Marko Pogačar

 

 

(Kroatien)

 

 

 

BODEN BODEN

 

 Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

 

 

DIE SYNTAX

 

Bis zum Aufbruch der Nacht mästeten wir uns mit Sonne und mit Handrücken.

wir waren das Heilmittel gegen den Virus des Todes,

wir standen auf und gingen auf den Markt,

brieten Eier mit Speck,

banden die Zeit zu winzigen Knoten,

um davon am Ende, wenn alles aufgelöst sein würde,

mehr zu haben, damit wir sie genießen können wie der Pfarrer den Knaben,

wie der Wald die ersten Regentropfen.

wir waren Säugetiere, ergeben dem eigenen Instinkt,

als einziges Gesetz ließen wie die Rechtschreibung zu,

wobei wir vergaßen, dass man ohne Punkt liebt, immer in einer Reihe von Kommata.

mit Ellenbogen schwarz von Druckerschwärze lauschten wir

wie die Dinge, die bereits existierten, ihren Namen verrieten,

und die Dinge, die erst kommen werden, unter der südlichen Haut zitterten:

die Lebenden waren kalt und fern, die Eier brutzelten, die Zeitung raschelte

die Toten waren nah.

 

 

 

DER SAMMLER DER SONNTAGE

 

Den unendlichen Sonntag trug ich in meinem Herzen,

wie einen verborgenen Fehler.

mit jedem Schlag reifte die Zeit zu einem Gedicht:

der Herbst kauerte sich in jeder Ecke, schob seine Hände in die Taschen,

Kastanien in Spitztüten aus alten Druckerzeugnissen. der Betrug der Blätter obsiegte.

die Kastanien, immer noch heiß, drängten dem hungrigen Rachen entgegen,

die Zeitungen warteten auf eine Kraft, die stärker als der Wind, stärker als das Feuer sein

würde.

sie warteten auf jene Hand, die sie emportragen würde, als hätte sich die gesamte

Sehnsucht der Welt

in nur drei von all jenen unzähligen Dingen, die wir mit alten Zeitungen verbinden,

angesammelt:

die Zeitungen zusammen knäulen und in den Schuh stopfen, solange dort kein Fuß ist,

die Zeitungen zu Hüten falten und an unbekannte Maler schicken.

dann einen der Hüte, vielleicht den größten, zu einem Schiff erklären,

das ein unwirkliches Kind auf einem Bach ins Land schwimmen lassen wird,

in dem Gott nicht unendlich ist, sondern stumm. und in dem es nichts gibt.

in dem es nichts gibt, nur Sonntage.

 

 

 

DIE LETZTEN FERIEN

 

Die Tage verfaulten in den Quadraten des Kalenders, vergessen

in roten und weißen Feldern, und wir starben allmählich ab,

vergessen im rot-weißen Land. es kann sein, dass es

sich um die Zeit des Schlachtfestes begab; die Nebelbündel verfingen sich in den niedrig

hängenden Ästen,

die Dornen am Wegesrand lauerten auf die Pullover der Passanten.

ein Junge zog seine Katze an der Schnur hinter sich her, er murmelte

wenn du nicht da bleibst, bestrafe ich dich und binde dich an den Heizkörper

und du hast leise gesagt: tu es. und du fragtest, warum

schreibst du nur über das Wetter, woher so viele Herbste, warum ist

es wichtig, das Wetter gibt es auch ohne Poesie im Überfluss. schreibe

endlich etwas über dich selbst, sagtest du, und dem Jungen riefst du zu: verrecke.

nun gut: Ágota Kristóf ist mir lieber als Agatha Christie,

ich mag die lyrischen Gedichte von Anne Sexton lieber als die bekenntnishaften,

ich mag nicht links neben Menschen herlaufen, Nein zur Paranoia, ich glaube nicht an

Geheimnisse

wenn ich dir noch etwas sagen würde, müsste ich dich töten.

