Miruna Bacali

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Im Herzen des Kaleidoskops

 

 

In letzter Zeit stoße ich ständig an Grenzen. Es sind vor allem die der Mittel- und Vermittelbarkeit. Ich bin ein Punkt, in dem so vieles zusammenkommt, dass der Knoten immer dicker wird und zu zerplatzen droht. Wie nicht, wenn diese Welten sonst überhaupt nichts miteinander zu tun hätten? Auf der einen Seite die vollkommene, allumfassende und damit auch ein Stück weit vernichtende Offenheit, auf der anderen die Angst vor dem Leben. Nur Widersprüchlichkeiten tummeln sich in mir, zuweilen entwickeln sie eine Art Eigenleben. Dann ist mir, als wäre ich ein Gefäß, das mal den einen, mal den anderen Inhalt in sich aufnimmt. Und wenn es sich zu stark füllt, dann droht es genauso, zu zerbersten. Ich weiß ganz genau wer ich bin, und doch ist es manchmal schwer, nicht an meinen Überzeugungen zu zweifeln. Meine zu große Klarsicht macht mir auch diesmal zu schaffen. Vergessene und wieder aufgenommene Erkundungen. Wahrheiten, die für einen Augenblick aufleuchten, um am nächsten Tag erneut der Ungewissheit zu weichen. Wäre ich einfach jemand, dessen Geist sich mit wenig zufrieden gibt, statt ständig weiter und weiter forschen, erkunden, verstehen, alles (und am besten gleichzeitig) in sich aufnehmen zu wollen, würde ich sicherlich weniger leiden. Unser Geist braucht Schubladen, Trennlinien, Grenzen. Sonst werden wir wahnsinnig.

Und genau das ist wohl der Preis, den ich zahle. Dafür, dass ich jede einzelne Minute die Grenzen meines Horizonts forciert habe, auch wenn ich am liebsten nur in meiner unbedeutenden Gewissheit verharrt wäre, auch wenn es wehtat, das, was ich erreicht hatte, im nächsten Augenblick wieder verwerfen zu müssen. Ich bin wie ein Schauspieler, der zu viele Rollen verkörpert hat und nicht mehr so richtig weiß, worin sein eigenes Wesen liegt, weil sich zu viel aus den Masken speist. Es ist keine Frage des Wollens, sondern eine des Könnens.

27 Jahre. Nichts, eigentlich. Etwas mehr als ein Viertel Jahrhundert. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich schon mehrere Leben hinter mir habe. Vielleicht lebt man mit jeder Sprache, die man verinnerlicht, ein weiteres Leben. Vielleicht ist es einfach nur, weil ich in den letzten neun Jahren mindestens sechsmal umgezogen bin. Dadurch habe ich auch gelernt, den einzigartigen Geist jeder Stadt schnell zu entdecken – das, was ihre Essenz ausmacht.

In Goethes Werther spiegelt die Natur die Empfindungen der Hauptfigur wider. Sobald ich dagegen auf unbekanntem Boden bin, verändert sich auf einmal auch meine innere Landkarte. Ich entdecke immer neue Facetten, neue Seiten meiner selbst, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Das Bewusstsein hat unendlich viele Schattierungen, die menschlichen Empfindungen sind eine unerschöpfliche Quelle. Dann staune ich vor mir selbst und suche verzweifelt nach Möglichkeiten, die Flut an Eindrücken irgendwie wiederzugeben, festzuhalten, sie zu verewigen. Es ist, als entferne ich mich von mir selbst, zumindest von meinem alltäglichen Ich, um gleichzeitig etwas zu entdecken, was schon immer möglich gewesen war. Ich hatte nur nicht gewusst, wie ich dorthin gelangen soll.

Was macht einen Ort zu einem Zuhause? Vielleicht die Tatsache, dass man dort so viele Lebensstunden verbringt? Ist es der Ort, an dem man geboren ist? Ist es nur der Hauch eines Gefühls? Erfahrungen, die einen nicht loslassen?

Ob Grönland oder Kap Verde: Der Himmel ist überall der gleiche. Bevor wir uns mit einem Land, einer Nation, einer Sprache identifizieren, sind wir zunächst einmal Menschen. Die  künstlichen Barrieren, die wir zwischen uns errichten, sind erst der zweite Schritt. Wir machen daraus Vorwände, um Erlebnisse zu vergessen oder bewusst zu vernachlässigen, um andere zu verachten oder gar zu hassen, um unsere Ignoranz und Begrenztheit zu ernähren. Bevorzugter modus operandi: Schubladen. Bevorzugter Geisteszustand: Cozy prisons. Wohlig warme, gemütliche Gefängnisse des Geistes.

Meine Neugier, mein Durst nach Erfahrungen, aber vor allem nach Entdeckungen, ist nicht leicht zu stillen. Egal, wie lange man an einem Ort gelebt hat, entdeckt man immer noch Ecken, die einem so vorkommen, als wären sie aus einem anderen Bild herausgeschnitten und dort wie Fremdkörper eingefügt. Wie sie auf diesem vertrauten Gebiet aufgetaucht sind, ist mir jedes Mal ein Rätsel, doch ich freue mich wie ein Kind, das in einer Schatzkiste herumstöbert.

