Melanie S. Rose

 

 

 

(Schweiz- Deutschland)

 

 

 

 

Stradun *

 

Die Stadt steht ja noch, so schlimm kann´s nicht gewesen sein, sagen die Touristen, die mich fragen, für welchen Film diese Kulisse gebaut wurde. Der kalte Nordwind fegt zermürbend über das Meer und die fast leeren Gassen. An den alten Toren hängen wieder die Lorbeerbögen mit Mandarinen. Seit zwei Tagen schon gedenkt man unserer Verteidiger. Iren oder Amerikaner, sie kaufen lustige bunte Engelfiguren und erkundigen sich nebenbei, wo man noch Kriegsspuren sieht. Seit du weg bist, fühle ich mich nur noch lebendig, wenn ich wie jetzt jeden Tag  Stradun auf- und abschreite. Wobei es mir egal ist, ob es stürmt und wie voll die große Straße gerade ist und überhaupt, wer mich anspricht.

An einer der schmalen Säulen im Kreuzgang vom Kloster der Brüder egal welcher Sorte, ich komme durcheinander, Dominikaner, Franziskaner, hier prangen drei Köpfe, aber das wissen die wenigsten, in Stein gemeißelt, in der Mitte die Frau, umrankt von zwei Mönchen. Aber nicht jeder kann die Stimmen der Steine hören. Gestern Nacht spielten wieder die Pärchen im Meer am alten Hafen. Denis hatte oft Proben mit dem Orchester und er zeigte mir beim Fort das Loch in der Mauer, wo man am besten nicht sagt, was man wirklich hört. Ich sah nur ihre küssenden Schatten. Silhouettenschwüle, obwohl es Winter ist, das Meer nachts zu kalt für ein Bad. Bei Bura fliegen manchmal Fische hoch über die alten mächtigen Stadtmauern bis auf den Marktplatz mit seinen akkuraten Häuserfassaden, wo ich jeden Tag vorbeigehe und mich die Freiheit vom Sockel grüßt, als ob nichts wär.

Heute mal kein Regen. Wenigstens das.

Auf der breiten Jesuitentreppe, wo man aufpassen muss, dass man nicht stolpert, die Stufen sind längst nicht alle repariert,  läuft eine Frau mit deinem Kleid. Ich hatte es dir geschenkt. Es spielt mit deinen Hüften, der Wind wiegt den Saum, deine Hand, ihre Hand steckt die Brille hoch durch die blonden kurzen Haare. Am Rolandsockel hockt eine Touristin allein auf den Stufen mit schwarzer Sonnenbrille. Sie trägt dein Shirt, das mit den Trägern, die dünnen, die gleichen offenen flachen Schuhe. Ein  kleines Mädchen am Glockenturm trägt deinen breiten roten Hut. Einer der unzähligen dünnen ausgesetzten Hunde, die hier immer allein rumlaufen, läuft auch heute allein über die Straße mit hängender Zunge. Der Hund schaut durch ein Kirchengeländer. Wir warten beide.

Denis trug seine schwarze Fischermütze das ganze Jahr, auch in seiner Bar. Auch morgens um vier bekam ich hier Jazz und ein gutes Bier. Er fragte mich nicht. Er kannte dich. Ich muss nichts mehr sagen. Denis ist weg. Es ist mir egal, wie die Leute heißen, irgendein Gesicht, oder immer ein anderes, ich kriege hier zwei Gläser, zwei volle Gläser, das eine rühre ich nie an.

Ich zähle die Gurken auf dem Markt, wo Kate kauft. Immer trägt sie schwarz. Sie lebt immer noch mit ihrer Tochter zusammen. Čubranovićeva. Gasse an Gasse, Fenster an Fenster, Zimmer, Zimmer, ruft sie jeden Tag. Kate kocht gut und hat fast das ganze Jahr über ein volles Haus. Die Saison wird mit den großen Schiffen immer länger. Die Zwiebeln, die Tomaten, die Blumen, die Feigen, die Tauben. Ich zähle die Tage, seit du weg bist. Ich trage dein weißes Hemd. Die Hände hinter dem Rücken ineinander gefaltet. Deine Hand in der meinen. Mit oder ohne Touristengaffen. Asiaten und Afrikaner sieht man hier seltener. Wenn die kleinen feierlichen Lichter an den Häusern wie funkelnde Goldketten ins Schwarze leuchteten. Ich trage deine Tasche über meiner Schulter. Sie kann mir gar nicht schwer genug sein. Široka. Das ist die Straße, die am meisten wehtut. Ich höre deine Schreie, diese Flammen, das Knallen hab ich noch im Ohr, ich sehe unsere brennende Wohnung, die Bücher. Hinter jeder Säule, jeder einsamen Häuserecke könnten wir ineinander versunken stehen.

