Mark Behrens

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Bücher über Tage

 

Ein Tagebuch sei etwas, könnte man in unseren fast vollständig ökonomisierten Zeiten ja denken, mit dem buch über Tage geführt wird. Dabei besteht einer der reizvolleren Seiten des Schreibens doch wohl eher darin, subjektiv Erlebtes festzuhalten, mit einem Tagebuch also ein Buch über das eigene Leben zu führen statt  buchzuführen und so das Eigene durch das gerade Vergangene im Jetzt und in Zukunft anzureichern. Ein komplett ökonomisierter Mensch aber, ein echter homo ökonomicus also, wäre eigentlich jemand, der statt eines Tagebuchs über seine täglichen Ein- und Ausgaben buchführt. Wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch das noch für besonders kreativ gehalten und solche Leute melden sich in Zukunft bei Volkshochschulen und Universitäten für jene Workshops an, die „kreatives Schreiben“ heißen, während man die anderen aus dem Bildungssystem schmeißt. Nur fürchte ich, die Texte, die dann entstünden, wären nicht mehr besonders spannend. Würde dieser homo ökonomicus auch noch als Prototyp des rationalen Menschen verstanden, wäre jedes künstlerische Schaffen im weitesten Sinne, die Literatur und sogar das Schreiben von Tagebüchern, gelinde gesagt ziemlich irrational – geradezu verrückt.

Manche meinen auch, das Schreiben sei kolonialistisch, berge einen eurozentristischen Bildungsbegriff in sich. Irgendwie habe ich das Gefühl, in China denkt man da anders – auch in anderen Schriftzeichen. Außerdem versteht von Grönlands  Eskimos bis zu den Feuerländern jeder ordentliche Schamane sofort, dass es ein Vorteil sein kann, wenn Worte schriftlich festgehalten werden können, sobald er es auch nur einmal ausprobiert hat.

Ein richtiges Tagebuch aber, ist an sich eine anspruchsvolle Sache, denn könnten wir über unsere Tage ein vollständiges Buch schreiben, müssten wir länger leben, als uns Tage geschenkt sind, denn sollte auch nur ein einziger Tag vollständig festgehalten werden, könnte das eine Arbeit für mehrere Jahre sein. Also ist ein Tagebuch eigentlich ein Buch über unsere Tage, das niemals vollständig sein wird.

Vielleicht ist das auch besser so.

Sicher gab es genug gute Tagebuchschreiber/innen und es gibt sie noch. Manche schreiben nur ein paar Äußerungen zum Erlebten auf. Dann gibt es die, die tatsächlich eine Art Lebensbuch schreiben und – falls sie es jemandem zum Lesen anvertrauen – dabei auch ein wenig beschreiben, wie sich ihre Erfahrungen mehren, sich ihr Bewusstsein mit den Jahren erweitert. Es gibt sogar welche, die in ihrem Tagebuch vermerken, sie hätten dann und dann in ihrem Kopf eine ganze Kurzgeschichte geschrieben, darunter auch solche, bei denen man sich fragt: „Warum nur, hast du sie nicht ebenfalls aufgeschrieben?“

Kommen wir also zu den Schriftstellern, die Tagebuch führten oder führen. Um die schon verstorbenen sollten sich Germanisten und/oder Literaturwissenschaftler kümmern. Die Lebenden sollten lieber nicht verraten, dass sie eins führen. Wozu auch? Es reicht ja, wenn es nach dem Leben im Diesseits gelesen werden kann. Daran hatten allerdings auch schon einige gedacht, zum Beispiel solche, die durch besonders kühle oder abwertende Bemerkungen und – im schlimmsten Fall – sogar tödlichste Ignoranz ihren Kollegen gegenüber besonders darauf achteten, als die größten Großkünstler ihrer Epoche in die Geschichte einzugehen. Ärgerlich ist dann natürlich, wenn man am Ende seines Lebens feststellen muss, dass es da Jüngere gibt, die plötzlich etwas Neues machen, irgendetwas, was vielleicht vorher so noch nicht ganz da war und damit genau diese Epoche noch zu Lebzeiten der älteren Großkünstler zu beenden drohen. Da schrieb einer mal in sein Tagebuch: Heine.

