Margarete Groschupf

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Der Wald ohne Bäume

 

Vanessa lief den Feldweg entlang, ihre Arme hielten die Balance zwischen den Wolken, für jede Himmelsrichtung hatte sie eine Körperteil, für den Südpol die Haare. Ein beschweiftes Tier sprang von ihrem Kopf herunter und schaffte die Flucht doch nie ganz. Sie ging vor sich hin als Sonnentänzerin, mit jedem Schritt trat sie aufs Neue auf der Stelle, sie wollte nirgend woanders sein, als diesen Weg in den Himmel zu laufen. Am liebsten wäre sie senkrecht gegangen.

Ein Zuhause gab es nicht. Es war ein Elternhaus mit Zimmern, die sie so sehr kannte, dass die Spinnen an den Wänden schon ihre Komplizen geworden waren. Man konnte nicht genug lüften.  Die Türen, die Fenster, die Wände, alles war schuld an der Erinnerung.

Er war abgereist. Er hatte seine Haare im Hinterkopf geknotet, einen Stab durchgesteckt, sein Bündel geschnürt und ihre Haut überall durchgestriegelt. Es war genug gewesen, gründlich, immer wieder von vorne, er hatte ihr alles gegeben, was er so drauf hatte, sein Geruch war ein anderer, die glühenden Stengel im Halbdunkel rochen süß, er brachte noch eine andere Ebene dazu. Er hatte die Weite im Kopf, seine Haare würden in der Länge ihre nicht einholen, seine Beine auch nicht, noch seine Arme. Seine Worte waren merkwürdig kurz, dafür viele davon. Sie hatte sich in den letzten Tagen von seinen Worten ernährt, er erklärte alles, was er bislang im Leben berührt hatte, seien es Fische gewesen, die er gefangen, ausgenommen, gesalzen und gegrillt hatte oder Blumen, die er unterscheiden konnte, Unkraut, dass er zu zupfen verstand, Holz, das er spalten konnte, Baumstämme, die er weghacken würde, wenn jemand ihn bat. Ohne Bitte stand er morgens im Garten und drehte den großen Stab in seinen Händen, der sich herum und herum bewegte, ein Tanz der Handballen gegen die Schwerkraft des runden Holzes. Er jonglierte genauso mit dem Leben. Mit seinem und auch mit ihrem, das war ihr ja klar geworden, aber was hätte ihr besseres in den letzten Tagen geschehen können, sie ließ ihn mit seinen neugierigen Händen probieren, was er sonst mit einer anderen Frau tun würde oder mit einem Mann, darauf hatte er ja bestanden: er wollte nicht auf andere Menschen verzichten. Als er wieder aufgetaucht war, nahm sie ihn mit ihren Fingern auf, fädelte sich zwischen seine Hände und ließ das Kichern in der Brust frohlocken. Endlich machte sie sich keine Sorgen mehr.

Er war da, sie fuhren zusammen zur See, der Vater saß am Steuer. Sie würde ihn beim Jonglieren  ermutigen und im Wasser beobachten, ob sich etwas änderte. Das Wasser besaß die Tücke dreifach, sie kam alleine nicht dagegen an, es konnte niemand helfen. Das Ufer gegenüber war nicht so weit weg, dass man nicht fliehen könnte, wenn man nur lange genug durchhielte, ungefähr drei Stunden müßten genügen, in das Land zu geraten, wo eine andere Sprache und eine neue Logik ihr vielleicht das Brett vom Kopf reißen würden. Sie könnte es probieren, aber das Wasser hatte Feinde an Bord, die Viecher, die plötzlich da waren, ihre Haut streiften, glibberig und schnell, weich ohne Fell, listig und hinterhältig. Sie brannten, konnten lähmen und töten. Sie haßte die Quallen, sie war auf der Hut vor ihnen. In diesem Sommer waren sie im Meer und beim Schwimmen gab es unweigerlich Begegnungen, Berührungen. Die Angst war da, sie konnte der Angst noch weniger ausweichen als diesen Tieren. Der Badeanzug gab ihr ein sauberes Gefühl von Kontur, eine Linie, die gebogen war auf stilsichere Art, sie ließ die Beine beim Spaziergang Schatten schlagen, für’s Radschlagen war sie zu alt. Sie kicherte ihm in den Nacken und hatte allen Grund zur Freude, am Morgen gab es nichts Schöneres, als die Butter für ihn aus der Sonne zu retten. Sie lief hin und her und bereitete ihm ein Festmahl als Frühstück, die Milch wurde aufgeschäumt, nie hätte sie einen Café geschluckt, der dem besten Standard nicht entsprochen hätte, wozu war sie Jahr für Jahr in Kneipen gestanden und hatte die heißen Luftströme am Tresen in die Tassen gejagt. Die Sonne schien warm auf den Terrassenplatz und sie klemmten sich die Füße auf die Kissen. Bald würde er abreisen, bald würde sie abreisen. Sie wußte nicht, wohin, nicht genau wofür, er wußte es auch nicht, sie sprachen oft darüber.