Manche Säulen weisen in den Himmel. Wenn du mich suchst, ich bin im Lichthof, dort im verschnörkelten Rektorenpalast, der damals schon das große Erdbeben überstand, als die überlebenden Diener ihren vergrabenen Herren noch den letzten Schmuck von den Händen rissen, wo wir zusammen seit wir 14 waren die besten Konzerte hörten im Sommer beim Festival, wo die Klänge einfach frei nach oben ziehen. Nach dem großen Beben durfte hier nur noch akkurat und grad gebaut werden. Was nützt das schon. An einigen Säulen kleben Engel. Mancher Engel wird von einem Hund geküsst. Aber die Engel wenden ihre Köpfe. Wen wundert das noch. Die Tomaten werden vom Markt durch die engen Gassen der Altstadt in die Küchen getragen, Konoba für Konoba, in die Hotelketten nach Babin Kuk und Lapad zu den Neubauten, wo das neue Leben tobt, in Kisten, hoch auf einer Hand. Ich trage dich.

Die Steine in der Altstadt werden mit Wasserstrahl geputzt. Manchmal fällt ein Lichtstrahl durch einen der drei Torbögen. Wie eine Einladung.

Die Tore bleiben Tag und Nacht offen. Vielleicht gehst du gerade wieder hinter mir. Vor mir. Nah bei mir. Ich könnte mich hinunterstürzen. Ein harmloser Spaziergang, um Stradun von oben zu sehen. Von den Bollwerken hinab ins Meer, das mir nirgends klarer scheint als hier. Deine Augen spiegelten das Meergrün. Ich gehe weiter. Ich wäre nicht der einzige im freien Flug, was mir nicht angemessen scheint.

Glaubst du an Gott, hast du mich am neuen Hafen gefragt. Glücklich, wer noch glauben kann, hast du gesagt. Die Zypressen in den Parks sind nicht größer geworden, aber ich finde sie unerträglich groß. Als ob sie dir näher sind. Die Mandarinen sind üppig und weich. Ich sehe deinen Pullover. Dein Haar. Die Lorbeerzweige gebunden zu Bögen über den Stadttoren. Die Pflastersteine klingen harmlos im Dreivierteltakt, ich kann keine moderne Musik mehr ertragen, nur noch leise Ordnung und Disziplin, seit ich dich nicht mehr höre. Die Steine werden zu Wellen, als ob ich durch Wasser laufe, aber ich rutsche nicht aus. Nicht mal das. Du hältst mich doch. Stein für Stein. Sturm für Sturm.

Die verkitschten Kreuzfahrtschiffe, die aussehen wie Städte, kommen und gehen. Das Meer wird immer dreckiger.

Die Uhr steht immer noch auf halb sechs, oder schon wieder. Nackte Füße, deine Füße laufen über die Steine, oder sind es meine. An der schmalen Buchhandlung vorbei, wo die Bücher vom Boden bis zur Decke gestapelt stehen und wenn hier mal Regen reinläuft, in Sekunden im Wasser stehen. Was ist schon Zeit. Der Schnee bleibt hier ja doch nicht liegen. Er tanzt hinauf durch die Luft und verschwindet, während die Zeitungen vom Winterchaos schreiben. Die Straßen sind laut. Eine schwangere Braut steigt die Stufen zur Blasiuskapelle hinauf, auf dem Hochzeitswagen vorne die Flagge. Kinder singen für Sveti Nicolo. Ich kann seit du weg bist kein Feuerwerk mehr ertragen. Meine Ohren brennen. Ich sehe dich in jedem Mantel, egal welche Saumlänge, auch wenn du nie solche Mäntel hattest, es könnte doch sein. Ich zähle die Schritte. Ich übersehe die Fotokameras. Früher fuhren auf der großen Straße Schiffe durch den Kanal.

Auf dem alten Pflaster kleckst sich Eis und Erbrochenes friedlich aneinander, ich rieche den Schweiß deiner Haut. Um sechs Uhr tönt das Glockenspiel durch mein Herz.

Ich dachte, Denis lag tot am Roland. Aber Denis wurde am östlichen Stadttor gefunden. Ich hatte mich jahrelang geirrt und immer den falschen Ort gemieden. Ich höre dich, Andrina. Oder war es Denis.