Ob mein früheres Ich das alles so hätte empfinden können? Vor inzwischen fast elf Jahren hatte ich Angst, meinen vertrauten Alltag zu verlassen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, in ein anderes Land zu ziehen, um zu studieren und zu leben. Nun merke ich, dass dieses Gefühl überhaupt nicht zu mir passt, die ich mich wie eine Weltbürgerin empfunden habe, auch als ich es noch nicht wusste. Und das obwohl ich meine ersten neunzehn Lebensjahre in einer einzigen Stadt verbracht habe. Mit Büchern und meiner eigenen Fantasie war ich schon längst zu neuen Ufern aufgebrochen.

Früh, nachdem ich nach Süddeutschland gezogen war, merkte ich, wie sich auch meine innere Landschaft Stück für Stück veränderte. So etwas gehört normalerweise zu den subtilen, unmerklichen Ereignissen des Alltags, die sich in das eigene Leben einschleichen, ohne dass es das Bewusstsein merkt. Mein altes Ich war dabei, sich zu erneuern. Frische Bruchstücke ersetzten die alten, machten sich Platz im Labyrinth.

Ich lebe mit der Überzeugung, dass Räume unsere Existenz mitbestimmen, weil wir uns darin allein, bedrückt, bedroht fühlen, aber auch durch die Aufladung, die die Architektur in sich trägt, die hellen oder dunklen Zimmer, die Verzweiflung oder Freude, die wir darin erlebt haben. Jedes Stück braucht ein Bühnenbild und genauso sind auch wir, die Figuren, die die Erde mit Leben befüllen, unzertrennlich mit den uns umgebenden Räumen verbunden.

Die Natur dagegen war für mich immer eine Verkörperung des Freiseins, und so habe ich immer danach gesucht, ob Winter oder Sommer, vor allem im Herzen der Stadt wollte ich dieses winzige Stück Freiheit um jeden Preis zurückerobern. Wenn ich einen der für mich  wichtigsten Bukarester Schauplätze nennen müsste, würde ich deswegen wahrscheinlich mit dem Ioanid-Park anfangen, wo ich während meiner Kindheit und Jugend viel Zeit verbrachte. Nun trägt dieser Park den Namen eines zeitgenössischen Violinisten. Ich weigere mich aber, diesen zu benutzen, erstens, weil ich nie die Gründe für diese Änderung verstanden habe und zweitens, weil der Name Ioanid nicht nur poetisch klingt, sondern auch ein Stück Geschichte in sich trägt. Die Geschichte der Stadt, aber auch meine eigene. Bäume in voller Blütenpracht, das warme Licht der Dämmerung, Spiele, Freunde und Mehr-als-Freunde. Fast immer kam ich zu Fuß dahin, und so haben sich die an Paris erinnernden Boulevards und ihre kleinen Seitenstraßen, auf denen Magnolienbäume wuchsen und sich Fassaden im sogenannten neorumänischen Stil aneinanderreihten, sehr stark eingeprägt. Den Weg zurück  von der Schule bestritt ich zu Fuß und bewunderte dabei den Sonnenuntergang, begleitet von der Musik, die aus meinen Kopfhörern strömte. Und dann erinnerte ich mich an Mircea Eliades Worte über Bukarest: Seine Dämmerungen seien giftig, und trotz dessen – oder vielleicht gerade deshalb – könne man sich ihrem Zauber nicht entziehen.

Viele Schauplätze in Bukarest haben über die Jahre meine innere Landschaft modelliert. Das historische Stadtzentrum, der Universitätsplatz, die Boulevards mit ihren Gebäuden, die an Paris erinnern, das Theater, die Museen. Das Athenäum – wenn die Stadt eine Seele hat, dann streift sie sicherlich dort herum –, der Palastsaal, all diese Orte, wo ich mich in der Musik verlieren konnte, wo ich Kultur begegnet bin. Das Institut Français – ein klassisches Gebäude, heute blau und weiß gestrichen, damals meine Schatzkammer mit Büchern und Kassetten in den lichtdurchfluteten Sälen, die nach lackiertem Holz und Kopiergeräten rochen. Der Herăstrău-Park, Grădina Cişmigiu, aber auch der Zirkuspark, nicht weit von meiner Wohnung rund um einen See eingerichtet, der sich mitten im Sommer mit Lotusblüten füllt. Manchmal sprang mir beim Spazierengehen ein einziges Gebäude ins Auge, als würde es stumm seine Geschichte erzählen; manchmal streichelte mich der Windhauch auf einer abgelegenen Straße mit laubbefüllten Bäumen, manchmal fielen meine Augen auf eine einsame Bank im Park und ich spürte etwas Unsichtbares, wie eine Präsenz. Jetzt muss ich wieder an Eliade denken. Er war derjenige, der behauptet hat, das Heilige und das Profane seien untrennbar miteinander verknotet.