Gestern waren sie kreativ gewesen, so nennt man das wohl, man hat einen Gedanken, eine Idee, man setzt sich dran, und man hat ein Ergebnis, sie konnte dieses Stück Seide nun über ihr Bett hängen, es war ein Portrait ihrer selbst, ein Erinnerungsbild an ihr liebstes Tier. Es gab ja dieses Spiel früher: was für ein Tier möchtest Du sein und so malte sie die Form, die ihr Pate stehen würde, wenn sie einen Wunsch frei hätte. Sie wäre ein Schmetterling, hellblau, der Himmel sollte auf Erden stattfinden dürfen, sie gab dem Wesen Flügel, einen Körper, einen Kopf und Fühler. Die Fühler waren der Trick, die Fühler wurden Schwerter. Es war ein anderer Schmetterling als sonst üblich. Sie war stolz auf die Differenz, ein anderes Bild als erwartet. Ein eigenes Bild. Eine runde Scheibe, sie fädelten Weidenzweige in die Umrandung und konnten das Emblem so im Raum befestigen. Sie war nun keine Sonnenanbeterin mehr, sondern hatte ihren Gott hereingeholt, eine Insektengottheit beschworen, die mit der Wirkung begann, sowie sie ihr Ritual mit ihm wieder aufnahm. Sie mochte sein Blond, er war eben nicht dunkel, er war hell, seine Stimme sang Baß, er konnte auch anders, er probierte sich aus, wo immer er wollte und sie lag da und hatte das Vibrato auf der Brust.

Die Tage der letzten Woche hatten ihren Kopf ausgelöscht, der Schmerz war mit solcher Wucht gekommen, daß sie sich nicht mehr auskannte. Sie war nur dankbar für die vertrauten Wege vom Bett zum Badezimmer, vom Sofa zum Küchentisch. Sie stützte sich ab, krümmte den Bauch, die Stimme am Telefon laut genug zu bekommen, daß ihre Schwester sie noch verstehen würde, war Anstrengung genug. Sie ging den Weg durch den Garten bis zur Wäscheleine notgedrungen, so viel Handlung brachte sie noch auf, die nassen Gräser am Boden erinnerten sie an Zeiten, als barfuß eine selbstverständliche Sommersache war. T-Shirts und die Handtücher für alle waren der Service, der  ihr lag, die Waschmaschine ihre eigene, die Knöpfe parierten sauber und präzise auf die Temperatureinstellung, dann war es der Griff um den Wäschekorb, der die Arme sich öffnen ließ und sie hatte wieder ein kleines Gefühl ihrer selbst. Als sie in der Sonne lag und insgesamt gewärmt werden wollte, kam der Strahl nicht tief unter die Haut.

