Michal Peer

 

 

(Israël)

 

 

 

Strafe

 

Eins nach dem andern fliegen die Dinge, zusammengeklaubt aus Schubladen und sämtlichen Ecken des Hauses durch die Luft und türmen sich wundersamerweise auf dem Dach des Kleiderschranks: Papierhäufchen, Bücher, Spiele, Schreibutensilien, ein Kissen, alles, was diese kleinen Kinderhände fassen und dem Blick der Erwachsenen entziehen können. Und dann beginnt das Warten: Auch in deinem zarten Alter erkennst du die Schritte deines Vaters, unterscheidest sie von allen anderen Tritten auf der Straße jenseits des Fensters, das Klappern der Absätze, das Klirren der Schlüssel, die Tür öffnet sich, schon nimmt er den ganzen Eingangsraum ein und wächst sich mit einem Schlag zu den über Einsachtzig aus, die ihm die Natur beschert hat, schießt an die Decke. Durch die sperrangelweit geöffneten Fenster steigen lachende Kinderstimmen aus dem Hof auf, und vielleicht treibt der Paternosterbaum aus, du spürst sogar das Kratzen der Zitrusblüten, doch nichts beruhigt die Furcht, die aus deinem Bauch heraufklettert: Du bist schuldig.

„Wie geht es meinem kleinen Jungen heute?“

Du willst an ihm hochspringen, ihm deine Ӓrmchen um den Hals schlingen und den Namen „Papa“ ein ums andere Mal in sein Ohr sagen, ihn von Kopf bis Fuß versöhnen, gut wäre auch, wenn du ihm Geschichten erzählen könntest, doch die Wörter verknoten sich in deinem Hals. Der Vater durchforscht das Zimmer mit seinem Blick, und aus einem Grund, der dir verborgen bleibt, packt er dich mit einer Hand, und du fliegst, deine Beine zappeln in der Luft, deine Augenlider flattern, fast kopfüber: Du landest auf dem Dach des Kleiderschranks.

Vielleicht ist es so: Wer schweigt und wer stottert, hat kein Recht in dieser Welt, auf dem Boden zu gehen.

Am Anfang gab es verzweifeltes Geschrei von dir, Versprechen, dieser andere zu sein, den der Vater verlangte (wer ist dieser andere?), die Tränen, die aus deinen Augen rannen, schwollen an zu einem Fluss, der den Schrank umspülte, Boote schaukelten auf seinen Wellen, Fischer saßen mit endloser Geduld an seinen Ufern (wie übervoll damals der Fluss war!), und als die Nacht heranflackerte, wolltest du von der Uferkante des Schranks geradewegs in das schäumende Wasser springen. Aber trotzdem hast du dich eifrig ans Werk gemacht, Bücher und Dinge eingesammelt, die du auf dem Dach des Schranks angehäuft hattest, um dir in deinen Stunden dort oben als Begleiter zu dienen.

Als du noch sehr jung warst, waren es offene Bücher, aus deren Seiten dir nur Bilder entgegenblickten, ein Ziegenbock, der mit den Hörnern ein Kleinkind stieß, das lachend von einer Hügelkuppe herunterrollte, zwei helle Gestalten, die durch einen dichten Wald wanderten, später gab es auch Wörter in den Büchern, und dein Gehirn verschlang die Geschichten. Auch das Radio sendete jeden Tag zu fester Stunde eine Fortsetzungsgeschichte am Nachmittag und eine zur Schlafenszeit. Jetzt warst du Teil einer Handlung, die für dich gesponnen wurde.

Dein Kopf, der schief hing (denn du konntest hoch oben auf dem Schrank ja nicht aufrecht sitzen!), examinierte die Welt: Der Blick dehnte sich in einem schrӓgen Winkel hinaus, nach draußen, was durchs Fenster zu sehen war, spiegelte ein Bild von der Welt in dieser eigenartig Haltung wider, oder er streckte sich nach unten zum Leben der anderen im Haus,die sich aufrecht auf zwei Beinen frei auf dem Boden bewegten, sich unterhielten, aßen, logen, und aus diesem merkwürdigen Winkel fingst du an, langsam und vorsichtig, selber Bilder und Geschichten zusammenzusetzen.

Und so blieb schließlich die Welt, die in deinem Alter schon zu realer Materie geworden sein sollte, ungreifbar, alles ist möglich, was ist, hängt an einem seidenen Faden und der Boden unter deinen Füßen kann im Nu einbrechen.

Vielleicht ist es so: In einer solchen Wirklichkeit können Wörter die Macht haben, ein Strafurteil zu ändern.

Du sitzt gebeugt, dein Haar weiß bekränzt, mit murmelnden Lippen, den Kopf schief eingezogen über den Schreibtisch geneigt, die Tinte tränkt die Seiten: In dieser merkwürdigen Haltung wartest du hier nun auf die Nachricht von deiner Befreiung.

 

 

(Berlin, April 2014)

 

 

Übersetzung aus dem Hebräischen: Barbara Linner

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michal Peer hat Kurzgeschichten in der literarischen Zeitschrift „Mita’am“ veröffentlicht, herausgegeben von dem israelischen Autor Yitzhak Laor.

http://www.mitaam.co.il/default.htm

Unter diesem Link befindet sich ihre Kurzgeschichte « Brust voller Schmetterlinge » (Hebräisch).

http://www.mitaam.co.il/mit6Peer.htm

Ihr erstes Buch, „Nodedet“ (Vagabundin), wird in Kürze in Israel erscheinen.

 

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Michal ist in Tel Aviv geboren. Sie ist Dozentin am Fachbereich  Film am Beit-Berl-College sowie Leiterin des Fachbereichs Film am musischen Gymnasium in Tel Aviv. Ausserdem ist sie  als Lektorin im Literaturverlag « Yediot Sfarim » tӓtig.

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