiz, sie alle eines besseren zu belehren. Du wolltest dir keinen Namen machen. Du wolltest glücklich sein! Also nahmst du den Kampf mit den europäischen Einwandererbehörden auf und gingst.

Nach dem Ablauf eines einjährigen Visums kamst du zurück nach Daraa mit dem anhaltenden Gefühl reich beschenkt worden zu sein. Du hattest Carolin in England, die dir versprochen hatte, dich in kurzer Zeit zu besuchen und mit dem Zertifikat einer englischen Universität in der Tasche konntest plötzlich zwischen mehreren Sprachenschulen auswählen, entschiedst sich für eine private Mädchenschule in Daraa, um weiterhin bei deiner Mutter wohnen zu können. Dein Gehalt betrug umgerechnet hundertsechzig Pfund im Monat. Kein schlechter Lohn für eine Arbeit, die dir Freude machte und sich auf den Vormittag beschränkte. Aber die Rückständigkeit des Lagers, die erniedrigende Demutsrolle der Palästinenser in Syrien, die allgemeine Lethargie fielen dir jetzt nach der Rückkehr doppelt und dreifach auf. Du empfandest die Propaganda in den Schulbüchern, die Gesichter des Präsidenten an jeder Straßenecke, die offensichtlichen und verborgenen Grenzen zwischen Stadt und Lager, das Hungersterben der Katzen als nicht mehr hinnehmbar. Alles regte dich auf. Je länger die Februartage wurden und du begriffst, dass sich von alleine nichts ändern würde, warst du sicher, diese Welt lieber früher als später wieder zu verlassen. Du wolltest jetzt mit sechsundzwanzig Jahren endlich Pläne machen, was in diesem Land unmöglich ging. Du dachtest noch häufiger an deinen Vater, an dessen Isoliertheit, seine Hoffnungslosigkeit am Ende seines Lebens. Du gewöhntest dir einen Sarkasmus an, der dir nicht stand und ja, tatsächlich wurdest du zum Angeber. Die schmeichlerische Erinnerung verlieh Carolin ein anderes Gesicht, ein strahlenderes, schöneres. Du begannst mit dem Schreiben von englischen Liebesbriefen. Auf hunderten Seiten dokumentiertest du deine Liebe zu Carolin. Sie verstopften die Schubladen des Kommodenschranks deines Vaters. Sie lagen so rücksichtslos im Weg herum, dass deine Mutter aus Sorge um dich jeden Tag sechs mal betete. Die meiste Zeit langweiltest du dich fast zu Tode. Du vertrödeltest die Nachmittage in den Süßigkeitenläden vor dem Satelitenfernseher, dessen flackerndes, farbverzerrtes Bild alle zwei, drei Minuten zerfloss, schütteltest den Kopf über den lybischen Diktator, der hinter einem riesenhaften weißen Regenschirm versteckt in einer Limousine saß und behauptete, das lybische Volk erst noch lehren zu müssen, was Gewalt eigentlich sei. Ende des Monats fielen in Ben Ghazi nicht mehr nur Gewehrschüsse, sondern Bomben. Du schütteltest den Kopf, aber du rangst nicht die Hände. Wurdest du nach deiner Meinung gefragt, hobst du die Schultern und sagtest mit quängeliger Stimme: „Sie sollten eingreifen, in Gottes Namen.“ „Wer, die ägyptische Armee?“ „Die NATO verdammt nochmal!“ Du hasstest dich selbst dafür, dass du die Öde dieser Tage ertrugst. Als die Demonstrationen begannen, ging alles viel schneller als erwartet. Die Gerüchte über die Kinder in Daraa, die grundlos verhaftet worden waren, spannen sich binnen Stunden zu ungeheuerlichen Geistergeschichten über Schläge und Folter, Drohungen, Geldforderungen, herausgerissene Fingernägel. Noch am selben Tag gingen die Proteste los. Und als du auf die Straße liefst, waren es ausgerechnet die Alten, die sich versammelten, ganz unbeschützt, ohne Transparente, von Waffen ganz zu schweigen. Ihr Ruf hallte bis ins Lager: Gott, Syrien, Freiheit.