Als ich mit dir nach Hause kam, stand dein Vater vor mir und sagte, wir haben Stromausfall. Wie entgeistert schaute ich ihn an. Sein roter Pullover passte nicht zum Orange unseres Mandarinenbaums. Ich weiß, Denis liebte dich. Mehr als jeder. Für dich hätte er alles getan. Und nichts kann seither meine Leere füllen, außer Schokolade.

Oft flüchte ich heimlich aus dem Haus und fahre stundenlang mit dem Auto im Kreis. Die Leute sehen gern den Schmerz der anderen. Es ist eine kleine Stadt. Jeder kennt jeden. Da ist es nicht einfach, traurig zu sein.

Du lagst sieben Tage im Koma. Ich saß die ganze Zeit bei dir.

Der Arzt sagte zu mir, gehen sie in die kleine Kapelle hinter dem Krankenhaus. Nehmen sie einen Stein. Dort gab es viele beschriftete Steine. Letzte Gedanken. Andrina ist tot. Du warst 18 Jahre alt.

Mehr wollte ich nicht schreiben. Die Beerdigung findet um 15 Uhr statt. Ich rauche, ich weine. Ich kann kaum noch essen. Du solltest dich an diesem Abend für eine Prüfung vorbereiten. Ich hatte dich gebeten zu bleiben. Du sagtest, ich will jetzt leben, und gingst mit deinem Freund spazieren. Es ist eine steile Straße. Ohne Sicherheit für Fußgänger. Viele Autos stehen an der Seite. Ein Junge aus der Nachbarschaft wird von seiner Mutter an diesem Abend geschickt, um schnell noch im billigen Supermarkt Waschmittel zu kaufen. Er hat keinen Führerschein. Trotzdem lässt sie ihn mit ihrem Wagen fahren. Der warme Wind biegt die Zypressen. Ein ganz normaler Tag.

Dein Freund blieb unverletzt, der junge Fahrer ebenso. Was ist schon Glück. Du und deine Freundinnen liebten es, bei Benetton Kleider zu kaufen. Du trägst jetzt sicher die schönsten Benetton-Flügel.

Das ist jetzt 13 Jahre her. Wenn die Mandarinen in unserem Garten orange sind, dann bricht alles wieder auf. Jetzt brauch ich Schokolade. Rote Pullover schmerzen. Das ist schwer. Du kannst reden und reden, aber arbeiten ist schwer. Wir hatten einen kleinen Laden im Haus, erinnerst du dich. Wir  haben Kaffee verkauft und Kuchen. Heute backe ich jeden Tag einen Kuchen. Für mich. Morgen mache ich Diät. Ich habe keine Kontrolle über meinen Bauch. Du lachst.

Nach deinem Tod haben wir das Geschäft aufgegeben. Jetzt vermiete ich Zimmer in unserem Haus. Ich mag es wenn es laut ist. Der Sommer ist wunderbar. Geld ist wunderbar. Das gibt Freiheit. Jedenfalls glaube ich das. Wenn ich rauchen will, rauche ich. Wenn ich Auto fahren will, fahre ich. Ich habe den Arzt gefragt, wie kann man danach weiterleben. Wie schafft man das. Sie werden stärker sein, aber sie werden nie mehr derselbe Mensch sein. Er schaute mich an und sagte, heute ist der erste Tag ihres zweiten Lebens. Das gefiel mir. Tut es immer noch.

Du warst ein kleines Kind, als der Krieg ausbrach. Denis und ich waren Anfang 30. Die besten Jahre, wie man so schön sagt. Mit jeder Dusche erinnere ich mich an diese Zeit. Wir hatten kein Wasser. Ein Jahr lang waren wir ohne Strom. Ich bin mit dir für eine Zeit nach Kopenhagen. Zu meiner Schwester. Sie bat mich, unsere Kekse mitzubringen. Unsere Kekse für Kopenhagen. Ich sagte ihr, wir haben Krieg, wir haben nichts. Ich habe kein Wasser, wie soll ich an Kekse denken.

Auf der Straße haben wir Menschen, die von Snipern erwischt wurden, aus ihrem Blut gezogen, und sind danach essen gegangen. Einfach so.

Du warst ein lebhaftes Kind. Und neugierig. Auf alles wolltest du eine Antwort haben. Du warst unersättlich. Die Tage sind lang im Sommer. Wir wussten nie, wann sie angreifen. Sie waren überall. Auf den Hügeln, im Wald gegenüber von unserer Straße. 17 Tage haben wir in einer Ecke eines Zimmers gehockt. Konnten uns nur kriechend durch die Wohnung bewegen. Für dich war das ein Spiel. Kinder sehen Krieg mit anderen Augen.