Mit ihrem Vater besprach sie das Ganze nicht. Sie disziplinierte ihn auf den Einkaufszettel hin, den sie jeden zweiten Tag auf die Anrichte legte. Das war es, was sie gelernt hatte, den regelmäßigen Rhythmus der Besorgungen aufrecht zu erhalten, die Milch, das Joghurt, den Gouda, Brot, Gemüse, das war das Wesentliche. Sie schrieb die Dinge jeden zweiten Tag auf, gewann den Vater, ins Auto zu steigen, Toilettenpapier konnte man nicht mit dem Fahrrad transportieren. Ihren Vater ging ihr Leben nichts an, aber sie achtete auf einen guten Ton. Ihr Vater lernte, ihr zu gehorchen. Sie waren in einen ganz merkwürdigen Streit gekommen in den letzten Tagen, so eine komische Sache, die eigentlich gar keine war, aber da hatte es losgezischt. Wie konnte es blitzen und krachen, wenn keine Ladung vorher in der Luft gewesen wäre, es kam aus heiterem Himmel, das Wetter war seit Wochen gut gewesen. Er hatte sie einfach nur zum Bahnhof gebracht, wie er es immer tat, er stellte die Frage, wie er es immer tat, ob sie vorne halten wolle oder weiter hinten, das Gepäck war noch im Stauraum, das würde er dann mit vorbringen. Er fragte noch einmal nach, aber weil sie müde war an diesem Tag, konnte sie sich nicht entscheiden, sie verstand die Frage nicht. Was wollte er  damit sagen, das wurde ihr erst am nächten Tag klar: es war die Frage an sich, möchtest Du hier  jetzt aussteigen oder dahinten mit mir, es ging um eine einzige Minute, die sie gewinnen würde. Sie grummelte vor sich hin und da brach es aus ihm raus: „Kannst du mir nicht einmal eine klare Antwort geben?“ Er wollte ihr alles recht machen, er wollte sich immer nach anderen richten und wenn sich diese wegen Müdigkeit oder Unentschlossenheit überfordert waren und sei es in der dööfsten und kleinsten Sache, funktionierte gar nichts mehr. Sie verzischten in einer Blitzflamme aneinander. Er hatte ihr das früher mal erklärt: er empfand es als seine Lebensleistung, seine Selbstüberwindung. Es lag ja vor ihrer Zeit, er sagte, er sei mal ganz anders gewesen. Jeder Mensch ändert sich irgendwann, irgendwie, aber dies klang nach einer Umwandlung von Grund her, nach einer anderen Aufwicklung der ganzen Persönlichkeit. Er hatte ja noch eine Ehe gehabt vor der mit ihrer Mama. Eine andere Familie, sie kannte natürlich ihre Brüder und ihre Schwester, aber wie kann man ein Leben haben und dann noch mal ein anderes von vorne beginnen, sie konnte sich das nicht vorstellen und wollte sich auch nicht hinein beamen, sie wollte ihres pflegen und züchten und da war der Vater eine Welt entfernt. Da war dieser Schnitt, von dem er mal erzählt hatte, dass er ums Haus gerannt war, die andere Mutter damals in der Küche, ein Stinkstiefel, der sich plötzlich schämte. Auf einmal war es ihm aufgefallen, er riß sich an den Haaren aus dem Sumpf, hatte den Begriff der „sozialen Umweltverschmutzung“ erfunden, er wollte nicht mehr mitmachen bei dieser Volksseuche. Er hatte sich an diesem Tag für das Nicht-Aggressive entschieden. Sie kannte ihren Papa ja nur anders, sanft, einen Mitfühl-Papa, der abends sang und für andere alles tat, der immer reparierte, aber in seiner Umständlichkeit nicht gerade das, was man brauchte. Der Nicht-Mensch, der er war als der ewig Helfende, dieser komische Soft-weich-Einfühl-Verständnis-Mann hielt nicht einfach mal mit dem Auto und sagte, ‘so hier lasse ich dich raus, geh rüber, ich komme gleich’, er wollte sich auf sie einstimmen, aber sie war selbst auch nicht da. Der Papa war ein Guru, kein Mann mehr, er hatte die Männlichkeit für sich über Bord geschmissen, er war ganz anders, ein Feminist, ein Revolutionär, er hatte ein anderes Prinzip geschluckt. Anerkennung wollte er immer noch, und das kam ein bißchen kindisch, das hatte sie an ihm schon hundert mal beobachtet, wenn Freunde da waren. Wer bemühte sich am meisten, denen zu imponieren? Immer der Papa. Für ihn war es ganz groß, wenn er ein cooles Tischtennis-Matsch hinlegte mit einem jungen Vertreter der Männlichkeit. Dann war der andere der Boss. Immer der andere.

