Mariana Codrut

 

 

 

(Rumänien)

 

 

Fragment aus dem Roman DIANA NACKT  (Nudul Dianei, Polirom 2007)

 

 

Kapitel zwei

„Ich liebe Dich so, dass ich zerspringen könnte!“

Nach einer Weile kam Diana mit einem Spiegel in der einen und einem Lippenstift in der anderen Hand aus der Küche, lächelte und sagte:

„Schon klar, Täuberich!“

Der Spott in ihrer Stimme traf Pavel wie eine Ohrfeige – er biss sich auf die Lippen vor Wut darüber, dass ihm der Name herausgerutscht war, den Veronika ihm gegeben hatte. Er stand vom Hocker auf, schob sich hinter Dianas Rücken entlang ins Wohnzimmer und ließ sich, rot im Gesicht vor Ärger und wegen der eigenen Dreistigkeit, in einen Sessel fallen.

Mit großen Augen sah er sich an, wie ärmlich und beengt sie lebte. Das ungefähr sechs Quadratmeter große Zimmer war vollgestopft mit hässlichen, verstaubten Möbeln: ein kleines Bett mit einem blauen Fetzen Stoff als Tagesdecke, zwei verschlissene Sessel, die an den Armlehnen und der Kopfstütze schon glänzten; neben dem Bett ein braunes Nachtschränkchen, auf dem ein paar Bücher und ein Radio standen; ein altmodischer Tisch, auf dem sich eine ganze Kosmetikabteilung drängte, und darunter ein Hocker voller Klamotten. Dann gab es noch einen dickbäuchigen Schrank – auch der war braun und hatte Quasten von undefinierbarer Farbe an den Schlüsseln.

Über einer Sessellehne hing ein weißer Schal mit kleinen Löchern, fein wie eine Schaumkrone, der erzitterte bei jeder kräftigeren Bewegung in seiner Nähe. Pavel ließ sich erfreut in den Sessel sinken und griff nach dem Schal: ein alter, dem Alkohol verfallener Schauspieler, der stundenlang wie verloren an einem Tisch im Odeon saß, hatte ihm erzählt, dass er, wenn er unsicher war oder sich in die Enge getrieben fühlte, immer irgendwas in die Hand nahm – egal ob im normalen Leben oder auf der Bühne: er nahm ein Glas, ein Buch, einen Stift oder einen Schal – was ihm als erstes zwischen die Finger kam – das war sein Rettungsanker. „Pass auf!“, sagte der Schauspieler zu ihm und hob den vom Rauchen gelblich verfärbten Zeigefinger der rechten Hand, „Am besten in so einer Situation ist ein Schal, mit dem kann man alles Mögliche machen: man kann ihn sich zum Beispiel um die Hand wickeln.“ Er nahm seinen roten Schal vom Hals, wickelte ihn sich um die Hand und spielte mit den Enden. „Oder Du legst ihn Dir um den Hals, hältst Dich daran fest, und schon fühlst du dich sicherer!“ Mit der Zigarette im Mund hängte er sich den Schal wieder um den Hals und ergriff beide Enden mit den Händen. „Du hältst Dich daran fest, siehst Du?“, sagte der alte Lehrmeister lachend, das linke Auge geschlossen wegen des Zigarettenrauchs…

Pavel bedankte sich mit einem Kopfnicken. Eine Antwort konnte er ihm nicht mehr geben, denn hinter ihm kam Diana angestürmt und fuhr ihn an, was er hier rumplaudere, „Mann, die Gäste an Tisch vier warten, es gibt jede Menge zu tun! Hopp, hopp, hopp!“ Da sagte Shylock (denn so hatte der Schauspieler sich ihm vorgestellt. „Mein Name ist Shylock! Weißt Du, wer das ist?“ und weil Pavel den Kopf geschüttelt hatte, sagte der Alte: „Beehr mich mit einem Besuch und ich erzähl es dir!“), Shylock also schaute das Mädchen an – mit einem Auge: das andere kniff er immer noch zu – und sagte zu Pavel: „Schau Dir das an, so hübsch und so eine Zicke!“. Aber komischerweise drehte sich Diana, anstatt wütend zu werden, nach dem Trinker um und fragte ihn lächelnd: „Ist die Zicke die Frau vom Bock? “ Auch der alte Schauspieler lächelte, dann blickte er zu Boden; er blieb einen Augenblick stirnrunzelnd sitzen – lange genug, dass die beiden sich zu wundern begannen, was ihn an Dianas unbekümmerter Frage gestört haben könnte. Doch dann erhob er seinen vom Rauchen gelb gewordenen Zeigefinger und skandierte: „ Die Zicke ist nicht des Bockes Frau / denn sie kennt die Sturheit nur ungenau / würd‘ sie die Sturheit besser kennen / könnt‘ sie die Frau des Bocks sich nennen!“ Und er lachte zufrieden über seinen Vers.

