Markus Michael Fischer

 

Markus-Michael-Fischer

 

(Deutschland-Rumänien)

 

 

 

Carmen-Francesca Bancius Sommerbuch „Leichter Wind im Paradies“

 

 

 Markus Michael Fischer2

 

 

Achtsamkeit in griechischer Landschaft

 

 

Ein Sommer in Griechenland, auf dem Peloponnes, in Messenien, am Fuße des Taygetos-Gebirges, im Bergdorf Pyrgos, im Haus von Freunden, auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer – das ist das Ambiente, das die 1955 in der multiethnischen Banater Kleinstadt Lippa/Lipova geborene und seit 1992 in Berlin als freie Autorin lebende Carmen-Francesca Banciu zu jenem Sommerbuch inspiriert hat, welches mit seinem Titel auf die antike ψυχή (Psyche) anspielt, die neben Seele auch Wind, Hauch, Atem und Lebenskraft bedeutet. Achtsamkeit gegenüber dem Leben, Aufmerksamkeit gegenüber dem Kleinen und Unscheinbaren, Suche nach dem eigenen Selbst, Hoffnung auf Wiedergeburt – das sind die Themen, die Bancius griechisches Paradies durchwehen: „Ich bin gekommen, um das Leben selbst zu berühren. Um mich neu zu gebären. Und das Gebären in Worte zu fassen.“

 

Griechische Landschaft und griechische Natur bilden bei diesem Prozess der Selbstsuche und Selbstfindung die Paradiesespforte: Das leuchtende Meer, das wie Proteus ständig seine Farben und Formen wechselt, die in der Ferne sichtbaren Berge, der Sonnengott Helios (Banciu nennt ihn Ilios), der alles überstrahlt, aber auch die Natur im Kleinen, die duftenden Orangen, die hängenden Trauben, das Geziefer, Heuschrecken, Wespen, Würmer und Ameisen, Falter, Spinnen und Zikaden lassen die Autorin in den Rhythmus der Natur einschwingen, der sie zu sich selbst trägt.

 

Freilich spielen auch Menschen eine Rolle: Nachbarn, Dorfbewohner, Autofahrer, die die Schriftstellerin in den nahe gelegenen Küstenort Stoupa mitnehmen, der schon Nikos Kazantzakis zu seinem Roman „Alexis Sorbas“ inspirierte, Frauen und Männer, Griechen und Ausländer, Touristen und Einheimische, Fremde, Migranten und Heimkehrer. Gespräche und Unterhaltungen wechseln mit Schweigen und Einkehr, Beobachtungen mit Meditationen, Beschreibungen mit Reflexionen.

 

Das Ich der insgesamt 75 kurzen Prosastücke, von denen einige noch weiter untergliedert sind, ist ein Tagebuch-Ich, ein autobiographisches Ich, das, ganz im Sinne der hier geübten narrativen Wahrhaftigkeit, die Schleier des Fiktionalen zum Authentischen hin zu lüften sich anschickt und das solchermaßen Echte und neu Entdeckte dann doch wieder von sich abstrahiert, etwa indem es dieses ins Mythologische rückt: Heuschrecken heißen Orestes und Clytemnestra, Insekten werden zu peloponnesischen Kriegern, die das grausame Geschäft der Natur besorgen.

 

Das Buch begleiten zwölf Fotos (mit den beiden Umschlagsfotos vierzehn) der Autorin, die allesamt auf den Text Bezug nehmen: wie Ameisen eine Schlange vertilgen, wie eine Heuschrecke („ein fremder Prinz“) eine andere („Clytemnestra“) verschlingt, Bilder von allerlei Insekten, ein Foto von einem Orangenbaum, ein Bild vom Haus, eines von der Terrasse, ein Blick aus dem Fenster hinaus und zum Meer hinab.

 

Heimliches Grundthema des Buches ist die Fremdheit. Gespiegelt im Schicksal der Ausländer, die sich in Griechenland niederlassen, der Griechen, die in die Fremde gehen, der Heimkehrer und sesshaft Gebliebenen, der Neuankömmlinge und sesshaft Gewordenen, überhaupt der Migranten. Rumänien, das Geburtsland der Autorin, wird mehrfach erwähnt, ihre Wahlheimat Berlin, ihr internationales Dasein beschrieben, auch und gerade auf dem Peloponnes.

 

Dies widerspiegelt sich auch in der Sprache des Buches. Das Deutsche nimmt das Rumänische, Griechische, Englische in sich auf und gleitet umgekehrt in diese hinüber: „Clytemnestra“, „Carnivoren“, „Armistiz“, „Fistiki“, „Skouliki“, „Oreganon“, „umbrella“, „seafront“, die Schlacht von Salamis wird zur „Schlacht von Salamina“, und all dies im Geiste einer universalen Sprachenharmonie: „Es gibt Augenblicke. Wie Lichtblitze. Augenblicke, in denen ich alle Sprachen verstehe.“

 

„Leichter Wind im Paradies“, ein Sommerbuch fürs ganze Jahr, beschwört den Gedanken der Metamorphose. Es endet mit dem lyrischen Bekenntnis: „Ich spüre das Herz, wie es sich zusammenzieht. / Und verglüht, wie der tägliche Tod der Sonne. / Ich weiß es. / Es gibt keinen Anfang. Und es gibt kein Ende. / Ich weiß es. / Nichts geht verloren. / Nichts stirbt. / Es verwandelt sich nur. / Ich weiß es. / Und vergesse es immer wieder.“

 

 

Carmen-Francesca Banciu: Leichter Wind im Paradies. PalmArtPress, Berlin 2015, 264 Seiten, 16,90 Euro.

 

Zuerst veröffentlicht in: Deutsch-Rumänische Hefte 1/2016

 

http://www.amazon.de/Leichter-Wind-Paradies-Carmen-Francesca-Banciu/dp/3941524607

 

 

 

 

 

 

 

 

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Markus Michael Fischer  wurde am 6. Februar 1957 in Stuttgart geboren, wo er auch seine Schulzeit verbrachte. Nach dem Abitur studierte er in Tübingen und Cambridge Germanistik und Evangelische Theologie und wurde 1986 in Tübingen zum Dr. phil. promoviert. Danach arbeitete er als Rundfunkjournalist und als Volkshochschuldozent, bevor er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg im Bereich der Auslandsbeziehungen und als Leiter des Internationalen Ferienkurses für Deutsche Sprache und Kultur tätig war. Nach germanistischen Lehraufträgen an den Universitäten Tübingen und Heidelberg führten ihn zwei längere Auslandsaufenthalte nach Rumänien und Ägypten, wo er an der Universität Bukarest (1992–1997) und an der Kairo Universität (2000–2005) als Dozent für Deutsche Literatur wirkte. Seit 2008 lebt er als freischaffender Kulturjournalist und Publizist in Bukarest.

 

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