Wenn sie mit ihm sprach, – sie hatte angefangen, es zu vermeiden, – wurden seine Worte oft zu Brei,  wie wenn er nie sprechen gelernt hätte. Er fing an zu reden, als ob er in einen Wald liefe, dort gab es Bäume ohne Ende, es gab Wege, aber wie es schon Hänsel und Gretel geschah, als sie abends im Wald plötzlich allein waren und wieder nach Hause finden mussten, die Brotkrumen waren aufgepickt von unberechenbaren Vögeln, da wußten sie nicht weiter und der Wald war eine Finsternis. Man hatte Glück, wenn man nicht gegen einen Baum lief. Der Vater sah beim Sprechen keine Wege, da war keine Vorraussicht, er blieb stecken in einem Wort, als ob es eine Kartoffel wäre, die er kauen sollte, damit die Gräte aus dem Hals rutscht. Vielleicht sollte sie darüber nachdenken, welche Gräte in seinem Hals steckte, vielleicht war die Kartoffel nur der zweite Schritt. Vielleicht sollte sie Grätenforscherin werden, aber dem eigenen Vater mit einer Pinzette hinter den Kehlkopf zu gehen, war absolut zu viel. Ihr war diese Familie sowieso zu viel. Sie fielen ihr alle zu Füßen in ihrer Hilfsbedürftigkeit, die anderen Schwestern, die an verschiedenen Kanten kauten. Warum hatten die Eltern das Brot der Kindheit nur nicht weich genug gekocht, die Stückchen klein genug geschnitten? Sie wollte ihrem Vater nicht das Brot vorkauen.

Sie ekelte sich vor diesem Brei, was wenn er rülpsen würde, wenn das Halbverdaute hochkäme?

Wenn sie ihre Oma besuchte, kamen ihr die Gerüche eindeutig entgegen. Wer ging schon über eine  saftige Wiese zu einer Oma, die mit fast hundert Jahren noch ein Hippie war. Die Oma trug Windelhosen, sie war diejenige, die das Kindtum ganz offen zur Schau trug, aber sie durfte es in ihrem Alter auch wieder tun. Wer hätte ihr denn die Hilflosigkeit verübelt.

Man musste zu ihr gehen, es war ein täglich Brot, ihr Vater tat das für alle, er schluckte dieses Brot. Nur konnte sie nicht sagen, ob der Klumpen in seinem Hals von diesem Brot kam oder aus der Vergangenheit, eine Kindheits-Stulle gewissermaßen. Auf dem Boden in Omas Hütte waren Flecken, es waren Dinge, die in dieser Familie auf einem anderen Blatt standen, das Blatt war besprenkelt, die Oma malte Aquarelle, aber diese Flecken auf dem Boden hatte sie nicht mit Farbe und nicht mit Absicht gemalt. Sie lief aus, in jeder Richtung. Es roch scharf. Vanessa würde nie Krankenschwester werden wollen oder gar Altenpflegerin. Die Schwestern, die jeden Abend und jeden Morgen zur Oma kamen, nahmen sich Gummihandschuhe, versetzten sich selbst ins Antiseptische, blickten der Wahrheit ins Gesicht, sie konnten ihre Nasen dabei auch nicht draußen lassen. Die Oma war eine Sensation, die stank. Vanessa ging kurz rüber, machte sich einen Kaffee an ihrer Kaffeemaschine.