Das war alles: Heine und Punkt. Es könnte ja bedeuten: Heine und damit ist Punkt und Schluss mit Romantik und Klassik – allein mir fehlt der gewisse Glaube. Vielmehr ließen sich anschließend Generationen von Historikern, Germanisten, Literatur-wissenschaftlern, Autoren und Hobbyautoren darüber aus, für wie unbedeutend der große Goethe den jungen Heine gehalten habe. Vielleicht wird eines Tages gar noch jemand behaupten, nur wer ein Tagebuch führe, sei ein Schriftsteller und die Bücher von Autoren, von denen kein Tagebuch erhalten oder auffindbar ist, verschwinden aus den Regalen der Bibliotheken. Da würde mir Paul Scheerbart aber fehlen, Mechthild Rausch hätte seine Biographie in Briefen ganz umsonst zusammengestellt und die größte deutschsprachige Schriftstellerin hieße Anne Frank.

Doch hat die Moderne in Sachen Tag(e) und Buch noch einiges mehr geleistet. Tatsächlich wurden sogar ganze Bücher über einen einzigen Tag geschrieben und niemand kann ermessen, wie viel das der Nachwelt gebracht hat. So könnte ich zum Beispiel sagen, der 16. Juni 1904 sei daran „Schuld“, dass ich, seit ich den Ulysses des Mr. James Joyce gelesen habe, nie wieder eine Schreibblockade hatte. Vielleicht hätte es auch ein Text Arthur Schnitzlers sein können, doch in meinem Fall waren es eben die Darstellungen der Bewusstseinsströme von Figuren wie Stephen Daedalus, Leopold und Molly Bloom an diesem Tag  in Dublin, durch die ich begriff, warum der oft benutzte und vielzitierte Satz, man schreibe eigentlich immer, stimmt. Seither ist es mir nie wieder passiert, dass ich vor einem weißen Blatt Papier sitze und mir nichts einfällt, denn an irgendetwas denkt man  tatsächlich in jedem Moment. Und da bin ich ja nicht der einzige – zum Glück.

Das erste linguistische Lehrbuch, dass ich aufschlug, begann hingegen mit der Behauptung, die Frage, was Sprache sei, sei eigentlich dieselbe wie die Frage danach, was Leben sei. Falsch, dachte ich, denn die Frage, was Sprache ist, ähnelt eher der, was Denken ist und ist nur dann mit der nach dem Leben identisch, wenn es ums Leben geht, weil es auch Worte und Gedanken über und an den Tod gibt und sogar solche, die todbringend sind, wie die Ideen der Erfinder der Atom- und Wasserstoffbombe, die in Arno Schmidts Schwarze Spiegel vielleicht etwas plötzlich neben einem Liebespaar „einschwebte“, dessen Korrespondenz die Erzählerfigur als einziger Überlebender Norddeutschlands findet. Sicher, legt man Schmidts  Zettel’s Traum neben Finnegans Wake, wird schnell deutlich, wer da wem nacheiferte. Dieser Versuch, Joyce zu übertreffen, ist missglückt. In seinen Erzählungen wie Seelandschaft mit Pocahontas oder Die Umsiedler aber, macht er mit seinen kleinen schrägen Sprachspielen, wo Verben zu Adjektiven und umgekehrt werden, Koffer übers Pflaster galoppieren und Lokomotiven sich eins pfeifen können, Sachen, durch die deutlich wird, was alles in der deutschen Sprache möglich ist. Denke ich an Schmidt, denke ich an eine Moderne jenseits dessen, was unter Begriffen wie Realismus und Naturalismus verstanden wird: An eine Moderne und ein modernes Leben, in dem auch  Phantasie und Poesie einen Platz haben und nicht in all den technischen Erfindungen, Apparate-Medien und ökonomischen Zwängen untergehen. Es ist ein Traum, wie von einem Ort, an dem alles möglich, alles sag- und erdenkbar ist, an dem man nicht nur keine Schreibblockade hat, sondern auch seine letzten Hemmungen abstreifen kann.

Auch ein Tagebuch kann dabei helfen.       

 

 

Stadt


Streune in Dir, schleiche mich

übers Kopfsteinpflaster Deiner Altstadtgassen.

Giebel neigen sich und freundlich schaut’s,

scheint’s, aus hohen Fenstern auf den,

der katergleich um Deine Waden streicht.

