Mathias Buth

 

Mathias Buth

 

(Deutschland)

 

 

 

Schon wieder

 

Ein Zeitungsgrab mit dem geschwungenen Kreuz

Auf weißem Grund

Auch heute am D-Day-Tag

Wo die Radio- und Fernsehsender  erinnern

Dass die Armeen aus Amerika

Kanada und die Exiltruppen aus Polen, Griechenland

Norwegen Belgien und der Tschechoslowakei

 

Nazi-Deutschland

Schlugen

 

Nazi-Deutschland?

 

Als wären wir es nicht

Wären nicht gemeint

Ein untergegangenes Reich

In den Geschichtsbüchern

 

Heute erinnert Dorothea Rupprecht

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

An ihren Vater

Am 6. Juni 1891 geboren

Gefallen  am 12. Juni 1944

In der Normandie

 

Erich Marcks

Kommandierender General

Der Cotentin Invasionsfront

 

Gräber haben ein langes Gedächtnis

Sie sehen uns an

Sie kennen keinen Abschied

Wir haften mit jedem deutschen Wort

 

 

 

Abschuss

am 17. Juli 2014

 

Nein

Du warst nicht in der Luft

Nicht in zehntausend Metern

Weit von der Erde und dem Mond schon nah

 

Du hattest nicht gerade einen Schluck Wein genommen

Aus einem Plastikbecher

Der neben dem Tablett lag und das Abendessen

Rot einrahmen sollte

 

Als die Rakete kam und den Körper durchschlug

Der Boeing 777 und der anderen neben Dir

 

Als der Vorhang aus Atmen und Dämmern zerriss

Die Lungen die Lippen die

 

Mit den Aluminiumstücken der 297 anderen

Zurückschossen ins Erdreich

 

Das Triebwerkstück auf dem Acker

Die Ukraine schaut mich an

Es glimmt aus

In den Zeitungen

 

Ein Auge das gestrandet ist

Es ist Dein Blick

Nicht

 

 

 

Erklärung

 

Ein Teil dieser Antwort würde die Bevölkerung

Verunsichern

 

Ein Variationensatz in allen Tonarten

Ein Schuss in den Nebel

Ohne Visier

 

Liebst du mich?

 

Sag nichts

Ein Teil der Antwort

Du weißt

 

Ich will

Dass wir nichts wissen

 

 

 

Flandrisch

 

Das Atmen werde nun schwerer

Steige langsam zum Hals

Wie Wasser das komme

Der Krebs blühe auf

Wie Mohnblüten

Wie Poppies

Ein rotes Feld das sich fülle mit Versen

Aus dem Gedicht In Flanders Fields von John McCraes

Sie bereiten mein Bett

 

Der Arzt sagt es sei nicht der Krebs

Es seien die Spritzen

Es sei das Morphin

Die lichte Schwester des Todes

Sie weht über die Felder

Über die Morgendämmerung

Zu den singenden Lerchen

 

 

 

Nach Köln

 

Ein Kölner verreist nie

Denn die Welt kommt nach Köln

Ein Kalauer der Überheblichkeit

Der Dom ist ein Dichter

 

Immer gehen wir und bleiben doch

Im Zwischenland wo alle Flüsse Rhein heißen

Die Künste uns verstehen

Wie eine Melodie die keine Schatten wirft

 

Und Sterben eine Sprachverwandlung ist

Die Welten öffnet

Ein mnemonisches Spiel

Das sich Gott ausgedacht hat

 

Für uns

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Matthias Buth wurde 1951 in Wuppertal-Elberfeld geboren und lebt in Rösrath-Hoffnungsthal. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität zu Köln und promovierte 1985 mit einer Arbeit zu Pflichtenkollisionen im Militärstrafrecht.
Seit 1973 Veröffentlichungen im In- und Ausland von Gedichten, Rezensionen, Essays und Feuilletons in Print- und Funkmedien (u.a. WDR, DLF/Deutschlandradio, Deutsche Welle, Radio Bukarest) sowie in Anthologien (u.a. in „Der Große Conrady“ und „Frankfurter Anthologie“).
Seine Gedichte und Prosa wurden ins Arabische, Englische, Französische, Polnische, Rumänische und Tschechische übersetzt sowie vertont in Kammermusik- und Chorwerken von Thomas Blomenkamp (Meerbusch), Abel Ehrlich (Tel Aviv), Wolfgang Hildemann (Düsseldorf), Hermann Große-Schware (Krefeld) und für das Ensemble „Kunstkopf“ von Ulrich Heimann (Dortmund).
Er erhielt für seine Lyrik den Literaturförderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und das Auslandsstipendium der Stiftung Deutsch-Niederländischer Kulturaustausch (Amsterdam).
Buth ist Mitglied im PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und in der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft (Wuppertal).

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