Wir konnten dich nicht einsperren. Hinter unserem Haus stand ein alter Schuppen. Dorthin sind wir gezogen. Das war sicherer als in der Wohnung. Du hast mit deinen Freunden Patronenhülsen gesammelt. Die Kinder haben Feuer gemacht und die Hülsen hinein geworfen. Kinder aus der Nachbarschaft haben Gewehre gefunden und sich gegenseitig erschossen.

In diesem Jahr ist ein Mädchen aus deiner Klasse auf eine Mine getreten. Sie wollte Pilze sammeln. Die große Brücke wird oft wegen Wind gesperrt. Der Boiler ist kaputt. Die Stromversorgung bricht immer wieder zusammen. Ich kann verzeihen, aber nicht vergessen, hast du gesagt. Ich musste bleiben.

Ein Mann ist drei ganze Tage lang nur gerudert. In einem kleinen Boot. Von Insel zu Insel. Bis er in Sicherheit war. Wenn er heute durch die Stadt geht, wird er von seinen alten Freunden ausgelacht. Mancher ist als Nonne aufs Schiff. Nur Frauen und Kinder konnten die Stadt verlassen. Die Hotels waren leer. Und voll mit Flüchtlingen. Wer nicht in sein Haus zurück konnte, lebte im Hotel. Das Haus deiner Cousine wurde geplündert. Sie hat keine Erinnerungen an ihre Kindheit. Wie eng die Nachbarn wohnen, dass hinter jedem Fenster das Leben ist und diese Straße wie ein Laufsteg.

Alle hatten Angst. Wenn ich Kraft brauche, gehe ich in die Altstadt. Ich brauche einen Đir. Einen Spaziergang. Stradun auf und ab. Manchmal frage ich die Touristen, für welchen Film diese Kulisse gebaut wurde. Als ich mit dir nach Hause kam, fehlten mir die Worte. Ich hätte deinem Vater mit seinem Stromausfall am liebsten gesagt, nimm mir nicht die Würde meines Schmerzes. Doch dazu war ich nicht in der Lage.

In der Mitte von Stradun, die wie ein Platz wirkt, spüre ich die Energie des Wassers. Wir liebten es, im alten Regenwassersystem zu laufen. Den langen gebogenen Steinrinnen, die sich durch die ganze Altstadt ziehen. Wer darin läuft, wird nicht heiraten. Ein altes Sprichwort. Wir haben viel gelacht. Wenn in der Nacht das Meer rauscht, kann ich das Lachen hören. Denis sagte, höre auf die Stimme des Meeres. Sie erzählt uns die Geheimnisse des Lebens. Das gefällt mir. Vom Wasser sieht alles anders aus. Die Zeit ohne dich lässt mich schwanken. Ich rudere trotzdem raus.

6. Dezember 1991 / 2012 Dubrovnik

 

 

 

 

Die Nacht des Irrtums

 