 

 

Die Weiljagd


Ich gebe zu, wenn die Flimmerkiste ausgeschaltet wird und die, welche die bellenden Kollegen Frauchen und Herrchen nennen würden, sich aus den Papp- und Papierquadern gegenseitig vorlesen, höre ich manchmal mit einem Ohr zu. Wenn mich etwas interessiert, aufregt oder ärgert, drehe ich sogar beide Ohren in ihre Richtung. Meistens aber finden sie die Geschichten viel spannender als ich. Manchmal werde ich sogar darüber vergessen und der Futternapf bleibt leer – wie heute, als ich mich mal wieder sehr ärgern musste. Dabei verstehe ich nicht, wieso sie mich diesmal ausgerechnet wegen einer Geschichte vergessen konnten, in der ich selbst umherstreife: Ein schwarzer Kater mit einem weißen Latz auf der Brust, das bin eindeutig ich und in der Geschichte werde ich eingemauert, nachdem mein Vorgänger grausam ermordet wurde. Edgar Allan Poe hieß der Mensch, der sich den Unsinn aus den Fingern gesaugt hatte. Als ließe ich mich freiwillig einmauern! Sogar mit vollem Bauch hätte ich mir das nicht länger anhören können.

   Also bin ich auf die Jagd gegangen. Jetzt liege ich neben einem Baum und richte meine Ohren mal in Richtung Flussufer und – damit ich mit den angenehmen Geräuschen des Wassers im Ohr nicht eindöse – mal zum Unterholz hin. Wo die Enten wohl sind, die sonst immer am Ufer entlang watscheln? Jetzt hat zwischen den Bäumen etwas geraschelt. Nein, das lohnt sich nicht, es ist nur eine kleine Maus, kaum ein Appetithappen für den Hunger zwischendurch. Die meisten Mäuse, die ich hier noch finden kann, sind winzig. Wenn man schon will, dass sich ein Hauskater wie ich wie eine Wildkatze verhält und mich dazu mit einer schrecklichen Geschichte vergrault, hätte man ein bisschen mehr Rücksicht auf meine grundsätzlichsten Bedürfnisse nehmen können, finde ich. Jeder Fußbreit Boden wird gehegt und gepflegt, als sei ein Wald ein Garten. Da wird es immer schwerer, noch etwas Ordentliches zum Fressen zu finden. Doch – was ist denn das? Eine große Altweltmaus, die erst in Richtung Innenstadt hoppelt und dann plötzlich umkehrt?

Ach, da kommen Menschen. Wie laut die immer sind, als wären sie allein auf dieser Welt. Aber über was quatschen die? So, die Ohren zum Fluss gedreht, damit’s nicht ganz so laut ist:

„Komm lass uns an den Fluss gehen, weil das iss romantischer.“

„Okay.“

Weil statt denn und die Altweltmaus will in die Innenstadt? Natürlich, die größeren Kulturfolger sind alle dort, weil es da mehr zu fressen gibt. Da hätte ich auch gleich drauf kommen können. Die beiden sind vorüber, die Altweltmaus sprintet wieder los in Richtung Stadt. Dann will ich mich mal auf die Pfoten machen, ihr unauffällig zu folgen. Es ist heutzutage kein ungefährlicher Weg in die Stadt. Ich werde den großen grauen Asphaltstreifen überqueren müssen, wo die donnernden Blechkisten auf ihren schwarzen Drehkreisen unterwegs sind. Die arme Maunzi! Sie habe ich zum letzten Mal dort in der Gosse kauernd getroffen. Die sind ihr mit den Drehkreisen genau übers Rückgrat gerollt. Sie hatte einen dicken Bauch als wäre sie schwanger, fauchte nur noch und wollte in Ruhe sterben – sonst nichts mehr. Wie schön es wäre, wenn die Behauptung, Katzen hätten sieben Leben, richtig wäre! Leider ist sie falsch. Niemand von uns hat mehrere Leben und nur wenige sind unsterblich geworden. Als Poes Kater gehöre ich selbstverständlich zu ihnen. Ich habe schon einiges auf dem Buckel und viel gesehen, denn – wie gesagt – auch in Amerika ließ ich mich nicht einmauern. Ohne einen gewissen Charles hätte ich selbstverständlich nicht über den großen Teich setzen können, das wäre sogar für mich ein zu weiter Sprung gewesen. Nicht einmal schwimmend hätte ich das geschafft, aber dieser Herr Baudelaire nahm mich einfach und setzte mich über. Es war eine lustige Zeit damals in Paris, doch bald setzte man mich wieder über, diesmal nicht über einen Ozean, sondern über eine Grenze. Gut, auch dabei brauchte ich ein wenig Hilfe: Ich wurde übersetzt und so kam ich hierher.

Vorn endet der Waldweg am großen Kupfermann. Wieder zwei Menschen, die davor stehen. Ich schlag mich mal vorsichtshalber zwischen die Büsche am Wegesrand.

