Marko Martin

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Unter Beobachtung. Eine postrevolutionäre Farce

 

 

Für Sergio Ramirez und Hancel Lacayo

 

Als du aber ein Kind warst und unwissend, sah man dich an der Seite deines Vaters auf dem Weg ins Kino, Lichtspieltheater Fortschritt in Karl-Marx-Stadt-heute-Chemnitz, um dort den amerikanischen Fotografen Russell Price alias Nick Nolte die Verbrechen des Somoza-Regimes aufdecken zu sehen (und die dunklen Machenschaften von Jean-Louis Trintignant als CIA-Agenten gleich dazu). So sah man vermutlich – obwohl es   dann im Kinosaal dunkel war, was allerdings für die hiesigen Spitzel kein Hindernis dargestellt hätte – deine großen, entsetzten Augen bei der Bombardierung von Managuas Armenvierteln, letzte Schandtat der Diktatur, deine Begeisterung bei den Bildern der vorrückenden Companeros – rotschwarz die Fahne der FSLN, Liebe besiegt den Tod – die mit ihren Lastwagen den schneeweißen Palacio Nacional umstellten, vis-á-vis der schwarzen Ruinen-Fassade der 1972 im Erdbeben zerstörten Kathedrale. Das alles sahst du mit dem gleichen Enthusiasmus wie dein Vater (ab 1970 zwei Jahre Haft wegen Kriegsdienstverweigerung im Lande der Andersroten), denn zumindest er war wissend und lehrte dich die Kunst des Unterscheidens, doch ebenso den Blick auf die Straße vor dem Kinosaal, auf mögliche Wartburgs mit kleinen Antennen.

Nun aber sah man dich zum dreißigsten Jahrestag des damaligen Geschehens genau dort herumspazieren: Im orange-roten Licht eines Sonnenuntergangs, das steil in die Palmengärten hinabfiel, in riesige Patios im Inneren des Palastes. Freitreppen sah man dich erklimmen und – Cocktailglas von einer General Sandino gewidmeten Gedicht-Präsentation in der Hand – diese wieder hinabsteigen. Vor allem aber Seitenblicke sah man dich werfen auf all die Tänzer, die im Schatten der von Kristall-Lüstern beleuchteten Treppen gerade aus ihren Jeans und T-Shirts stiegen, um sie inmitten von Koffern und Schminkkästchen mit der Folklore-Kleidung des Abends zu vertauschen, mit Sombreros, weißen Schlaghosen, bestickten Mänteln, spitzen Schuhen und pfauenartigen Faltenröcken für die Frauen. Gleichfalls wurde bemerkt, wie du, längst einen unsichtbaren Schweißfilm auf der Haut, einen zweifelnden Blick hinaus auf die von trübem Laternenlicht gesprenkelte Plaza warfst, wo die Kathedrale noch immer ein Ruine war, gerahmt von den riesigen Plakaten des auf ewige Wiederwahl spekulierenden Präsidenten-einst-Commandante Daniel O., der von allen einstigen Kämpfern als einziger übrig geblieben war. Hörte man dich womöglich Kryptisches murmeln (Korrupter, alt gewordner Caudillo, wenigstens hast du keine stalinschen Säuberungen veranstaltet in deinem dein gewordenen, kleinen Nicaragua)? Hörte man es?

Durchaus vorstellbar, denn was du zuerst sahst, waren die Ohren. Breit lappende Instrumente, die unter der ufoartigen Bast-nicht-Basken-Mütze ein Eigenleben zu führen schienen und so gar nicht passten zum gegerbten Schildkrötengesicht des ehemaligen Innenministers, dessen wachsamer Blick dich nun schon seit Minuten beim Beobachten erspäht – großes Kind, durch barocke Sonnenuntergänge, siegreich gescheiterte Revolutionen, tropische Getränke und halbnackte Tänzer beiderlei Geschlechts reichlich unvorsichtig geworden. Starrtest und starrtest nämlich. Versuchtest, die krumm dastehende, aber wie zum Sprung bereite Schildkröte – inzwischen Botschafter in Peru und heute Abend einer der Beiträger zum pathetischen Sandino-Gedichtband (voll mit ebenso verrutschten Metaphern wie deiner der sprungbereiten Schildkröte) – in eins zu bringen mit den schwarzweißen und rasterförmig aufgelösten Zeitungsfotos der Freien Presse von einst, Bezirksorgan Karl-Marx-Stadt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Nur mit Abscheu hattest du diese damals betrachten können, langsam wissend werdendes Kind, denn an der Seite derer, die nicht nur deinen Vater ins Gefängnis geworfen hatten, spreizte sich, Egon Krenz´ bleckendes Lächeln aufnehmend, Honeckers mürbes Fäusteheben fortsetzend, unter allerlei Transparenten eben dieser: Tomas Borge Martinez, misstrauischer Innenminister des revolutionären Nicaragua in Khaki-Uniform und Che-Guevara-Mütze.

