Mario Meléndez

 

 

 

(CHILE)

 

 

Gedichte übersetzt durch Annette Kolbe

 

 

 

 

Ars poetica

 

Eine Kuh grast in unserer Erinnerung

Blut entrinnt ihrem Euter

die Landschaft wurde erschossen

 

Die Kuh verharrt in ihrer Gewohnheit

ihr Schwanz vertreibt die Langeweile

die Landschaft steht in Zeitlupe wieder auf

 

Die Kuh verlässt die Landschaft

wir hören noch ihr Muhen

unsere Erinnerung grast nun

in dieser ungeheuren Einsamkeit

 

Die Landschaft lässt unsere Erinnerung

die Wörter bekommen neue Namen

wir weinen weiter

über das leere Blatt

 

Die Kuh grast nun im Nichts

die Wörter reiten auf ihr

die Sprache lacht uns aus

 

 

Das Schiff des Abschieds

 

Ich bin das Kind, das mit der Gischt

verlorener Meere spielt

An diesem Strand, möwenumflattert

werfe ich die Arme wie schlaffe Netze aus

wenn die Wellen meine Träume aus dem Schlaf kitzeln

und eine einzelne Träne auf den Felsen zerplatzt

Die Riffe steigen aus dem Wasser

kommen zum Ufer, um barfuß über meine Seele zu tanzen

Zwischen den Lippen tragen sie Algen, Korallen

und des Meeres Schaum zu Kuss geworden

Ich beginne die Füße zu bewegen

wie zwei alte Ruder

in mir ein Ozean aus Gesichtern und Händen

ohne es zu bemerken tauche ich hinein

mit meinem Gepäck aus Sand

klammere mich an das Steuerrad des Windes

an den Bug der Jahre

als eine Stimme, die nicht meine ist

den Anker dieses kleinen Schiffes hebt

und es entfernt sich mit meiner Kindheit an Bord

 

 

Auch wenn du kahl wärst würde ich dich lieben

 

Auch wenn du kahl wärst, würde ich dich lieben

ich wäre verrückt danach, deinen Kopf zu küssen

den kleinen goldenen Mond

Wenn du kahl wärst, oh wenn du kahl wärst

nähme ich dich mit an den Fluss des Erinnerns

Ich säße am Feuer deiner schweigenden Augen

einen Schwan mitten auf deiner Stirn zu vergießen

Aber die lange blinde Mähne

der lange gläserne Atem

die lange aschene Faser und der Blütenstaub, der du bist

alles was sich das Leben aufspart in deinem Haar

alle Seufzer, die die Nacht dir stiehlt

alle Farbe, die die Lust dir auf die Haut leckt

wie in einem Blitz

wie in einer dauernden Sonne

wie Lichter, die sich im Spiel an deinem Hals auftürmen

all dies, Liebste, und die Welle

der Strom, die Luft

die Traube angespülter Algen im Wind

die lebendige Schnur auf dich gehäuft

die Flut, der Hauch

das Rauschen, das mich bis in die letzte Wurzel fesselt

und das was entsteht und das was endet

und das was in den großen Abgrund deines Blutes fällt

das was nicht geschrieben steht, Liebste, das ganze Geheimnis

weil ich im Schatten deines Haares

für immer ertrinke

 

 

Nimm mich mit

 

Nimm mich mit in den Süden

deiner Hüften

wo die Feuchtigkeit

die Bäume verhüllt

die aus deinem Körper knospen

Nimm mich mit ins tiefe Land

das zwischen deinen Beinen auftaucht

zum kleinen Norden deiner Brüste [1]

Nimm mich mit in die kalte Wüste

die deinen Mund bedroht

dort, wohin die Oase deines Nabels verbannt wurde

Nimm mich mit zu anderen Völkern

mit dem ersten Kuss

in die endlose Region

von Zunge und Blumen

zu diesem Weg des Geschlechts

zu diesem Fluss von Asche, den du verschüttest

Nimm mich überall mit hin, Geliebte

und überall hin führe meine Finger

als wärest du die Heimat

und ich, dein einziger Bewohner



[1] Kleiner Norden (pequeño norte) wird die Region nördlich von Santiago de Chile genannt.