* *

Die Göttin der Jagd kam in ihrem blauen Morgenmantel, der ihr nicht einmal bis zu den Knien ging, aus der Küche; sie stellte den Spiegel auf den Nachtschrank und warf sich aufs Bett. Sie streckte sich aus, hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und sah ihn unter ihren Wimpern hervor an.

„Bist Du verliebt in Veronika, Täuberich?“ fragte sie, und der Hausschuh an ihrem rechten Fuß machte klipp klapp

„Oh, nein, nein!“ antwortete der Junge und wickelte sich das Tuch um die Hand. Veronika sei viel älter als er, und außerdem hätten sie sich schon lange nicht mehr gesehen – seit Jahren nicht… Er wisse nicht einmal, wo sie jetzt genau sei…

„Und war sie hübsch?“

„Sie war seeeehr hübsch!“ sagte Pavel und betrachtete die Abdrücke auf den Schranktüren: die Sonne, die durch die gardinenlosen Fenster kam, war stark genug, und man sah Dianas kleine Fingerabdrücke in dem dicken Staub auf dem Mahagoni.

Sie schwieg hartnäckig.

„Was ist das für ein Stein?“ fragte er sie und zeigte auf den roten Stein mit den goldenen Linien an ihrem Ring.

„Granat… Ich habe ihn von meiner Mama. Die mich geliebt hat; angeblich „wie ihre eigene Seele“, aber sie ist gestorben, abgekratzt!… „ antwortete Diana und schwieg wieder; Ihr Hausschuh machte klipp klapp in einem nervösen Rhythmus, den ihm ihre Ferse gab.

Pavel stand auf, ging zum Fenster und sah durch die schmutzigen Scheiben: im Westen, anscheinend kaum einen Steinwurf entfernt, schimmerten die Türme des Galata-Klosters durch die Baumkronen.

„Sag mal, was kommst Du mir eigentlich mit diesen albernen Geschichten?“ fragte das Mädchen nach einer Weile.

Pavel, der wütend war, dass ihn der Teufel geritten hatte, und er ihr von Veronika und den Fischen am Ufer des Prut erzählt hatte, drehte sich nervös um. Da sah er, dass sie den blauen Briefumschlag in der Hand hielt, den er ihr vor ein paar Tagen heimlich in die Handtasche gesteckt hatte. Er enthielt kein einziges von ihm selbst geschriebenes Wort, sondern nur die Geschichte von Artemis, der Göttin der Jagd. Seine Auserwählte hatte das einmal im Restaurant erwähnt: Diana ist die Göttin der Jagd. Pavel hatte sich diese Verbindung mit ihrem Namen gemerkt und zuhause sofort aufgeregt in Mythen und Legenden des Alten Griechenland – ein Geschenk von Veronika – nachgeschlagen und dort die Geschichte der Göttin der Jagd gefunden. Sie hieß bei den Griechen zwar Artemis, aber für seine Zwecke hatte das keine Bedeutung: schließlich waren sie alle beide Göttinnen der Jagd. Und dann eines Nachts, lange nachdem seine Eltern ins Bett gegangen waren, schrieb er für Diana aus dem abgegriffenen Buch die Geschichte von der Artemis ab, mit Herzklopfen, als wäre es eine Liebeserklärung, was da über Artemis stand: „Sie beschützt die wilden Tiere, die Herden und die Menschen, fördert das Gedeihen von Gräsern, Blumen und Bäumen, sie segnet die Geburt, die Hochzeit und die Ehe… Ewig jung und schön wie ein heiterer Tag, bricht diese Göttin mit Pfeil und Köcher auf dem Rücken, den Speer in der Hand, mit einem gerade knielangem Gewand, wohlgemut zur Jagd in schattige Wälder oder zu sonnenbeschienen Feldern auf… Weder der ängstliche Hirsch noch das scheue Reh oder das wütende Wildschwein, das sich im Dickicht versteckt, entkommen ihren Pfeilen, die nie ihr Ziel verfehlen. Sie ruht sich gern in kühlen Höhlen aus, die durch Sträucher vor den Blicken der Sterblichen geschützt sind. Wehe dem, der es wagt, ihre Ruhe zu stören. Den jungen Aktaion, Enkel des Kadmos und König von Theben, kam das teuer zu stehen.