Erneut: Hatte man also gehört und gesehen, wie du leise Puh machtest, die Unterlippe vorschobst, um dir eine Schweißperle von der Stirn zu blasen und dann ein neues Glas nahmst von einem der weißgedeckten Tische im ersten Stock von Somozas ehemaligen Palast, bereit zum Angriff?

Guten Abend möchtest du wünschen, hörtest du dich jedenfalls kurz darauf in die breite Fläche der Schildkröte hinein sagen (war´s auf englisch, französisch oder in deinem rudimentären spanisch?), dich ein wenig hinab beugend zu dem bucklicht Männlein, das einst sein Ministerium bis zum Dachgeschoss mit Stasi-Leuten aus deiner ehemaligen Nicht-Heimat gefüllt hatte, was du ihm nun ebenfalls auf den kugelrunden, von jener Bast-aber-längst-nicht-mehr-Baskenmütze beschirmten Kopf zusagtest, keck geworden durch des ehemals Mächtigen beinahe vorsichtige Frage, woher du denn kämest, Ost oder West. Was du auf deine forsche Antwort hin – und nach einer dräuenden Fünf-Sekunde-Stille inmitten all des Gläserklirrens, Ventilatorsummens, Gesprächsraunens und Tänzerumhang-Raschelns – darauf hin hörtest, war freilich nur für dich bestimmt, auf dich abgeschossen, ein hartes Lispeln, das dich erstarren ließ: Ob du wohl wüsstest, deutscher Gast, das man ihn hier im Lande mitunter respektlos den Ein-Eiigen nenne, da ihm in Somozas Folterkellern einst ein Hoden zerquetscht worden war, dass ich mich also, so war´s gewesen, für die Revolution bis an den Tod bringen ließ –  und auch dafür, übrigens, dass später einmal im Palast des Herrschers das Volk flanieren dürfe und selbst solch freche Rede geschwungen werden könne wie die deine?

So huldvoll, ja witzig (und wahrscheinlich dich noch mehr beschämend, hättest du nicht jene leise Drohung wahrgenommen zwischen den Lippen, den Silben), wisperte also das seit langem keine Dekrete mehr unterzeichnende, sondern brave Sandino-Poesie verfassende Männlein. Und ehe du dich von deiner Überraschung erholtest und dein anklagendes Mantra Ceaucescu-Husak-Honecker-Krenz-Mielke-MarkusWolf beenden konntest, schnitt er dir, sich sichtbar reckend und nun vollends wieder zum Ehrfurcht gebietenden Senor Borge Martinez geworden, dein zu dieser vorgerückten feuchtheißen Cocktail-Stunde zunehmend schleppender werdendes Wort ab mit einem militärisch knappen  Papperlapapp (oder Anyway, Boff oder palabras, palabras) und fragte listig unter dem bastgeflochtenden Ufo-Schirm hervor: Ob sich jene von dir erwähnte Herren-Liste etwa ebenso friedlich zurückgezogen hätte wie die Sandinisten nach der verlorenen (doch von ihnen höchstselbst zugelassenen) Wahl von 1990, ob du solch gewichtigen Unterschied vergessen hättest? Und während du noch murmelst, es hätte, damals, doch gewiss auch andere Szenarien gegeben, Dutzende Pläne B gerade aus dem Innenministerium, um dem Machtverlust vorzubeugen, da zischte erneut ein Ach was  an dein Ohr – denn was seien schließlich schon Pläne gegen letztendliche Tatsachen, da man sie doch abgewählt habe, wenngleich sie nun nach erneuten freien Wahlen wieder da seien, gealtert und verändert, jedoch – attencion – noch immer wachsam, äußerst wachsam.

Wie dies wohl zu verstehen sei, fragtest du, wie ein bei einer Untat ertappter Halbwüchsiger. Fragtest dies und bliebst doch frei genug, dem Defilee der Tänzer nachzuschauen, die jetzt die Freitreppe hinab schwebten, um über den Marmorboden des Vestibüls hinaus auf die Tribüne zu schreiten, um dort – offensichtlich Spätgeborene – unter Lautsprecher-Rhythmen einer revolucion zu huldigen, die zwar weiterhin Straßenkinder in zerrissenen Lumpen und Holzhütten hinterlassen hatte, gleichzeitig aber auch so wohltuend inkohärent gewesen war, eben jenen Tänzern mit den lasziven Bewegungen nichts weiter zu bescheren als ein hoffentlich anständig bezahltes Abend-Engagement. Doch noch einmal und erneut: Wie dies zu verstehen sei mit der fortgesetzten Wachsamkeit?