Niemand glaubte, dass die Alarmsirenen in der Nacht, die Stromausfälle und gelegentlichen Schüsse Boten einer wirklichen Veränderung sein könnten. Es war wahrscheinlicher, dass die Sache sich in kurzer Zeit – naja – von selbst wieder erledigen würde. Beinahe fühltest du dich belästigt. Du hattest Angst, dass dir die Revolution das Wiedersehen mit Carolin verderben könnte. Aber deine Schülerinnen glaubten, ausgerechnet dich müsse das ganze etwas angehen und marschierten ins Lager, um dich abzuholen und so folgtest du den Mädchen aus guten Häusern, fügtest dich in die Rolle des Hüters ihrer Sicherheit.

Womit du nicht gerechnet hast war, dass die Armee kurzerhand Demonstranten zu verhaften begann. Es war unmöglich den Überblick zu behalten. Keiner wusste mehr, wie nah oder fern die Wasserwerfer standen, ob und wo überhaupt eine Grenze verlief. Jeder hörte, dass geschossen wurde, aber es schien so absurd, so wahnsinnig, auf die mittellosen Alten, auf Frauen zu schießen, die nicht einmal den Namen des Präsidenten im Mund führten, dass du kaum ernsthaft glaubtest, dass jemand zu Schaden kam. Eigentlich fühltest du dich nicht bedrohter als in den Jahren davor. Als dir zu Ohren kam, dass die Stadt mit Panzern umstellt worden war und die Einreise nach Daraa überhaupt nicht mehr möglich sei, stiegst du vier Tage vor Carolins Ankunft in einen Bus in die Hauptstadt. Um jeden Preis wolltest du das Treffen vorbereiten, die Möglichkeit einer kompletten Verbarrikadierung war gegeben. Als der Bus die Checkpoints erreichte, stockte die Fahrt und der Fahrer drehte sich um, sah dir unter sieben anderen direkt in die Augen und fragte, ob du sicher seist, dass du weiterfahren wolltest.

„Ja“, riefst du irritiert, warfst einen besorgten Blick auf deine Mitfahrer und stelltest fest: Es waren die Ärmsten der Armen, irakische Flüchtlinge, ein Afghane, zwei Mädchen aus dem Kinderheim. Du begriffst, dass keiner von denen vorhatte, nach Daraa zurückzukehren. Seltsamerweise brachte dich diese Einsicht zum Lachen. Der Bus sackte in einen Tunnel, dein Herz begann zu klopfen. Jetzt geschah endlich doch etwas.

Der Hauptstadt selbst war nichts anzumerken. Du verbrachtest vier Abende voller Ungeduld mit Kartentricks und stiegst am Abend über den Zaun des Studentenwohnheims und schliefst im Bett des Freundes irgendeines Cousins. Deine Anrufe ins Lager verhallen in einem gespenstischen Tuten, dem förmlich anzuhören war, dass ein anderer es mithörte. Jeder Passant, glaubtest du,  lachte über deine vergeblichen Versuche, deine Mutter zu erreichen und über deine Vorfreude, dein Vertrauen darin, dass Carolin deinetwegen kommen würde.

Ihr bliebt volle sieben Tage zusammen, quartiertet euch in Abu Rasheeds Haus in der Altstadt ein. Für diese verantwortungslose Verliebtheit, für die Gier nach dir schämt sie sich jetzt. Warum musste die Revolution ausgerechnet in Daraa beginnen? Immernoch sitzt sie auf der Matratze in Abu Rasheeds Haus und guckt das Nachtprogramm eines islamischen Senders aus Bahrein. Die Sendung heißt „Einladung zum Recht“. Je länger Carolin sich mit den Schicksalsschlägen der austauschbaren vollverschleierten Frauen berieseln lässt, desto größer wird ihre Gewissheit, dass sie es ist, ihre Verliebtheit und ihr Verlangen, die das Blutvergießen in Daraa heraufbeschworen haben. Jetzt, da sie die Nachrichten nach einer Spur von dir absucht, möchte sie die Lust dieser sieben Tage am liebsten zurücknehmen. Daraa hat pünktlich ihr Maul zugeklappt, als hätte sie deine Rückkehr abgewartet. Die Telefonnummern, von denen aus deine Nachrichten Carolin erreichen, wechseln mit jedem Mal. Sie weiß nicht mehr als dass du an sie denkst.