Also doch. Kann das denn nicht irgendwo anders, aber nein. Weißt du, aber dann immer gleich … Pralinen, was für die Küche, eine neue Cappuccino-Maschine, Sandwichtoaster … Ich will das nicht, muss das sein? Da weißt du doch alles, wenn Pralinen, oder hab ich recht? Das hat doch nichts … Natürlich mag ich Blumen, das heißt doch nicht, dass du mich, so ein Quatsch. Ist denn jeder, der verwöhnt … Natürlich liegt mir viel an dir … Und dass das eine solide diskrete Geschichte ist … Da kann ich mich einmal so richtig sündig fühlen. Das hatten wir doch so besprochen … Day use is so ein blödes Wort. Day use. Zwischen uns. Ich dachte, das sei klar, einmal im Monat … Das ist doch eine saubere Sache, hör mal, das geht doch keinen etwas an, außer uns zwei, ganz anonym. Ich hör dich kaum. Immer so `n Knacken in der Leitung. Was?… Hörst mich nicht? Also ich hab mich da voll und ganz verlassen … Ich möchte das schon nicht ändern … Also ich fänd das schade, wenn du nicht mehr willst … Ach, das Hin und Her. Mein Gott … Ja, is mir klar, geht aber jetzt nicht anders, hör mal. Mit einem andern will ich aber nicht … Ja, also so auf die Schnelle was finden, das ist auch nicht so mein Ding. Na hör mal. Was? … Das wär` wirklich schade. Hallo? … Das würde mir weh tun … Ja, ich weiß, in welcher Situation wir sind, das haben wir immer gewusst, wenn man verheiratet ist, aber das haben wir beide gewusst … Ja … Natürlich ist das ein Beweis … Ja, dann muss man aufpassen, ich schreibe dir nie … Ach, das ist dir gar nicht aufgefallen … Nein … Arabisch … Was? … Ach, ich kann doch wohl Arabisch von Japanisch unterscheiden. Klar ist das so `n … Was weiß ich … Der Orient ist groß, oder Afrika, Indien, da irgend so `ne Wüstenfee … Afghanistan, nein, nein. Humanitäre Hilfe, das sieht wohl anders aus. Hallo? … Es gibt Dinge, die muss man nicht erst wissen, damit man sie weiß. Ich muss doch hier gar nichts mehr wissen. Ach, ich muss doch das nicht lesen können, um zu wissen, was drin steht. Na hör mal, ich bitte dich. Du müsstest das Papier mal riechen. Die hat ihm den ganzen Orient draufgeschmiert, unwahrscheinlich so was … Mit allen Mitteln … In seiner Jacke … Ja … Beim Packen … Innentasche. Ja, also ich hör mal, ich bin die Frau, ich werd doch meinem Mann noch in die Jacke gucken. Das ist doch keine Kontrolle. Ja, und dann weißt du, die Familie, die Familie, was soll ich denn der Familie sagen? Diese Schande, Kind. Und die Leute, die Nachbarn, die Freunde, die Firma, alle. Denk doch mal an uns. Ich kenn doch meine Familie. Das ist dem gar nicht bewusst, was das heißt. Ach, das … das hat mit uns … mit uns ist doch was ganz was anderes. Das ist doch keine Affäre. Wir haben doch keine richtige Affäre. Nein, also wirklich. Das ist doch zwischen uns rein also körperlich. Eine ganz saubere Sache ist das. Ich bitte dich. Wir haben doch feste Zeiten. Und immer der gleiche Ort. Das Hotel ist schön gelegen, gepflegt, seriös, Schallisoliert. Ja, ich lache. Ist doch herrlich. Panorama, ich mag ja diese Aussicht auf den See so gern. Das ist Freiheit. Eine schöne Lage. Das ist keine billige Nummer. Das hat Stil. Das ist ein richtiges Ritual. Ein monatliches kleines Fest ist das, und bitte, ein ganz treues sogar. Wenn andere `mal so treu miteinander wären, wie … Ja, ich mein das so, heut ist doch nichts mehr selbstverständlich … Und ich brauche das einfach. Bist du noch, hörst du mich noch? … Du sprichst so leise. Doch, tust du. Weißt du, ich brauche das einfach für mich. Was du mir gibst, da gibst einmal im … im Monat. Und ich habe etwas, worauf ich mich freuen kann, einen Monat lang. Ja, das hab ich. He! Das ist doch wunderbar. Was? … Na klasse. Ich meine, überleg mal, das sind grad mal ein, zwei Stunden, ja, also so was von schön und unkompliziert … Und also ich mit dir, das brauch ich heute einfach, das gehört dazu. Musst du denn so leise … Aber wenn dir das zu anstrengend wird … Wenn du da zu Hause mit dann hat das … Schade … Meinst du denn, sie weiß, dass … Ach, du hast, ja wenn du so ein Gefühl … Ja, wenn das für dich nicht stimmt, dann … Schade … Ja, ich müsste mir was … suchen, klar, das … das fänd ich doch wirklich, weil mir ist das schon sehr ernst und auch wichtig, diese Harmonie, diese ja, Zuverlässigkeit, das funktioniert doch wunderbar und mir reicht das so ist das wunderbar, ja … Schade jetzt … Ja, irgendwoher muss ich ja die Kraft nehmen, oder? … Und das ist doch von ihm völlig unabhängig, also das ist ja nicht persönlich gegen ihn oder jetzt deine Frau, oder so, das ist ja, nein, ich meine, darüber waren wir uns ja einig, wenn wir beide in der Situation, ja, und wenn, ich meine, theoretisch, weißt du denn so sicher, dass deine Frau nicht auch … Ja, theoretisch, woher willst du das denn wissen … Denkst du, ich find das toll mit hinter meinem Rücken und wer weiß, wie lang das so geht, und die sind ja durchtrieben von wegen Jungfräulichkeit und weißt du, schön brav durch die Hintertür … Ja, das hab ich mir erzählen lassen, die haben ihre Tricks, von wegen  Schenkelklemmen und schön brav durch die Hintertür und weißt