 

 

 

DAS LICHT BRAUCHT LANGE

 

Schon wieder dieser Betrug des Frühlings. die Morgendämmerung steigt langsam auf,

schnauft im Treppenhaus wie die seit ihrer Kindheit übergewichtige Nachbarin,

die Gleichaltrige, die du nie als Frau wahrgenommen hast.

das Licht braucht lange. die Tage um ihren Tageslohn geprellt,

die mageren Tage auf Mindestlohn haben ihre Schicht beendet:

das Fließband des Kalenders sagt Frühling,

apodiktisch, obwohl es sich um ein neues Komma des Winters handelt.

bei uns, im Norden. im Norden, wo die Flämmchen des Gasofens

die Sonne einholen, unter der sie sich

mit der blauen Flamme des Herdes verweben, auf dem der Kaffee kocht,

und neben ihm der Topf voller Blutwürste, blau mit weißen Punkten.

und wir gehen einfach über den Verrat des Kalenders hinweg,

per Dekret unserer inneren Partei, fokussiert

auf die Basis, die sich ihrem Ende nähert. eine Afterparty crashen ist wie

einen Leichenschmaus crashen, nur vornehmer, flüsterst du über die Tasse,

während die Vorräte der Liebe dünner werden und der Kaffee den Satz der Nacht fortspült

und ihn durch seinen eigenen Satz ersetzt. danach

ziehe ich Gardinen auseinander und sehe, dass jetzt wirklich die Morgendämmerung

am Himmel thront

eng und unruhig, schön wie ein Fallbeil in Flammen

der Aufruhr der Holzkohle.

 

 

 

EINE ORANGE ENTSCHULDIGT SICH BEIM TURM VON BABEL

 

Wo bist du? es gibt dich schon lange nicht mehr an diesem Ufer, an diesem gefährlichen

Meer –

so sage ich zu mir. und ich meine das enge nördliche Zimmer,

die Liege, die mit dem schweren Körper den Stoff mit Rosenmuster wie eine Uhr schlagen

lässt,

die Rosen knurren mich von den Rändern an,

die verblasst, aber scharf sind.

 

doch wer spricht, der macht auch Fehler: das Sprechen ist nichts anders als eine Ansammlung von Fehlern.

Fliegen spucken in die Glühbirnen, deine Abwesenheit flüchtet aus der Phrase. sie zerstreut sich, zusammen mit der Natur, und presst hohle Strohhalme in die Haut.

 

du wirst zustimmen: der Tod ist möglicherweise nur ein Punkt an der falschen Stelle,

ein Lapsus aus dem Herzen des Fruchtkerns.

Wahrsagerinnen sitzen in Fernsehnachrichten und Ustascha in Ministersesseln,

du bist nicht da

ein Stafford wartet versteinert vor der Post auf einen cumshot,

die Models im Netz schnupfen getrocknete Worte, und die Orangen,

sie schlucken am Abend das Dunkel, damit es nicht Nacht wird: all das geht sie nichts an.

 

 

 

WAS HAT DAS FEUERZEUG GESAGT

 

Ich, der Sonnenlehrling, bin vom wilden Herzen herabgestiegen

und geleitet von revolutionären Absichten

bewaffnet mit einer klaren Idee und mit meiner giftigen Zunge

spazierte ich in den Kindergarten eines ruhigen Arbeiterviertels hinein.

 

die Religionsunterrichtstunde begann.

die Kinder waren vor der Tafel angetreten, wie die Orgelpfeifen, aufrecht

wie die himmlische Mannschaft, während die göttliche Hymne ertönt

und sie zerbrachen ihre Zähne an den Losungen.

 

ich, der Sonnenlehrling, war in einem Punkt Duruttist, ich wusste

die Kirche in Flammen ist die einzige Kirche, die erleuchtet.

in mir funkte plötzlich etwas vom Können meiner Meisterin auf, jene

Entschlossenheit, mit der sich sie der Arbeit hingibt,

und ich entschied, ihre Plomben einzuschmelzen.