Du fehlst mir. Bin ziemlich depressiv im Moment, Massaker in meiner Stadt. Ich kenn welche von den Typen, die umgebracht wurden. Das Regime ist so brutal.

Seither ist ihr Telefon stumm. Carolin hat tausend Mal auf allen Telefonnummern deiner Nachrichten versucht dich zu erreichen. Sie glaubt nicht mehr daran, dass du auf deinen Füßen neben deiner Mutter sitzt. Du wirst hinaus gegangen sein. Du wirst einen Grund suchen, eine Ursache oder immerhin einen Anfang des Fluches, dem ihr unterliegt. Carolin ist an den Busbahnhof gegangen und hat geradewegs gesagt, sie wolle nach Daraa fahren. Die Fahrer haben die Schultern gezuckt und hilflos gelächelt. Sie war erleichtert, als sie umkehrte. Erleichtert sagen zu können, dass sie nichts für dich tun kann. Irgendetwas lässt sie glauben, du seist unverwundbar. Es ist möglich, das weiß sie, dass das Schweigen ihres Telefons eine schlimme Ursache hat, aber sie glaubt nicht daran. Es ist zu schwer, es ist unmöglich, die Inhalte der Zeitungen und die Erinnerungen an die sieben Tage in Abu Rasheeds Haus miteinander in Verbindung zu bringen. Das Wissen um deine Notlage bleibt hohler Fakt, Carolins Sorge um dich bleibt Behauptung. Sie denkt nicht an die Zukunft. Und sicher ist sie sich nur darüber, dass du dich täuschst, dass sie nicht diejenige ist, an die du deine Nachrichten adressierst. Sie packt ihre Sachen und putzt flüchtig die Wohnung. Sie schreibt einen Gruß an Abu Rasheed, den sie auf den Wohnzimmertisch neben die Bedienung des Fernsehers legt. Daneben den Schlüssel. Sie zieht die Tür von Abu Rasheeds Haus zu, einem Ort in der Touristengegend, wo Pärchen sich heimlich treffen. Sie weiß, dass andere in diesem Moment durch ein Feuer gehen. Ihnen fällt die Aufgabe zu, ihre Welt zu verändern. Carolin geht am Rand eines Trümmerfelds, in der Nähe von Folterkammern, niemals in der Mitte, niemals mit Haut und Haar. Immer weiß sie, wohin sie gehört. Was ihr zusteht, ein scheinbares Glück, ein Recht auf ihr Leben in Friede und Freiheit, die Sorglosigkeit von heute und morgen. Ihr Magen wird gefüllt werden. Ihr Flugzeug wird abheben und sie sanft hinaustragen aus ihrer Sekundenflut, in der sie dich fand, eine Fatamorgana, verführerisch und grausam, weil sie dich nicht erreichte, niemals besaß. Der gefüllte Magen, die Sicherheiten sind ein schmaler Trost. Sie sind der Trost für die Ohnmacht. Sie kosten Carolin den Glauben an ein persönliches Glück, an die Gerechtigkeit. Sie hat nicht mit ihrem Leben bezahlt und durch das Feuer sind andere gegangen. Aber überall hört sie die Totenschädel pfeifen. Die Geister sammeln sich am Strand in Latakia, wo sie die Daumenschrauben im Meer versenken. Überall zwitschern die Flügel von Engeln. Überall stinken die Luft nach Verbrechen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nora Schmidt

 

geboren 1985 in Eckernförde

hat einen Sohn und lebt in Berlin

Studium der arabischen und deutschen Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Magister-Abschluss 2010.

Seither Promotion im Fach Arabistik.

Lehrauftrag an der Freien Universität Berlin.

Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Im April 2011 erschien ihr Roman „Brief von Salt ibn Umaya an seine Konspiranten in der DDR“ im Verlag Hans Schiler in Berlin.

Seit der Promotion: Mehrere Vorträge zu islamwissenschaftlichen und arabistischen Themen in Bayreuth, Göttingen, Chemnitz.

 

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