Ei, raunzte da das wissende Männlein (oder eben auch donc, Ay oder Aye): Ob man es etwa für blind halte, ebenso einäugig wie eineiig, haha? Ob man tatsächlich geglaubt habe, man könne ungesehen in der rückwärtigen Galerie von Somozas ehemaligem Palacio mit zwei degenerierten Tänzern über eine schmale unbeleuchtete Betontreppe nach oben steigen, auf das zu dieser spätabendlichen Zeit stahlblau-gelb bestirnte und gänzlich menschenleere Dach, um dort im Schatten der porösen Mauerbrüstung – hm?

Hm-hm also machte der Senor unter seiner Teller-Kappe aus Bast, jedoch nun gar nicht mehr jenes mit Lenin-und Marx-Orden behangene Mitglied aus der Regierungsjunta deiner Zeitungs-Kindheit, sondern Gestalt von viel früher her. („Will ich auf mei´n Boden gehn,/ will mein Hölzlein holen,/ steht ein bucklicht Männlein da,/ Hat mir´s halber g´stohlen“, summtest du, inzwischen das dritte oder vierte Glas in deiner Hand, lautlos aus des Knaben Wunderhorn.)

Jedenfalls – beim frühen Castro oder den beiden Kim´s wärt ihr fällig gewesen, fuhr der Alte in seiner Litanei fort, mit euren geröteten Gesichtern und dem gerade noch zurechtgerückten Gürtel, als ihr wieder auftauchtet, du (nein, das war kein you mehr, sondern ein zweifelsfreies tu), um dich mit deiner frechen, ins Gesicht geschriebenen Skepsis wieder unter die Feiernden, die so unverfälscht ihren Sandino Preisenden zu mischen, während die beiden perversen Schönlinge mit einem im Kopfdrehen angedeuteten Adios nun in voller Glitzermontur die Freitreppe hinunter paradierten, um danach auf der Holzbrett-Bühne dem Volk tanzend Tribut zu zollen, womöglich es aber auch nur an der Nase herumzuführen.

Und da du schwiegst – ertappt, wenngleich keineswegs beschämt – schnapptest du noch das Wort konterrevolutionär auf, warst dir allerdings nicht mehr sicher, ob in ernstem oder ironischem Tone vorgebracht, da dir doch soeben das Kunststück gelungen war, dich aus dem Palacio hinauszubeamen, in die Situation vor einer guten Stunde.

Über unebenes Grasland, vorbei an einem Pferdefuhrwerk und merkwürdig still verharrenden Gestalten im Schatten knochiger Bäume, warst du nämlich auf das Lichtgefunzel vor der Cinemathek zugegangen, um dortselbst General Sandinos dickbäuchigen Enkel zu treffen: Senor Walter, einst vom großen Che wie das Jesuskind heimlich außer Landes gebracht, dem rachsüchtigen Zugriff von Herodes-Somoza entzogen, in Kuba dann erzogen und auf einer sowjetischen Militärakademie erwachsen geworden, was allerdings hieß – so berichtete es der Senor, so schriebst du´s in dein später oben auf dem Dach trotz allen Tuns so wachsam im Auge behaltenes Notizbuch, so erinnertest du´s während des Verhörs des Schildkrötenmannes – was also hieß: Trotz dieser Vorgeschichte irgendwann gläubig geworden und gegen den Willen aller Commandante-Atheisten sogar die religiöse Ader des kämpfenden Großvaters wiederentdeckt, seinen – Ihre Orginal-Worte, Senor Walter – universellen Magnetismus. (Von dessen realem Vorhandensein in diesen Breiten du dich dann, zurück im einst von Nick Nolte alias Russell Price fotografierten Palast, sogleich überzeugen konntest, nachdem die beiden Tänzer dir mit Augenblinzeln und Kopfdrehen signalisiert hatten, dich unauffällig von der Galerie in Richtung des im Dunkel liegenden Treppenhauses in Bewegung zu setzen, hinauf aus Dach hoch über der Stadt Managua.)

Und woher wissen Sie das, fragtest du schließlich, verdutzt und verblüfft (nun aber auch darauf bedacht, diese Geschichte zu Ende zu bringen): Woher all dies Wissen, Senor?