Am ehesten verbinde ich die Erinnerungen an die Augenblicke des flüchtigen, aber nicht weniger vollkommenen Glücks, mit Menschen. So sehr ich die Natur vergöttere, stelle ich doch immer wieder fest, dass ich ein Kind der Großstadt bin. Menschenansammlungen faszinieren mich. Es gibt wenige Gefühle, die mich mehr beflügeln als die Synergien, der Rausch, der einen befällt, wenn man mit geliebten Leuten ein Konzert besucht und sich ohne Worte versteht.

Ein Freundeskreis mit eigenen Codes, Hierarchien, Witzen und kulturellen Referenzen. Ein Mikrokosmos.

Und dann kamen die Stürme und durchwühlten ihn.

Von der Zeit, als diese Augenblicke noch zu meinem Alltag gehörten, ist mir scheinbar nicht so viel geblieben. Und doch begleitet mich, ob bewusst oder unbewusst, diese innere, halb mythische Topographie. Vielleicht sind ihre Konturen wie eine Schablone, die meine Vorstellung über jede neue Stadt legt.

Mein Bukarest wird immer kosmopolitisch sein, ein Unikat und gleichzeitig universal. Diese Stadt lässt niemanden gleichgültig – schier unmöglich. Wie eine Person, die mit dem Wort Privatsphäre nichts anfangen kann, dringt sie in dich ein und bemächtigt sich deiner. Manchmal birgt das ein Gefühl des Glücks in sich, das deinen Durst nach Leben in seiner reinsten Form stillt. Manchmal aber auch eine giftige, erstickende Gewalt.

Die verschiedensten Städte auf der Welt haben viel gemeinsam, wenn man sie anschaut. Aber das Unverwechselbare ist die Luft. Das Zusammenspiel von Wärme, Feuchtigkeit, Geruch und Licht ist wie ein Fingerabdruck. Ein Gemisch mit einer milliliterpräzisen Dosierung. Jede kleine Abweichung wird spürbar, weil sie einer anderen Substanz gehört.

Tagsüber ist Bukarest eine Stadt voller teilweise brutaler und gewaltiger Kontraste. Nachts jedoch verwandelt es sich mit seinen Lichtern in eine ganz andere. In den Sommernächten ist es, als wäre die Luft mit diesem goldgelben Staub gesättigt und lege sich wie ein Schleier über die Stadt. Und dann erinnern die Cafés auf den kleinen Straßen im historischen Stadtzentrum an Oasen. Man könnte die ganze Nacht auf diesen Gässchen verbringen und hätte trotzdem nicht das Gefühl, dass die Zeit zum Schlafen gekommen ist. Denn Bukarest schläft nur sehr, sehr selten. Diese Stadt kommt nicht zur Ruhe. Ihre Bewohner umso weniger.

In Deutschland kommt mir die Ruhe, die nachts auf den Straßen herrscht, oft unheimlich vor – das, was man in Rumänien so gerne als „zivilisiert“ bezeichnet. Dort ist alles dagegen so intensiv, dass es einen zuweilen erschlagen kann. Die Spuren der Geschichte in der Stadt. Die Abdrücke der Korruption und die Verzweiflung auf den Gesichtern. Der Schleier, der niemals verschwindet.

Eins wird mich wahrscheinlich das ganze Leben begleiten. Der Wunsch, die gesamte Welt in mich aufzunehmen, gekoppelt mit dem schmerzhaften Bewusstsein, dass das niemals möglich sein wird. Und doch irgendwie der Drang, es immer wieder zu versuchen. Weil mich der Durst nach Leben verzehrt. Und wenn es nicht so wäre, dann wäre ich sogar um mich selbst besorgt.

Ich, dieser merkwürdig widersprüchliche Knotenpunkt, befinde mich im Zentrum dieses unendlichen Gebildes, Karussell und Kaleidoskop zugleich. Fäden zerren an mir, ziehen mich in die Mitte und dann wieder an die Ränder meiner Existenz. Die Wellen dieses Wirbels, aus dem ich nicht ausbrechen kann, werden immer schwindelerregender. Und doch weiß ich, dass an dem Tag, an dem der Wirbel erstarren wird, ich langsam einschlafen werde. Ein schwarzer, unendlich tiefer, traumloser Schlaf.

Lieber Wahnsinn als Tod. Lieber Schwindel als Lähmung.

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Miruna Bacali wurde 1989 in Bukarest geboren und lebt seit 2008 in Deutschland. Sie promoviert an der Justus-Liebig-Universität Gießen über literarische und intellektuelle Annäherungen an Europa im zeitgenössischen Rumänien. Während ihres Studiums an der Universität Konstanz leitete sie eine Hochschulgruppe für kreatives Schreiben und war als Herausgeberin der dazugehörigen Zeitschrift tätig. Seit 2014 widmet sie sich intensiver der literarischen Übersetzung. Kürzlich beteiligte sie sich mit einer Übersetzung aus dem Roman „Harald und der grüne Mond“ von Nora Iuga an der Anthologie „Das Leben wie ein Tortenboden. Neue rumänische Prosa“, die 2018 im Transit-Verlag erschienen ist.

 

 

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