Er war mit seinen Freunden auf der Jagd, als er sich von ihnen trennte, um nach einem kühlen Ort in den Tälern des Kithairon-Gebirges zu suchen. So kam er in das mit Grün und Blumen bedeckte Tal Gargafia, das der Göttin Artemis geweiht war… Dort herrschten Ruhe, Frieden und Kühle… Am steilen Abhang des Berges sah Aktaion eine wunderbare Höhle, ganz durch Pflanzen geschützt. Er näherte sich ihr, ohne zu wissen, dass sie der Göttin Artemis, der Tochter des Zeus, als Ruheort diente. Als Aktaion zur Höhle kam, war die Königin soeben eingetreten, hatte einer der Nymphen Pfeil und Bogen übergeben und bereitete sich auf ihr Bad vor. Die Nymphen zogen ihr die Sandalen aus, banden ihr das Haar nach hinten, und die Göttin war eben dabei, in den kühlen Bach zu steigen, als im Eingang der Höhle Aktaion erschien. Die Nymphen erblickten ihn und begannen zu schreien. Sie umringten Artemis und suchten sie vor den Blicken des Sterblichen zu schützen. Wie der Sonnenaufgang die Wolken glühend pupurn färbt, so errötete die Göttin vor Wut und ihre Augen funkelten vor Ärger, was sie noch schöner machte. Artemis war voll Zorn darüber, dass Aktaion ihre Ruhe gestört hatte. In ihrer Wut verwandelte sie den Unglücklichen in einen anmutigen Hirsch. Aus dem Kopf spross ihm ein Geweih. Seine Hände und Füße verwandelten sich in Hufe. Sein Hals wurde lang, seine Ohren spitz und sein Körper bedeckte sich mit Fell. Der ängstliche Hirsch nahm schnell Reißaus. Erst im Wasser des Baches sah er seine neue Gestalt… Er wollte rufen: „Wehe, was ist mir geschehen!“, aber er hatte die Sprache verloren. Tränen strömten aus seinen Hirschaugen. Nur sein Verstand war menschlich geblieben. Was sollte er tun? Wohin konnte er fliehen?“.

Als sie den Brief mit betont spöttischer Betonung zu Ende gelesen hatte, ließ sie ihn aufs Bett fallen, sah Pavel durch die Wimpern an und fragte wieder:

„Was soll das mit diesen blödsinnigen Geschichten, die total hohl sind?“

Pavel gab keinen Ton von sich. Eifrig wickelte er das Tuch um seine Hand, nahm es wieder ab und lächelte. Aber sein Schweigen und sein Lächeln machten das Mädchen noch wütender, und sie fauchte ihn nun erst recht an:

„Und außerdem frag ich mich, was Du mir immer hinterher rennst, dass alle im Odeon schon darüber lachen, wie Du an meinem Rockzipfel hängst – wie ein Kalb – und nichts sagst.

Kaum geh ich in die Küche, kommt Pavel hinterher!

Gehe ich an die Bar, kann ich drauf warten, dass Pavel auftaucht!

Esse ich Hühnerfleisch mit Knoblauch, will auch Pavel welches! (sie lacht)

Schaue ich aus dem Fenster – wer guckt auch raus? Pavel!

Bin ich verrückt auf Weinschorle mit Sirup, wird es sofort Pavels Lieblingsgetränk!

Kratze ich mich am Hintern, juckt es Pavel an der gleichen Stelle!…“

Aber auch dazu sagte Pavel nichts, er sah weg und knetete die weiße Baumwolle des Tuchs in seinen Händen. Diana stellte das Radio an, drehte den Zeiger von einem zum anderen Ende der Skala, so dass sich das Zimmer mit Knirschen und Kreischen füllte, und schaltete es dann gleich wieder schimpfend aus. Sie fragte Pavel noch einmal gereizt:

„Was ist jetzt!? Sag was – oder bist du taubstumm?“

Der Junge des Meisters legte sich das weiße, durchscheinende Tuch um den Hals, hielt es mit beiden Händen fest, nahm allen Mut zusammen und sagte:

„Ich liebe dich so, dass ich zerspringen könnte!“

Und er lächelte verlegen, schwieg und schlang das feine Tuch um seine Finger.