„Ich darf vorstellen: Fritz der ganz alte.“

„Wer war der ganz alte?“

„Kurfürst Friedrich von Preußen.“

„Und dem hat man ein Denkmal gebaut?“

„Ja, weil er hat den Absolutismus eingeführt.“

Weil – schon wieder. Es kann keinen Zweifel geben, ich bin auf der richtigen Fährte, die Symptome sind eindeutig. Aber glauben die wirklich, das Denkmal steht da, weil ihre Artgenossen Absolutismus toll finden? Doch wer weiß, vielleicht finden sie das insgeheim tatsächlich. Menschen sind ja komische Säugetiere. Viele meinen, sie hätten das natürliche Gleichgewicht durcheinander gebracht. Da ist wohl was Wahres dran. Manche meinen auch, sie hätten sich an die Spitze der Evolution gestellt, nur um die Kontrolle über alle anderen zu übernehmen. Ganz falsch ist das vielleicht auch nicht, denn wann war es schon einmal so, dass mehrere Tierarten ihre Lebensweise an die veränderte von nur einer anderen anpassen mussten? Jetzt leben viele in Zoos, wo sie begafft werden können und wieder andere müssen in Ställen dahinvegetieren, bis sie in noch größere Gebäude geführt und massenhaft geschlachtet werden.

Wie es soweit kommen konnte, ist mir allerdings nicht ganz klar, denn was ist an diesen Zweibeinern eigentlich so besonders? Sie können Laufen, Schwimmen und Klettern, haben aber sonst keine sehr guten natürlichen Werkzeuge. Zähne und Krallen sind eher unterdurchschnittlich. Außerdem kann ich doch auch Laufen, Klettern und notfalls auch Schwimmen. Ich kann mir nicht denken, dass es an ihren Geschichten liegt, auch wenn ich mich über manch eine ärgern muss, eher schon daran, was in ihrem großen Kopf sonst noch so vorgeht. Vielleicht besteht ihr Vorteil ja auch nur darin, dass sie halt auf zwei Beinen laufen und die Vorderpfoten frei haben, um sich ihre Werkzeuge selber zu machen. Jedenfalls können sie anderen die Lebensweise diktieren. Manchen, die das auch innerhalb ihrer eigenen Art besonders gut konnten, haben sie also ein solches Denkmal gebaut. Ich dagegen würde Maunzi ein Denkmal bauen. Sie war keine Diktatorin, hat niemandem etwas vorgeschrieben. Wir Katzen haben uns halt ein wenig Freiheit erhalten können.

Endlich gehen sie weiter. Jetzt kommt ein schmaler Streifen Pflastersteine und dann der Asphaltstreifen. Ich höre die Blechkisten, sehe aber keine vor mir. Der Asphalt ist angenehm kühl, glatt könnte man in Versuchung kommen, stehen zu bleiben, aber die Geräusche werden lauter. Ich beeile mich lieber. Jetzt bin ich fast auf der anderen Seite, einen kleinen Hopser noch und das Trottoir ist erreicht. Ups, das war knapp, hinter mir saust eine der Blechkisten vorbei. Wieder zwei Menschen – ich drücke mich an die Hauswand, damit sie mich im Dunkeln nicht bemerken, ich aber jeden Atemzug von ihnen höre. Igitt, wie riecht das denn hier? Jemand hat an die Hauswand gepinkelt. Wäre es ein anderer Kater, wüsste ich ja, dass ich die Grenze zu seinem Revier überschreite, aber Zweibeiner machen das gar nicht, um ihr Gebiet zu markieren. Die machen das, wenn sie sich abends selbst vergiftet haben. Sie trinken freiwillig giftiges Zeug und urinieren dann besinnungslos an Behausungen. Hoffentlich sind die beiden bald vorüber gegangen, sonst hören sie mich niesen. Wie der Geruch in die Nasenschleimhäute sticht!

„Das nächste Mal gehen wir zu Fuß.“

„Warum?“

„Warum nich‘? Fast hätte ich gesagt: Weil das iss gesünder.“

„Wieso sagen wir eigentlich so häufig weil statt denn in letzter Zeit?“

„Weiß nich‘, vielleicht haben wir eine Art Weil-Krankheit.“

Da soll einem nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen.