 

ich, der Sonnenlehrling, stieg auf ein umgestülptes Töpfchen

und rief lange in die Nacht, wobei ich immer stärker leuchtete

wacht auf, Verdammte dieses Spielplatzes, wache auf

Heer der Erniedrigten im Sandkasten.

 

 

 

DAS ANZÜNDEN DER BIBLIOTHEK

 

Ich verfasste kalte Gedichte, die getrennt von der Welt,

die fern von dir waren. Literatur war ein gefülltes Archiv,

der Gedanke getrennt vom Fleisch. und diese blutleeren Verse

brannten jählings über der Routine auf wie mit Erdöl getränkte Vögel

und leuchteten gespenstisch wie der Kühlschrank nachts, wobei sie durch das Bedürfnis verführten, Masse in Energie übergehen zu lassen, Energie wieder in Masse,

bis sich alles in einem stillen Herbarium absetzt.

 

ich betrachtete dich und die Welt, wie ihr getrennt von mir altert

und dabei Spaß habt. darüber schrieb ich nicht.

ich notierte nichts. man könnte beinahe sagen, dass ich aufstand

und mich hinlegte, aufstand und mich hinlegte, dass ich all diese Jahre aufstand und mich hinlegte

ohne auch nur eine Skizze der Chronik deiner Abwesenheit auf das Papier zu bringen,

die Skizze

des Lebens als einer winterlichen Landschaft, des Schneesturms mit Hintergrund. all das

gleitet langsam in die Vergangenheit. alles reißt sich los wie der Hund der Banditen.

 

unter der Haut, einem Geschwür ähnlich, knospt das Anzünden der Bibliothek.

das Leben schleicht sich in die trockenen Buchseiten ein. es ist möglich, dass Manuskripte nicht brennen

da aus ihnen der letzte Schatten des Wirklichen verschwunden ist:

das Wohnen zu zweit, der Austausch von winzigen Zärtlichkeiten, Eintöpfe,

Sonntage in den Badezimmern und die Diebstähle der Bücher, der Krimis,

die für das Lesen in südlichen Nächten vorgesehen waren. es kommt die Zeit der Lügen:

ich werde meine Socken immer wechseln, ich werde Fremdsprachen lernen, mein Penis ist riesengroß, all das

 

damit der Gedanke sich zum Fleisch gesellt, damit die Verse mäßig stark brennen

aber ständig. es kommt die Zeit der Lügen: die Tür des Kühlschranks öffnet sich

um Licht auf das ruhige gemeinsame Leben zu werfen – eine Wohnung im

Arbeiterviertel,

Pizza aus dem Ofen, Zeitschriften anstelle von Büchern; all das, um Zeit für diese

endliche Chronik zu gewinnen, für dich und für die Welt unter einer Daunendecke.

alle Ergebnisse der Geschichte sind gleich. alle Verse hängen nur von dir ab.

die Heuschrecken knabbern, die Kessel pfeifen, der neue Morgen steigt auf –

die Fallbeile brennen.

 

 

 

AUS DEM KOCHBUCH DES FLEISCHFRESSERS

 

Die Welt als Kessel

köchelt auf dem Campingkocher der Sonne

 

Boden Wasser bis zum Wahnsinn getrieben

mit Tod gesalzen

 

und jeder Tote

jeder Tote ist ein Hühnerherz

 

und schlägt

 

 

 
WILDE HANDFLÄCHEN

 

Zu lieben, das ist das leichteste, alles andere ist so schwer.

eine lange Zeit liegt hinter uns: die Tage haben begonnen sich zu verkrampfen.