Der Vater sah den Wald vor Bäumen nicht, ihm steckten die Brotklumpen im Hals, er bekam die Worte nicht heraus, er konnte die Sätze nicht zu Ende bringen, sie saß manchmal beim Mittagessen und ekelte sich. Sie war ungeduldig, es war die falsche Rolle auf den Papa zu warten, bis er endlich sprechen lernte. Sie konnte seine Kindheit beobachten, aber sie wollte ihre eigene überwinden. Sie sah ja selbst den Wald vor Bäumen nicht. Wer hatte schon so ein anti-autoritäres Elternhaus, ließ den Wänden die Freiheit, aufzuspringen ohne gleich den Gipser hinterher zu jagen? Sie lief die Treppe herunter dreißig bis vierzig mal am Tag und sah, was man tun könnte und nicht tat. Sie wollte nicht für alles da sein. Sie war für sich selbst verantwortlich und schrieb Einkaufszettel. Sie nahm sich die Blumen vor und die Sonne und die Wege über die Felder. Sie nahm sich ihre Reise vor und verschob diese von Woche zu Woche, von Monat zu Monat.

Wenn sie selbst auf dem Klo saß, es war ein Faß ohne Boden, das Haus hatte keinen Keller, der Vater war schon ganz begeistert von der Möglichkeit, im Garten eine Grube auszuheben und dort die Äpfel in der Kühle der Erde über den Winter zu bringen – wenn sie auf dem Klo saß, wurde sie erinnert, daß nie, und wirklich nie, diese Spülung repariert wurde. Man zog an einem Bändchen, man sah das Spülwasser warten, bis es seinen Dienst tun würde, im unteren Klo tat es diesen Dienst nie wirklich. Eines Nachts hatte sie sogar oben mitten im Schlaf den Fußboden aufwischen müssen. Das Klo war übergelaufen. Hier lief einfach alles, das Klo und die Oma liefen aus, der Vater kaute Brei, es war eine unappetitliche Veranstaltung. Das einzige, was sie tun konnte, war Freunde anzuschleppen, die gute Handwerker waren. Sie wollte ihren Kopf loswerden, die Haare wippten bis zum Po, sie federte über die Straße, sie hätte doch in den Wolken leben mögen.

Beim Essen passierte diese andere Begegnung, dieses Gestreiftwerden. Ihr Vater hatte eine Freundin, die war jetzt da und fuhr einkaufen mit dem Fahrrad, als ob nichts wäre, als ob das Dorf nicht total weit weg wäre. Sie tat das einfach, auch bei Regen. Und sie schnitt Zwiebeln zwischen den Zeiten, wenn eigentlich überhaupt keine Zeit für irgendetwas war, als alle warteten, dass sie zusammen zur Ostsee fahren würden. Wie kann man dann noch zwischendurch irgendwas tun? Vanessa bemühte sich stets, ein Zeremoniell zu feiern, wenn man etwas tut, dann richtig, dann  ausführlich und mit ganzem Bewußtsein. Darin aufgehen, es spüren, durch und durch innerlich darin sein. So wie sie jetzt in der Sonne drin war, im Innern des Lichts. Im Feldweg, ihre Haare begleiteten sie treu. Sie ließ sich nicht auf die praktische Grobschlächtigkeit ein, sie behielt ihren Kosmos für sich. Die Freundin war hier an Land gespült worden, sie hatte mit ihrer Mama lange darüber geredet. Die Freundin ging ständig zur Oma, das war wirklich lieb von ihr, sehr aufopferungsvoll und moralisch unbedingt hoch zu bewerten. Die beiden hatten ein kreatives Ding in sich, das verband sie. Sie selbst ging nur zur Oma, um sich Kaffee zu holen, sie wollte sich von dieser Oma nicht besudeln lassen. Immer diese Bemerkungen, „Na, was machst du denn als nächstes?“ – es kann niemand von außen ermessen, wie anstrengend es ist, eine Künstlerin-Oma zu haben. Es ist gut, wenn man viel weiß über die Pflanzen und die Natur, sie würde ja gerne ein Gemüsebeet anlegen und selbst ernten, aber sie wußte genau, daß sie hier nicht länger leben würde. So tat sie es nicht, es wäre völlig falsch gewesen, in dieses System noch irgendeine Energie zu investieren. Die Mama hatte ein Buch, in dem der Weltuntergang für das nächste Jahr vorhergesagt wurde, es gab physikalische Verschiebungen, eine Kraft im Weltall, die man berechnen konnte und man mußte sich doch wappnen, wenn das ungeheuerliche Ding eintreffen würde. Man mußte doch Vorkehrungen treffen. Sie wollte eigentlich abreisen, ja sie wollte seit Monaten losfahren, sie wollte jetzt nicht die Weltreise machen, sondern Spanien, Portugal, Griechenland: diese Lände waren das Ziel. Die Jahreszeit wurde immer später, aber in diesen Ländern gab es Lebensgemeinschaften, an denen sie teilhaben wollte. Dort dabei sein, mit den Menschen frühstücken, Fotos machen, wie deren Kinder lachen. Wie sie Brot backen, den Garten bestellen und abwarten, ob ein Mann dabei wäre. Sie könnte ja auch ein Kind bekommen und hätte dann einen guten Grund, in Griechenland zu bleiben oder vielleicht in Portugal. Sie würde die Sprache dort dann schon lernen. Sie würde natürlich durch das Kind viel Gemeinsames haben mit anderen Frauen, die dort auch lebten.