Diana sah ihn mit offenem Mund an und brach in schallendes Lachen aus. Sie lachte und lachte und kugelte sich auf dem Bett, dass ihre Schuhe auf den Teppich fielen, direkt vor Pavels Füße. Pavel lachte auch und war froh, dass sie nicht wütend geworden war, wie damals seine Rumänischlehrerin, als er ihr in der neunten Klasse den gleichen Satz unter den Hausaufsatz geschrieben hatte. (Was für einen Aufstand die junge, blonde Romaniţa in der nächsten Stunde gemacht hat! Alle in der Klasse haben ihn ausgelacht! Sie bestellte seinen Vater in die Schule und beschwerte sich mit rotangelaufenen Wangen, der „Schüler Adam Pavel“ würde sich über sie lustig machen. Aber Don Costică wich ihr aus, versuchte es diplomatisch und sagte ihr, das sei ja „praktisch“ unausweichlich, so hübsch wie sie sei. Er schaffte es, sie zu besänftigen, vor allem als sie sich vor dem Lehrerzimmer allein unterhielten. Pavel hatte befürchtet, eine Backpfeife von seinem Vater zu bekommen. Aber als sie zuhause ankamen – denn unterwegs im Auto hatten sie über etwas anderes geredet –, sah der Meister nur ab und zu seinen Sohn an und schnaufte wütend. Und zwei Tage später hat er darüber gelacht und Pavel gefragt, wo er „praktisch“ diesen Satz her habe – das Wort praktisch ware damals ein richtiger Tick von seinem Vater… Aber Pavel sagte ihm nicht, dass er ihn von Veronika hatte: es kam ihm vor, als würde er Veronika verraten, und den Tag am Prut-Ufer, und den auf dem Melonenbeet, und den mit dem Kleinen Prinzen – und so ist er stumm geblieben wie ein Fisch…)

„Wie geil!“ stieß Diana unter Lachen und Tränen heraus. „Hör dir das an! Er liebt mich so, dass er zerspringen könnte!“

So eine Liebeserklärung hatte sie noch nie gehört! Sie hörte gar nicht mehr auf zu lachen, und Pavel schaute verkrampft auf ihren offenen roten Mund, der über die Ränder hinaus grell mit Lippenstift bemalt war.

Dann setzte sich Diana auf, wischte sich die Tränen aus den Augen und seufzte, als wäre sie seeeehr müde. Sie erkundigte sich, ob der „Täuberich“ etwas trinken wollte, aber er antwortete „nein, danke“, weil er gerade Medikamente nahm.

* *

Diana brachte aus der Küche ein Glas und eine Flasche Bier mit, berichtete, dass der Fisch anscheinend sogar noch im Tiefkühlfach zappelte, ließ sich dann in den anderen Sessel fallen und nahm die Füße hoch, so dass man ihre Oberschenkel unter dem blauen Mantel bis weit nach oben sehen konnte. Da stand Pavel auf und legte ihr das Tuch, das weiß und fein war wie Schaum, über die Knie. Sie ergriff es mit zwei Fingern und ließ es auf den Teppich fallen, wie ein Haar, das man auf der Kleidung gefunden hat.

Pavel bückte sich, hob den Schal auf und legte ihn über seinen linken Arm. Dann stand er auf, nahm ihr das Glas und die Flasche aus der Hand und schenkte langsam und konzentriert das Bier ein – am Rand des Glases, damit sich nicht zu viel Schaum bildet. Das Mädchen steckte einen Finger in das Bier, leckte ihn ab, als müsste sie sicher gehen, dass das Bier in Ordnung war, und trank dann durstig aus dem Glas. Noch während sie sich den Schaum von den Lippen leckte, fuhr sie ihn an:

„He, du spielst ja sogar zuhause den Kellner. Wie du das Bier eingießt mit dem Tuch um den Arm (und zeigte auf ihren Schal)! Wie ein echter Kellner!… Naja, keiner der Kellner aus dem Odeon ist ein richtiger Kellner… Ich maße mir da auch selbst gar nichts an, das ist nur ein Job – eine Übergangslösung. Ich bleib, bis ich nächstes Jahr zur Uni gehe…“

Sie schwieg und drehte das Glas in den Händen. Pavel lächelte.