„Das wäre ja sowas wie ‘ne geistige Spirochäte.“

Genau, aber den Überträger der Spirochäte, den hole ich mir. Selbstverständlich bilde ich mir nicht ein, dadurch die Menschheit retten zu können. Die Zweibeiner sind imstande, sich Leber und Nieren auch ohne Weil-Krankheit zu ruinieren, aber es wäre schon gut, wenn sie mal kapieren würden, dass wir oft ähnliche Interessen haben. Sie steigen in eine Blechkiste. Ich warte lieber mal, bis sie mit dem Ding weggerollt sind. Immer dieses Monsterröcheln, bevor das Ding anrollt! Endlich sind sie weg.

Die besten Erfolgsaussichten gibt es wahrscheinlich auf dem Marktplatz, denn die Träger des Virus tummeln sich meistens in den Tunneln darunter, welche die Zweibeiner gegraben haben, um ihren Dreck loszuwerden. Doch nicht nur den, sondern diese Plage mit den Altweltmäusen müssen sie bald loswerden und darum werden sie bald selbst wieder durch ihr Tunnelsystem waten. Aber erst bin ich dran! Die Kopfsteine des Marktplatzes fühlen sich schon sehr kühl an. Lausche ich mal an einem Gulli: An diesem ist nichts zu hören. Da vorn ist noch einer. Ja, da unten regt sich etwas, ich höre es ganz deutlich. Die meisten Menschen werden sich bald schlafen gelegt haben und ich werde mich jetzt auch hinlegen: Nahe am Rinnstein, einen Satz vom Gulli entfernt und mit geschlossenen Augen, aber schlafen werde ich nicht. Hoffentlich dauert es nicht die ganze Nacht, sonst werde ich einen kalten Bauch bekommen, bevor ich ihn mir vollschlagen kann.

Ich höre, wie du dich da unten putzt. Bemüh‘ dich nicht, es ist das letzte Mal. Du wirst dich nie wieder waschen müssen. Jetzt nagst du etwas von den Seitenwänden des Schachtes. Genieß noch ein Mal deine Welt da unten, mein Abendmahl. Es sind alte Tunnel ganz nach deinem Geschmack, Altweltmaus, stimmt’s? Ich gönne dir dein letztes Vergnügen. Hast du schmackhafte Essensreste oder sonstigen Unrat gefunden? Oder nagst du dir gerade einen eigenen Tunnel – etwa von hier aus in die Küche des Restaurants da drüben? Ich kenne euch doch. Oder habt ihr die Küchen schon erreicht? Dann würde es mich nicht wundern, wenn viele Menschen jetzt tatsächlich an der Weil-Krankheit litten. Komm nur nach oben zum Gulli hinaus und du wirst dich nie wieder irgendwo durchnagen müssen.

Du schnüffelst am Gullideckel. Ich nehme schon mal Körperspannung auf und öffne meine Augen nur ein ganz bisschen, damit mich meine Nachtaugen nicht verraten. Für dich bin ich gar nicht da. Jetzt hockst auf dem Gulli. Wenn ich jetzt springen würde, könntest du zurück unter den Gullideckel entwischen. Na los, entfern dich nur ein ganz bisschen davon, ein paar Tapser auf dem kühlen Pflaster – ja genau so. Das Geheimnis eines zielgenauen Sprungs ist, sich vorzustellen, man werde wie an einem Seil durch die Luft genau an den Punkt gezogen, an dem man ankommen möchte, um die Krallen in sein Opfer zu schlagen. Was Sprünge angeht, bin ich ein Experte, ein Doktor Schwarzkater nahezu. Nur ein Professor Eichhörnchen springt besser. Quietsch nicht so, während mir dein Blut schon die Mundwinkel füllt. Kopf und Schwanz mag ich nicht, die bleiben liegen. Na, hat jemand meinen nächtlichen Mundraubmord bemerkt? Nein, es scheint, als ob alle schon schlafen. Dann kann ich immerhin in Ruhe zurückgehen.

Ich glaube, ich werde mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich dich gefressen habe, weil ich heute nichts anderes zu fressen bekommen habe, aber es ist allein schon traurig, dass behauptet wurde, schwarze Katzen brächten Menschen nur Unglück, denn ihr seid und ward schon immer diejenigen, die den Menschen nur Krankheiten und Leid gebracht haben. Die Pest war eine Katastrophe. Dagegen ist die Weil-Krankheit ein Schnupfen. So gesehen habe ich mich nur ein wenig nützlich gemacht. Kulturfolger wie ihr zerstören die Kultur, der sie folgen. Umso wichtiger ist es, die Damen und Herren Zweibeiner ab und zu daran zu erinnern, wer ihre wirklichen Freunde sind. Allerdings ist es bequemer, einfach einen vollen Futternapf hingestellt zu bekommen, statt bis mitten in der Nacht auf die Jagd gehen zu müssen, aber einen anderen Text würde ich mir dazu wünschen. Hoffentlich lesen sie mal Baudelaire vor oder so. Der hat unser sphinxhaft schönes und gefährliches Wesen besser beschrieben. Dann bräuchte ich vielleicht endlich nicht mehr beweisen, dass ich auch allein überleben kann – wie die Druckerschwärze, die bleibt.