du, dieses schmetterlingshafte von Blüte zu Blüte Flattern, ja, das ist ja nicht nur bei denen in der Wüste Brauch, mit allen Wassern gewaschen, die organisieren richtig Nächte, so eine Art Nachttreiben, wo die Männer und die Frauen, kommt dir das nicht irgendwie bekannt vor? Und dabei sind auch sexuelle sexuelle Begegnungen erlaubt, oh, das erinnert mich ja ziemlich an eine Orgie, weißt du, dieses schmetterlingshafte Flattern von Blüte zu Blüte, an einem geschlossenen Ort, in einem Dorf, in stockfinsterer Nacht, und ich meine, die leben ja auch nicht hinterm Mond da in der Wüste, die Wüste lebt, is mir schon klar, wie das läuft, is das nicht irre, psst, wenn die Männer und die Frauen zusammenkommen in der Nacht, weißt du, wie das heißt, die Nacht des Irrtums … Ja, das hab ich alles im Internet gelesen. Die Nacht des Irrtums … Doch, ich weiß das. Buntes Treiben Allerlei. Soll ‘n sie‘s tun, bitte, soll ‘n sie‘s tun, aber dann soll ‘n sie‘s auch sagen, dass sie da die Meister im im im im so warme weiche bitteschön von wegen Jungfrau und so, von hinten das ist doch, ich bitte dich, versaut oder bis obenhin, und das gefällt ihm wahrscheinlich, und tun so verschleiert, weißt du, dies Doppelspiel, dieses Gezierte, und dann total versaut, die kennen sich aus. Die haben alle 1001, hast du das mal gelesen, also ich sage dir, ein reichhaltiger Katalog sexueller … Und alles so schön verschleiert, und stell dir mal vor, dann noch beten, so heilig, so. Ist das nicht pervers schön? Das ist doch wohl … Ich rege mich nicht auf, ja, das ist doch, vielleicht weißt du, weißt du das gar nicht, und deshalb macht deine Frau jetzt so Druck, weil sie vielleicht, weißt du, das ist ganz! geschickt ist das, ganz geschickt. Deine Frau will dich nicht mehr, deshalb fühlst du dich so schlecht und schuldig, und dann sollen wir drunter leiden, wo sowieso zeitlich begrenzt. Muss das sein, immer Vorwürfe und was noch alles, weil ja eigentlich nämlich sie … Na klar … Ja … Dann … Anzeichen, hast keine Anzeichen gesehen, ach, das … das hast du vielleicht gar nicht so verstanden und das geht schon lange, das können wir alles gar nicht wissen, und Scheidung … Ich meine überleg mal … Wegen so was ich meine, also ich kann da, ich für mich das aus, das ist klar, das ist das absolut Letzte, so hinterrücks, weißt du, die Frau einfach so hängenlassen, emotional in ihren Gefühlen, ich kenn ihn doch … Und der versteht doch fast kein Arabisch mehr. Der Vater, ja, der Urgroßvater irgendwie, der hat so Wurzeln da unten in der Ecke, da so Marokko oder einfach so Nordafrika, klar, `türlich interessiert er sich für seine Wurzeln. Seelenverwandtschaft? … Die können doch gar nicht fließend reden, ich meine immer nur so, weißt du, ansatzweise und dann auf gut Glück, aber so eine totale Verständigung, was wir jetzt, also wenn du nicht völlig perfekt die gleiche Sprache und dann noch sowieso die Kultur, das ist doch ganz fremd, also ich mein, der findet das jetzt toll, einfach mal so exotisch oder anders, ich mein, der is ja jetzt auch über fünfzig … dann ist doch alles toll … also ich versteh das, wenn der auf so was, und die wird doch Schweizer Mann, na hör mal, ein Schweizer, das sind die besten Männer, ich hör die doch, ein Schweizer, aber doch nicht hinter meinem Rücken. Dann soll er sich doch vorher trennen und kann dann fickificki mit der Dame da, aber doch nicht so hinhalten, auf beiden Seiten hinhalten und nix entscheiden, und die wird sich doch das nicht gefallen lassen … Stell dir mal vor, die kommt hierher … Die will ne klare Position, die wird doch nicht wissen, dass mein Mann verheiratet ist … Denkst du, das weiß die, ich kenn doch meinen Mann … Also in seiner Haut möchte ich ja auch nicht stecken, wenn die tatsächlich aufkreuzt, dann aber hallo … Ja, da muss man eben aufpassen … Ja, den Brief hab ich jetzt … jetzt eingesteckt, Koffer ja, den hab ich da eingesteckt … Ach was soll ich da noch prüfen und nein, was denn fragen, für mich ist das einfach … ist das einfach so was von klar, nein. Der hat eine Affäre hinter meinem Rücken. Ja, das kannst du sehen. Das nächste Mal, eine Woche noch, ja, ich freu mich auch, ja, und überleg dir das noch Mal mit deiner Frau, wär` wirklich schade, ja. Weißt du, das ist schon was ganz Besonderes, und das findet man nicht so schnell wieder, und ich bin auch nicht die, die da jetzt groß da, ich könnte das auch nicht, weil ich hänge doch an dir, und ja bis bald, ciao, ciao … Also ich … Eins noch, ich mein, das ist jetzt nun mal Luxor. Hätte ja auch Asien sein können … Also so wirklich billig … Und das das wär` mir dann schon nicht so recht, aber also nix gegen die Leute, ich meine … Aber das ist ja einfach nicht zu leugnen, wie was da läuft, aber er war ja nun immer auf auf auf ähm Reisen in Luxor. Und ich … ich hab da nie was davon. Das tut so weh. Dass ich nie. Ich hab. Ich … ich weiß einfach nicht. Und dann leiden die so, weißt du. Dieses Emotionale. Dann das alles ertragen auch. Das macht mich so fertig. Wenn er so so vorgaukelt, was gar nicht ist. Der macht ich weiß auch nicht, und