Sie achtete darauf, daß ihr Vater ihr nicht dazwischen redete, vermied den kleinsten Wortwechsel. Sie wollte die Klarheit und Reinheit im Kopf bewahren, sie hatte ja keine Lust, weiter Sozialarbeiterin in dieser schrecklichen Familie zu sein. Es konnte ja keiner von außen sehen, wie es nervt, wenn der Papa stöhnt beim Einkauf: 80 Euro, alles so traurig. Das Wort traurig war die Hauptvokabel. Sie ging dagegen an, sie wechselte das Plakat, das in der Küche hing, ein Gesicht aus kräftigen bunten Strichen, ein grader Balken als Mund, schon wieder traurig. Der depressive Papa schlug sich in allem nieder. Das wollte sie nicht länger dulden und holte ein Plakat hervor aus ihrem eigenen Fundus. Ein schwarzweiß-Foto mit Treppe und Schatten, eine Frau trug das Muster noch einmal als Kleid, die Grafik ergab eine eindeutige Linie. Da war der Frau die Strenge ins Gesicht geschrieben, der Fotograf hatte das präzise inszeniert. Einen gewissen Akzent konnte sie gut leiden.

Mama hatte sich neulich einen Tisch in die Sonne gestellt, sie hatte die Sonne im Sitzen angebetet,  saß draußen mit einem weißen Tischtuch darauf, wenn jetzt noch ein Rotweinglas und eine französische Karaffe dazu gekommen wären, hätte das ein richtig edles Bild abgegeben. Mama blätterte Modekataloge durch, sie war einfach gelöst und nahm sich die Freiheit für schöne Sachen. Es können doch auch Träume im Leben sein, man darf doch wohl auch den Genuß an sich heran kommen lassen und nicht immer denken, das sei nur für die anderen da, jene, die den Bogen raus haben auf der gesellschaftlichen Erfolgsspur. Wenn man so wie Mama sanfte Dinge tut, Gesundheitstanz, dann soll einem doch dennoch nicht der Weg versperrt sein zu guter Qualität in Farben und Muster, zu einer Merino-Wolle, die mit Alpaca gemischt ist. Mamas Hosen waren rund und nicht mit Bügelfalte geplättet, sie pflegte sich sehr, sie hatte immer mehrere Schichten übereinander mit harmonischen Farben und großen Mustern auf einer dieser Lagen. Ihre Haare waren neuerdings kurz und abstehend, eine freche Rothaar-Frisur, die die Nase rausstreckte zum Alter. Mama hat am Herd gesungen und ihr Bein in die Luft geschlagen, ein bißchen witzig und albern, diese Mama, ich kann sie nun ja auch nicht gegen ein andere Mama eintauschen, die so etwas nicht tun würde, die vielleicht einen karierten Faltenrock trägt und hackige Schuhe. Ich weiß nicht genau, in welcher Welt solche Mütter leben, aber ihre lachte eben viel nach links und rechts. Ihre Mama hat auch ihre vornehme Seite und bringt sie beim Lesen von Modekatalogen zum Ausdruck. Sie gönnte Mama einen ganz teueren Mantel für 900 Euro. Sie selber wollte gar kein Geld für Kleider ausgeben, sie find, die Modeindustrie lacht alle aus. Sie machte das anders, völlig anders, sie ging über Flohmärkte und nahm mit im Welchsel für alte Sachen von sich selbst, was  ihr gefiehl. Sie hatte dadurch Abwechslung und dann färbte ein T-Shirt, was erst gelb war, dunkelblau. Ja, das machte sie schon ganz anders. Die Haare immer röter, das Hemd dunkler.    Vanessa schlug sich die Haare nach hinten um den Kopf, blieb sitzen und ließ Mama erzählen.