 

 

 

 

                                                       

     

 verpasst


Die Tür schließt sich automatisch hinter mir. Jetzt bringt mich kein Zug mehr weiter. An einem Tag unterwegs zu sein, an dem nicht die Lokomotiven, sondern die Lokführer sich eins pfeifen – und zwar auf den Fahrplan – ist kein Spaß, wenn man Anschlusszüge erreichen muss, stelle ich fest. Ich suche im Dunkeln nach einer Telefonzelle vorm Bahnhof. Mein kleines Adressbuch weiß noch eine Freiburger Nummer. Stimmt die noch? Kann ich überhaupt noch anrufen? Ich finde ein Telefon. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“. Aus der Innenstadt höre ich Musik. Ich folge den Klängen und komme an einer Kneipe vorbei, die „der Bettelstudent“ heißt. Vor einer weiteren – man könnte sie ein Szenelokal nennen – bleibe ich stehen. Zwei junge Frauen kommen heraus.

 „Immer werde ich von älteren Männern angemacht.“ beschwert sich die eine bei ihrer Begleiterin. Sie gehen an mir vorbei. Ob ich mittlerweile auch so ein alter Mann wäre, frage ich mich und beschließe, es lieber nicht zu testen und mir etwas anderes zu suchen. Doch auch nach vielen Schritten quält mich diese Frage noch. Könnte ich in den nach der langen Fahrt verknautschten Klamotten noch als „Bettelstudent“ durchgehen? So lange ist es noch gar nicht her, dass ich einer war und sich noch einmal zu fühlen, als sei man zweiundzwanzig oder so, müsste doch schön sein. Ich beschließe, doch in die Szenekneipe zu gehen und kehre um.

Innen sieht sie aus, wie solche Kneipen vor zehn Jahren schon aussahen und die Musik, Led Zeppelins „Stairway to Heaven“,  könnte auch vor mehr als dreißig Jahren aus den Lautsprechern der alten Stereoanlage gedröhnt sein. Die Bedienung reagiert völlig normal auf mich. Meine Jacke lege ich über den Barhocker neben mir. Im hinteren Teil des Raumes stehen vier junge Leute um einen Kickertisch. Einer ärgert sich gerade und hört auf zu spielen. Die anderen drei finden schnell einen Ersatzmann. Der Ausgestiegene kommt auf mich zu. Ich nehme meine Jacke vom Hocker neben mir und er setzt sich.

„Immer verlieren ischt nich’ schön.“

„Nee. Spielt ihr ein Turnier?“

„Nö, einfach nur so.“

Ganz in der Nähe sieht er eine junge Frau in einem schlichten, aber sehr ordentlichen roten Hemd und schaut auffällig hin. Ich vermute, er versucht, wortlos zu flirten und folge seinem Blick. Sie schaut zu ihm und ich erkenne gerade so ein Zucken um ihre Augen herum und die Andeutung eines Kopfschüttelns.

„Ich glaube, wir sind Auslaufmodelle.“ sagt er.

„Also ich vielleicht“, sage ich und überlege, wie ich ihn aufmuntern könnte. Statt den „Stairway“ mitzusingen, stimme ich ein anderes Lied an, „…doch eines Tages…“, ich sehe ihn abwartend an, doch er stimmt nicht mit ein, „….bin ich ein Star, der in der Zeitung steht….“, jetzt lacht er und wir sehen wieder beide zu der jungen Frau im roten Hemd hinüber, „…doch dann is(ch)t es zu spät.“ singen wir nun beide. Sie wird ein bisschen rot im Gesicht, lacht dann aber.

„Kommscht du mit nach drüben?“ fragt er mich.