Verkäufer in Kitteln, Priester in Lügen,

das Rudel der Nacht zerreißt die einzige lebende Glühbirne, unten

im südlichen Viertel. was fällt mir noch auf?

die Gedichte werden kürzer.

und deine Augen ziehen hinein wie in die Stadien,

dabei tragen sie glühende bengalische Fackeln. in den Taschen

lauern wilde Handflächen. sie warten auf ihre Stunde, hocken

wie die Slawen in Jogginganzügen vor den Supermärkten

während der Norden seine Rache ersinnt, bis dereinst

die silbernen Schalter zuschnappen. das unhörbare Leben des Raums. der Druck des Bluts.

schließlich, was mit all dem anderen? das Frühstück der Katze geben, Aorist dem Verb,

Götter den Elenden. die kalte Heimat.

 

 

 

AUS DEM HANDBUCH ÜBER VIEHZUCHT UND SPORT

 

Wenn auf der Weide eine von faulen Birnen

betrunkene Kuh umkippt

verbreitet sich aus ihrem Pansen Verwüstung

wie eine lange gehemmte Zunge,

sie greift nach der Landschaft und übersetzt

die Ödnis in eine blinde Chronik.

 

wenn man Fußball mit einem abgetrennten

menschlichen Kopf spielt

stopft man ihm eine Socke in den Mund,

damit die Zähne die Luft nicht kauen

die Spucke den Rasen nicht befeuchtet

und die Zunge nicht über die Gerechtigkeit drescht.

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Marko Pogačar wurde 1984 in Split/Kroatien geboren. Er veröffentlichte fünf Gedichbände, vier Essaysammlungen und ein Buch mit Kurzgeschichten. Er ist der Herausgeber der Anthologie Hrvatska mlada lirika 2014 (Kroatische junge Lyrik 2014). Er war Redakteur des Kulturmagazins « Zarez » und ist Mitglied der Redaktion der Literaturzeitschrift Quorum, außerdem ist er einer der Redakteure des Internet-Portals Proletter. Für seine literarische Arbeit bekam er Stipendien u.a. von Civitella Ranieri, Passa Porta, Milo Dor, Brandenburger Tor, Literarische Colloquium Berlin, Internationales Haus der Autoren Graz, Krokodil Beograd, Literaturhaus NÖ, Récollets-Paris, Poeteka Tirana. Für seine Lyrik, Prosa und Essays wurde er mit zahlreichen kroatischen und internationalen Preisen ausgezeichnet; seine Bücher und einzelne Texte wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. In der Edition Korrespondenzen sind bisher die Gedichtbände An die verlorenen Hälften und Schwarzes Land in der Übersetzung von Alida Bremer erschienen.

 

 

 

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Alida Bremer, geboren 1959 in Split/Kroatien. Freie Autorin und Übersetzerin. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad/Serbien, Rom/Italien, Münster und Saarbrücken/Deutschland. Promotion im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Saarbrücken. Alida Bremer arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin an den Universitäten in Münster und Gießen und als Organisatorin, Kulturvermittlerin, Kuratorin, Moderatorin und Dolmetscherin bei internationalen Literaturfestivals, Lesungen, Buchmessen, verschiedenen Veranstaltungen und Tagungen in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Kroatien, in Kosovo und in Serbien. Für ihre literaturwissenschaftliche, schriftstellerische und übersetzerische Arbeit bekam sie zahlreiche Stipendien, u.a. das „Grenzgänger“ Stipendium der Robert Bosch Stiftung für die Arbeit am Roman Olivas Garten (2013; übersetzt ins Kroatische und ins Mazedonische). Ihre Essays, Erzählungen und Gedichte wurden in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportelen veröffentlicht (u.a. Der Spiegel, Lettre International, Manuskripte, Lichtungen, Schreibheft, Zeit Online, Citybooks) und in verschiedene Sprachen übersetzt. Das unveröffentlichte Manuskript ihrer Trilogie « Drehort Adria » wurde für den Alfred-Döblin-Preis 2017 nominiert. Für das ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Herzegowina wurde sie mit der Ehrennadel der Stadt Münster und für Verdienste um die kroatische Kultur mit dem Staatsorden der Republik Kroatien ausgezeichnet. Lebt in Münster.

 

 

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