immer, das sind immer hab ich das Gefühl ein Frauenschlag, immer solche Geschichten. Jaa, so Briefe, die dann, dann denk ich mir ja nichts mehr dabei, das sagt er ja auch selber, dass da nichts, aber wie soll ich das wissen, wenn er sich dann doch plötzlich mal richtig verliebt, und mal so richtig reinsaust, wie soll ich das … Und sagt nichts … Und und leidet vielleicht selber, weil er … Wenn der die andere liebt, dann bring ich mich um … Doch das könnt ich. Wenn der die da richtig liebt, dann bring ich mich um … Dann bring ich, dann will ich … Wenn, das kann er nicht machen. Das mein ich … ich, denk mal an Luxor. Ägypten, weißt du, abgestempelt und in Luxor aufgegeben. Weißt du, das tut so weh, da so eine andere, und ausgerechnet, weißt du, das ist mein! Land, mein! wenn ich ich liebe! das so, diese ganze das mit den von den Pyramiden. Kann das nicht irgendwo anders? Elf Jahre. Und kein Kind da. Und immer wieder nachgegeben … Nein, das ist nicht der erste Brief und das ist auch nicht der einzige. Ich hab die aufgehoben. Aber ich kann die nicht sechs Monate aufheben, das macht mich fertig. Und er sagt nichts. Das ist nichts. Ich … ich muss die irgendwann wegschmeißen, und ich schaff das nicht. Ich denk dann immer, alles in die Presse bringen, was er mit mir macht, und dann sag ich mir wieder, ich kann, ich darf nicht richten, nicht urteilen. Ich bin, guck mal, wie ich erzogen bin, und wo steh ich heute, und Klosterschule und alles, ich … ich krieg das nicht mehr unter einen Hut, ich bin so einfach traurig, und dann fress ich nur noch in mich rein, weil ich nicht mehr kann, und und das ist mir dann auch alles egal. Und wenn du dann noch gehst, und die dann irgendwann hier aufkreuzt, dann … Und ausgerechnet hier und ich mein Mann … Wieso ich? Wieso jetzt? Gerade hier wieso? … Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll … Ich kann gar nicht mehr beten, weil ich mich so schäme, für dass er so jemanden verletzt und vormacht, was er gar nicht fühlt, und er sagt ja dann immer, er will nicht verletzen, aber dann ist es schon zu spät, dann fühlen sich die Frauen schon verstanden, dann ist das schon gelaufen, er hört zu, er geht auf sie ein, und dann aber, dass jetzt mal eine wirklich was von ihm will und fordert, und dann kommt er ins Rotieren, das ist nichts für ihn, da braucht er mich dann, da bin ich ihm dann wieder eine große Stütze, wenn er da angegriffen wird und stimmt gar nicht, aber ich kann das auch nicht immer, ich will das nicht mehr, ich ich einmal ist einfach Schluss, sonst geh ich hier ganz vor die Hunde. Ich sag das nur dir und ganz im Vertrauen. Und ich will auch nicht, dass das rauskommt. Das schaff ich schon. Das ist das Wichtigste, dass das ja nicht an die Öffentlichkeit kommt, und dann die ganzen Spekulationen und schmutzige Wäsche. Das geht nur ihn und mich was an, also keine Schlammschlacht. Das will ich nicht. Und das ich bitte dich jetzt auch wirklich, dass du … Überleg `s dir noch mal … Ja, das ist schon schade. Nein, nur dass du nicht so öffentlich damit, genau … Da müssen wir einfach aufpassen, dass wir das unter uns regeln. Also ich fände das schon schade … Weil er hat schon Feinde, da so im Gemeinderat. Mein Mann hat nicht nur Freunde. Und die werden das schon auszuschlachten wissen, diese Schlacht. Wenn das jemand bei uns erfährt, das macht dann die Runde und dann kann er den Neubau aber vergessen, im Frauenwinkel, wo‘s sowieso absurd ist, da zu bauen, das zu wollen, im Naturschutzgebiet. Bist du noch da? … Ich hab mein halbes Leben an den Freiheitshelden Tell geglaubt, obwohl er eine dänische Erfindung ist und nur geklauter Mythos, doch ich sage, es gibt Geschichten, die sind stärker als wir, und die lass ich mir von niemandem zerstören, meine Geschichte mit dir, die gehört mir. Hallo?… Aber er wollte ja schon immer das Unmögliche machbar machen. Wenn das die Runde macht, da gibt es einige in der Gemeinde, die sich freuen, aber diebisch freuen, wenn. Hallo? … Hoteldirektor im eigenen Hotel im Lotterbett, so fast wie bei … Fremdenverkehr. So mit dem Auto in die Tiefgarage fahren und mitten in der Nacht, und es geht ihr ja so schlecht, und sie weiß auch nicht, wohin und wer ihr sonst, und so im fremden Land blabla, und er zieht sie an sich, und an seine Schulter lehnen, und sie schluchzt, und er drückt sie ein bisschen, und dann noch ein kleines Küsschen, so auf die Stirn, so läuft doch das, mir kann doch keiner was erzählen, und mir sagt er dann, die spinnt, die ist ja krank, die ist durch den Wind, die Frau, das sind seine Worte, die Frau ist durch den Wind, und sie hat ihm leid getan, aber das kann er mir nicht erzählen, warum sagst du nichts, verdammt, und wenn er dann so die Frau runterspielt, dann sich dann noch wundert, sag doch was, wenn man verletzt ist, aber das ist ja die Masche der Presse, das Spiel mit der Verletzung. Hallo? Der Verleugnung. Das ist der eigentliche Schmerz. Die Verleugnung der eigenen Schwäche. Der Selbstbetrug. Das ist der eigentliche Schmerz. Über sein eigenes Lügen. Der Betrug an sich ist gar nicht so schlimm …