„Sorry, ich bin nicht von hier. Was ist drüben?“

„Nicht weit von hier ischt ’n Kreativzentrum. Wir wollen da noch Musik machen. Ich bin nicht Jimmy Page, aber dafür ischt es etwas härter und schneller. Das“, er schaut zur Stereoanlage, „ischt heut’ eigentlich Kuschelrock.“

„Das habe ich mir irgendwie schon gedacht“, sage ich, denn ich erinnere mich daran, dass ich, als ich siebzehn war, mit ein paar anderen Jungs auch schon versucht hatte, härter und schneller zu sein als unsere damaligen Vorbilder aus den Siebzigern, „was soll’s, ich bin schließlich auch nicht Arno Schmidt.“

„Ich möchte das Musikmachen nicht lassen – besonders heut’ nicht.“

„Wenn schon nicht kuscheln, wenigstens Rock?“

„Genau:“

Die Kickerspieler hören damit auf und kommen zu uns.

„Wir gehen rüber“, sagt er zu mir, „überlegsch dir. Ischt nicht weit: Die Straße runter und dann auf der linken Seite.“

„Danke, aber lass mal gut sein.“

Nein, denke ich, ich schaue jetzt nicht, ob sie nun statt ihn mich anblickt. Nach einer kleinen Weile sehe ich, dass sie aufsteht und spüre sie hinter meinem Rücken her zum Ausgang gehen. Ob sie wohl auch „nach drüben“ geht? Vielleicht war ihre Ablehnung ja bloß eine kleine erzieherische Maßnahme: Erst Rock dann Kuscheln, Jungs? Ein weiteres Lied der Zeppeline plärrt aus den alten Lautsprechern. Als die Bedienung die „letzte Runde“ ankündigt, frage ich mich, ob ich nicht eigentlich doof bin. Warum habe ich mich den jungen Leuten nicht angeschlossen und bin mit „rüber“ gegangen? Jetzt würde bald Sperrstunde sein, zwar in der wärmsten Stadt Deutschlands, aber diese Dezembernacht wird trotzdem kühl werden. Mit dem letzten Bier lasse ich mir Zeit. Schließlich bin ich auch der letzte Gast. Ich zahle und gehe.

Draußen ist es tatsächlich kühl. Bloß in Bewegung bleiben, denke ich und spaziere in eine Richtung, in der ich an das Ufer eines Baches kommen werde. Es ist ein Bach mit kleinen Treppenstufen aus Stein in seinem Bett, an dem ich mal einen ersten Gehversuch als Erzähler und Chronist gemacht habe. Ich erreiche eine Brücke, lehne mich übers Geländer, schaue ins Wasser und dann auf die Rasenflächen an den Ufern. Es ist dunkel, aber ich kann die Stelle, an der wir damals im Gras gesessen hatten, erkennen und wo ich, einen Grashalm zwischen den Zähnen, zu Papier und Stift griff. Wie eingebildet ich damals war! Dachte, nur weil ich einen kurzen tagebuchartigen Prosatext schrieb, wäre ich ein schon großer Poet! Gut, die beiden Frauen, die damals dabei waren, meinten, er sei wie ein Erinnerungsfoto aus Worten. Aber eine kleine Erinnerungsgeschichte allein macht noch keinen Dichter. Einen langen Weg habe ich seit dem hinter mir. Den Fehler gleich im ersten Satz habe ich erst Jahre später bemerkt und dennoch war der Anfang gemacht.

Ich gehe weiter und will zu jenem Park, in dem wir damals mit Solarbrillen die Sonnenfinsternis beobachtet hatten. Vom Bahnhof aus erreicht man ihn, wenn man unter einer kleinen S-Bahnbrücke durchgeht. Dort stolpere ich über eine steinerne Nase im Pflaster. Unter mir zeichnet sich das Gesicht einer Frau ab. Ein paar Meter weiter sehe ich über der Brust gefaltete Hände, doch die Brust müsste unter dem Pflaster liegen. Weitere Meter entfernt ragen die Zehen heraus. Diese Riesin aus Stein im Pflaster unter der Brücke hatten wir damals vor lauter Sonnenfinternisguckerei gar nicht bemerkt. Ich überlege, wie man das Kunstwerk deuten könnte. Ihr Mund ist ein Gulli, zu dem ein Rinnstein führt. Ist das die Versorgung des Menschen durch die Natur? Die Haltung ist so passiv, als bräuchte man nichts tun, als den Mund zu öffnen und Regenwasser zu trinken. Oder ist es gerade umgekehrt gedacht? Wer nicht fleißig ist, landet irgendwann in der Gosse und schläft unter der Brücke?