„Du bist auch kein richtiger Kellner Täuberich! lachte sie. Wenn du wissen willst, was ein echter Kellner ist, musst du den Roman von einem Tschechen lesen, Hrabal heißt der. Da kannst du lesen, wie es ein echter Kellner schafft, auf den ersten Blick den Geschmack, die Gewohnheiten und Eigenarten der Gäste zu erraten…“

„Na, ich bin ja auch nicht…“ begann Pavel einen Satz, aber sie unterbrach ihn sofort und sah ihm direkt in die braunen Augen mit den Goldfädchen darin.

„Kannst du den Geschmack, die Gewohnheiten und die Eigenarten eines Gastes erraten, wenn er zur Tür hereinkommt?“

Pavel wich ihrem Blick aus und antwortete:

„Der Mensch ist ein Rätsel – selbst wenn man sein ganzes Leben mit einem Menschen verbracht hat, weiß man nicht alles über ihn!“

Diana musterte ihn abfällig und nickte, als ob sie schon vor zweihundert Jahren gewusst hätte, dass er das sagen würde und er sie damit kaum überraschen könnte. Dann zündete sie sich eine Zigarette an. Nachdem sie ein paar Züge geraucht hatte – schnell und tief, so dass es einem schwindlig wird, wenn man nichts gegessen hat und noch dazu etwas trinkt, soviel wusste auch er, obwohl er nicht rauchte – fuchtelte sie mit einem Finger in der Luft herum:

„Du Philosoph! Ein Deutscher hat mal gesagt, dass nur der die Welt kennt, der sich selbst kennt.“

Pavel nickte anerkennend – das heißt anerkennend und gleichzeitig etwas ungläubig, denn so gar nichts wusste er nun auch nicht von der Welt, aber er gab kein Sterbenswörtchen von sich.

„Glaubst du etwa, du kennst dich?“ sagte Diana herausfordernd und schenkte sich hastig noch ein Glas Bier ein. Durch die schnelle seitliche Bewegung sprang ein Knopf ihres Morgenrocks auf: der Anblick ihrer weißen Brust traf Pavel wie ein Messerstich. Er sah schnell weg. Diana bemerkte es, begann zu lachen und fragte ihn, wann er gedenke, erwachsen zu werden, denn er verhielte sich wie ein kleiner Junge. Pavel drehte sich wieder zu ihr um, rot bis über beide Ohren, und wollte ihr eine Antwort geben, aber er war wie versteinert: die Göttin der Jagd hatte ihr Bierglas auf den Nachttisch gestellt und öffnete, mit der Zigarette zwischen den Lippen, langsam die Knöpfe ihres Morgenrocks, einen nach dem anderen, und drehte sich hin und her, um erst den einen, dann den anderen Arm aus den Ärmeln zu ziehen.

Und wieder wurde sein Herz von einer Blutwelle überschwemmt.

Übersetzung: Julia Richter & Roland Erb

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mariana Codruţ, geboren 1956 in Iaşi, schreibt vor allem Lyrik , publizierte aber auch einen Roman. Sie studierte Philologie (Rumänisch und Französisch) an der Alexandru Ioan Cuza Universität in ihrer Heimatstadt. Sie arbeitete zeitweise als Lehrerin, hauptsächlich jedoch für die Literaturzeitschriften « Convorbiri literare » und « Sud-Est ». Zur Zeit ist sie Redakteurin des Universitätsverlags „Al.I. Cuza” in Iaşi. Codruţ ist Mitglied des Rumänischen Schriftsteller-Verbands und des Internationalen PEN-Clubs. Veröffentlichte Lyrik-Werke: „Măcesul din magazia de lemne” (1982), „Schiţă de autoportret” (1986), „Tabieturile nopţii de vară” (1989), „Existenţă acută” (1994), „Blanc” (2000). Im Polirom-Verlag erschien 1997 der Roman „Casa cu storuri galbene” und ein Jahr später in der deutschen Übersetzung „Das Haus mit den gelben Gardinen”, sowie der Erzählband „Ul Baboi şi alte povestiri” (2004).

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