 

 

 

 

 

 

 

 

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Melanie S. Rose wurde 1968 im norddeutschen Bad Gandersheim mit österreichischen Wurzeln geboren. Sie schreibt und reist durch Europa. Mitglied Schweizer Schriftstellerverband AdS (s. Lexikoneintrag) und Deutschschweizer PEN. Dramaturgin und Autorin. Längere Auslandsaufenthalte in Frankreich, Kroatien und der Schweiz. 2002 Uraufführung des Theaterstücks „Sheharazade“  im Rahmen der Schweizer Landesausstellung expo.02 in Yverdon-Les-Bains, anschließend Aufführung in Kairo (Arabische Übersetzung Ali al-Shalah). Dramatikerstipendium Dramenprozessor Zürich 2001. Div. Veröffentlichungen in Anthologien, u.a. „60 Jahre Menschenrechte“, Salis Verlag Zürich. Div. Shortstorypreise. Lesungen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Slowenien, Liechtenstein und der Schweiz. 2011/12 Jahresstipendium der Lydia-Eymann-Stiftung Langenthal/CH („Stadtliteratin“). 2012 Buchpublikation (Erzählungen, Monologe) in Montenegro : Melania S. Roze, Stradun i druge priče, Plima Verlag Ulcinj (Ü: Danica Janković). Die Titelgeschichte „Stradun“ wurde für Lesungen in Ljubljana ebenfalls ins Slowenische übersetzt (Ü: Tanja Petric) Melanie S. Rose schrieb für das virtuelle Migrationsmuseum www.mimsuisse.ch  die Familiengeschichte der Langenthaler Teppichdynastie Ruckstuhl („Von Aktien und Kokos“). Der Monolog „Die Nacht des Irrtums“ wurde ins Französische (Elena Vuille Mondada), Serbische, Montenegrinische (Danica Jankovic) und Slowenische (Cvetka Bevc) übersetzt. Das lyrische Pamphlet „feeling human“ wurde im slowenischen Internetliteraturportal „Air Beletrina“ veröffentlicht (Übersetzung Tanja Petric).

 

© Foto Sylvain Arnold.

www.rosengarten.twoday.net

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