Egal, denke ich, bloß in Bewegung bleiben. Ich gehe weiter und spaziere über den Rasen des Parks. Es nieselregnet. Der Gedanke an durchnässte Kleider beunruhigt mich. Ich gehe zurück zur Steinfrau unter der Brücke.

„Madame, gestatten sie, dass ich ihnen heute Nacht die Zehen wärme?“, frage ich das Steingesicht, gehe zu den Füßen und setze mich daran gelehnt aufs Pflaster. Ich werde müde. Hoch zum Stahlbeton der Brücke schaue ich. An den Seiten ist nur ein fast schwarzer Himmel zu sehen. Hinauf über die Wolken zu den Sternen müsste man schweben können, träume ich vor mich hin. Langsam aufsteigen, noch einen letzten Blick auf den eigenen Körper unten werfen, die Arme wie Flügel ausbreiten und emporfliegen. Feucht ist es im Nebel der Regenwolken, doch wenn man hindurch ist, sieht man oben Sterne und eine Himmelspforte. Groß ist sie und aus glänzendem Silber. „Dichterhimmel geschlossen“ steht in goldenen Lettern darauf und unter dem großen Schriftzug Kleingedrucktes: „Das Manuskript war zu schlecht. Kein Anschluss an die Himmelsscharen vor Ablieferung eines neuen Textes.“ Darunter weist ein Pfeil auf einen Briefkastenschlitz. Ich klopfe die Taschen meiner Jacke ab, greife hinein, doch da ist nichts, ich habe keinen neuen Text. Dann habe ich keinen Grund, hier zu sein, wird mir zu meinem Schrecken klar. Ich falle und falle – tief ins Pflaster. Jetzt liege ich unter den Steinen, doch die Steine sind wie Eis, sind Eis. Mir tut alles weh, bis ich endlich nichts mehr fühle.

„Der lebt noch.“ höre ich jemanden sagen. Ich öffne die Augen und sehe einen Mann mit rötlichem Vollbart und ebensolchen lichtumfluteten Haaren.

„Bist du der Himmelspförtner?“

„Nö, ich mach’ hier ’n Ein-Eurojob.“ Er hält einen langen Greifer in der Hand, etwas länger als eine Kaminzange, mit dem er offenbar Unrat aufsammelt, nun aber auf mich gestoßen ist. Mühsam stehe ich auf und gehe zum Bahnhof. Dort öffnet sich die automatische Tür vor mir und ich gehe gleich ins Reisezentrum. Die Steifheit ist aus den Gliedern geschwunden, aber jetzt zittere ich.

„Was ischt denn mit ihnen passiert?“ fragt mich eine Bahnangestellte. Ich muss furchtbar aussehen.

„Ich habe mich beim Schreiben nicht genug angestrengt.“

„Wie bitte?“

Was ich bloß plötzlich für einen Quatsch rede, frage ich mich, war es doch nur ein böser Traum.

„Äh, ich meine, ich habe gestern dauernd die Anschlusszüge verpasst, wegen des Streiks. Dann kam ich nicht mehr weiter.“

„Wohin wollten se denn?“

„Nach Hause.“

„Und wo ischt das?“

„Egal. Hauptsache nicht unter einer Brücke bei einer Frau aus Stein.“ höre ich mich sagen.                                               

 

 

 

 

 

_________________________________

Mark Behrens, 1973 geboren in Minden, studierte Literaturwissenschaft und nahm dabei auch Angebote zu kreativem Schreiben oder die Mitwirkung an der Produktion des Videospielfilms "Besser als nichts" an der Universität Bielefeld bis zum Abschluss des Magisterstudiengangs Ende 2000 wahr.  


Anschließend war er freier Mitarbeiter, Praktikant und schließlich freier Journalist für verschiedene regionale Tageszeitungen.


Ab Frühjahr 2004 wandte er sich wieder verstärkt der Literatur zu und promovierte Ende 2005 mit einer Arbeit zu den Baudelaire-Übersetzungen der Eheleute Bruns.


Er war Mitarbeiter bei der 3. Auflage von Kindlers Literaturlexikon, suchte und fand Literaturzeitschriften, die an seinen eigenen Gedichten und Geschichten Interesse zeigen und schreibt für das kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG).


Außerdem ist er als Dozent mit dem Schwerpunkt Englisch für Erwachsene tätig.


2009 wurde er Mitglied der europäischen Autorenvereinigung "Die Kogge".


Mark Behrens schreibt Gedichte, erzählende Prosa, Hörspiele, Essays und übersetzt literarische Texte aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche.

www.mark-behrens.de/40555.html

 

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