Die Freundin des Vaters ging vorbei. Was das nun wieder bedeutete? Sie zog ihrer Wege, saß stundenlang da und kratzte die Stachelbeeren ab, die dieses Jahr eine dunkle Schicht bekommen hatten, einen Pilz. Sie hatten alle herumgeforscht, was das bedeuten könnte, sie nahm sich nun ein Küchenmesser, hatte die Beeren eingeweicht und wendete Geduld an. Dass die Beeren wieder sauber und schön werden. Aber Vanessa mochte einfach keine Stachelbeeren. Jetzt stand schon eine große Schüssel mit abgekratzten Beeren im Keller, sie könnte ihr helfen, die zu bearbeiten, einzukochen, man muß so viele Handgriffe machen, die Gläser heiß eintauchen, damit sie keimfrei sind, und dann plötzlich beim Einkochen geht alles auf einmal blitzschnell, sie hielt sich raus, es war ihr zu viel, sie ging noch einmal über die Felder.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Biographie MARGARETE GROSCHPUF

 

1958 in Hannover
1977 Abitur in Lüneburg
1977/78 Studium Generale am Leibniz Kolleg Tübingen
1978-1980 Studium der Germanistik und Erziehungswissenschaften in Tübingen
1980-81 Studium am Antioch College, Ohio, USA und Mitarbeit bei der Zeitung »Aufbau« in New York
1981-86 Studium an der Freien Universität Berlin, Magisterexamen
1982-87 Studium der Fotografie an der Hochschule der Künste
1982-84 Kunstgeschichtliche Führungen in der Akademie der Künste
1986-90 Dozentin an Volkhochschulen zu kulturgeschichtlichen Themen
1989 Stipendium der Stiftung Preussische Seehandlung
ab 1990 Freie Mitarbeit im Feuilleton des Tagesspiegel, der Tageszeitung, Zitty, TIP, RIAS, Radio Brandenburg, Feature-Sendungen DeutschlandRadio, für RIAS, Saarländischen Rundfunk,
Publikationen von Prosa und Lyrik in Der Alltag, Konkursbuch, tageszeitung, Züricher Wochenzeitung WOZ
1995 Geburt des Sohnes Melchior
1998 Stipendium der »Notgemeinschaft der dt. Kunst«
1999 Stipendium im Künstlerhaus Ahrenshoop
1999 Stipendium der Stiftung Käthe Dorsch
2000 Projektförderung durch das Kunstamt Hellersdorf

 

Bibliographie :

 

Produktion der CD »Meine Wiener Liebe«, Berlin 2000

Publikation literarischer Texte im Rundfunk:
« Die Erotik der Straßen von New York » Rias 1991
« Bordell Paradox » Deutschland Radio 1999

Veröffentlichungen in:
Konkursbuch, Tübingen:
« Wintertag » in ‘Reiz, Auge, Phantasie’ 1984
« Nachmittage » in ‘Mein heimliches Auge’ 1991

Der Alltag, Zürich:
« Pepsi zwischen Tür und Angel »
‘Männer und Frauen’ 1992

Züricher Wochenzeitung:
« Landeinwärts » 1990

Die Tageszeitung:
« Meine Großmutter » 1989
« Nach Weihnachten » 1989
« Sommertag » 1990
« Was ist ein Broiler? » 1990
« Kann denn Sünde Liebe sein? » 1989
« Nachruf auf den Sommer » 1989

Preise :
Zahlreiche Stipendien und Förderpreise

Beschreibung
Die Berliner Autorin Margarete Groschupf liest ihre Erzählung « Tragikomix ».

 

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