 

 

Notizen für eine Legende

 

Eine Frau steht auf der Brücke

die es niemals gab

 

Ihre Haut die niemals geküsst wurde

treibt über die Wasser der Zeit

wie eine Erinnerung ohne Gesicht

 

Ein Brief, der niemals gelesen wurde

kämpft sich ans Ufer

damit ihn jemand entdeckt

 

Ein Mann, der niemals gelesen hat

der nicht lesen kann

der es niemals gelernt hat

findet den Brief und den Körper

unter dieser Brücke

 

Der Mann weint vor Ohnmacht

während der Brief

zwischen seinen Fingern zerfällt

 

Der Fluss der sich mit Tränen füllt

hat Mitleid mit dem Mann

und enthüllt ihm das Geheimnis des Briefes

 

Und der Mann, verrückt vor Liebe

sammelt all seine Nächte und Delirien

um sich von dieser Brücke zu werfen

die es niemals gab

 

 

Die Andere

 

Rotkäppchen hätte sich nie vorstellen können, dass Wolf sie wegen einer Anderen verlassen würde. Niemals hörte sie auf die Ratschläge, die ihre Großmutter ihr in Liebesdingen gab. So sagte Wolf eines Morgens zu ihr: „Rotkäppchen, ich möchte mich von Dir trennen. Es erregt mich nicht mehr, dir im Wald nachzustellen; ich habe keine Lust mehr, mich als Großmutter zu verkleiden, damit du mir den Unsinn sagst, den du immer sagst, dass ich so große Ohren hätte und messerscharfe Zähne, und ich, wie ein Idiot antworte, dass ich sie habe, um dich besser zu hören, zu riechen und zu sehen. Nein, Rotkäppchen, für uns gibt es keine Zukunft.“ Verstört durch dieses Geständnis, lief Rotkäppchen los, so weit sie konnte und dachte darüber nach, welche Frau das Herz ihres Geliebten erobert hätte. „Sie ist es, sie muss es sein,” wiederholte das Mädchen, während sie verzweifelt das Haus der Alten suchte. „Großmutter”, rief sie schließlich, den Blick auf die Gestalt gerichtet, die im Bett lag, „Wie konntest du mir das antun? Du, die Freundin, der ich am meisten vertraute.”

„Es tut mir leid,” sagte die Andere, „ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter schwanger werden würde, erst recht nicht von jemandem, der so dumm und fantasielos ist. Wie auch immer, er ist ein verantwortungsvoller Wolf, der keine Minute zögerte, mir die Heirat anzubieten, als er die Nachricht erhielt. Es tut mir leid, Rotkäppchen, du wirst dir einen anderen suchen müssen. Er ist schließlich nicht der einzige Wolf auf der Welt, oder?“

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mario Meléndez (Linares, Chile, 1971) hat Journalismus und Medien/Kommunikation studiert. Zu den wichtigsten seiner Bücher gehören „Autocultura y Juicio » (mit einem Vorwort von Roque Esteban Scarpa, Träger des chilenischen Premio Nacional de Literatura), „Apuntes para una leyenda » und „Vuelo subterráneo ».

1993 erhielt er den Premio Municipal de Literatura anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Stadt Linares. Seine Gedichte erscheinen in verschiedenen Zeitschriften für lateinamerikanische Literatur und in chilenischen sowie ausländischen Anthologien.
Er hat an zahlreichen literarischen Tagungen teilgenommen, hervorzuheben ist das Primer Encuentro Internacional de Amnistía y Solidaridad con el Pueblo in Rom (2 003).
Anfang 2005 hat er in den renommierten Zeitschriften « Other Voices Poetry » und « Literati Magazine » veröffentlicht.

Im selben Jahr wurde er von der University of California Polytechnic mit dem Preis Harvest International für das beste Gedicht in spanischer Sprache ausgezeichnet.
Teile seines Werkes sind ins Italienische, Englische, Französische, Portugiesische, Niederländische, Deutsche, Rumänische, Persische und Katalanische übersetzt.
Zur Zeit arbeitet er am Projekt « Fiestas del Libro Itinerante ».

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