Intuition und Beobachtung, erwiderte der Alte. Lebenserfahrung und die hohe Schule der Männer mit den Wartburgs, welche im Übrigen hier im Lande Ladas und Ifas waren, damit auch das klar wäre. Im Übrigen aber sei trotz übler Nachrede unverbesserlicher Reaktionäre das Verzeihen sein wirkliches Geschäft, was schlicht bedeute – und damit wäre nun ihr Geplänkel beendet – dass er durchaus geneigt sei, die Geschehnisse auf dem Dach nicht etwa als Sakrileg, sondern als letztendliche, (wenngleich für seinen Geschmack arg dekadent-degoutante) Gliedmaßen-Eloge auf die Freiheit zu betrachten, welche vor drei Jahrzehnten mit den Companeros einer Revolution gekommen sei, welche immerhin ihre Kinder nicht gefressen habe, sondern sie sogar mit Fremden auf die Dachbalkone lasse – zumindest an Abenden wie diesen.

Sagte´s, hüstelte, als wolle er dennoch ausspucken, lächelte dann jedoch voll boshafter Güte und entfernte sich im Gedrängel, mit seiner Bastmütze bald zwischen angewinkelten Jackettärmeln und den nackten, fein glänzenden Ellenbogen der Frauen verschwindend.

Und du? Summtest Liebes Kindlein, ach, ich bitt, bet fürs bucklicht Männlein mit! und stiegst mit weichen Knien und unsicherem Schritt ins Foyer hinab. Kamst so hinter der rotschwarz (die Liebe besiegt den Tod) geschmückten Tribüne zu stehen, gleich hinter den Tänzern, deren Umhänge, Rüschenblusen und Seidenhemden längst an ihren verschwitzten Rücken klebten. Sahst sie oberhalb des feiernden Volkes mit den Füssen aufstampfen und den Fingern in die Handballen klatschen – bis sich einer, bis sich schließlich zwei im Rhythmus der Formation zu drehen beginnen und du über Jabots, Volants und speerartig offenen Brustschlitzen wieder diese unzüchtig schmachtenden Blicke von vorhin auffängst, die dem spöttischen Wissen in den trocknen Augen des Schildenkröten-Senors in nichts nachstehen.

 

Aus:

Die Nacht von San Salvador. Ein Fahrtenbuch. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013, 500 S., geb., im Schuber, Euro 38,-

 

 

 

 

 

 

 

 

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Marko Martin wurde 1970 in Burgstädt/ Sachsen geboren. Mit Hochschulverbot aus politischen Gründen belegt, verliess er im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR und siedelte in die Bundesrepublik über. Dem Abitur am Bodensee folgte ein Studium an der Technischen und der Freien Universität in Berlin, das er mit einem Magister-Abschluss in den Fächern Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte beendete. Zwischendurch lebte Marko Martin mehrere Jahre in Paris. Sein erstes Buch erschien 1994, bereits zuvor aber waren zahlreiche journalistische und publizistische Texte von ihm in der « tageszeitung » (taz) erschienen, von 1995-98 dann im Feuilleton des Berliner « Tagesspiegel » und ab 1998 in der « Literarischen Welt », der wöchentlichen Literaturbeilage der « Welt ». Weiterhin publiziert(e) er in den Zeitschriften « Kommune », « mare », « liberal », « , « Mut », « LETTRE » und « La regle du jeu »(Paris). Seine Reportagen, Essays und Kolumnen sind regelmäßig u.a. in der  « WELT », « Welt am Sonntag » sowie im Feuilleton der « Neuen Zürcher Zeitung » zu finden. Während der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Birma (September/Oktober 2007)unter Pseudonym Sonderkorrespondent der Tageszeitung « DIE WELT ». Wenn er sich nicht gerade auf Reisen durch allerlei Krisengebiete befindet, lebt und schreibt Marko Martin in Berlin. Der Autor, verheiratet, ist Mitglied der Internet-Plattform « Die Achse des Guten » sowie des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, wo er seit Jahren in der Menschenrechts-Sektion « Writers in prison » mitarbeitet.

 

http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article124213213/Intime-Weltreise.html

 

http://www.amazon.de/Nacht-Salvador-Fahrtenbuch-Andere-Bibliothek/dp/3847703455%3FSubscriptionId%3D0PC1P318WWFWEF86F802%26tag%3Dliteraturport06-21%26linkCode%3Dxm2%26camp%3D2025%26creative%3D165953%26creativeASIN%3D3847703455

 

http://www.literaturport.de/Marko.Martin/

 

http://www.perlentaucher.de/autor/marko-martin.html

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